Der gute Ton macht die Musik

Spannende Blicke hinter die Kulissen eines Konzertsaales

Sonntag, 11. März 2018

Früh übt sich, wer ein Maestro werden will. Dirigieren ist längst nicht mehr reine Männersache.

Nicht nur der Dirigent, auch der Schlagzeuger hält einen Stab in der Hand

Konzert gut, Ende gut, alles gut

Interesse an Architektur statt Musik: im Foyer gibt es den Thaliasaal auch im Kleinformat.
Fotos: der Verfasser

Es kann sehr interessant sein, das Innenleben eines Konzertsaales zu beobachten, auch wenn es dabei nicht wie im Fitnessstudio oder Vergnügungspark zugeht. Klassische Musik ist etwas für geduldige Menschen und hat viel mit Knigge und Dress-code zu tun. Wenn die Musikerinnen und Musiker die Bühne im Abendkleid, schwarzen Anzug und Frack betreten, kann man als junger Mann auch eine frisch gewaschene Jeans zum sauberen Hemd anziehen. Ein Herr, der die Lebensmitte erreicht hat, geht in Sakko und Hose ins Konzert, der noble Rentner steckt sich eine Krawattennadel, und, warum nicht, in der Pause auch mal eine Zigarre an. Das sind Normen, die abends berücksichtigt sein wollen.

Auch für die Orchestermitglieder steht viel auf dem Spiel, sobald das Scheinwerferlicht im Zuschauerraum per Knopfdruck abgeschaltet wird und der erste Akkord erklingt. Das Arbeitsjahr eines Orchestermusikers dauert zehn Monate und verlangt ihm eine große Portion Ausdauer ab. Wenn die Sommerpause kurz bevor steht, hat der durchschnittliche Künstler mehr als 30 Symphoniekonzerte gespielt und wartet sehnsüchtig auf die zwei Monate lange Auszeit. Großzügiger Urlaub ist kein Privileg, denn im Musikerberuf kann Langzeitermüdung gesundheitlich schwere Folgen nach sich ziehen. Der Körper eines aufführenden Künstlers muss rechtzeitig regenerieren dürfen.

Etwa 150 Schüler der Klassen 1-8 mehrerer Schulen Hermannstadts trafen am Freitag, dem 23. Februar vormittags mit gespitzten Ohren im Thaliasaal ein, um eines der vielen Schülerkonzerte zu hören, die der junge Dirigent Constantin Adrian Grigore und die Orchestermitglieder der Hermannstädter Staatsphilharmonie vorbereiten.

Klar, dass der Dresscode zur Nebensache wird, wenn man für eine Stunde klassischer Musik seinen Platz in der Schulbank räumt und es sich im weichen Sessel bequem macht. Aufmerksam zuhören kann man auch in einer gewöhnlichen Zivilkleidung, da darf die Schuluniform gerne im Schrank verstauben.

Und auch für die Orchestermusiker gilt am entspannten Vormittag nach einem kräftezehrenden Abonnement-Konzert des vergangenen Abends nicht die „Alles-oder-Nichts“-Vorgabe. Für eine schwere Tschaikowsky-Symphonie schwitzt ein Streicher oder Bläser schon mal Blut. Genau deshalb kommt das lockere Programm eines Schülerkonzertes wie gerufen.

Die Ouvertüre zur Oper „Carmen“ von Georges Bizet und der erste Satz aus dem bekannten Divertimento KV 136 in D-Dur für Streichorchester von Wolfgang Amadeus Mozart sind Evergreens der Klassik und eignen sich hervorragend dazu, mehr über die Arbeit eines Berufsorchesters zu erfahren. Routiniert bedient Dirigent Constantin Adrian Grigore den Taktstock, erklärt den jungen Zuhörern, dass im Orchester alles seine Ordnung hat und dass Schlagzeug und laute Blechblasinstrumente ganz hinten auf der Bühne sitzen. Die vorderen Reihen sind den Streichinstrumenten reserviert.

Stellte man sie hinter den anderen Orchesterinstrumenten auf, würden Geigen, Bratschen und Violoncelli wörtlich sang- und klanglos untergehen. Einzig und allein der große Kontrabass ist nicht beleidigt, wenn man ihn hinten an den seitlichen Bühnenrand stellt. Der geduldige Urgroßvater der Streichinstrumente ist es gewohnt, von oben herabschauend den Überblick über die Großfamilie zu behalten.

Auf dem Programm des Schülerkonzerts der Hermannstädter Staatsphilharmonie steht auch die schnelle Polka „Unter Donner und Blitz“ von Johann Strauß Sohn, ohne die das berühmte Wiener Neujahrskonzert undenkbar wäre. Um nicht nur traditionelle Rezepte zu kochen, bietet das Symphonieorchester auch einen musikalischen Leckerbissen an: Der „Typewriter“ des US-amerikanischen Komponisten Leroy Anderson (1908-1975) macht aus den kleinen Schlaginstrumenten eine akustische Schreibmaschine. Wenn man die Augen schließt, könnte man meinen, statt im Konzertsaal im Großraumbüro einer Presseagentur zu sitzen.

Es gibt weltweit Symphonieorchester in unterschiedlichsten Größenordnungen. Für die Aufführung eines Stücks von Joseph Haydn, der mit Mozart und Beethoven eng befreundet war und als „Vater der Symphonie“ bekannt ist, genügt oft auch die Sparvariante mit dreißig Spielern. Mit knappen Mitteln kommt man bei jeder einzelnen der sage und schreibe 108 Haydn-Symphonien bereits sehr gut zurecht und entdeckt ein geistreiches Kunstwerk nach dem anderen. Haydn ist ein Klassiker, alles andere als klassische Meterware. Da geht die Post ab.

Bei Beethoven wird die Luft schon mal dicker, und für die russischen Kolosse Tschaikowsky und Prokofiev muss ein Orchestermusiker mittags vor dem Konzert deutlich über den Hunger essen. Wenn 80, 120, oder, in ganz seltenen Fällen, sogar knapp 200 Musiker auf der Bühne sitzen, bedeutet das für alle beteiligten Künstler einen körperlichen und mentalen Verschleiß, von dem man sich in kurzer Zeit rasch erholen muss, um für das nächste Großprojekt wieder fit zu werden. Hat man diesen Dreh heraus, ist der Beruf Orchestermusiker mit das Schönste auf der Welt.

Dabei muss gesagt werden, dass die Orchesterszene Rumäniens nicht zu den größten der Welt gehört, da nur in Klausenburg, Bukarest und Temeswar die Konzertbühnen annähernd groß genug sind, um Aufführungen mit 100 oder mehr Musikern spielen zu können. In den Industriestaaten ist das natürlich anders, beispielsweise gibt es allein in Deutschland mehr als hundert Berufsorchester. In Rumänien wagt man noch nicht, von solchen Maßstäben zu träumen.

Andererseits können die westeuropäischen Musiker ihren rumänischen Berufskollegen nicht das Wasser reichen. Holt man einen rumänischen Streicher oder Bläser nachts um drei Uhr unvermittelt aus den Federn, spielt er aus dem Stegreif die virtuosesten Melodien und Passagen in einem atemberaubendem Tempo vor, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt. Ein in Rumänien ausgebildeter Orchestermusiker kennt und braucht das Wort „Fehlerquote“ nicht. Warum aber spielen die deutschen, französischen und englischen Orchester trotzdem besser als die rumänischen, wenn alle Orchestermusiker europaweit nach denselben Methoden ausgebildet werden?

Die Antwort liegt vielleicht in Rumänien selber, und zwar in der Innenpolitik. Der Umgangston in Regierung und Parlament hat schon seit Jahren mit dem hier anfangs erwähnten „Knigge“ nichts, aber auch wirklich nichts mehr gemeinsam. Und so bleibt die Kulturszene sich selbst überlassen. In Rumänien sind alle Theater-, Opern- und Konzerthäuser fast ausschließlich dem Staat unterstellt und könnten ohne öffentliche Subventionierung nicht überleben. Knigge ist gleichbedeutend mit dem guten Ton. Ein Musiker ohne guten Ton ist kein guter Musiker – an diesem Postulat rüttelt man vergeblich. Und da ein Orchester aus gewöhnlichen Staatsbürgern besteht, ist es irgendwo auch ein Spiegelbild der Zivilgesellschaft. Ein guter Manager, Intendant und Direktor hat ein Auge für all das, was auf innenpolitischer Ebene schief läuft, hält aber die ihm anvertrauten Künstler dazu an, im guten Ton miteinander zu kommunizieren. Es ist schwer, sich in der eigenen Oase den guten Ton lebendig zu erhalten, wenn er einem nicht von denen vorgelebt wird, die das Sagen haben. Ein guter Chef auf Lokalebene bekommt diese heikle Aufgabe hin, vorausgesetzt, dass saubere Führung ihm am Herzen liegt. Und eines ist sicher: Kunst und unsauberes Benehmen schließen einander aus.

Rumänien braucht und verdient auch in Zukunft gute Musiker, Schauspieler und Künstler aus den eigenen Reihen. Importieren ist leicht, ausbilden ist Ehrensache. Wenn wir als junge Menschen ein Konzert besuchen, kommt sicher einigen der Gedanke, dass man selber gerne auch ein Musikinstrument spielen würde. Spaß und Freude bereitet es allemal, man muss es ja nicht zwingend zum Beruf machen. Was man aber auch kritisch beobachten sollte: die Haltung der Menschen, die Musik gegen Bezahlung spielen und für das gute Gelingen verantworten. Denn da haben manche Orchestermusiker oder sogar Intendanten nicht immer ein reines Gewissen.

Sucht also fleißig den guten Ton, und wenn ihr ihn gefunden habt, gebt ihn anderen Menschen weiter! Im Idealfall bahnt er sich seinen Weg bis hinein in den Victoria-Palast und kommt von dort überall dahin zurück, wo man ihn schmerzlich vermisst.

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