Der Knochenjäger

Mit „zeitgenössischer Archäologie“ klärt Marius Oprea Verbrechen des Kommunismus auf

Samstag, 18. Juni 2016

Zum Auftakt eines dreiteiligen Vortragszyklus berichtete Marius Oprea (zusammen mit seiner Kollegin Lucia Hossu Longin) am 7. Juni im Bukarester Kulturhaus „Friedrich Schiller“ über seine Aufklärungsarbeit.
Foto: George Dumitriu

Behende springt er in die Erdgrube und nimmt den Schädel in die Hand. Nachdenklich dreht er ihn hin und her. Pinsel und Spatel befreien aus dem Erdreich, was sonst noch übrig ist: zwei merkwürdig verdrehte, in-einander verschlungene Skelette. Ein Paar Soldatenstiefel. Ketten um die Füße. Die Experten beginnen zu rätseln: Welcher Knochen gehört zu wem? Ringsum murmeln die Dorfleute durcheinander - Zeitzeugen, Helfer, Schaulustige oder alles zugleich. Einer alten Frau in Kittelschürze kommen die Tränen. Ihr ist der Fund zu verdanken, sie hat gesehen, was hier seinerzeit geschah. Doch was ist das für eine merkwürdige Ausgrabungsstätte? „Zeitgenössische Archäologie“ nennt es Dr. Marius Oprea, und es klingt ein wenig makaber. Denn was hier ans Tageslicht befördert wurde, ist gerade mal 60 Jahre alt...

Tief tauchen wir ein in die düstere, junge Vergangenheit Rumäniens - auf der Suche nach dem „verlorenen Volk“, wie der Historiker, Archäologe, Poet und Journalist Marius Oprea es nennt. Was er damit meint, sind die Werte, die der Kommunismus restlos ausgelöscht hat: Der König vertrieben, die Kirche unterjocht, das Schulwesen ideologisiert. Alte Traditionen - ausgetauscht gegen sogenannte neue. Bauern wurden enteignet, durch Manipulation verdummt, sogar die Liebe zum Boden hat man ihnen genommen, klagt er an. Die Waffen der neuen Herrscher: Unberechenbarkeit und Angst - allgegenwärtige Angst! Wenn im Dorf ein Motor ertönte - denn anfangs hatte nur die Securitate Autos - leerten sich augenblicklich die Straßen.

Gebeine fordern Gerechtigkeit

Über den Mann, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit den Toten auch das Gewissen und die Würde des rumänischen Volkes wieder auszugraben, berichtet der Film „Der Sekuristenjäger“, der am 7. Juni im Kulturhaus „Friedrich Schiller“ gezeigt wurde. Anschließend erzählt der Historiker über seine langjährige Tätigkeit. Über das Rumänien nach dem Zweiten Weltkrieg. Über das neue Regime, das dort unter dem Druck der Roten Armee installiert wird. Wer dessen Ideologie entgegensteht oder gar aufbegehrt, und sei es nur mit Worten, wird gnadenlos aus dem Weg geräumt: Partisanen, begüterte Bauern, Intellektuelle, Kritiker. 30 Dörfer proben den Aufstand: Ihre Bewohner werden erschossen, verhaftet, deportiert, in alle Winde zerstreut, praktisch ausgelöscht.

Politische Gegner, auch wenn sie bereits in Arbeitslagern schuften oder im Gefängnis schmoren, sind der Securitate selbst dort noch ein Dorn im Auge. „Werft sie zu Boden!“, lautete der codierte Befehl zum Töten ohne Gerichtsurteil, erklärt Oprea, der seine Dissertation über die Securitate geschrieben hat. „Zu Boden geworfen!“, wurde dann stolz aus allen Ecken des Landes gemeldet. In den CNSAS-Akten kommen die Schicksale dieser Opfer nicht vor. Doch der Forscher weiß, wo er suchen muss: in der Kommunikation, denn das System war stark zentralisiert, alles wurde an die Hauptstadt gemeldet. Oprea berichtet von den „Todeszügen“: Unter einem Vorwand - zum Beispiel einer Gegenüberstellung mit Revolutionären in einer anderen Stadt, um herauszufinden, ob es ein landesweites Netz an Aufständischen gibt - wurden verurteilte politische Gegner aus den Gefängnissen geholt.  Doch am Zielort trafen sie nie ein... Verlorene Transporte, die irgendwo in einem Massengrab am Wegesrand endeten. Zur Abschreckung wurde der hingemetzelte „Volksfeind“ oft sichtbar an einen Balken genagelt oder man ließ ihn tagelang am Marktplatz im Straßengraben liegen. Später wurden die Opfer in Sammelgräbern oder irgendwo im Wald verscharrt, politische Gegner - daran kann man sie heute identifizieren - stets nackt. Ohne Kreuz, ohne Segen, wie einen Hund. So war es auch dem Vater von Elena Ionaşan ergangen: Petru Anculia ist eines der beiden verschlungenen Skelette. Nun endlich, nach 60 Jahren, kann sie ihn christlich begraben und ihr Gewissen beruhigen. Tränenverschleiert starrt die alte Frau auf den Schädel in der Hand von Marius Oprea.

Trotz Beweislast kein einziges Urteil

Immer mehr Menschen, die einen verschollenen Verwandten zu beklagen haben, wenden sich an das Institut zur Aufklärung von Verbrechen durch den Kommunismus, erzählt Marius Oprea. Über 60 Reisen quer durch das ganze Land hat er seit Beginn seiner Fahndungen unternommen: 56 Fälle, in 32 davon war die Suche von Erfolg gekrönt. Dem Erdreich seine dunklen Geheimnisse zu entreißen ist nicht einfach. Nur wenige Zeitzeugen, vor allem jene, die die Gruben schaufeln mussten, erinnern sich präzise an den Ort. Auch Spuren gibt es kaum: Die Erde wird ein wenig lockerer, wenn man dem Ziel näher kommt, dann taucht ein erster Knochen auf.

Auf etwa 100.000 schätzt Oprea die Zahl der illegal Erschossenen, auf eine halbe Million die übrigen Opfer des Kommunismus. Zählt man auch jene hinzu, die vom Studium ausgeschlossen, exmatrikuliert oder sonstiger Chancen beraubt waren, beläuft sich die Zahl auf ungefähr zwei Millionen, schätzt der Historiker.

Doch die Stunde des Lohns für seinen grausigen Alltag ist noch nicht gekommen. Außer bewegenden Szenen, wenn Verwandte den Stiefel oder die Bibel des Verschollenen erkennen, ist bisher nicht viel geschehen. Obwohl Staatsanwälte verpflichtet sind, zu ermitteln, sobald eine Leiche vorliegt, sagt Oprea. Etwa 400.000 Anzeigen gegen Securitate-Folterer soll es seit dem Fall des Kommunismus gegeben haben - alle sind irgendwie versandet. Warum? „In Rumänien ist zwar die Securitate verschwunden, nicht aber die Sekuristen“, erklärt der Vortragende. „Alte Institutionen haben sich über Nacht in neue verwandelt.“ Eben wegen dieser Kontinuität, meint er, bestünde auch kein Interesse an einer Aufklärung, oder gar einer Verfolgung der Täter in alle Winkel des Erdballs, wie durch den israelischen Mossad nach dem Holocaust geschehen. „Es sind die Mitglieder dieser großen Familie, die dafür sorgen, dass man sich gegenseitig kein Leid zufügt“, erklärt er.

Heute, so steht es auch im Abspann des Films, sollen ehemalige Sekuristen als Inhaber großer Firmen, als Beamte und Politiker noch unter uns weilen. Andere sind im Ruhestand, mit Renten, unangetastet - und zehnmal so hoch wie die der Opfer des Kommunismus, klagt Oprea an.

Staatliche Paranoia

„Die Securitate war wie ein Staat im Staat“, erklärt der Historiker. Ca. 16.000 Offiziere und Unteroffiziere kümmerten sich um den „Klassenfeind“, der nach jahrzehntelangen Aktionen doch irgendwann ausgerottet sein musste... Doch die Paranoia der Securitate dauerte bis 1989. Danach rechtfertigten sich ehemalige Sekuristen, sie hätten doch nur, wie jeder Geheimdienst, ihr Land gegen innere und äußere Bedrohungen verteidigt. Oprea hält dem entgegen: In allen Archiven, die er gesichtet hat, kamen Worte wie „Land“ oder „Heimat“ nicht vor - statt dessen nur „Regime“. „Das rumänische Volk war der Feind der Kommunisten!“, schlussfolgert er.

Ein Heer an Spitzeln und Informanten - 136.000 im ganzen Land, hinzu kamen doppelt verpflichtete Milizangehörige und eigene Mitarbeiter, die neben dem Sammeln von Informationen auch die Aufgabe hatten, Gerüchte zu streuen - arbeiteten der Zentrale der Securitate zu. „Alles wurde dort dokumentiert, sogar die Zahl der Besen!“, spottet Oprea. Allerdings habe es auch Aktenvernichtungsaktionen gegeben, etwa zu den Arbeiten am Donaukanal, deren Ausmaß sich heute nicht mehr eruieren lässt.

Leichtfertig wurden Aussagen von Denunzianten als Beweislast für Verurteilungen verwendet. Er nennt die Verhaftung von 20 „Verdächtigen“, die die antikommunistische Revolte in Ungarn 1956 wohl etwas zu freundlich kommentiert hatten. Ein 12-jähriger Junge hatte die Männer denunziert, nur auf Basis seiner Aussage erhielten sie hohe Strafen. Einer der angeblichen Aufständischen war 88 Jahre alt...

Mit Grauen erinnert sich der Historiker an einen moribunden ehemaligen Securitate-Offizier, der sich vor seinem Tod zu einer Aussage bereit erklärt hatte: Detailreich schilderte der Mann, wie er 32 Menschen erschossen hatte - und bekannte: Es begann, mir zu gefallen!

Vom Opfer zum Jäger
Eine Filmszene im Gefängnis. Die Wände und Türen atmen Angst. Bis heute ist sie für ihn spürbar, sagt Oprea, obwohl er selbst nur kurze Zeit hinter Gittern verbrachte. Der Grund: Mit 18 Jahren hatte er sich geweigert, in die Partei einzutreten und Manifeste gegen Ceauşescu verteilt. Danach war es vorbei mit seinem Lebenstraum, Archäologe zu werden: „Das hat man mir ganz klar gesagt“. Noch schlimmer aber war der Schock, zu erfahren, dass man seinen Eltern erzählt hatte, er sei tot. „Mein Vater hatte damals einen Prä-Infarkt und ich habe mich später immer schuldig an seinem Tod gefühlt.“ Von diesem Moment an war die Securitate sein erkorener Erzfeind.

„Archäologie des Verbrechens“ - sein heutiger Beruf ist eine Art späte Genugtuung. Und ein Racheakt, bekennt er ganz offen. „Die Staatsanwälte sagen, ohne Leichen verfolgen sie keinen Prozess“, erklärt Oprea und ergänzt mit Nachdruck: „Leichen wollen sie haben - Leichen bekommen sie!“

Säbel über den Köpfen

32 Mitarbeiter zählt das 2005 von Marius Oprea gegründete Institut zur Aufklärung der Verbrechen des Kommunismus. Einer der prominentesten Mitarbeiter: Dan Voinea, der Staatsanwalt, der für die Verurteilung des Ehepaar Ceau{escu gesorgt hat. Zu den ausgegrabenen Funden werden der Justiz Beweise und Archivdokumente geliefert. Hinweise auf Identität und Schicksal des Opfers geben Verletzungen, Handschellen oder Ketten, Kleider oder deren Fehlen, ja sogar das Datum der Knöpfe der Gefängniskleidung. Gerichtsmediziner dokumentieren die Fälle, studieren sie interessiert, schreiben wissenschaftliche Abhandlungen darüber. Kriminalistische Puzzlearbeit, die irgendwann das Bild erkennen lässt. Nur die Justiz will das heiße Eisen nicht aufgreifen.

Bewusst, dass er trotz einiger Erfolge bei der Suche derzeit nur an der Oberfläche kratzt, setzt Marius Oprea alle Hoffnung in seinen Sohn. Auch der Film bringt dies symbolisch zum Ausdruck: Am Anfang gleitet die Kamera an den Bäumen entlang einen steilen Abhang hinunter - zum Ende dann dieselbe Fahrt aufwärts, mit Oprea in der Seilbahn, in seinem Arm ein lachendes, staunendes Kleinkind. Ein Abstieg in die Vergangenheit, ein Aufstieg in eine neue Zukunft. „Über den Schuldigen schwebt klar der Säbel, seit es mein Institut gibt“, meint Oprea zuversichtlich. „Die Kasuistik haben wir. Was uns jetzt noch fehlt, ist ein mutiger Staatsanwalt!“
 

 

Marius Oprea (geb. 1964 in Târgovişte) studierte an der Universität Bukarest Geschichte mit Spezialfach Archäologie. 1987 wurde er zum ersten Mal von der Securitate verhaftet. Nach der Revolution arbeitete er als Journalist und Redakteur, lernte 1997 bei der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin (unter Leitung von Joachim Gauck) den Umgang mit Geheimdienstakten und wurde 1998 Berater von Präsident Emil Constantinescu. 2002 promovierte er über die Rolle und Entwicklung der Securitate 1948-1964. 2005 wurde er persönlicher Berater von Premierminister Călin Popescu-Tăriceanu und gründete das Institut zur Aufklärung von Verbrechen durch den Kommunismus (Institutul de Investigare a Crimelor Comunismului în România, IICCR), dem er bis 2009 vorstand. Nachdem es Ende 2009 mit dem Institut zur Erforschung des rumänischen Exils zusammengelegt wurde, leitet er dort das Büro für spezielle Aufklärungen. Seit 2010 steht Oprea zudem dem Verein für das Gedenken an die Opfer des Kommunismus (Asociaţia pentru Memoria Victimelor Comunismului) vor. Er ist Autor mehrerer Bücher und Dokumentarfilme - und der Hauptheld in dem mehrfach ausgezeichneten Film von Mirel Bran und Jonas Mercier „Der Sekuristenjäger“. Über seine Aktivitäten wurde im Inland, aber auch in der deutschen Presse (Der Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung) und im deutschen, britischen und französischen TV (ARD, ZDF, BBC, Canal+) berichtet.

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