Der Marienkult zwischen Religion und Ideologie

Ein Sammelband dokumentiert das Verhältnis zwischen Marienverehrung und Politik und bezieht auch Rumänien ein

Samstag, 23. April 2016

Agnieszka Gasior (Hg.): "Maria in der Krise. Kultpraxis zwischen Konfession und Politik in Ostmitteleuropa". Unter Mitarbeit von Stefan Samerski. Böhlau Verlag Wien/Köln/Weimar 2014, 388 S., 80 S/W- und 47 Farbabbildungen, ISBN 978-3-412-21077-9 (=Visuelle Geschichtskultur, Bd. 10)

Die Marienverehrung in der privaten Frömmigkeit wie auch der Marienkult im kirchlichen Ritus hat die katholisch und orthodox geprägte Welt Ostmittel- und Südosteuropas religiös und kulturell nachhaltig beeinflusst und sogar die Bildung nationaler Identitäten befördert. Dabei war diese Form der Frömmigkeit nicht immer vor politischer, konfessioneller oder nationaler Vereinnahmung gefeit. Der vorliegende von Agnieszka Gasior unter Mitarbeit von Stefan Samerski herausgegebene Sammelband dokumentiert an Beispielen von Polen über Böhmen und Mähren, Ungarn und Rumänien bis in die Länder Ex-Jugoslawiens die entsprechende Kultpraxis in Geschichte und Gegenwart. Der wohl bewusst doppeldeutige Titel „Maria in der Krise“ weist gleichzeitig auf das weitverbreitete Verständnis von  Maria als Schutzpatronin und „Anrufungsinstanz in kritischen Situationen“ (S. 9) wie die heute bisweilen nachlassende Verehrung hin, wirkt dabei allerdings etwas reißerisch. Die hier versammelten Beiträge bieten eine vergleichende kultur- und religionsgeschichtliche Perspektive seit der Zeit der Konfessionalisierung und fragen gleicher-maßen nach der künstlerischen Sichtbarkeit und der gesellschaftspolitischen Relevanz dieser Kultpraxis zwischen Rückgang und Wiederaufleben konfessioneller Bindungen.

Mit Martin Schulze Wessel sprechen die Herausgeber von „Nationalisierung der Religion und Sakralisierung der Nation“. Dabei „kam den Heiligenkulten als Trägern nationaler und ethnischer Geschichtsdeutungen ein hoher Stellenwert zu. (…) Als einigendes und legitimierendes Symbol stand Maria für die Daseins- und Souveränitätsberechtigung beispiels-weise der Polen oder Kroaten. Den Tschechen galt sie wiederum als konfessionelles Signum der habsburgischen Herrschaft, deren Überwindung die Zerstörung der Mariensäule auf dem Altstädter Ring in Prag 1918 ein Zeichen setzte.“ (S. 13)
Der Marienkult kommt in allen Beiträgen als „Strukturmerkmal von langer Dauer“ in den Blick und erscheint als „per se transnationaler Erinnerungsort“, der auch im Postkommunismus als Instrument zur Reaktivierung und Reaktualisierung vorkommunistischer Identitätsmuster dient (S. 15). Besonders die Epochen der Konfessionalisierung und der postkommunistischen Transformation werden untersucht. Dabei kommen auch berühmte Marien-Wallfahrtsorte wie Maria Radna und Nicula in Rumänien, Medjugorje in Bosnien-Herzegowina oder Tschenstochau und Lichen in Polen in den Blick. Der Marienkult wird als Ausdruck gegenreformatorischer oder auch antikommunistischer sowie konfessionalistischer Identitätsbildung deutlich. Die Autoren der 17 Beiträge in dem sinnvoll gegliederten Band beleuchten Bildkonzepte und ihre Funktionen, das Marienpatronat zwischen Landespolitik und Volksfrömmigkeit, Gnadenbilder und ihre „Karrieren“ sowie Marienwallfahrten und ihre politischen Implikationen im 20. Jahrhundert.


Es sind spannende Einzelaspekte, die hier verhandelt werden. Etwa die Sakralisierung der Nation Polens unter Rückbezug auf den Marienkult oder die Sakralisierung der polnischen Monarchie im Vergleich mit Frankreich und Bayern zwischen 1630 und 1650. So kam es zur Sakralisierung des Staates an sich, wie Damien Tricoire in seinem Beitrag festhält, was freilich auch die „fromme Monarchie“ mit dem Fürsten als Bindeglied zwischen Himmel und Erde voraussetzte. Immer wieder äußert sich der politisierte Marienkult als Instrument der Gegenreformation. Stefan Samerski zeigt entsprechende Mechanismen für Mähren auf. Abwechslungsreich verlief die Entwicklung der Marienverehrung in Böhmen, die Jaroslav Šebek präsentiert. Immer ein wichtiger Bestandteil der Religiosität, erreichte diese im Barock und der katholischen Gegenreformation ihren Höhepunkt, spielte anschließend in der katholischen Dorfbevölkerung zur Zeit der Säkularisierung eine zentrale Rolle, erlebte einen Aufschwung nach der Zerstörung der Mariensäule in Prag kurz nach der tschechoslowakischen Staatsgründung und führte sogar zu einem Zusammengehörigkeitsgefühl von tschechischen und sudetendeutschen Gläubigen. Die kommunistische Regierung unterdrückte massiv die lebendige Marienverehrung bis zum fast vollständigen Erliegen aller Marienwallfahrten.

Auch die Fallstudien zu besonderen Wallfahrtsstätten bieten interessante Einsichten. Krista Zach zeigt am Wallfahrtsort Maria Radna im Banat, wie ein katholisches Marienheiligtum weit überregional und sogar überkonfessionell Gläubige aus verschiedenen Ethnien anzog und zu regionaler Identität beiträgt: „Die Verehrung des Marienbildes und die Wallfahrt nach Maria Radna aus einem weiten regionalen Umkreis (…) gerieten weder durch die Verbote der kommunistischen Herrschaft, noch die Auswanderung der Do-nauschwaben aus dem Banat in Vergessenheit. Die Symbolfigur Maria vermittelt (…) Menschen unterschiedlicher Konfessionen und Sprache in dieser Region bis heute ein starkes Identitätsbewusstsein als ‚Banater‘.“ (S. 233 f.)
Auf die interkonfessionellen Auseinandersetzungen in Siebenbürgen vom 18. bis 21. Jahrhundert anhand der Wunder-Ikonen von Klausenburg und Nicula geht Robert Born ein, leider nicht ohne gewisse antiorthodoxe Klischees wiederzugeben, die vor allem unausgewogen ausgewählter Sekundärliteratur geschuldet sind. Dabei verwendet Born wichtige Begriffe schlicht falsch. So kann spätestens ab der Autokephalie der Rumänischen Orthodoxen Kirche 1885 und dem Anschluss Siebenbürgens nach dem Ersten Weltkrieg an Rumänien nicht mehr von der „griechisch-orthodoxen Kirche“ die Rede sein (S. 260), und schon gar nicht für das Jahr 1948 (S. 264) oder nach 1989 (S. 266 f.)!

Auch war beispielsweise der Status der griechisch-katholischen Kirche nach dem Anschluss Siebenbürgens keineswegs „ungeklärt“, wie Born behauptet, hatte doch die griechisch-katholische Kirche in der Verfassung von 1923 den gleichen Status als Nationalkirche wie die Orthodoxen. Der Autor sollte außerdem nicht Interpretationen der Kirchenunion von 1700 diskutieren, ohne wenigstens grundlegendste Literatur zum Thema zu berücksichtigen. Bartolomeu Anania (1921-2011) war wiederum nie „Metropolit von Siebenbürgen“ (S. 266), sondern von Klausenburg, Alba Iulia, der Maramuresch und des Kreischgebiets. Es ist immer wieder erstaunlich, wie ungenau gearbeitet wird, wenn es um die Rumänische Orthodoxie geht.

Auch der Hinweis auf die „enge Zusammenarbeit“ zwischen Staat und Rumänischer Orthodoxer Kirche zwischen 1965 und 1989 wird durch umso häufigere Wiederholung nicht richtiger. Kooperieren mussten im Kommunismus bis 1989 alle offiziell geduldeten Kirchen. Leider zieht Born für seine undifferenzierte Darstellung nur die sattsam bekannte antiorthodoxe Kampfschrift „Religion et nationalisme“ von Olivier Gillet aus dem Jahr 1997 zu Rate, der bereits von berufenen auch nicht-orthodoxen Autoren widersprochen wurde. Die Behauptung, die Rumänische Orthodoxe Kirche habe „eine skeptische Haltung gegenüber der westlichen Anbindung Rumäniens durch die Beitritte zur NATO und EU“ gezeigt (S. 266) ist auch nachweislich Unsinn. Die Rumänische Orthodoxe Kirche hat sich auch aus antirussischen Effekten heraus gerade für die Westeinbindung Rumäniens stark gemacht und entsprechende offizielle Dokumente der Religionsgemeinschaften unterstützt wie etwa die „Erklärung von Snagov“ von 2000. Zu solchen Falschdarstellungen kommt natürlich, wer sich nur auf Autoren wie Alina Mungiu-Pippidi oder Gillet als Sekundärliteratur zur Orthodoxie verlässt. Dieser Beitrag verdient jedenfalls immer dann kritische Lektüre, wenn es um Aussagen zur Rumänischen Orthodoxen Kirche geht. Insgesamt bietet der Band jedoch eine anspruchsvolle, konzentrierte und breit angelegte vergleichende Darstellung zum Thema.

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