Der Mensch muss an erster Stelle stehen

Kronstädter Verein „Visum“ will Transparenz und öffentliche Debatten in der Stadtplanung fördern

Sonntag, 24. Februar 2019

Die Graft ist in Gefahr, wenn dort ein Straßentunnel entstehen soll, meint man auch seitens der NGO „Visum“.

Malerische Lage: Kronstadts Innere Stadt und Obere Vorstadt sind von Bergen umgeben.
Fotos: der Verfasser

Mihai Tatu, Präsident des Vereins „Visum“

Kronstadt/Brașov soll laut Umfragen zu den Städten gehören, in die Jugendliche gern umsiedeln würden. Außer einem sicheren und gut bezahlten Arbeitsplatz zählt bei dieser Wahl auch die Lebensqualität. Und in diesem Bereich erfreut sich die Stadt am Fuße der Zinne eines guten Rufes. Nahe Berge, saubere Luft, reines Trinkwasser – das bringt man oft, schon fast klischeehaft, mit Kronstadt in Verbindung. Auch unter Touristen – sowohl aus dem In- als auch aus dem Ausland – ist Kronstadt ein beliebtes Reiseziel, wobei die Geschichte der Stadt, ihre mittelalterlichen Wehranlagen, die engen Gassen der Inneren Stadt mit ihren Wahrzeichen wie Schwarze Kirche, Rathaus und Marktplatz, die Katharinengasse oder die malerische Obere Vorstadt die Stadtbesucher nicht enttäuschen. Würde das Freizeitangebot großzügiger sein oder das Kulturleben stärker aufhorchen lassen, so könnte Kronstadt noch besser als beliebte Reisedestination punkten. Der Kronstädter Alltag entspricht jedoch nicht all diesen Erwartungen.

Vieles gibt es zu verbessern, manches von dem Geerbten (oder Erworbenen) gilt es zu schützen. Das setzt voraus, dass möglichst viele Kronstädter dazu stehen, dass die Entscheidungsträger im allgemeinem Inte-resse handeln. Aber was wünschen sich die Kronstädter? Sind sie überhaupt eine Gemeinschaft? Wie können sie sich für ihre Heimatstadt einsetzen? Einige Antworten dazu finden sich in der Tätigkeit einer Kronstädter Nichtregierungsorganisation namens „Asociația Visum“ wieder, so wie sie deren Präsident Mihai Tatu für unsere Leser zusammenfasst.

Einsatz für die Trolleybusse

„Visum“ steht lateinisch für eine Erscheinung, ein Bild, das eher als Traumbild definiert werden kann. Bei Visum träumt man nicht nur schön, sondern bemüht sich auch um Förderung und Entwicklung der Bildung, der Kultur und der Lebensqualität in einer Kronstädter Gemeinschaft, die nicht zwischen Ethnie, Religion, Alter, Sozialstand und Herkunftsgebiet (Stadt oder Land) unterscheidet.

Begonnen hat alles ab 2012 mit Projekten im Kulturbereich, wie z. B. öffentliche Lesungen („Lecturi urbane“), Filmabende und anschließende Gesprächsrunden, oder im schulischen Bereich in Holbav oder Zeiden/Codlea, wobei die Förderung der Kreativität, der Kommunikationsfähigkeit von Schülern der Grundschulklassen und der sozialen Eingliederung von Roma-Kindern verfolgt wurde, wie dies auch auf der Webseite des Vereins (www.visumbrasov.org) nachzulesen ist.

Zwei Jahre später griff der Verein dann ein Thema auf, von dem viel gesprochen, aber wofür konkret wenig getan wird: die Stadtmobilität und vieles, was damit in Zusammenhang gebracht werden kann; öffentlicher Verkehr, Pisten für Radfahrer, Verkehrssystematisierung, Parkplätze und Tiefgaragen, Fußgängerzonen. „Visum“ hat das  Programm: I-STEP (International Sustainable Transportation Engagement Program) eingeleitet und konnte so z. B. für Workshops und Tagungen Experten aus dem In- und Ausland nach Kronstadt bringen. Der studierte Kronstädter Soziologe Mihai Tatu (40) sagt, dass im Bereich öffentlicher Verkehr der Verein wohl auch am meisten erreicht hätte. Denn ab 2006, dem Jahr, in dem die einzige Kronstädter Straßenbahnlinie abgeschafft wurde, verzeichnete die Kronstädter Verkehrsregie einen Rückgang, was Beförderungskapazität und Anzahl der Fahrgäste betrifft. Auch den Trolleybussen schien die Stadtverwaltung nicht gewogen zu sein. Sie seien überaltert, unrentabel; es lohne sich nicht, dafür neue Investitionen zu tätigen, hieß es im Bürgermeisteramt. „Wir haben die Trolleybusse gerettet“, behauptet Tatu. Das sei gelungen durch eine Tagung im Reduta-Kulturzentrum, durch eine Online-Unterschriftenaktion für die Zukunft des elektrischen Transports und auch im Kontext des Drucks seitens der EU auf Regierung und Lokalbehörden. Kronstadt wies nämlich, trotz der angeblich gesunden Gebirgsluft, einen über den zulässigen Grenzwerten gemessenen Anteil von Feinstaubpartikeln auf. Ein Grund dafür sind die Verkehrsabgase. „Visum“ stellte Video-Aufnahmen ins Netz, gefilmt an Bord mehrerer Busse auf verschiedenen Verkehrsrouten, und veranschaulichte so am besten, wie der öffentliche Verkehr abläuft und welches die zu überwindenden Hindernisse auf den Straßen sind. Im vom Bürgermeisteramt getragenen Verkehrsunternehmen RATBv hat man eingelenkt – Trolleybusse sollen nun nicht verschwinden, sondern - im Gegenteil - auf manchen Verkehrslinien wieder auftauchen, so dass auch der Ankauf solcher umweltfreundlicher Verkehrsmittel im Stadthaushalt vorgesehen wurde. RATBv selber lud zu einer öffentlichen Debatte zu diesem Thema an seinem Sitz ein. Das entspricht den Zielen von „Visum“ gleich in doppelter Weise: Zum Einen sollen die Kronstädter zu diesem wichtigen Thema befragt werden und Stellung beziehen können; zum Anderen beweist eine Institution Öffnung und Transparenz und stellt sich dem Gespräch mit seinen Kunden.

Das ist nicht immer der Fall, weiß Tatu zu berichten. Der Zugang zu öffentlichen Informationen ist leider nicht selbstverständlich. Eigentlich müsste sie jeder auf der Webseite der betreffenden Institution vorfinden. Das ist aber eher die Ausnahme. Der Verein beruft sich in der Regel auf das Gesetz 544/2001, das das Recht zum Zugang und die Pflicht zur Bereitstellung von Daten und Infos regelt, die von allgemeinem Interesse sind. Auch unter diesen Umständen sind viele Antworten sehr knapp gehalten und beziehen sich eher auf rechtliche Details ohne konkrete Angaben.

Was hinter trockenen Zahlen steckt

38 Tote, 302 Schwerverletzte und 480 Leichtverletzte lautet eine tragische Bilanz, die „Visum“ auf Anfrage von der Kronstädter Verkehrspolizei erhalten hatte. Es handelt sich um Verkehrsunfälle, die sich in Kronstadt im Zeitraum 2013 bis 2016 ereigneten und in denen Fußgänger und Radfahrer die Opfer waren. Viel zu viele, um über einen sicheren Stadtverkehr zu sprechen. Mihai Tatu und seine beiden Kollegen - Ehefrau Adriana Hurjui Tatu und Paul Ciocan - waren sich schnell einig, dass solche Zahlen allein nicht reichen, um auf den Ernst dieser Sachlage und die schwerwiegenden Folgen solcher Unfälle aufmerksam zu machen. Hinter den Zahlen stecken zerstörte Schicksale, physische und psychische Traumen. Video-Interviews mit den überlebenden Opfern, mit den Rettungskräften, den Polizisten, zusammengestellt mit Kronstädter Soziologie-Studenten im freiwilligen Einsatz, geben dieser Statistik ihre wahren menschlichen und gesellschaftlichen Ausmaße. Bilder und Aussagen wirken viel stärker und könnten die Öffentlichkeit eher wachrütteln als die in einem Bericht verpackte Statistik.
Darauf sollten auch die Behörden reagieren. Aber damit will sich „Visum“ nicht begnügen. Besser wäre es, wenn im Verkehr, aber auch in vielen anderen Bereichen wie Stadtplanung, Umweltschutz, Unterricht, Gesundheitswesen, Kultur, die Probleme rechtzeitig benannt und behandelt würden, wenn die Gemeinschaft, zum Beispiel in Form von öffentlichen Debatten, sich dazu äußern könnte. In dieser Richtung will sich „Visum“ einbringen mit Initiativen, Verbesserungsvorschlägen und, wenn es anders nicht geht, mit Protesten und Beschwerden.

Politisch will man sich dabei nicht vereinnahmen lassen. Punktuell, zu bestimmten Themen, gibt es Kontakte zur politischen Szene. Am besten klappt das mit der Union Rettet Rumänien (USR), die die „Visum“-Initiativen betreffend den öffentlichen Verkehr tatkräftig unterstützt. Bei anderen Zusammenarbeitsangeboten ist man skeptischer und vorsichtig. Wenn Immobilienentwickler ihre eigenen Projekte in ein günstiges Licht setzen wollen (z.B. jene betreffend Warthe) dann ist „Visum“ selbstverständlich der falsche Ansprechpartner.

Stadtplanung geht alle an

Gerade im Bereich Stadtplanung sieht der Präsident von „Visum“ noch Nachholbedarf in der Vereinstätigkeit. Es sei noch nicht gelungen, die breite Öffentlichkeit und die Behörden zu überzeugen, wie wichtig es ist, das einzigartige Kronstädter historische und kulturelle Erbe besser zu schützen. „Wenn jemand einen Wohnblock bauen will, so kann er das auch tun“. Wenn auf den Berghängen hinter der Inneren Stadt und der Oberen Vorstadt überdimensionierte Neubauten auftauchen, bedeute das eine Beeinträchtigung Kronstadts. Tatu hebt die Einmaligkeit Kronstadts  – historische Bausubstanz inmitten einer malerischen Berglandschaft – hervor. Man spreche nur von Schäßburg als einzig bewohnte mittelalterliche Burg – aber Kronstadt mit seiner Inneren Stadt hinke diesem Vergleich nicht nach. Da hätten die Stadtväter Anfang des vorigen Jahrhunderts verantwortungsbewusster gehandelt, zum Beispiel beim Anlegen des Schienenverkehrs zwischen Stadtzentrum und  Siebendörfer/Săcele. Die Innere Stadt, die Tatu in weiterem Rahmen sieht und Blumenau und die Altstadt als damit eng verbunden betrachtet, hat ihre Grenzen erreicht, was Personen- und Güterverkehr betrifft. Deshalb ist „Visum“ auch gegen neue Tiefgaragenprojekte (z. B. unter dem Titulescu-Zentralpark), Parkhäuser mitten im historischen Stadtzentrum oder eine Pkw-Verkehrspassage entlang der Graft hinter der alten Stadtmauer. Bei solchen Projekten wird zuerst an den Autoverkehr gedacht und dieser damit indirekt nur weiter gefördert. Dass es auch anders geht, zeigen Initiativen wie die Mobilitätswoche oder die Bestandsaufnahme in der Olteț-Straße. Nach ausländischen Beispielen (z. B. Holland) könnten auch Stadtzonen eingerichtet werden, wo Fußgänger, Radfahrer und öffentliche Verkehrsmittel bestimmend sind und wo Autos eher als Ausnahmen, als „Gäste“, wahrgenommen werden. So etwas auch in Kronstadt einzurichten, sei nicht unmöglich. Aber noch ist viel in dieser Hinsicht zu tun.

Die Stadtbaupläne müssen zur Debatte stehen; wichtige Projekte scheinen aber im Eiltempo durchgezogen zu werden, oft in Hinsicht auf in Aussicht gestellte EU-Förderungen. So bleibt dann keine Zeit für eine Bürgerbefragung übrig.

„Visum“ als Verein, der sich über die Überweisung der Zwei-Prozent-Steuerbeträge finanziert und mit Partnern wie die Transilvania-Uni, das Reduta-Kulturzentrum, das Deutsche Kulturzentrum, mehreren Kronstädter Buchhandlungen und Cafes zusammenarbeitet, stellt den Menschen und die zwischenmenschlichen Beziehungen an erste Stelle. Alles andere, von Autos bis zu anderen „leblosen Gegenständen“, sollte erst nachher folgen.

 

Kommentare zu diesem Artikel

wolfgang, 24.02 2019, 10:51
… und wie steht es um den Flughafen?

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*