Der Radio-Virus

Drei Wochen im Bayerischen Rundfunk München

Donnerstag, 07. Dezember 2017

Im Tonstudio beim Bayerischen Rundfunk München
Foto: Cordula Flegel (Goethe-Institut)

Die Münchner Frauenkirche in schwarz-weiß
Foto: Elise Wilk

“Es ist, als ob man mit einem Virus infiziert wäre“, erzählt Ulrike, als wir durch das riesige Labyrinth von Treppen und Fluren im Hauptgebäude des Bayerischen Rundfunks laufen. Ulrike meint natürlich einen guten Virus, wenn sie vom Radio-Journalismus spricht. Wir sind auf dem Weg ins Tonstudio. Der erste Radio-Beitrag meines Lebens wird um 16 Uhr aufgenommen. In meiner Hand sind vier DIN A4-Blätter mit dem Text, den ich geschrieben habe und den Ulrike vorlesen wird. Entstehen wird ein fünfminutiger Radiobeitrag mit einem Portrait der Filmregisseurin Anca Miruna Lăzărescu.

Als Print-Journalist habe noch ich nie im Radio gearbeitet. Deshalb ist die Aufregung groß.

In einem Hochhaus, das von einem Kronstädter entworfen wurde

Können Journalisten ihre Arbeitsplätze untereinander austauschen? Und dazu Journalisten, die aus verschiedenen Ländern kommen? „Nahaufnahme“, ein Projekt des Goethe-Instituts, macht es möglich. „Für jeweils drei bis vier Wochen tauschen Kulturjournalistinnen und –journalisten aus Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Deutschland, Rumänien, Estland, Lettland und der Slowakei ihre Arbeitsplätze. Sie lernen den Arbeitsalltag in ihrem Gastland kennen und berichten über ihre Eindrücke vor Ort“. So lautet die Beschreibung des Projektes. Vor einigen Monaten habe ich erfahren, dass ich an diesem Projekt teilnehmen werde und im November drei Wochen in einer deutschen Redaktion verbringen werde. Bei welcher Institution und in welcher Stadt, das wusste ich nicht. Ich habe mir gewünscht, dass die Stadt Berlin ist und die Redaktion die „Tageszeitung“. Im Oktober habe ich dann erfahren, das ich nach München fliege und im Bayerischen Rundfunk arbeiten werde. Zuerst dachte ich, es sei ein Fehler. Ich hatte doch keine Ahnung von Radio. Jetzt glaube ich, es war das Beste, was passieren konnte.

Das Hochhaus des Bayerischen Rundfunks, wo ich drei Wochen zu Gast war, ist übrigens das Werk eines aus Kronstadt stammenden Architekten- Helmut von Werz. Es kann sein, dass ich mich auch deshalb vom ersten Moment an wie zu Hause gefühlt habe.

Man fühlt sich wie ein Anfänger

Mit der aus Rumänien stammenden Regisseurin Anca Miruna Lăzărescu, die als Elfjährige 1990 mit ihren Eltern nach Deutschland ausgewandert ist, habe ich während der Projektion ihres Spielfilms „Reise mit Vater“, der beim rumänischen Filmfestival in München zu sehen war, ein Interview geführt. Was eigentlich schon längst Routine sein müsste, war dieses Mal aufregend. Weil ich noch nie fürs Radio gearbeitet habe. Ein paar Stunden vor dem Gespräch bereite ich in einem Cafe in der Nähe des Sendlinger Tors die Fragen vor. Während der Projektion im Filmmuseum starre ich dauernd auf die Uhr. Nicht, weil ich den Film langweilig finde. Sondern weil ich um 19.30 Uhr raus aus dem Saal muss, um das Interview zu führen. Viel Zeit werden wir nicht haben, da die Regisseurin gegen Ende des Films wieder im Saal sein muss, für das Publikumsgespräch. Ich bin nervös. Wie man das Mikrophon ein- und ausschaltet habe ich ein paar Mal geübt, eigentlich ist es kinderleicht, trotzdem habe ich riesige Angst, dass der Akku plötzlich leer wird oder dass das Gespräch nicht aufgenommen wird. Oder dass man mir an der Stimme die Aufregung anmerkt. Das beschäftigt mich dermaßen, dass ich kaum die Antworten auf meine Fragen höre. Die Angst, etwas falsch zu machen, ist so groß, dass ich nicht einmal meine eigene Stimme höre, als ich die Fragen stelle. Am Ende habe ich 22 Minuten aufgenommen.

Meine Austauschpartnerin, Christine Auerbach, arbeitet im Ressort „Politik und Hintergrund“ des Bayerischen Rundfunks. Hier geht es nicht darum, die Nachrichten so schnell wie möglich an die Leser zu bringen, sondern den Hintergrund der Themen zu recherchieren, die gerade aktuell sind. Das bedeutet, man beeilt sich nicht, man beleuchtet ein Thema aus vielen verschiedenen Perspektiven und  man kann nicht oberflächlich sein- was sehr wichtig für guten Journalismus ist.

Christine ist in meiner ersten Woche beim Bayerischen Rundfunk da, dann fliegt sie nach Bukarest. An den ersten zwei Tagen irre ich durch das Fluren-Labyrinth und finde unser Büro schwer. Danach beginne ich, mich zu gewöhnen und zurechtzufinden. Ich begleite Christine ins Tonstudio, wo sie eine Sendung zum Thema „Heimat“ moderiert.

Lange war dieser Begriff fast verschwunden aus der Politik, jetzt greifen sämtliche Parteien in Deutschland  ihn wieder auf. Was ist Heimat überhaupt und wie wichtig ist sie? Dazu äußern sich verschiedene Politiker, ein Politikwissenschaftler und der bayerische Rapper Monaco F. Vorher hat mir Christine den Text gezeigt, nach dem sie sich in ihrer Moderation richten wird. Auch das Programm, an dem ihre Kollegen arbeiten, die O-Töne aussuchen und ihre Beiträge schneiden. Es scheint hochkompliziert.

Doch ich bin nicht hier, um Radio zu lernen. Das Inhaltliche interessiert mich mehr als das Technische. Was interessant war- durch die BR-Reportagen habe ich auch einige Sachen über Rumänien erfahren, von denen ich nichts gewusst habe.

Im Juni 2017 hat der Bayerische Rundfunk ein Radiofeature über den einsamsten Radio-DJs der Welt produziert. Das war der Rumäne Cornel Chiriac. 1968 hat er im rumänischen Staatsrundfunk den sowjetischen Einmarsch in Prag mit dem Song „Back in the USSR“ kommentiert. Seine Sendung „Metronom“ wurde sofort verboten. Nach einem Jahr konnte man sie wieder hören, bei „Radio Free Europe“ im Englischen Garten in München. Im März 1975 wurde Chiriac auf der Straße in der Nähe seines Arbeitsplatzes ermordet – die genauen Umstände wurden nie geklärt.

Cornel Chiriac begegnet mir auch ein zweites Mal in München- diesmal gerade im Film „Reise mit Vater“ von Anca Miruna Lăzărescu. Der Film beginnt und endet mit der Sendung „Metronom“ – in einer der ersten Szenen wird die Sendung noch in Bukarest gemacht, in der letzten schon in München. Nichts ist zufällig.

München jenseits des Blau-Weiss Klischees

Schreib dir zuerst die Tonköpfe auf“, meint Constanze von der Redaktion „Interkulturelles“ am Tag nach dem Interview am Telefon. Sie wird mich bei der Arbeit betreuen. „Was ist das?“ frage ich. Ich höre mir das Gespräch an und notiere mir die Minuten und Sekunden, an denen meine Gesprächspartnerin interessante Sachen gesagt hat. Später erklärt Constanze, das aus dem Gespräch ein Portrait der Regisseurin entstehen soll, nicht länger als fünf Minuten, mit maximal fünf eingebauten O-Tönen, idealerweise sollte keiner 30 Sekunden überschreiten. Der Rest ist mein Text, 1000 Zeichen sind ungefähr eine Minute. Constanze druckt für mich ein paar Beiträge aus, die mir als Beispiel dienen sollen. Dann gehe ich zurück in mein Büro.

In München war ich früher öfters. Die Stadt war nicht neu für mich, und eigentlich ist es interessanter, über fremde Städte zu berichten. Deshalb habe ich mir vorgenommen, die weniger bekannten Seiten der Stadt zu entdecken- jenseits vom Brezel-blauweiß-Bier-Trachten-Klischee. Die Stadt, wo man mitten im Englischen Garten surfen kann. Zu jeder Jahreszeit. Die Stadt, wo in einem Kino seit 40 Jahren derselbe Film jede Woche im Programm ist – The Rocky Horror Picture Show. Die Stadt, wo man vom Dach des Olympiastadions auf der längsten Seilbahn Europas hinunterfliegen kann. Die Stadt mit den vielen Legenden und der Frauenkirche, deren prominentester Besucher der Teufel selbst war – davon zeugt sein Fußabtritt. Die Stadt, wo es die St. Matthäus-Kirche gibt, wegen ihres ungewöhnlichen Baus auch „Luthers Achterbahn“ genannt. Wo das rosa  Gebäude der LMU an der Leopoldstraße, das die Fakultät für Psychologie und Pädagogik beherbergt, wegen des rosa Außenaufstrichs „Schweinchenbau“ heißt. Auf derselben Leopoldstraße erscheint plötzlich ein weißer Mann aus Kunststoff zwischen den Bäumen. Er ist 17 Meter hoch und heißt „The walking man“.

Das alles entdecke ich in München, und auch in der Redaktion ist es spannend. Ich nehme Teil an Sitzungen, wo es um Podcasts geht, an einer Diskussion über den Social-Media-Auftritt von Politikern, ich bin in zwei Radiosendungen zu Gast. In der ersten spreche ich über die Proteste, die gerade in Bukarest und anderen Großstädten stattfinden und erkläre die politische Situation im Land. In der zweiten Sendung erzähle ich, wie es um die Presse in Rumänien steht. Beim letzten Mittagessen in der Kantine kommen alle Kollegen mit und wollen noch mehr über Rumänien erfahren.

Ein undendlicher Prozess

Am spannendsten sind jedoch die beiden Vormittage, an denen sie mich zum Strafjustizzentrum auf der Nymphenburger Straße mitnehmen. Hier läuft gerade der Prozess gegen den NSU.

Über die Morde des rechtsterroristischen Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) hatte ich nicht aus der Presse, sondern auf einem Theaterfestival erfahren. Es lief gerade eine Theaterproduktion über einen Bombenanschlag der Terrorzelle, der 2004 auf der Kölner Keupstraße stattgefunden hat. Es war nicht die erste Theaterproduktion über die NSU. Der Fall wurde auch in Fernsehfilmen, unzähligen Reportagen und Hörspielen thematisiert. Man kann dem Prozess auch als einfacher Besucher beiwohnen- Voraussetzung ist, dass noch Platz im Saal ist (für Presse und Besucher gibt es 50 Stühle auf der Tribüne). In Rumänien ist der Begriff NSU kaum bekannt. Es gab einen kurzen Artikel im November 2011, als die Terrorzelle aufflog, allerdings mit teilweise falschen Informationen. Nun geht nach fast fünf Jahren der Mammutprozess auf sein Ende zu. Es entstehen immer mehr Fragen, es gibt immer mehr Empörung über das Versagen der Ermittler, die 13 Jahre lang nicht imstande waren herauszufinden, dass hinter den zehn Morden, zwei Bombenanschlägen und 15 Banküberfällen eine rechtsextreme Gruppierung steckt. Wieso gibt es nur fünf Angeklagte, wenn es klar ist, dass es viel mehr Unterstützer der NSU gab? Wie konnte mörderischer Rechtsterrorismus über so viele Jahre unerkannt bleiben? Doch darüber schwebt eine viel größere Frage: Wie entsteht Hass? Was kann einen Menschen dazu führen, jemanden zu ermorden, nur weil er anders ist? Diese Fragen beschäftigen mich lange Zeit. Gerne wäre ich noch einmal zum Prozess gegangen, doch musste ich meinen Radiobeitrag fertigstellen. Am letzten und schwersten Tag in der Redaktion des BR.

Mein erster Radio-Beitrag

Aus den 22 Minuten Interview soll ich die interessantesten anderthalb Minuten auswählen. Und einen Text dazu schreiben, der sich gut anhört. Niemand soll das Radio auf eine andere Frequenz umstellen, während er zuhört. Viel Zeit bleibt mir nicht dafür, da ich auch andere Termine habe. In weniger als zwei Tagen muss mein Beitrag fertig sein und die O-Töne geschnitten. Dann bin ich mit Ulrike im Tonstudio programmiert. Meinen eigenen Text will ich nicht selber vorlesen- besser, eine Radiostimme tut es. Die O-Töne, die ich ausgesucht habe, sind schlecht. Ich höre mir das Interview noch einmal an, suche andere O-Töne heraus. Meine Termine dauern länger, als ich ursprünglich gedacht habe. Für den Beitrag habe ich noch kein Wort geschrieben. Ich gerate unter Zeitdruck, da ich noch so viel vorhabe. Letztendlich opfere ich meinen Schwimm-Abend im Luxuspool auf der letzten Etage des Hotels „Bayerischer Hof“. Ich fahre mit der U-Bahn zu meinem eigenen Hotel, bestelle eine Pizza aufs Zimmer und höre mir das Interview ein drittes Mal an. Natürlich wähle ich auch dieses Mal andere O-Töne. Etwas sagt mir, dass es diesmal die richtigen sind. Ich suche nach einem roten Faden und finde ihn. Dann schlafe ich ein. Am nächsten Vormittag bastele ich in der Redaktion fleißig an meinem Beitrag. Ich notiere mir die Tonköpfe, mein Kollege Thomas hilft mir dann, die O-Töne zu schneiden, damit es schneller geht. Als ich mit dem Beitrag in die Kulturredaktion gehe, ist mir etwas mulmig zumute. „Vielleicht können sie nichts damit anfangen“, denke ich. Aber ich habe es wenigstens versucht. Nach ein paar Minuten atme ich erleichtert auf. Constanze gefällt mein Beitrag, ich muss nur ein paar Kleinigkeiten ändern. Im Tonstudio bastelt der Techniker noch an den O-Tönen, dann kann es losgehen. Ulrike liest meinen Text, der Techniker spielt die O-Töne ein, ich gebe Anweisungen. Dann ist es zu Ende. Und ich würde am liebsten noch mal von vorne anfangen, mit einem neuen Radiobeitrag. Hinter fünf Minuten Sendezeit steckt viel Arbeit. Aber es macht so großen Spaß, dass man es gar nicht merkt. Jetzt verstehe ich das mit dem Radio-Virus. Ich habe mich wohl auch angesteckt.

Die Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien beteiligt sich am Journalistenaustausch „Nahaufnahme“ des Goethe-Instituts, bei dem Journalisten aus Deutschland und anderen europäischen Ländern für jeweils drei Wochen ihren Arbeitsplatz wechseln. Christine Auerbach vom „Bayerischen Rundfunk“ ist im November/Dezember zu Gast bei der “Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“. Im Gegenzug berichtete Elise Wilk im November drei Wochen lang für den Bayerischen Rundfunk. Weitere Informationen finden Sie hier: www.goethe.de/nahaufnahme.

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*