Der Raum im Spannungsverhältnis zwischen Fiktionalität und Faktualität

Deutschsprachige Literaturen in und aus Ostmittel- und Südosteuropa auf dem X. Internationalen Germanistenkongress

Freitag, 26. Juni 2015

Zum X. Internationalen Kongress der Germanisten Rumäniens waren zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem In- und Ausland angereist.

Vom 1. bis 4. Juni 2015 fand in Kronstadt/Braşov der X. Internationale Kongress der Germanisten Rumäniens unter Mitwirkung zahlreicher Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem In- und Ausland statt. Als Kooperationspartner der Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) fungierten das Forschungs- und Exzellenzzentrum „Paul Celan“ der Universität Bukarest, das Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) an der Ludwig-Maximilians-Universität München, die Philologische Fakultät der Transilvania-Universität Kronstadt, das Forschungszentrum Deutsch in Mittel-, Ost- und Südosteuropa der Universität Regensburg sowie fördernd der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD). Das umfangreiche Rahmenprogramm bestand aus Plenarvorträgen, Lesungen, dem gemeinsamen Besuch eines Theaterstücks, einer landeskundlichen Exkursion sowie einer Abschlussveranstaltung.

Herzstück der Veranstaltung waren die parallel tagenden Sektionen, in denen Aspekte der Literaturwissenschaft und -geschichte, der Linguistik sowie der Didaktik des Deutschunterrichts und der Translationswissenschaft in Vorträgen und Diskussionen behandelt wurden. Die thematische Bandbreite erstreckte sich von der Literatur des Ersten Weltkriegs über Interkulturalität, Migrationsliteratur bis hin zur Literatur der Postmoderne. Nachwuchswissenschaftlern wurde in einer eigenen Sektion das Wort erteilt. Das IKGS war mit einer aus 18 Vorträgen bestehenden Sektion zu „Raumkonstruktionen in den deutschsprachigen Literaturen in und aus Ostmittel- und Südosteuropa“ unter der Leitung von Enikö Dácz vertreten. Behandelt wurde die Poetisierung des Raums in den deutschsprachigen Literaturen aus Ostmittel- und Südosteuropa, dies auch in ihrem Austausch mit der westeuropäischen Literaturlandschaft. Das Hauptaugenmerk galt dem 20. und 21. Jahrhundert, wenn gleich Rückgriffe in frühere Epochen zu interessanten Erkenntnissen führten. Ausgelotet wurde immer wieder das Spannungsverhältnis zwischen Fiktionalität und Realität die Literarisierung des Raums und die Bedeutung für dessen Wahrnehmung. Die einzelnen Vorträge waren nach inhaltlichen bzw. methodischen Gesichtspunkten gruppiert und wurden jeweils im Anschluss gemeinsam diskutiert.

Die Eröffnungsbeiträge befassten sich mit realen Räumen und deren Fiktionalisierungen. Laura Laza (Klausenburg/Cluj-Napoca) widmete sich Wolf von Aichelburgs Gefängnislyrik, die sich in den Archiven der CNSAS befindet. Diese bislang unveröffentlichten Gedichte wurden im Anschluss an die Haftzeit des Dichters in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren aufgeschrieben. Räume und Landschaften nehmen darin semantische Funktionen ein und sind vielfach symbolisch aufgeladen. Am Beispiel des Prinzips der Heterotopie interpretierte Réka Sánta-Jakabházi (Klausenburg) den 1999 erschienenen autobiografischen Roman „Warum das Kind in der Polenta kocht“ der in Bukarest geborenen Autorin Aglaja Veteranyi. Den Zirkus beschrieb sie dabei als einen Ort, der zwar in der realen Welt existiert, von der Autorin aber als Gegenraum, als Gegenrealität zu unserer Zivilisation dargestellt wird. Anschließend referierte Milka Car (Zagreb) über die raumzeitlichen Konstruktionen in dem 1944 verfassten und 1996 ins Deutsche übersetzten Essay „Illyricum sacrum“ des kroatischen Autors Miroslav Krleža. Darin werden die in der historischen Literatur überlieferten Regionen Illyrien und Pannonien als Schnittstellen von verschiedenen Kulturen und politischen Interessen rekonstruiert. Die Hauptthesen wurden von Car auf heutige Regionen, die von imperialen und nationalen Einflüssen geprägt sind, übertragen.

Weitere Vorträge befassten sich mit jüdischen Raumimaginationen. Christian Frühm (München) referierte zur Lyrik der Bukowina aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Durch das Anwenden der Raum-Zeit-Konstruktionen nach Immanuel Kant zeigte Frühm auf, dass die literarische Landschaft Bukowina zwar verschwunden ist, aber in den überlieferten Texten als imaginierter Ort weiterbesteht. Den aus Czernowitz stammenden Psychoanalytiker Wilhelm Reich stellte Ana-Maria Pălimariu (Jassy/Iaşi) vor. Aufgrund der Auseinandersetzung mit dessen 1994 posthum erschienener Autobiografie schlug die Referentin die Brücke zum aktuellen Stand der Forschung zur Literatur aus der Bukowina, indem sie unter anderem auf den Gründungsmythos der Stadt Czernowitz einging. Im Fokus des sich anschließenden Vortrags von Francisca Solomon (Jassy) stand die literarische Auseinandersetzung mit der Deportation von Juden nach Transnistrien während des Zweiten Weltkriegs. Beispielhaft wurden Werke der jüdischen Autoren Edgar Hilsenrath und Aharon Appelfeld untersucht und mit klinischen Untersuchungen zur Traumaforschung verknüpft.

Das Banat und Siebenbürgen standen im Zentrum der letzten Vorträge des ersten Konferenztags. Michaela Nowotnick (Berlin) thematisierte die Beziehungen Siebenbürgens mit dem Deutschen Reich. Sie zeigte dabei, dass die deutsche Bevölkerung Osteuropas und insbesondere Siebenbürgens wichtiger Bestandteil der deutschen Außenpolitik war. Auf der anderen Seite gingen die Kontakte nach Deutschland vielfach von Einzelpersonen aus. Eine dieser Personen war der siebenbürgisch-sächsische Autor Heinrich Zillich, auf den Enikö Dácz (München) in ihrem Vortrag einging. Sie unterzog dessen bekanntesten Roman „Zwischen Grenzen und Zeiten“, der das Siebenbürgen-Konstrukt im Dritten Reich maßgebend prägte, einer kritischen Reflexion, indem sie den literarischen Raum als zeichenhafte Repräsentation untersuchte. Dem Deutsch geprägten Banat widmete sich Roxana Nubert am Beispiel von ausgewählten Texten Johann Lippets. Sie beschrieb, wie ein realer, nach dem Exodus der Rumäniendeutschen nicht mehr existierender Raum, sich in einen imaginierten, einen literarisierten Raum verwandelt und so als Erinnerungsspeicher funktioniert.

Der zweite Konferenztag wurde mit Vorträgen eröffnet, die den Raum als Zugriff zur Textanalyse sowie die Konstruktion von Identitäten durch diesen beschrieben. Magdolna Orosz (Budapest) stellte an Fallbeispielen die Begriffe Raum und Raumdarstellung als narratologische Analysekategorien vor. Sie beschrieb dabei unterschiedliche Verfahren und Vorgehensweisen sowie deren möglichen Erkenntnisgewinn. Vor diesem theoretischen Hintergrund widmeten sich die folgenden drei Vorträge literarischen Identitätskonstruktionen anhand von drei Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Herkunft. Eszter Propszt (Segedin/Szeged) stellte die konkrete Anwendbarkeit der räumlichen Perspektive in Bezug auf die Darstellung von Identitäten anhand des Romans „Dort drüben“ des ungarndeutschen Autors Béla Bayers aus dem Jahr 2002 dar. Veronica Buciuman (Großwardein/Oradea) erläuterte den identitären Hybridisierungsprozess in C²t²lin Dorian Florescus 2011 erschienenem Roman „Jacob beschließt zu lieben“, wobei sie dem Exotismus und der Exotik besondere Aufmerksamkeit zukommen ließ. Im Mittelpunkt von Raluca Rădulescus (Bukarest) Ausführungen stand das lyrische Werk der aus Kroatien stammenden deutschsprachigen Autorin Dragica Rajcic, das sich auf kulturellen Schnittstellen bewegt.

Raumkonstruktionen in Grenz- und Peripheriegebieten behandelten die nachfolgenden Vorträge. András Balogh (Budapest, Klausenburg) wies an drei exemplarischen Texten der rumäniendeutschen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts die Relevanz von Räumen und ihre Interpretationsmöglichkeiten nach. Am Beispiel der bewegten Vergangenheit von Hatzfeld/Jimbolia erläuterte Olivia Spiridon (Tübingen) die Topoi dieses Ortes, der zwischen 1918 und 1923 zu drei unterschiedlichen Staatsgebieten gehörte. Neben der methodischen Darlegung ihres Forschungsprojekts, zeigte Spiridon zudem auf, inwiefern der Ort in die Literatur und in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Raluca Cernahoschi (Maine) verglich die Raumkonstruktion der galizischen Peripherie in Joseph Roths Roman „Radetzkymarsch“ (1932) und István Szabós Film „Oberst Redl“ (1985) und wies dabei sowohl auf den Roman als Quelle für den Film, als auch auf die Verbreitung und Verarbeitung von Galizien als literarischen bzw. filmischen Topos hin.

Die abschließenden Vorträge widmeten sich Raumkonstruktionen in Reisebüchern des 18., 19. sowie des frühen 20. Jahrhunderts. Anhand von Reiseberichten über das Königreich Ungarn und Siebenbürgen aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert untersuchte János Szabolcs (Großwardein) den Wandel von Selektionskriterien in der Darstellung dieser Regionen. Die wichtige kartografische Aufgabe der Reiseliteratur der frühen Phase wich allmählich der Darstellung sozio-kultureller Lebensbedingungen, mit Schwerpunkt auf der Fremde, dem Exotischen, aber auch der Pluralität und der Toleranz der beschriebenen Gebiete. Im Gegensatz zur Selbstverständlichkeit der Autorenposition in diesen Texten steht die Selbstinszenierung der in Celje/Cilli (heute Slowenien) geborenen Alma Karlin, die zwischen den Weltkriegen die meistgelesene deutschsprachige Reiseschriftstellerin war. Irena Samide (Ljubljana/Laibach) ging in ihrem Vortrag auf die Exzentrizität der Autorin ein und untersuchte die Werke in Anlehnung an Helmuth Plessners Theorie der exzentrischen Positionalität sowohl im geografischen und nationalen als auch im geschlechtlichen und weltanschaulichen Kontext.

Nach den jeweils zusammengehörigen Vorträgen wurde mit steigender Intensität über Kerngedanken und Randaspekte diskutiert. So wurden unter anderem grundsätzliche Fragen nach Raumbeschreibungen und ihrem möglichen Aussagegehalt für die Literaturwissenschaft aufgegriffen. In den zwei intensiven Tagen, in denen die Sektion stattfand, zeigte sich, dass sich der Raumbegriff in seinen unterschiedlichen Ausprägungen gerade für die Beschreibung deutschsprachiger Literatur aus und über Südost- und Mitteleuropa eignet. Gattungsübergreifend findet er sich bei den Autoren unterschiedlicher Herkunft und Prägung und nimmt vielfach eine zentrale Stellung in den Werken ein. Zwei Hauptaspekte konnten dabei ausgemacht werden: Zum einen wird der Raum im nationalen Kontext verstanden und konstruiert, zum anderen gewinnt gerade in der jüngeren Literatur der sprachliche Raum zunehmend an Relevanz. Dabei, so konnte deutlich gemacht werden, ist insbesondere die Region Transnistrien kaum erforscht. Die thematischen und lokalen Schwerpunkte der einzelnen Vorträge und die nachfolgenden Diskussionen zeigten zudem, dass eine vergleichende, transnationale Analyse unterschiedlicher Raumdarstellungen ein noch weitgehend nicht ausgeschöpftes Potenzial birgt.

Kommentare zu diesem Artikel

Wolfgang, 26.06 2015, 09:25
Die Germanistik ist weiblich geworden. Welche Auswirkungen wird das wohl haben ? (Ich habe 15 Referentinnen und 3 Referenten gezählt)

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