Der Riss, der die Stadt teilte

25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer / Eine Momentaufnahme

Donnerstag, 04. September 2014

Es ist Abend, der Verkehr ist abgeflaut, es ist der gewohnte Weg von der Bushaltestelle zur Wohnung im Nordosten Bukarests. Aus einem Fenster dringen die ersten Takte eines Liedes auf die Straße. Verwundert bleibe ich stehen. Sind das nicht die „Einstürzenden Neubauten“? Ich höre genauer hin. Sie sind es wirklich. Jemand hört „Stella Maris“, einen Song, der Mitte der 1990er herauskam und nicht mehr allzu häufig gespielt wird. Ich bin überrascht. Bisher habe ich hier in der Straße niemanden Deutsch sprechen, geschweige denn ein Interesse für die Berliner Musikavantgarde bekunden hören. Vermutlich ist es reiner Zufall. Den Song gibt es sicher irgendwo im Internet. Eigentlich ist es nicht der Rede wert, bliebe da nicht die Verwunderung. Die Band gründete sich 1980. Den Grundstein ihrer Karriere legte sie im Stadtteil Kreuzberg. Die „Neubauten“ hier zu hören, ist mehr als kurios.

Vor der Wende galt Kreuzberg als Gegenwurf zum etablierten Westdeutschland. Junge Männer kamen in die geteilte Stadt, um der Zwangsverpflichtung zum Wehr- oder Zivildienst zu entgehen. Der Sonderstatus Berlins machte es möglich. Im Stadtteil prallten unterschiedlichste Lebenswelten aufeinander: Alteingesessene und Zugezogene, Aussteiger und Immigranten, Geschäftsleute und Hedonisten. Was Kreuzberg für West-Berlin war, galt in Ost-Berlin für den Prenzlauer Berg. Künstler und Intellektuelle wohnten dort; es war die Geburtsstätte der ostdeutschen Punk-Bewegung. Doch aller Freigeistigkeit zum Trotz, wirklich frei waren die Bürger der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) nicht: Zeitungen wurden zensiert, Oppositionelle von der Staatssicherheit überwacht, verhört und inhaftiert. Wer studieren wollte, musste sich für mindestens zwei Jahre bei der Nationalen Volksarmee verpflichten.

Ein Riss verlief quer durch die Stadt. Dieser Riss war die Berliner Mauer. Sie wurde ab August 1961 als „Antifaschistischer Schutzwall“, wie das Machwerk im Jargon der DDR-Propaganda genannt wurde, errichtet. Danach war eine Ausreise aus der DDR kaum noch möglich. Mit der Grenzschließung stoppte man den Flüchtlingsstrom in Richtung Westdeutschland. Ein Volk wurde eingesperrt. Bis dahin hatten 3,5 Millionen Menschen die DDR verlassen. Die Massenflucht destabilisierte den Staat.

Für US-Präsident Ronald Reagan war die Berliner Mauer, wie er gesagt haben soll, die einzige Mauer, die gebaut wurde, um Menschen einzusperren und nicht, um sie draußen zu halten. Reagan hielt 1987 eine wegweisende und umstrittene Rede vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Er sagte: „Mister Gorbatschow, open this gate. Mister Gorbatschow, tear down this wall.“ („Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Gorbatschow reißen Sie diese Mauer nieder!“). Im deutschen Außenministerium stießen seine Worte auf wenig Begeisterung, auch das Bundeskanzleramt hielt sich bedeckt. Seit 2012 erinnert eine Bronzetafel unweit des Checkpoint Charlie, einem ehemaligen Grenzübergang in der Friedrichstraße, an seine Worte. Reagan setzte ein Fanal für jene Entwicklungen, an die zu diesem Zeitpunkt kaum jemand zu glauben wagte.

Heute erinnert in der Stadt nur wenig an die Grenze von damals. Zwischen den Stationen Schlesisches Tor im Westen und Warschauer Straße im Osten – vor der Wende waren es zwei Endhaltestellen –, verkehrt heute eine U-Bahn. Dazwischen, direkt am Spreeufer, befindet sich die East Side Gallery. Es ist ein Rest der Berliner Mauer, der von Künstlern bemalt wurde. Er steht, etwas deplatziert wirkend, an einer viel befahrenen Straße, umgeben von modernen Bürohochhäusern in bester Lage. Erst kürzlich gab es Proteste, da ein Stück des Denkmals vorübergehend einer Baustellenzufahrt weichen sollte. Von der Warschauer Straße gelangt man schnell in die beliebten Ausgehviertel: Kreuzberg, Friedrichshain und Prenzlauer Berg. Das Publikum ist international. Einige sind nur zu Besuch, andere bleiben. Die, die bleiben, sind zumeist auf der Suche nach dem Mythos „Berlin“. Was sie darunter verstehen, ist jedoch höchst unterschiedlich.

Da gibt es zum Beispiel das Berlin der Goldenen Zwanziger, in denen Fritz Lang „Metropolis“ drehte und Bertolt Brecht die „Dreigroschenoper“ auf die Bühne brachte. Aber auch das Berlin der Nachwendezeit, in der alles möglich schien. Wohnhäuser in Berlin Mitte und im Prenzlauer Berg, in der DDR dem Zerfall preisgegeben, wurden besetzt. Illegale Technoclubs wurden in den Kellern eröffnet, die Love-Parade lockte Hunderttausende in die Stadt und in der Theaterszene probte die Volksbühne den Aufstand. Berlin war wieder die Hauptstadt, endlich wieder kulturelles Zentrum – 40 Jahre Teilung waren endlich vorbei.

Die Clubbetreiber von damals sind inzwischen etablierte Geschäftsleute. Sie besitzen hochpreisige Szene-Restaurants, in denen Hollywoodstars hohe Trinkgelder geben. Die ehemals besetzten Häuser wurden renoviert und stehen nun in den teuersten Vierteln. Mietwohnungen sind dort kaum noch zu bekommen. Die Risse der Teilung sind gekittet. Die Grenze, die jetzt die Stadt durchzieht, ist sozio-ökonomischer Natur. Der anhaltend starke Zuzug hat die Stadt wachsen lassen, steigende Mieten verdrängten die alteingesessenen Bewohner. Der Berliner Dialekt, in Alfred Döblins „Alexanderplatz“ von der Mitte nicht wegzudenken, wurde an den Stadtrand verdrängt. Es wird viel Englisch geredet. Anglizismen sind chic. Fragt man die Leute, womit sie gern ihre Zeit verbringen, sagen sie: Reisen. Am liebsten weit weg. Irgendwas Exotisches. Auch Reisen sind chic. Englisch ist heute ebenso obligatorisch wie längere Auslandsaufenthalte – zumindest für jene, die beruflich etwas werden wollen. Die Stadt und ihre Bewohner streben nach mehr. Ein bekannter Maler, er wird von Galerien in Berlin und in den USA vertreten, stellte kürzlich während eines Interviews die rhetorische Frage: „Ist das nun schon New York oder noch nicht?“ Das ist vielleicht die treffendste Momentaufnahme, die es derzeit von der Stadt gibt.

Doch ist es der Blick zurück, der zeigt, wie tiefgreifend die gegenwärtige Entwicklung tatsächlich ist. Noch vor 25 Jahren war in Ost-Berlin Russisch die erste und zumeist einzige Fremdsprache, die Schüler lernten. Englisch wurde – wenn überhaupt – nachmittags in Projektgruppen unterrichtet. Lehrer kannten die Sprache oft nur aus Büchern und von Schallplatten englischsprachiger Bands. Eine Reise nach Großbritannien war eine Utopie. Jetzt unterrichten englische Muttersprachler Vierjährige in Kindergärten. Der Flug nach London kostet im Billigflieger 50 Euro und dauert nicht einmal zwei Stunden. Abflug: jederzeit. Die Grenzen sind offen. Vor 1989 gab es im Bezirk Mitte Eisdielen. Sie verkauften Softeis mit Vanille und Schoko. Ein paar Mal pro Jahr gab es Milcheis am Stiel mit Schokoladenüberzug. Heute gibt’s die Kugel Gelato im italienischen Café an der Ecke. Sorte: Aprikose mit Bergamotte, wahlweise aus Bio-Milch oder als vegane Variante auf Sojabasis – auf Wunsch mit Schoko-Topping. Selbstverständlich ist der Kakao fair gehandelt. Es sind diese Details, die den Wandel spiegeln und zeigen, wie rasant die Welt zusammenwächst.

Dabei ist die Idee einer geeinten Welt schon seit der Antike virulent und der Kalte Krieg erscheint retrospektiv als Intermezzo einer konvergenten Entwicklung, die vor über 2000 Jahren begann. Der griechische Philosoph Diogenes von Sinope bezeichnete sich selbst – und damit war er einer der ersten überhaupt – als Weltbürger. Seine Ideen wurden unter anderem vom römischen Stoiker Seneca zu einer kosmopolitischen Ethik weiterentwickelt. Schließlich greift der aufkommende Katholizismus um das Jahr Null das stoische Denken auf.

Die christliche Vorstellung von einer für alle Menschen zugänglichen und weltumfassenden Religion kann als Ausgangspunkt eines vereinten Europas betrachtet werden.
Zurück in Bukarest. Inzwi-schen ist es 23 Uhr. Im Fernsehen wirbt ein deutscher Fensterbauer für seine Produkte. Eine junge Frau liegt auf einer Couch und redet mit ihrem Psychotherapeuten. Sie sprechen Rumänisch. Plötzlich sagt der Therapeut mit dem einfallsreichen Namen Dr. Fenster erst: „Ce?“ und dann: „Was?“ Es kommen noch paar deutsche Einwürfe. Der Werbespot endet mit einer halbnahen Aufnahme von Dr. Fenster. Er streichelt eine Katze und säuselt: „Meine kleine Helga.“ Das ist gemäß Drehbuch, mutmaße ich, die Stelle zum Lachen. Ich lache nicht und schalte den Fernseher aus. Das Unterhaltungsniveau hat für heute seinen Tiefpunkt erreicht, und das, obwohl es mit dem Lied auf der Straße einen guten Anfang genommen hatte. Ich stelle mir die Frage, ob es diesen Spot auch ohne 1989 gegeben hätte. Sicher, ein Verlust wäre es nicht. Aber was gäbe es stattdessen? Ich habe keine Antwort. Die Dichotomie des Kalten Krieges ist überwunden und die Gegenwart ist Work in Progress: Heute Soyaeis, morgen Frozen Yoghurt. Ist das jetzt schon New York? Gut möglich.

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