Der Schlüssel zur Selbstfindung

Verhaltensforschung als Randdisziplin der Biologie

Dienstag, 06. März 2012

Dr. Dan Stănescu unterrichtet seit Jahren Zoologie an der West-Universität in Temeswar/Timişoara. Sein Spezialgebiet ist die vergleichende Verhaltensforschung, eine Randdisziplin, die nicht nur für Biologen an Relevanz gewinnt, sondern auch in anderen Wissenschaften Einzug findet.

Der aus Hermannstadt/Sibiu gebürtige Forscher arbeitete fast zwei Jahrzehnte lang vor der Wende an dem Naturgeschichtlichen Museum in seiner Heimatstadt. Stănescu spricht voller Hochachtung über das Museum, das eine Abteilung des Brukenthal-Museums ist und heute über zwei Millionen Ausstellungsstücke besitzen soll. Damit sei das Naturgeschichtliche Museum Hermannstadt, so Stănescu, das größte des Landes. Schon als Kind entwickelte der Forscher eine Faszination für die Welt, die ihn umgab. Eine Frage, die ihn als Kind und bis in seine Studentenzeit beschäftigte, befasste sich mit den zahlreichen Pflanzen und Tierarten, die es gibt.

Als Student entwickelte er ein Interesse für das Verhalten von Tieren. Die Verhaltensbiologie wurde im sozialistischen Rumänien verachtet. Die Ethologie fand erst nach der Wende wirklich Akzeptanz. Das hielt Dr. Stănescu nicht davon ab, unter der Schirmherrschaft des Naturgeschichtlichen Museums das Verhalten der Säbelschnäbler, einer Vogelart, die in der Dobrudscha vorkommt, zu erforschen. 14 Jahre lang arbeitete er an seiner Doktorarbeit. Verteidigen durfte er sie nicht, weil er kein Parteimitglied war.

Die Wende seiner wissenschaftlichen Karriere verdankte Dr. St²nescu einer Zufallsbegegnung. An einem Sonntag führte er eine ältere Dame durch das Museum und kam mit ihr ins Gespräch. Später stellte sich heraus, dass es sich bei der Unbekannten um die Nichte von Johann Friedrich von Zepelin handelte. Nach drei Wochen erhielt Dr. Stănescu drei Pakete voller Fachliteratur über die vergleichende Verhaltensforschung. Damit legte er den Wissensgrundstein für seine zukünftige Arbeit im ethologischen Bereich.

Diese verschaffte ihm ein Herder-Stipendium und einen Ausweg aus dem damaligen sozialistischen Rumänien. Er reiste zusammen mit einem engen Freund nach Deutschland, wo er dann von diesem verraten wurde. Gezwungen, nach Hause zurückzukehren, wurde ihm der Preis per Post zugeschickt. Sein „Freund“, der ihm seine Chance auf eine Karriere im Westen verwehrte, setzte sich mit seiner Familie in Deutschland ab.

Heute unterrichtet Dan Stănescu an der West-Universität in Temeswar vergleichende Verhaltensforschung mit Schwer-punkt auf Tiere, erforscht aber auch in das Verhalten von Menschen. Die Gesellschaft von heute würde oft bestimmte Verhaltensmuster mit der Erziehung des Individuums begründen, was nicht immer richtig ist. Oft unterliegen wir angeborenen Verhaltensregeln. „Erst wenn wir uns selbst kennenlernen und nicht davor scheuen, uns als Tiere zu betrachten, können wir ein bestimmtes Verhalten ändern“, erklärt der Tierforscher.

Mit Sigmund Freunds „Id“ oder Karl Gustav Jungs „Schatten“ hat es wenig zu tun. Die Ethologie beschäftigt sich mit dem äußeren, sichtbaren Verhalten. Beim praktischen Kurs müssen Studenten zum Beispiel zehn Minuten lang eine Labormaus beobachten und ihre Handlungen aufschreiben. Danach sollen ähnliche Beobachtungen durchgeführt und miteinander verglichen werden. Am Ende eines Studiensemesters soll anhand der erschlossenen Kenntnisse das menschliche Verhalten verstanden werden.

Naturwissenschaften, findet Dr. Dan Stănescu, seien für die Schulausbildung unerlässlich. In Rumänien spielen sie eine zweitrangige Rolle. Das jüngste Bildungsprojekt der Regierung in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationskanal Discovery betrachtet der Forscher äußerst kritisch. Er habe sich eine der Nachmittagssendungen angeschaut und findet, dass man zu viel Information auf einmal verarbeiten muss. Darum wirken die Sendungen eher konfus für jemanden, der in der Wissenschaft nicht bewandert ist.

Die Ethologie selbst gilt noch immer für viele in Rumänien als obskure Wissenschaft. Das ist eine Folge des kommunistischen Regimes, aber auch das Symptom eines geschädigten Bildungssystems, das in den letzten Jahren ständig Opfer von Politikern wurde, die sich niemals richtig für etwas Bestimmtes entscheiden konnten.

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