Der sozialistische Dadaist

Wie die Kunst den Sozialismus überlebte

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Zwei Galionsfiguren ihrer Fantasiewelten: Nicolae Ceausescu neben Mickey Mouse in Vlad Ardeleanus Gemälde aus der Serie „They Shoot Dictators, Don’t They“.

Was von der Revolution bleibt, sind Einschusslöcher neben Satellitenschüsseln: Răzvan Augustin Radu ist der Juventus-Preisträger 2014.
Fotos: Privat

Ist die Kunst ein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorhält? Von wegen! Sie ist ein Hammer, mit dem man die Wirklichkeit gestaltet. So zumindest fasste es Karl Marx auf. Kein Wunder also, dass in allen sozialistischen Staaten Künstler verfolgt und zensiert wurden. Denn den eigentlichen Monopolanspruch auf die Realität hatten die Führungseliten erhoben. Sie bestimmten, was richtig und was falsch war, wer im Recht und wer im Unrecht lag. Und genauso undefinierbar wie der Dadaismus war auch die „Kunst“ der Geschichtsverdreher. Wenn es darum ging, ihren Willen durchzusetzen, dann richteten sie sich ganz nach den Dadaisten und setzten auch mit Konsequenz ihr letztes und oberstes Gesetz um, so wie es der deutsche Schriftsteller Hugo Kersten formuliert hatte: Letzten Endes ist man frei, alle Gesetze zu brechen. Besonders die Geheimdienste der sozialistischen Diktaturen setzten dies mit Pedanterie um. Der rumäniendeutsche Schriftsteller Eginald Schlattner beschreibt es in seinem Bestsellerroman „Rote Handschuhe“ – ein autobiografisches Buch, das zum Teil Schlattners Inhaftierung 1957 nacherzählt. Darin beschreibt er im Detail die Foltermethoden der Securitate und das Methodisieren der Sinnlosigkeit. Schließlich ging es den Regimevertretern nicht um die eigentliche, sondern um ihre verdrehte Wahrheit. 

Kein Wunder also, dass die Nomenklatura nicht gut auf Künstler zu sprechen war. Es war nicht nur der Inhalt literarischer Werke, von Musikstücken, Bildern oder Skulpturen, der sie nervös machte, sondern auch die Methode der Künstler ihre Weltvorstellungen zu vermitteln. Wenn auch in Marx’ Vorstellung die Kunst keinen Spiegel der Realität vorhält, so hielt sie einen immer wieder dem Gewaltapparat vor.

Allein Sinn und Zweck unterscheiden sich: die Kunst als Mittel gegen Repression, dagegen die Wahrheitsverdrehung der Führungseliten als Mittel für die Unterdrückung der Massen. George Orwell weist in seinem bekanntesten Roman „1984“ auf diesen Unterschied hin. In seiner überspitzten Darstellung einer sozialistischen Diktatur, macht sich die Nomenklatura bereits an der Sprache und an der Seele des Menschen zu schaffen. Am Ende des Romans wird die Hauptfigur, Winston Smith, vor der Hinrichtung, zum treuen Regimeunterstützer bekehrt. Das eigentliche Verbrechen, das Orwell in seinem Werk beschreibt, ist die vollständige Zerstörung des Individuums. Die von Karl Marx und Friedrich Engels angestrebte Utopie erweist sich bei Orwell als Dystopie. Weil alle Erbauer des Sozialismus, die sich auf die Theorien der beiden Denker stützten, Gewalt als notwendigen Baustein sahen. Entweder war man für sie oder gegen sie. Nur durch strenge Umerziehung auf Kosten von Menschenleben könne der Kommunismus aufgebaut werden.

 

Zensur und Verfolgung

In Rumänien wurde der Weg zur sozialistischen Republik konsequent über die Leichen Tausender geebnet. Die 1950er Jahre sind die blutigsten in der Geschichte des sozialistischen Rumäniens. Später ging man gegen den Klassenfeind anders vor. Die Widerspenstigsten wurden eingesperrt und nur in extremen Fällen hingerichtet. Alle anderen hat man versucht zu assimilieren und zu Mittätern zu machen. Bestes Beispiel ist der Fall Oskar Pastior. Der in Hermannstadt gebürtige Lyriker wurde von der Securitate gezwungen, inoffizieller Mitarbeiter zu werden. Aufgrund seiner sexuellen Orientierung wurde Pastior erpresst, um Schriftstellerfreunde auszuhorchen.  Der rumäniendeutsche Schriftsteller Frieder Schuller behandelt Oskar Pastiors Schicksal in seinem Theaterstück „Ossi Stein“. Wobei Schuller am Beispiel des Hermannstädter Dichters die Frage aufwirft, inwiefern man für den Verrat an Freunden und Kollegen zur Rechenschaft gezogen werden kann. Seit der Wende setzten sich im Westen viele ausgewanderte Schriftsteller zuerst für die Freistellung der Securitate-Akten und später für die Verfolgung und Verurteilung der inoffiziellen Mitarbeiter ein, die Mitverantwortung für die zerstörten Leben nicht nur von Künstlern tragen. Lauteste Stimme ist die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, die in ihren Romanen von den Machenschaften der Securitate erzählt. Für sie war es eine enttäuschende Überraschung, dass Pastior ein IM war. Besonders weil sie zusammen mit dem Dichter an dem Bestsellerroman „Atemschaukel“ gearbeitet hatte. Das Buch handelt von der Deportation der Rumäniendeutschen in die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg.

Oskar Pastior gehörte auch zu den Vorbildern der jungen Schriftsteller der Aktionsgruppe Banat. Die literarische Studentengruppe wurde 1972 in Temeswar/Timisoara gegründet und nur drei Jahre später von der Geheimpolizei aufgelöst. Eines ihrer Mitglieder, der Lyriker und Erzähler Johann Lippet, hat sich mit seiner eigenen Securitate-Akte literarisch auseinandergesetzt und veröffentlichte 2009 das Buch „Das Leben einer Akte. Chronologie einer Bespitzelung. Dokumentation.“

Besonders Schriftsteller gerieten immer wieder ins Fadenkreuz der rumänischen Geheimpolizei. Zudem mussten sie mit einer strengen Zensur ihrer Bücher rechnen. Alles, was potenziell regimefeindlich war, wurde weggestrichen. Oft wurden Bücher gar nicht veröffentlicht.

Es konnte aber auch vorkommen, dass bestimmte Texte von der Zensur verschont blieben. Die Dichterin Ilse Hehn hat in den 1970er Jahren deutsche Gedichte veröffentlicht, die auch leichte unterschwellige Ironien beinhalteten. Diese Gedichte veröffentlichte sie 2013 in dem Band „Irrlichter. Kopfpolizei Securitate“ neu. Für das Buch erhielt sie in diesem Jahr den Jury-Sonderpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes, Filiale Temeswar. Warum die systemkritische Lyrik schon in der sozialistischen Republik unzensiert erschien, kann sich Hehn nur dadurch erklären, dass es unter den Zensoren auch Befürworter gab, die mit Absicht Dinge übersahen.

Auch die Lyrikerin Ana Blandiana durfte ihr Gedicht „Motanul Arpagic“ (dt. „Katerzwiebel“) herausgeben. Darin karikiert sie Nicolae Ceausescu, indem sie ihrer Hauptfigur, einem überfressenen Kater, Eigenschaften des Diktators zuschreibt. Sie hätte damals nicht geglaubt, dass irgendjemand die Anspielung begreifen würde. Es war eine Fehleinschätzung, denn eigentlich hatte es jeder verstanden. Blandiana wurde deswegen unter Hausarrest gestellt und erhielt Schreibverbot.

 

Das Erbe kritischer Kunst

Herma Köpernik-Kennel genoss als Gattin eines deutschen Diplomaten Immunität. Anfang der 1980er Jahre fing sie in ihren naiven Bildern den Alltag in Ceau{escus-Rumänien ein. Im Frühjahr stellte Köpernik-Kennel ihre naiven Bilder in der Revolutionsgedenkstätte aus. Der Journalist Marcel Tolcea verwies auf Wolfgang Beckers “Good Bye, Lenin!” und sprach vom Potemkinschen Dorf in Hinblick auf die Gemälde der Deutschen. Sie würde den falschen Glanz, die Inszenierungen des Staates in ihren Bildern beleuchten.

Herma Köpernik-Kennel schrieb in den 1990er Jahren das Buch „Joggen mit der Securitate“. Sie beschreibt darin den Fall Radu Filipescu, der Anfang der 1980er Jahre als junger Student regimefeindliche Flugblätter in Bukarest verteilte. Er wurde später zu einem der Gesichter der Bukarester Revolution.

In der Kunst trifft heute der Sozialismus auf den Kapitalismus. Rumänische Künstler werden auf dem westlichen Kunstmarkt wiederentdeckt. Zu etablierten Gegenwartskünstlern wie Paul Neagu gesellen sich auch Newcomer wie Vlad Ardeleanu, der mit seiner Bilderserie „They Shoot Dictators, Don’t They“ (dt. „Sie erschießen Diktatoren, nicht wahr“) seine Kindheit im Sozialismus thematisiert. Wobei er, ähnlich wie Andy Warhol, die Persönlichkeiten des Regimes ironisch darstellt. So hat er das berühmte Bild Nicolae Ceausescus im Vergnügungspark „Disneyland“ neben Mickey Mouse als Gemälde nachgestellt.

Auch der diesjährige Preisträger des Förderpreises „Juventus“, der von der Triade Stiftung und dem Deutschsprachigen Wirtschaftsclub Banat verliehen wird, hat für den Wettbewerb ein Bild gemalt, das sich mit den Nachwirkungen der Revolution 1989 auseinandersetzt.

Der Hammer mit dem die Nomenklatura ihre Wirklichkeit mit Gewalt einmeißeln wollte, zerbrach unter dem Druck des Volkes. Was die Zeit überdauert hat, ist die Kunst, die, entgegen der Auffassung von Marx, durchaus einen Spiegel der sozialistischen Realität vorgehalten hat und heute ein Fenster in eine blutige Vergangenheit gewährt. 80 Jahre Sozialismus haben laut dem „Schwarzbuch des Kommunismus“ fast 100 Millionen Opfer gefordert. Die Utopie von Marx und Engels wurde nie erreicht. Aber auch die Dystopie Orwells konnte abgewendet werden.

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