Der Stiefelmacher aus Tatsch

Einst goldenes Handwerk, nun vom Aussterben bedroht – doch Ludovic Biro kann nicht vom Leder lassen

Sonntag, 12. Mai 2013

Die eiserne Lady „Minerva“ aus deutscher Produktion begleitete den Stiefelmacher durch sein halbes Leben.

An einem Modell erklärt Ludovic Biro die verschiedenen Teile, die beim „Bau“ eines Schuhs zum Einsatz kommen.
/ Fotos: George Dumitriu

Tatsch in Bistritz-Nassod: In diesem idyllischen Dorf verbrachte der ungarisch-stämmige Ludovic seine Kindheit.
Foto: Nina May

Ludovic Biro hat viele Talente. Er kann Bäume beschneiden, Körbe flechten, Wein keltern, stundenlang über komplexe, selbst entwickelte Angeltechniken dozieren, eine Armee an Witzen bedienen, kocht mit Leidenschaft und kennt sich bestens in Bauwesen und Finanzbuchhaltung aus. Vor allem aber versteht er sich darauf, zarte, elegante Brautschuhe für einen einzigen Märchentag, oder derbe Lederstiefel, die ein Leben lang halten müssen, von der Pike auf mit der Hand zu fertigen. „Ich richte ihre Stiefel so, dass Sie nie wieder zu mir kommen!“ scherzt der kleine Mann mit den lebhaften Äuglein und lacht gleich selbst über die Doppeldeutigkeit seiner Aussage. Dann legt er den Finger an die Lippen und öffnet geheimnisvoll eine Tür.

Sie gibt den Blick frei in einen winzigen Raum, nicht größer als eine herkömmliche Speisekammer. Dort türmen sich eigenwillige Instrumente, die ihn sein Leben lang begleitet haben: Feilen, Nägel, Nadeln, Hämmerchen, Fußmodelle, Schwungriemen. Utopische Objekte für den staunenden Laien, für ihn jedoch vertraute Sklaven mit exotischen, deutschen Rufnamen: Steif, Klopfstein, Dreifuß... Mittendrin thront eine Schönheit von eigenwilligem Charme - seine große Liebe, Minerva! Hingebungsvoll sinkt der Mann vor ihr auf den Schemel, streichelt sanft ihr mechanisches Schwungrad. Langsam senkt sich die Nadel und beißt in das derbe Leder. Ratt-tatt-tatt-tatt – rattatatatt – rattatatatt. In langsamem Stakkato stampft die Maschine ihr Lied – laut, leise, auf, ab, immer wieder und wieder. Es ist das Lied seines Lebens…

Wir sitzen uns an einem kleinen Tisch mit praktischem, rosengeblümtem Plastiktischtuch und einer Schale mit Frühlingszwiebeln, Schafskäse und Oliven gegenüber. Die Männer trinken }uica. Daniela Biro hantiert fröhlich scherzend am Ofen, aus dem  betörende Düfte von mariniertem Karpfen dringen.  Schnell wird es behaglich warm in der winzigen Wohnküche und Ludovic Biro hebt an, von Witzen und Anekdoten unterbrochen, seine Geschichte zu erzählen. Wenn man mit dem Leben in Rumänien vertraut ist, ist es vielleicht nur eine von vielen. Doch verdient sie es, erzählt zu werden - schon allein deswegen, weil sie die Selbstverständlichkeit reflektiert, mit der man in diesem Land lernt, den Stolpersteinen, Ecken und Kanten des Lebens zu begegnen, ohne dabei seinen Frohsinn zu verlieren.

Stiefel macht Ludovic Biro jedoch schon lange nicht mehr, auch wenn er sich immer wieder gern in sein Kämmerchen zurückzieht, wo die energische Minerva ihren spitzen Zahn in die reparaturbedürftigen Schuhe der Verwandtschaft und Bekanntschaft schlägt. Denn der Beruf, der ihn ein Leben lang begleitete, ist heute längst ausgestorben. Mit dem Fall des Kommunismus - und ausgerechnet mit den Hoffnungen auf ein besseres Leben - brachte ihm die Schwemme billiger Fabrikschuhe aus dem Ausland und die rasch um sich greifende Turnschuh-Mode den schleichenden, aber sicheren Tod. Ein wenig wehmütig klingt Ludovics  Stimme schon, wenn er von den alten Zeiten erzählt und das gut geölte Rad der schweren, mechanischen Maschine dreht, die noch immer sein ganzer Stolz ist.

Kindheit auf dem Dorf

Der gelernte Stiefelmacher, der heute mit seiner Frau Daniela und den beiden Kindern aus ihren jeweiligen früheren Ehen, Ana und Mihai, in einem bescheidenen Häuschen mit winzigem Hof in Bukarest lebt, stammt ursprünglich aus Bistritz-Nassod. Einem ungarischen Dorf namens Tonciu, in dem die Menschen sich seit jeher vom Korbflechten aus Binsen  ernährten. Auch heute  noch ein idyllischer Flecken Erde, mit Enten, Gänsen und  Hühnern, die  frei im Dorfbach plantschen, und  Kühen, die abends gemächlich von der Weide nach Hause trotten. Gesäumt von einem Wäldchen auf dem einen Hügel und einem Weinberg auf dem anderen, schmiegt sich das Dorf in sein schützendes Tal, unberührt vom Lärm und Schmutz der fernen Landstraße. Tatsächlich sah es zu Ludovics Kindertagen nicht viel anders aus als heute.

Nur, dass es noch mehr Pferdewägen gab und die Leute noch nicht wie heute selbstverständlich  auch Rumänisch sprachen, weil sie längst in der Stadt arbeiten, denn  vom Korbflechten kann man nicht mehr leben. Jedenfalls nicht, seit Billigware aus China die heimischen Supermärkte überschwemmt. Es war aber auch eine Zeit, in der eine unmarmherzige Geißel noch Opfer forderte, wo heute ein Stück Würfelzucker mit ein paar Tropfen Impfstoff viel Leid erspart: Kinderlähmung! Auch den kleinen Ludovic erwischte die Krankheit im Alter von zwei Jahren. Während Andere gnadenlos  dahingerafft wurden, kam der  Junge mit einem lahmen Bein davon. Der erste Knick in seinem Leben.

Ehrgeizige Jugendträume

Die Behinderung war auch der Grund, warum ihm später die Ausbildung an der Schule für Traktorfahrer in Tekendorf/Teaca verwehrt wurde. Statt dessen sandte man ihn 1964 zusammen mit drei anderen Buben nach Br²ila, um in der dortigen staatlichen Behindertenschule eine Schneiderlehre anzutreten. Mit verschmitztem Lachen erinnert er sich an die erste Begegnung mit dem  Rektor: „Aus euch mach ich großartige Stiefelmacher!“, rief er beim Anblick der strammen Jungs. „Stiefelmacher?“, echoten diese erstaunt. Weil der Schneiderkurs nur alle zwei Jahre lief, wurde Ludovic also Stiefelmacher...

Doch insgeheim hegte der Junge weitaus ehrgeizigere Pläne! In die Hauptstadt wollte er gelangen, um an der Universität Bauwesen zu studieren. Ein nahezu unmögliches Unterfangen zu einer Zeit, wo der Staat bestimmte, wo man zu leben und arbeiten hatte. Für Landleute gab es so gut wie keine Chance auf eine Beschäftigung in Bukarest . Unmöglich aber auch, weil seine Eltern ihn nicht finanziell unterstützen konnten. Nach Beendigung seiner Lehre 1968 schrieb sich der ehrgeizige Junge ins Abendgymnasium ein und verdingte sich tagsüber in einer Baumschule. Vier Jahre hielt er dieses anstrengende Programm durch.

Nach dem Abitur  schien sein Traum endlich in greifbare Nähe zu rücken. Ehrgeizig konnte er sich in den  Vorbereitungskurs für das ersehnte Studium einschreiben – doch vorher gab es noch eine schwere Hürde zu überwinden. Denn Bedingung für den Transfer nach Bukarest war damals, eine Arbeitsstelle im Bauwesen vorweisen zu können! Tapfer meldete sich der behinderte Junge beim Chefbuchhalter der städtischen Baubehörde, denn ihm war klar, dass er nur im Büro eine Chance hätte. Der aber musterte ihn von oben bis unten und meinte dann spöttisch: „Die Betontreppe dort, die muss bis übermorgen weg!“ Eine unmögliche Anstellungsprobe. Doch so kurz vor dem Ziel aufzugeben, kam für den Jungen nicht infrage. Nicht jetzt! Tapfer klopfte er mit dem Hammer in einem aberwitzigen Gewaltakt den ganzen Beton in kleine Stücke. Nach zwei Tagen und Nächten war die Treppe abgetragen. „So einen wie  dich kann ich gebrauchen“, staunte da der Chefbuchhalter und schickte ihn auf die Finanzbuchhalterschule.

Zurück zum Schuh

Obwohl er in der Finanzabteilung nur wie ein Bauarbeiter verdiente, ermöglichte ihm der Job, in der Hauptstadt zu leben. In Abendkursen bereitete er sich auf die technische Hochschule vor. Bald wurde ihm jedoch klar, dass er dieses Programm auf die Dauer nicht durchhalten konnte. Da kam ihm eine Chance gelegen, seinen alten Beruf wiederzubeleben. Für ein wesentlich besseres Gehalt bot man ihm eine Stelle in der Genossenschaft der Stiefelmacher an, die Ludovic Biro beherzt ergriff. Er ließ seine alten Träume fahren, setzte guten Mutes auf das neue Pferd. Nur drei Jahre später beförderte man ihn zum Vorarbeiter. 

Ein angesehenes Handwerk, ein akzeptables Gehalt, denn anders als heute trug man damals  noch handgefertigte Lederschuhe. „ Etwa 115 Lei kostete ein Paar guter Herrenschuhe, an denen ich zwei bis drei Tage Arbeit hatte“, erinnert er sich lächelnd. „Und sie mussten halten, denn man trug sie ein halbes Leben.“ Zwar hatte er keine Chance auf eine eigene Werkstatt, denn um sich als „Mandatar“ anzumelden – eine im kommunistischen System akzeptierte Form der Privatwirtschaft, die es für Schuster, Schneider, Frisöre oder Fotografen gab und wo man sich selbst damals eine goldene Nase verdienen konnte - hatte er nicht die richtigen Beziehungen. Doch dann kam die Revolution. Voller Hoffnung eröffnete er ein eigenes Atelier.

Ernüchterung nach der Wende

„Nun wird alles besser, dachte ich und tatsächlich lief es anfangs wie am Schnürchen“, erinnert sich der Stiefelmacher. Ein eigenes Haus. Familie. Er wagte wieder zu träumen. Von einer Werkstatt mit Laden, mehreren Angestellten. Qualitätsarbeit war geschätzt. Doch nach nur vier Jahren merkte er, dass das Geschäft immer weniger wurde. Die Wirtschaft kam nur schwer in Schwung, die Leute hatten kein Geld mehr für gute Lederschuhe. Als eine italienische Firma schicke Einwegschuhe aus Pappe zur Ausstattung von Verstorbenen einführte, liefen auf einmal auch die Lebenden in den billigen „Totenschuhen“ herum! Dann kam die Turnschuhmode, der endgültige Todesstoß für den genähten Lederschuh.

Auf und nieder

Wie die Nadel seiner Minerva, so ist auch das Leben. Ganz unten angekommen - Scheidung, Haus verkauft, aus der Traum vom eigenen Atelier,  winkte auf einmal wieder das Glück: Daniela! Aus dem pausbäckigen Nachbarsmädchen, das als Schülerin bei ihm die Stiefel bestellt hatte, war eine attraktive junge Frau geworden. Die beiden in ihren Ehen Gescheiterten packten das Schicksal bei den Hörnern, gründeten eine neue Familie. Tochter Ana lernte, ihren kleineren Stiefbruder zu bemuttern, und Ludovic versäumt bis heute keine Chance, seiner hübschen jungen Frau ein paar Blumen mitzubringen.

Schon lange arbeitet er nicht mehr in seinem alten Lehrberuf. Selbst wenn die Wirtschaft wieder in Schwung käme, sieht er keine Chance, sein Handwerk wiederzubeleben. „Es gibt gar keine Quelle für Leder mehr im Land“, gibt er zu bedenken. „Seit nicht nur Fleisch, sondern ganze Tiere mitsamt der Häute ins Ausland verkauft werden, haben die Gerbereien in Rumänien zugemacht. „Für die Sohle von Wanderschuhen  braucht man dickes Bullenleder. Woher nehmen?“ zuckt er die Achseln.  „Den Keil zwischen Absatz und Sohle macht man aus echter Lindenrinde. So eine Arbeit kann heute keiner mehr bezahlen“, fährt er fort. Statt dessen locken Industrieprodukte mit billigen Tricks: Die derbe Naht am Rand fester Stiefel ist jedenfalls nur eine eingeklebte Atrappe, zeigt er uns an einem Beispiel!

Heute pflegt Ludovic Gärten, bewacht Anwesen reicher Leute, während Daniela in einem Kinderheim kocht. Zwei-drei  Nebenjobs sichern den Biros, was man zum Überleben braucht. Normal im heutigen Rumänien. Doch Ludovic Biro hat seinen unerschütterlichen Humor  behalten. Dabei hilft ihm seine große Liebe, Daniela. Oder etwa - Minerva?

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