Der Teufelskreis am Surduc schließt sich immer wieder

Zögerlicher Infrastrukturausbau ist nur die halbe (Tourismus)-Miete

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Sieben Holzkirchen, alle einige Hundert Jahre alt, werden derzeit renoviert. Auch der Anschluss an das Stromnetz wird dabei in Erwägung gezogen.

Sieben Dörfer und die Feriensiedlung am Stausee muss Samuel Lupulescu verwalten. Ein großes Territorium, das vor allem Infrastruktur braucht. Fotos: Siegfried Thiel

Idylle pur, was der Blick aus dem Fenster bei Familie Barabas so bietet: Leichte Wellen über dem Blau des Surduc-Sees, dahinter Wälder auf Hügelausläufern. Das Bild trügt jedoch. Wenn Elisabeta Barabas auf den Erdwall hinter ihrem Haus in Richtung See zeigt, schildert sie eine Szene, die alles andere als idyllisch ist: „Bei hohem Wasserstand kommen die Fluten bis hierher“. Das „Hierher“ reicht fast bis zum Haus und sollte der Wasserpegel im Stausee um ein Weiteres ansteigen, dann müssen sich Elisabeta und Ioan Barabas wahrhaftig Sorgen machen. Etwa 60 Häuser, vor allem jene im Raum Mâtnicu Mic, kommen möglicherweise unter Wasser, wenn das Reservoir im See aufgestockt wird. Sie stehen nämlich in der sogenannten „Überschwemmungszone“, wie dies im Amt für Wasserbewirtschaftung offiziell heißt und bereits seit den 1990er Jahren Fakt ist.

Ein Dorf, das auf der Karte fehlt

Die Siedlung am Stausee Surduc hat einige Kuriositäten zu bieten. Faktisch ist das eine Feriensiedlung und kein Dorf nach traditionellem Schema. Trotzdem sind hier mehr Häuser angesiedelt, als im Gemeindezentrum Fârdea, doch Strom gibt es nicht überall, in Sachen Straßenbau, Wasserleitung und Kanalisation ist Nachholbedarf angesagt. Entstanden ist die Siedlung am Surduc nach der Wende von 1989, als die Bürger ihr Land am Stausee rückerstattet erhielten und recht billig verkauften. Als eines der Ausflugsziele der Bürger aus den Städten Temeswar/Timişoara und Lugosch/Lugoj wurde es für so manchen attraktiv, eine Baugenehmigung holten sich die meisten erst im Nachhinein, oder einfach gar nicht. So kam es, dass Leitungen erst gelegt wurden, als die Häuser schon standen, viele eben in der Zone, wo bei Wasseraufstockung die Gefahr der Überschwemmung akut ist.

Trotz der verhältnismäßig betuchten Anwohner am Stausee fehlt es an richtigen Investitionen. Nicht einmal eine Pension gibt es im Ort. Manch einer nimmt Touristen in seinem Haus auf, aber das ist auch schon alles. Für die meisten ist und bleibt Surduc eine Ausflugsziel zum Zelten, oder ganz einfach um am Morgen anzureisen und am Abend seine Sachen zur Heimreise vorzubereiten. Die Chance, Geld aus einem Bootsverleih zu machen, hat ein Investor wahrgenommen, doch der Angestellte Petric² Olariu hat nur in den Sommermonaten wahrhaftig zu tun. Ende September bleiben seine sechs Boote auch an einem sonnigen Sonntag Nachmittag weitgehend ungenutzt.  Mit seiner Familie lebt der Angestellte dort, „um ein geregeltes Einkommen zu haben“, sagt er. Sonst hält er sich mit landwirtschaftlichen Erträgen und seinem Geflügel, das neben dem Holzhaus aufwächst, über Wasser. Über Wasser, im wahrsten Sinne des Wortes, denn auch bis an die Treppen seines Dienstgebäudes reichen oft die Fluten.

Dorfinfrastruktur, auch für den Tourismus gedacht

Für die Gemeinde selbst hat der Bürgermeister Samuel Lupulescu Regierungsgelder an Land ziehen können. Acht Kilometer Straßen wurden so saniert, Kanalisation angelegt, ein Kindergarten für die 45 Kinder entsteht und ein Infozentrum befindet sich im Rohbau. Die noch funktionelle Dorfmühle, Sägewerke und Landwirtschaft, das sind die Arbeitgeber. Der Kreisratspräsident Titu Bojin (PSD) gibt zu, dass es derzeit kein Projekt für das Gebiet um den Surduc-Stausee gibt. „Für 2013 werden wir ein Projekt starten, in Sachen Wasserversorgung, Kanalisation, Elektrifizierung, Telefonleitungen“. Er schränkt jedoch eine überzogene Euphorie in Sachen Tourismus am Surduc ein. Für Motorboote wird es immer Restriktionen geben, denn die Qualität des Wassers darf durch Öle und Treibstoffauslauf nicht beeinträchtigt werden. Und Bojin, als langjähriger Leiter des Amtes für Wasserbewirtschaftung, ist in dieser Hinsicht bestens im Bilde. Das Infocenter im Gemeindezentrum Fârdea wird bald fertig. Es soll dann Touristen heranziehen. Im Vordergrund werden wahrscheinlich die Holzkirchen im Raum der Gemeinde Fârdea und der Kleinstadt Fatschet/Făget stehen - viele von diesen werden gerade renoviert. An Festtagen und zu Beerdigungen werden sie noch genutzt, doch inzwischen sieht manche baufällig aus, elektrischen Strom hat es darin vorwiegend noch nie gegeben. Eine Attraktion, die also, renoviert, oder nicht, zwar Zeuge des Orthodoxismus vergangener Jahrhunderte ist; die geschichtlichen Überbleibsel reichen jedoch für einen Tagesausflug und Geld ist damit so gut wie keines zu verdienen. Weder für die zögerlichen Unterfangen der Händler, noch für die Gemeindekasse. Samuel Lupulescu riskiert dabei, auch nach Abschluss der Projekte erneut mit leeren Kassen zu bleiben. Die Aero-Nautic-Show, die er im Sommer veranstaltet, ist auch für das kommende  Jahr prinzipiell geplant, eine Zusage zur Finanzierung aus dem Haushalt des Kreises Temesch gibt es noch nicht: „Mal sehen“, wollte sich Bojin nicht festlegen.

Steuerlast, bevor die Welle kommt

Samuel Lupulescu ist ein Heimkehrer. Dreimal hatte der Jugendliche vor der Wende zur Flucht aus dem Kommunismus angesetzt, bis sie ihm schließlich gelang. Zum Teil scheinen familiäre Gründe ihn bewegt zu haben, nach Rumänien zurückzukehren. Hinzu kommt die Überlegung: „Ich wollte irgendwann sagen können `das habe ich gemacht´“, sagt der heute 45 Jahre alte Bürgermeister zu Beginn seiner zweiten Amtszeit. Der in Lugosch geborene Lupulescu hat im Gemeindezentrum Fârdea seine Kindheit verbracht, im Ort selbst hat er heute keine Verwandte. „Ich wurde also von den Bürgern gewählt, und nicht von der Verwandtschaft“, sagt der Ortsvorsteher. Den größten wirtschaftlichen Umsatz im Ort am See macht das baptistische „Zentrum zum Studium der Bibel“, wo Verpflegung und Übernachtung möglich sind. Doch Touristen brauchen Pensionen, mit Bar, Restaurant, Bier und langer Öffnungszeit. Zum Bau einer solchen gibt es einen einzigen Interessenten – genauer gesagt: ein Antrag liegt beim Bürgermeister vor. Natürlich zählen auch kleine Schritte zur Kategorie „Erfolge“ und daran scheint sich Bürgermeister Lupulescu zu klammern. Aber ihn werden aufreibende Zeiten und viel Taktgefühl erwarten, wenn mal die ersten Gebäude unter Wasser stehen. Und nicht zuletzt wird die Diskussion um die Gebäudesteuer immer neu entfachen: Die Gemeindeverwaltung fordert nämlich eine solche, auch von jenen, deren Häuser ohne Baugenehmigung in der Verbotszone stehen.

Elisabeta Barabas hat ihren Erbanteil in Sächsisch Regen/Reghin in das Haus am Surduc-Stausee investiert. Bei Anhebung des Wasserpegels müssten die beiden 79 Jahre alten Rentner trotz ordnungsgemäßer Baugenehmigung auf einen Teil ihres Grundstückes verzichten – der würde nämlich überflutet. Schlechter bestellt ist es für andere in der Siedlung, deren gesamtes Haus unter Wasser käme Strategisch gesehen, weil die Stadt Temeswar vor allem in Dürrejahren auf das Wasserreservoir des Surduc-Stausees angewiesen ist, aber auch weil es viele gegeben hat, die in der Verbotszone ein Haus gebaut haben, in einer Zeit, als Baugesetze da waren, um missachtet zu werden.

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