Der Teufelskreis der Wörter

Goethe-Kolleg zeigt Ausstellung zum Leben und Werk Herta Müllers

Freitag, 21. März 2014

Zeitzeuge Radu Filipescu und Historiker Cosmin Budeancă Foto: der Verfasser

Mit nach vorn gebeugtem Oberkörper sitzt Radu Filipescu auf der Bühne. Er sei lange nicht über die ersten Seiten hinausgekommen, sagt er – was halb nach Pointe, halb nach Entschuldigung klingt – und überhaupt sei er kein Experte für Literatur.

Das Deutsche Goethe-Kolleg Bukarest hat ihn dennoch als Referenten zur Eröffnung der Ausstellung „Herta Müller: Der Teufelskreis der Wörter“ geladen, die anlässlich einer Unterrichtsreihe und in Kooperation mit dem Goethe-Institut und der Konrad Adenauer Stiftung veranstaltet wird. Filipescus Interesse an der Nobelpreisträgerin ist ein anderes, vordergründig nicht literarisches. Seitdem Herta Müller bei einem Podiumsgespräch behauptet hatte, dass es im kommunistischen Rumänien keine Dissidenten, nicht einmal richtige Oppositionelle gegeben hätte, sah Filipescu Aufklärungsbedarf in eigener Sache. Er, der 1983 zu zehn Jahren Haft verurteilt worden war, weil er Manifeste verfasst und verbreitet hatte, sprach Müller noch am gleichen Abend auf ihre Aussagen an. Filipescu lächelt, während er davon erzählt – dann kehrt die Aufgekratztheit in seine Gesten zurück.

Ein Videomitschnitt dieser Podiumsdiskussion wird den Vorträgen Radu Filipescus und Cosmin Budeancăs – der als Historiker geladen ist, um den Schülern einen Abriss des historischen Kontexts zu geben – vorangestellt. Bevor die Schriftstellerin auf die Dissidenten zu sprechen kommt, sagt sie müllertypische Sätze, die sich zwischen lakonischer Bescheidenheit und forscher Ablehnung nicht entscheiden können. Sie hätte auf die „Sprache der Anderen“ zurückgreifen müssen, um überhaupt zur Literatur zu gelangen.

Diese Sprache bedeutet für Herta Müller den Fundus an Wörtern, mit denen umgegangen werden muss, die es gleichzeitig zu nutzen und umzudeuten gilt. Besonders deutlich wird dieses Verfahren in Hinblick auf ihre Collagen. Für die sammelt Müller Wortschnipsel aus Zeitungen, um sie anschließend in neue Sinnzusammenhänge zu bringen. Manchmal ruht das Ausgeschnittene monatelang in ihrer Schreibtischschublade, bevor es montiert wird. Manchmal gehen Fragmente verloren. Hier zeigt sich ebenso das generelle Misstrauen dem einzelnen Wort gegenüber, wie auch die Faszination am Oszillieren ihrer Bedeutungsebenen. Das ist in erster Linie kein kreativer, sondern ein reflexiver Prozess. Eine Auswahl dieser collagierten Gedichte ist Teil der Ausstellung.

Zur atmosphärisch dichten Prosa Herta Müllers spricht Frau Mann, Deutschlehrerin am Goethe-Kolleg, einführende Sätze, bevor Sven-Joachim Irmer von der Konrad Adenauer Stiftung zu betonen nicht müde wird, dass die KAS bereits fünf Jahre vor dem Nobelkomitee ihren Literaturpreis an Herta Müller verliehen habe. Auch deshalb gelingt ausgerechnet Radu Filipescu, dem Zeitzeugen, das prägnanteste Plädoyer, als er sich direkt an die Schüler wendet und die Lektüre Herta Müllers mit Nachdruck empfiehlt. Es sei vielleicht schwierig zu lesen, weil keine spannende Handlung die Geschichte vorantreibe, der Terror aber sei allzeit und in allen Dingen gegenwärtig, ihr Werk ein Abbild des kommunistischen Alltags, das genauer nicht sein könnte.
Die Ausstellung im Deutschen Goethe-Kolleg Bukarest läuft noch bis zum 28. März 2014.

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