Der Tod an der Grenze

Freitag, 22. Februar 2013

Symbolfoto: sxc.hu

Wie klein die Welt doch ist! Letzte Woche besuchte ich meinen Freund Adrian in München und lernte bei ihm Dana aus Temeswar kennen. Sie ist ungefähr so alt wie ich, und, wie sich bei unserer Unterhaltung herausstellte, arbeitete sie Anfang der 70er, wo ich als Französisch-Lehrer in Reschitz tätig war, auch in Banat, als Mathe-Lehrerin, in der Kleinstadt Hatzfeld, dicht an der rumänisch-serbischen Grenze. Damals verlief dort die Grenze zu Jugoslawien.
Dana erzählte mir, sie sei zwei-, dreimal wöchentlich zwischen Hatzfeld und Temeswar mit dem Zug gependelt, weil in Temeswar ihre Familie wohnte.

„Wenn der Zug in Hatzfeld einfuhr“, so Dana, „haben Grenzsoldaten jedes Mal die Ausweise derer, die dort ausstiegen, peinlichst genau kontrolliert. Wenn sie nicht zufriedenstellend erklären konnten, was sie an diesem Ort zu suchen hatten, nahm man sie umgehend fest. Ich hatte in Hatzfeld ein günstiges Zimmer bei einer allein lebenden alten Witwe in einem schlichten, niedrigen Bauernhaus am Stadtrand gemietet, dahinter erstreckten sich unendliche Mais- und Weizenfelder, die kein Fremder betreten durfte. Die Witwe, eine Banater Schwäbin, deren Verwandte alle verstorben waren oder schon längst in Deutschland lebten, hatte sich in ihrem Haus eingeigelt und ließ mich die drei Fensterläden zur Straße nie öffnen. Nachts wurde ich oft vom Rattern der Maschinengewehre aus dem Schlaf gerissen. Alle wussten, dass man dann draußen auf den Feldern auf Flüchtlinge schoss, der Tod lauerte in der Dunkelheit überall.

Es waren meist junge Männer, die verzweifelt ihr Leben aufs Spiel setzten, um in den Westen zu kommen, denn Jugoslawien ließ die Leute nach Österreich ziehen und schickte keinen nach Rumänien zurück. Einigen  gelang die Flucht, die meisten jedoch wurden von den Grenzposten erschossen oder festgenommen und zu Tode geprügelt. Man trat sie mit Füßen und schlug mit Knüppeln und Gewehrkolben auf sie ein, bis alles Leben aus ihnen wich, und danach brachte man sie mit einem Lastwagen nach Hause, in einem zugenagelten Sarg, den die Angehörigen unter Strafandrohung nicht öffnen durften. Manchmal fuhr ich aus Hatzfeld zu meiner Familie nach Temeswar und mit mir im Zugabteil saßen Männer, deren Hände auf dem Rücken gefesselt waren, mit entstelltem Gesicht und von Wunden übersäten Armen in Begleitung von Grenzsoldaten.“

Als Dana mir das alles erzählte, begann sie plötzlich zu weinen. Dann fing sie sich aber wieder und bat mich, sie dafür zu entschuldigen. Sie sei nun selbst von ihrer heftigen Reaktion überrascht, denn seit damals seien über 30 Jahre vergangen.
Auch meine Großeltern in den 60ern und danach meine Eltern in den 70ern, die in Temeswar ins Haus meiner verstorbenen Großeltern eingezogen waren, erzählten bisweilen im Flüsterton unfaßbare Horrorgeschichten von vor Trauer und Schmerz für immer gebrochenen Nachbarn, deren erwachsene Kinder Richtung jugoslawische Grenze verschwunden waren und ein, zwei Tage später in einer klapprigen, zugenagelten Bretterkiste wieder nach Hause kamen.

Kommentare zu diesem Artikel

Viorel, 06.03 2013, 22:44
Wie alt sind Sie denn Herr Cornelius?
Adalbert, 25.02 2013, 22:16
Mein Bruder, Stefan war auch 1987 an der rumänisch-serbischen Grenze wegen Landesflucht festgenommen und musste nach einem Schaufensterprozess eineinhalb Jahre beim ,,berühmten,, COMTIM schuften. Als ich ihn einmal im Temeswarer Gefängnis besuchen durfte, durften wir zueinander nur rumönisch schreien und die mitgebrachte Zuckertüte wurde so lange mit einer Nagel durchstochen, bis wenigstens die Hälte des Zuckers (Ein Kilogramm war erlaubt) auf den Beton geflossen ist. Als ich das dem dortigen Beamten vom Dienst sagte, ließ er mich noch einmal ausweisen. Zu Hause angekommen, wurde ich gleich zur Securitate bestellt.
Traurige Zeiten!
Misch, 23.02 2013, 21:38
Die dummen Kälber wählen ihre Henker selber.
Ein einfaches Sprichwort,das passgenau die Mentalität der Bewohner Rumäniens wiedergibt.
Und als die Sprichwörtliche Kirsche auf der Torte,Herr Johannis beugt sich bereitwillig in das Joch der partei die von einem notorischen Faulpelz geführt wird,welche versucht räuberische Wirtschaftskrimminelle im Parlament hinter der prlamentarischen Imunität zu beschützen.
Herr Johannis sollte wissen das er nur Mittel zum Zweck ist,
Nichts aus der Geschichte gelernt Herr Sachsensohn???
Als Vorsitzender des Forums hätte er auch an den Wahlen zum Europaparlament kandidieren können und dabei erheblich grössere Aussichten gehabt,währe dazu auch sauber geblieben.
Nichts für ungut,jeder schläft in dem Bett das er sich selbst zurecht gestaltet.
Don Emilio, 22.02 2013, 18:26
Ein Land ohne Hofnung eben.
Klaus, 22.02 2013, 11:45
Das ist traurig, aber leider wahr.-Und genau die nachfolgr dieses regimes der totalitären partei sind nun wieder an der macht.(Antonescu und Ponta).--Nie werde ich verstehen wie ein volk seine ehemaligen unterdrücker wieder an die macht bringt.--
Wann wacht das volk der Rumänen auf >wie es in der national hymne steht< und jagt die zerstörerische bande zum teufel.-Nur not und armut hat alles gebracht.-die grinsende maske des kapitalismus im fell der sozialisten.

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