Der Tourismus und die neuen Technologien

Internationale Tagung in der Kronstädter Redoute

Donnerstag, 17. Mai 2018

Die riesige EU-Flagge, die bei den Straßenprotesten des Vorjahres in Kronstadt verwendet wurde, war der passende Hintergrund für die internationale Tourismuskonferenz, die am Europa-Tag (9. Mai) im Kronstädter Kulturzentrum „Redoute“ stattfand.
Foto: der Verfasser

Kronstadt/Brașov habe sein starkes Potenzial (landschaftlicher Rahmen, geografische Lage aber auch ein reiches kulturelles und historisches Erbe) noch nicht entsprechend vermarktet. Noch sind Reserven vorhanden, die für Kronstadt und seine Besucher, aber auch für Investoren besser genutzt werden sollten. Dafür sei es für den Tourismus und für die Reisedestination Kronstadt notwendig, das Konzept „smart“, das heißt Nutzung der neusten Technologien, verstärkt einzubringen.

Diese Überlegungen stellte Christian Macedonschi vor in der Anmoderation der internationalen Tagung, die am Europa-Tag in dem Kronstädter Kulturzentrum unter dem Titel „Smart Tourism in a Smart Destination“ lief. Veranstaltet wurde sie von dem Verein „Smart City Brașov“, dem Macedonschi vorsteht, mit Unterstützung des Institutes der Regionen Europas, der Deutsch-Rumänischen Industrie- und Handelskammer (AHK) und in Partnerschaft mit Kronstädter Institutionen wie Kreisrat, Transilvania-Hochschule, Honterus-Lyzeum, Kulturzentrum Redoute, dem Verein zur Förderung des Tourismus im Kreis Kronstadt (APDT) und andere. Der Einladung folgten Referenten aus mehreren Ländern und aus mehreren Bereichen, die den Tourismus beeinflussen, sodass interessante Vorträge zu verfolgen waren.

Im ersten Teil der Tagung war die für einen modernen Tourismus notwendige Infrastruktur das Hauptthema. Wie erwartet, konnte da das Thema „Flughafen“ nicht fehlen. Die stellvertretende Vorsitzende des Kreisrates Kronstadt, Imelda Toaso, wiederholte die Versicherung seitens des Kreisrates, sein Flughafen-Projekt bis zur zweiten Jahreshälfte 2020 zu verwirklichen, und fügte als Neuheit hinzu, dass der Flughafen bei Weidenbach/Ghimbav Anfang 2021 betriebsfähig sein werde. Gabriel Tischer, Vorsitzender des Verwaltungsrates des Flughafens Hermannstadt/Sibiu, unterstrich die Bedeutung des Flughafens für die wirtschaftliche und touristische Entwicklung Hermannstadts. Die Zahl der Fluggäste weise eine steigende Tendenz auf – 2017: 530.000 Fluggäste, 2018 wird mit über 650.000 gerechnet, 2019 sollen 800.000 Fluggäste erreicht werden, um ein Jahr später die 1 Million zu überschreiten. Er erinnerte daran, dass laut EU-Richtlinien ab 2024 die staatlichen Hilfen für Flughäfen entfallen werden, sodass diese sich selbst finanzieren müssen. In Hermannstadt verfolge man bereits eine Strategie, um dieses Ziel zu erreichen. Auf ADZ-Anfrage sagte Tischer, dass, laut Studien, eine Fluggastzahl von 1 Million/Jahr einen Flughafen gewinnbringend mache. Das Kronstädter Projekt bezeichnete er als ein „ehrgeiziges Projekt“ und wünschte Kronstadt viel Erfolg zu dessen Umsetzung. Kronstädter Konkurrenz fürchte man in Hermannstadt nicht, da der Großteil der Kunden hauptsächlich aus den Landkreisen Hermannstadt, Vâlcea, Alba und Hunedoara komme. Kronstadt werde eher mit dem Flughafen aus Neumarkt/Tg. Mureș konkurrieren, wenn dieser wieder eröffnet werde. Ausschlaggebend sei die Strategie der Fluggesellschaften bei der Auswahl der Fluglinien für jeden einzelnen Flughafen.

Der Hamburger Architekt Klaus Lenz erinnerte daran, dass ein Flughafen für Touristen und Geschäftsleute, die mit dem Flugzeug reisen, den ersten und den letzten Eindruck in Bezug auf eine Stadt oder Region hinterlassen. Dementsprechend kann der Flughafen als ein lokales Identitätsmerkmal betrachtet werden. Er müsse, außer den technischen und Sicherheitsvoraussetzungen, an die Stadt angepasst sein, die er bedient. Bei der Planung müsse an einen Zeitraum von 10 bis 20 Jahre gedacht werden, also auch ein Wachstum berücksichtigt werden.

In weiteren Wortmeldungen wurde hervorgehoben, wie wichtig eine schnelle Verbindung von und zum Flughafen sei. Aber auch die Sehenswürdigkeiten der Stadt und der umliegenden Region (z. B. die Kirchenburgen im Burzenland oder die Törzburg) müssen einen leichten Zugang haben. Aurelian Danu von der Metropolbehörde Kronstadt spricht sogar von einer Express-Linie für Touristen, wo das Personal manche Aufgaben eines Reiseleiters übernehmen könnte und selbstverständlich auch eine Weltsprache beherrscht. Andreas Schiller, Geschäftsführer von Schiller Publishing House, stellte die Verbindung zwischen Flughafen und Messegelände oder Ausstellungszentrum her. In Kronstadt gibt es bekanntlich die von Macedonschi unterstützte Initiative zur Gründung eines modernen und großen Messezentrums auf dem Gelände des ehemaligen Rulmentul-Werkes – ein Projekt, das Kronstadt aufwerten und den Business-Tourismus beleben würde. Messen als Treffpunkt bleiben wichtig auch in der Ära der Digitalisierung, denn ein Händeschütteln kann nicht ersetzt werden, so Schiller. Gerd Bommer, österreichischer Wirtschaftsdelegierter in Bukarest, zeigte sich beeindruckt von der zunehmenden Zahl rumänischer Touristen in seiner Heimat. Dasselbe wünscht er Kronstadt, denn „Ihr habt hier alles“, was als natürliche Voraussetzung für erfolgreichen Tourismus gelten könnte.

Zwei Redner, Architektin Hildegard Brandl und der Weltbank-Experte Marius Cristea, sprachen über das Angebot, das heute eine Destination vorweisen müsste, um das Interesse der Touristen zu wecken. Die Zeiten haben sich geändert: Jenseits von Museumsbesuchen und Sehenswürdigkeits-Touren sind immer mehr Erlebnisse und Erfahrungen gefragt, direkte Kontakte und außergewöhnliche Orte. Für solche wenig bekannte Destinationen in Rumänien hat Brandl eine eigene Webplattform gegründet: ROBELO (Romanian Best Locations). Cristea konnte anhand einer Weltbankstudie zu „Magnetischen Städten“ (jene Städte, die Touristen besonders anziehen) belegen, welch guten Ruf Kronstadt in Rumänien hat. Alina Szasz erwähnte die Rolle Kronstadts als Sitz der nationalen Arbeitsgruppe für nachhaltigen Tourismus im Rahmen der Karpatenkonvention und als Kandidat für das Sekretariat dieser Organisation.

Den Übergang zum zweiten Hauptthema der Konferenz – „Die Digitalisierung im Tourismus“ – machte Joseph Michael Kieser aus den USA, der auf Sardinien lebt und dort über die Firma Tecnotel Italia Straßenmöbel anbietet, die unter anderem Internet-Zugang ermöglichen, auch über „Öko-Strom“ dank einer einfachen Solarzelle auf dem Gerüst einer Haltestelle. Denn heute ist das Smartphone für viele Touristen zum Ersatz von Kartenmaterial und sogar von Reiseführern geworden. In Kronstadt konnten junge Leute wie Alex Govoreanu über seine App „Questo“ berichten; oder der Blogger Tudor Maxim „Experience Romania“ nach „Experience Bucharest“ vorstellen. Online-Werbung ersetzt die klassischen Broschüren, Hefte und Plakate. Auch darüber wurde gesprochen und Portugal als Paradebeispiel genannt.

Thomas Mertens (Rosenheim) stellte das Start-up Flowtify vor, das Hygiene-Checks in Gaststätten und Hotels via Tablet ermöglicht und auch Arbeitsanweisungen so übermittelt. Victor Tofan (Spanien/Deutschland) erklärte das Cloudbeds-Konzept. David Timiș sprach über Erziehungsprogramme und über die künstliche Intelligenz, wobei die Roboter nicht als Gefahr sondern als zukünftige Kollegen beschrieben wurden. Anpassungsfähigkeit sei immer mehr gefragt – auch im Tourismus, wo die neuen Technologien in allen Bereichen auftauchen: in der Information, in der Werbung, in der Betreuung – auf der Straße, im Museum, im Hotel, am Flughafen und dank Smartphone und Internet auch in entlegenen Dörfern oder Wäldern.

Die Kronstädter Konferenz war auch der geeignete Anlass für den Vorschlag der Kandidatur Kronstadts für den Titel europäische smarte Tourismushauptstadt („European Capital of Smart Tourism“), der ab 2019 von der Europäischen Union vergeben wird. Die Ankündigung machte Christian Macedonschi, der nun die dafür notwendigen Schritte im Kronstädter Stadtrat, dessen Mitglied er ist, unternehmen wird.

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