Der Traum vom eigenen Schloss – Investoren sollen Denkmäler retten

Auktionshaus „Artmark“ stellt seine Immobilien-Tätigkeit und die Marktstudie 2018 vor

Dienstag, 16. April 2019

Monica Barbu und Constantin Prisecaru stellen die Marktstudie vor und beantworten Fragen. Foto: Artmark

Prachtvolle Räume am Sitz von „Artmark“ in der Strada Rosetti Nr. 9 Fotos (3): die Verfasserin

Kostbare Ölgemälde zu versteigern

Auch zu erlesenen Kunstgegenständen werden Auktionen veranstaltet.

Die Cula Măldar-Greceanu 2011, als sie noch als Museum besichtigt werden konnte Foto: George Dumitriu

Das Gebäude in der Bukarester Strada Rosetti Nr. 9 macht seinem Zweck alle Ehre: Wand- und Deckenstuck in überhöhten Räumen, rote Teppiche, farblich abgestimmte Tapisserien. An den Wänden kostbare Ölgemälde, perfekt ins rechte Licht gerückt. In Vitrinen Schmuck und andere Kleinodien. Vor den Fenstern rumänische Volkskunst vom Feinsten: Trachten, Webteppiche mit aparten Motiven, eine Weinpresse, hölzerne Truhen. So stellt man sich ein Auktionshaus vor: als Schatzkammer.

2. April 2019: Das 2008 gegründete erste Auktionshaus Rumäniens, „Artmark“, stellt seinen Marktbericht 2018 vor. Die Abteilung „Historische Immobilien“ präsentiert eine Analyse des baulichen Kulturerbes in ganz Rumänien und sein Marktpotenzial. Am Ende erhalten die Besucher eine Stofftüte mit vier schweren Katalogen: Angebote zur Versteigerung über „Artmark“ 2015-2016, 2016-2017, mit jedem Jahr dicker, 2018 sind es bereits zwei. Darin: Burgen, Schlösser, Herrenhäuser, bewehrte Wohntürme (Cule), alte Fabriken, Ensembles historischer Gemäuer, vielleicht mit Hauskapelle, Gewächshaus, Funktionsgebäuden. Einige sind aufwendig restauriert, andere romantisch mit Pflanzen überwuchert und bröckelnder Fassade, alle fotografisch von ihrer Schokoladenseite erfasst und in perfektes Licht gerückt. Ein Sachsenhof in Zeiden/Codlea, ein Öko-Bauernhof oder eine Luxus-Berghütte in Harghita mit eigener Mineralwasserquelle gefällig?  Aktuell könnte man ersteigern: den Stirbey-Palast in Bacău mit 5000 Quadratmetern Grundfläche und 15 Hektar Land, das Kastell Zlatna Alba, einst Sommerresidenz des Premierministers von König Carol II., oder den Maurice-Blank-Palast in Bukarest. 150 historische Immobilien – einige stehen unter Denkmalschutz, andere würden es ebenso verdienen – gehören derzeit zum Portfolio von „Artmark“. Gemeinsam haben sie alle eines: Sie vermitteln das Flair von Luxus.

Millionäre mit Sinn für Geschichte

Das Angebot des Auktionshauses richtet sich an Käufer, die das nötige Investitionspotenzial aufbringen, um das Objekt wieder in den wirtschaftlichen oder privaten Kreislauf einzubringen, erklärt CEO Monica Barbu – etwa als Hotel, kultureller Veranstaltungsort, Büro- oder Wohnraum; „Artmark“ bietet hierzu auch Beratung. Ein Beitrag zur Rettung historischer Bausubstanz, die andernfalls verfällt.  Leider sei dies bei sehr vielen Objekten auf dem Land der Fall. Das staatliche Amt für Denkmalschutz ist überfordert. Hinzu kommt, dass 25 bis 30 Prozent der Gebäude, die theoretisch die Kriterien für ein Denkmal der Klasse A (von nationalem Interesse) oder B (von regionalem Interesse) erfüllen würden, gar nicht erfasst sind. Die Gründe sind vielfältiger Natur: In der Zeit, in der Denkmäler von Steuern befreit waren, war das Interesse der Besitzer an einem Eintrag in die Denkmalliste hoch. Andere scheuten gerade den Eintrag wegen der damit verbundenen baulichen Restriktionen.  Der Staat hat bei der Versteigerung von Denkmälern Vorkaufrecht, erklärt Barbu.

Wer sich solche Güter hierzulande überhaupt leisten kann, mag man sich nun fragen. Zu den Kunden von „Artmark“ gehören vor allem Rumänen aus dem Ausland -  USA, Australien, Singapur – verrät Constantin Prisecaru. Laut Credit Suisse Report 2018 gibt es in Rumänien 15.980 Personen mit mindestens einer Million US-Dollar Liquidität – davon 14.302 mit einer bis fünf Millionen, 1042 mit fünf bis zehn Millionen, 569 mit zehn bis 50 Millionen, 41 mit 50 bis 100 Millionen, 23 mit 100 bis 500 Millionen und drei mit über 500 Millionen. Ausreichend Kundenpotenzial – und mehr. Denn „schon“ mit einer halben Million kann man dabei sein. Dafür erhält man zum Beispiel das Herrenhaus Oteteleșanu im neoklassischen Stil (Grădinari, Giurgiu), das Herrenhaus Procopie Casota in Buzău oder das Haus eines Händlers aus dem 14. Jahrhundert in Hermannstadt/Sibiu. Die Bilder jedoch verraten: Mit der halben Million zum Kauf ist es lange nicht getan...

Land der Herrenhäuser und Schlösser

Die Studie liefert einen Überblick über landesweit vorhandene historische  Immobilien nach Kategorien in Regionen. Es handelt sich um einen allgemeinen Marktüberblick, nicht über die im Portfolio von „Artmark“ tatsächlich vorhandenen Immobilien, stellt Prisecaru klar. In ganz Rumänien gibt es 10.041 eingetragene Baudenkmäler, davon 851 Ensembles (276 Klasse A, 575 Klasse B) und 9190 Einzelimmobilien (1218 Klasse A, 7972 Klasse B). Die meisten liegen in der großen Walachei (Muntenien): 1819 plus 1894 in Bukarest. An Stelle zwei liegt Siebenbürgen mit 2910, gefolgt von der Moldau mit 1117, der kleinen Walachei (Oltenien) mit 1042, dem Banat mit 561 und der Dobrudscha mit 174 Baudenkmälern. Hinzu kommen die 25 bis 30 Prozent nicht denkmalgeschützten Objekte, von denen die NGO Arche in den letzten 15 Jahren eine Liste erstellt hat.

Interessant auch die Auflistung der historischen Gebäude, die als Touristenunterkunft genutzt werden. In der großen Walachei sind es „Conacul dintre vii“ (Prahova) und „Carol Park“ (Bukarest); in der kleinen Walachei „Conacul Măldar“ (Vâlcea) – erinnern wir uns an dieser Stelle an den Artikel „Die Cule von Măldarești“ (ADZ-Online 15. 10. 2011): Die bewehrten Wohntürme waren damals noch Museen. In Siebenbürgen kann man im „Conacul Apafi“ (Malmkrog/Mălâncrav, Hermannstadt), fürstlich nächtigen, im „Zabola Estate“ (Zăbola, Covasna), im „Daniel Castle“ (Tălișoara, Covasna) – zur Geschichte des Schlosses und seiner Transformation siehe ADZ-Online 18.3.2018, „Im Himmelbett unter der Hohen Pforte“, in der „Casa Wagner“ (in Kronstadt/Brașov als auch in Schäßburg/Sighișoara), im Haller- Schloss (Ogra, Mureș), im Brukenthal-Palast (Freck/Avrig, Hermannstadt), in der „Casa Kraus“ (Schäßburg), der „Casa Luxemburg“ (Hermannstadt), im „Fronius Hotel“ (Schäßburg), im Hotel „Camino Home“ (Klausenburg/Cluj-Napoca) oder der „Casa Rozelor“ (Kronstadt). Drei historische Gästehäuser liegen in der Moldau: „Polizu Manor“ (Jassy/Iași), „Conacul Zăicești“ (Botoșani) und „Castelul Sturdza“ (Miclăușeni, Jassy).

Lösungen für Bukarest

Die meisten modernen Immobilien-Entwicklungen sind vom Typ Greenfield, erklärt Monica Barbu. Doch gerade in Bukarest seien diese Möglichkeiten beschränkt. Zonen wie Floreasca oder Pipera sind bereits beengt, weiter draußen fehlt die nötige Verkehrsanbindung. In der Stadt stößt vor allem der sich stark entwickelnde Sektor der Büroimmobilien an seine Grenzen. Hier könnten zentral gelegene historische Gebäude Abhilfe schaffen.

Erfolgsbeispiele gibt es bereits, vor allem in der Hotelbranche. In der Strada Doamnei (Altstadt) wurde das „Garden Inn“ von Hilton in einem Denkmalgebäude eröffnet. Der Erfolg war so groß, dass zwei weitere Häuser erworben wurden, die ehemalige Marmarosch-Bank und das Gebäude Nr. 17, wo die Marriott-Brands „Autograph“ und „Moxy“ einziehen sollen. Alle drei sind Investitionen der litauischen Gruppe „Appex Alliance“. Für 2019 steht eine weitere große Transaktion in der Strada Doamnei bevor, verrät die Studie.

Beispiele für Transformationen historischer Ensembles in Wohn- oder Büroräume sind: die ehemalige Bierfabrik Luther, übernommen von der Immobilienfirma Hanner; der israelische Investor Hagag hat das Gebäude Nr. 139 auf der Calea Victoriei erworben und darin Luxuswohnungen eingerichtet; „One United“ will die ehemalige Ford-Fabrik in der Calea Floreasca in einen Luxus-Wohnpark namens „One Mircea Eliade“ verwandeln. Das einstige Hotel „Cișmigiu“ beherbergt heute das spanische Kulturhaus „Cervantes“, dank dem spanischen Investor Hercesa. Weitere Beispiele sind die Ioanid-Schule im Chrissoveloni-Cantacuzino Palast oder die 1000 Quadratmeter große Buchhandlung „Cărturești Carusel“ in der Lipscani Nr. 55 (Altstadt), in einem Gebäude aus dem 19. Jh. aus dem Besitz der Bankiersfamilie Chrissoveloni untergebracht.

In ein Veranstaltungszentrum mit Theater, Sälen und Büros wurde das Gebäude „The Ark“ – 1898 nach Plänen von Giulio Magni und Anghel Saligny erbaut – transformiert. Weitere Beispiele für Kulturzentren sind die „Halele Carol“, der „Nodmakerspace“ in der ehemaligen Baumwollfabrik am Splaiul Unirii 160, der Kultur-Hub „POINT“ in der Ieremia Grigorescu Straße 10, „Alllive“ auf dem ehemaligen Industriegelände von Malaxa (Basarabia Boulevard 256), der Club „Fabrica“ in der ehemaligen Strumpfhosenfabrik Apollo (Strada 11 Iunie 50) oder, inzwischen geschlossen, „Materia Repositorium“ auf dem Gelände der ehemaligen Fabrik „Crinul“ (Logofătul 68A).

Wermutstropfen

Was der Staat mangels Mitteln nicht retten kann, bewahren Investoren vor dem sicheren Verfall – im Prinzip ein sinnvoller Gedanke. Einen kleinen Wermutstropfen gibt es trotzdem. Erinnern wir uns an den Artikel über die Cule von Măldărești“: Die bewehrten Wohntürme waren damals noch Museen, jedermann konnte sie für wenig Geld besichtigen. Heute ist die Cula Măldar-Greceanu nur noch gehobener Kundschaft zugänglich. Umso mehr gilt dies für Denkmäler, die in private Wohnungen oder Büros transformiert werden und deren prachtvolles Innenleben aus dem Blick der Öffentlichkeit ein für alle Male verschwindet.

 

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