Der Traum vom Paradies auf Erden

Ökotourismus in Rumänien – Visionen, Ziele, Tipps

Sonntag, 25. November 2012

Drei, die von Öko-Rumänien träumen: Andrei Blumer (Präsident AER), Ivan Patzaichin und Doru Frolu („Ivan Patzaichin – Mila 23“).

Am Dâmbovi]a Ufer vor der Nationalbibliothek soll ein schwimmendes Ökotourismus-Informationszentrum entstehen.
Fotos: Nina May

Was bedeutet eigentlich Ökotourismus? Ein Ausflug in die Natur, bei dem man seinen Müll mit nach Hause nimmt? Reisen mit Rucksack und Zelt, statt Cocktailbar und Jacuzzi im Vier-Sterne-Hotel zu genießen? Oder muss man das Auto zu Hause lassen und auf dem Drahtesel die Welt erstrampeln? Die Japanerin Ayako Ezaki von der Internationalen Ökotourismus Gesellschaft (TIES) – einem globalen Netzwerk von 120 Mitgliedern, NGOs und Unternehmen im Bereich Naturschutz und Reisen – definiert Ökotourismus als „Reisen in natürliche Regionen zum Schutz derselben und zum Vorteil der lokalen Einwohner“.

Erfolgreiche Beispiele gibt es auf allen Ebenen: In Bolivien hatte man sich von staatlicher Seite für den Ausbau des sanften Tourismus im Einklang mit der Natur entschieden und dafür auf kontraproduktive Geschäftszweige verzichtet. In Nepal hingegen begann ein für den „Responsible Tourism Award“ nominiertes Ökotourismus-Projekt mit nur drei Frauen aus einem entlegenen Bergdorf. Weil immer mehr weibliche Abenteurer alleine die Region bereisten und zögerten, einen männlichen Bergführer für Touren in die Einöde anzuheuern, kamen sie auf die Idee, sich diesen als Trekking Guides anzubieten. Das gezielte Besetzen der Marktnische erwies sich als Erfolgsrezept. Bald konnten sie weitere Frauen ausbilden und Einnahmen ins Dorf zurückinvestieren, sodass eine dem Bedarf angepasste touristische Infrastruktur entstand. 

„Wichtig für den Start ist, ein konkretes Produkt anzubieten“, mahnt Ayako Ezaki. Die meisten Projekte würden schon in der Anfangsphase scheitern, doch aus einem Produkt entwickelt sich oft mehr. Als weiteres Beispiel nennt sie „Volcano Discovery“ in Hawaii, ein Unternehmen, das heute in aller Welt Vulkanführungen anbietet und hauptsächlich von Mundpropaganda lebt. Die Führungen unterscheiden sich von gewöhnlichen Touren mit raschen Fotostopps und der Hetze von einem Aussichtspunkt zum anderen durch Verweilen an interessanten Orten und einer Fülle von dargebotenen Informationen zu lokalen Besonderheiten, zu denen man sonst keinen Zugang hat. „Ich selbst habe eine Tour mitgemacht und war total begeistert, sodass ich natürlich – wie auch jetzt und hier – Mundpropaganda mache“, scherzt die Japanerin anlässlich ihrer Rede auf der Ökotourismuskonferenz, die am 2. November im Rahmen des von der NGO „Ivan Patzaichin – Mila 23“ initiierten Spektakels „Plug to Nature“ in der Nationalbibliothek Bukarest stattfand.

Was braucht Rumänien als potenzielles Ökotourismusziel?

Die Beispiele aus Nepal und Hawaii sprechen für den Bottom-Up-Ansatz, also von unten nach oben. Doch können Kleinprojekte den Tourismus in einem Land beeinflussen, geschweige denn nachhaltig mitgestalten? Würden sie in Rumänien nicht im Ansatz ersticken, durch Müllberge und dröhnende Partymusik aus der Umgebung? Müsste es nicht, wie im Falle von Bolivien, im Sinne eines Top-Down Ansatzes von oben verordnete Ziele und Richtlinien geben? Ezaki weist darauf hin, einer der häufigsten Schlüssel zum Erfolg sei eine Kombination von beidem! Wer eine konkrete Initiative ins Leben rufen möchte, sollte eine Partnerschaft mit der lokalen Bürgermeisterei ins Auge fassen, rät die japanische Expertin.
 
Im Oktober 2013 soll in Bukarest eine EU-weite Konferenz zum Thema Ökotourismus stattfinden. Bis dahin, rät der Saarländer Herbert Hamele von European Ecoturism Labelling Standards (EETLS), solle man hundert „Beste Initiative“-Beispiele sammeln und die rumänische Landkarte als Ökotourismus Puzzle präsentieren. Wichtig hierfür sei eine einheitliche Zertifizierung – was ist wirklich „öko“? Die gute Nachricht: Rumänien hat mit dem „Eco certified“-Label von AER (Asocia]ia de Ecoturism din România) bereits eines der weltweit besten Zertifizierungssysteme, lobt Hamele. Neben zahlreichen Kleininitiativen gibt es zudem Pläne zur gezielten Entwicklung ganzer Regionen als Ökotourismus-Destinationen.

„Unsere Vision“, so AER-Präsident Andrei Blumer, „ist die Schaffung und internationale Bekanntmachung von mindestens zehn Ökotourismus-Destinationen bis 2020.“ Diese zentrieren sich um die schönsten Nationalparks des Landes: das Westgebirge/Munţii Apuseni, das Retezat-Gebirge, das Haţeger Land, die Region um Törzburg/Bran, das Măcin-Gebirge, das Donaudelta, das Dorna-Gebiet, das Lăpuşului-Gebiet, Băile Tuşnad und die Große Kokel/Târnava Mare. Die Pläne umfassen Natur- und Kultur-Themenpfade, Radwege und andere Infrastruktur für sanften Tourismus, gastronomische und folkloristische Events und vieles mehr. 

Doch vor allem außerhalb solcher Entwicklungszonen sorgen sich Unternehmer wie Umweltschützer, dass Müllberge in der Landschaft jede Initiative von vorneherein zunichte machen. Hamele rät daher zur Aufklärung mit Spaß und Spiel: Schulen könnten einen Tag freigeben und eine Müllsammelaktion mit einem Wettbewerb oder Projekt veranstalten, zum Beispiel einer Ausstellung „Woher kommen die Päckchen?“ Touristen und Einheimische könnten zum gemeinsamen Beach-Cleaning mit einem anschließenden Fest motiviert werden. „Viele Reisende suchen die Gemeinsamkeit“, so Hameles Tipp auf eine mögliche Zielgruppe.

Carmen Chaşovschi von der Universität Suceava verweist darüber hinaus auf dramatische Entwicklungen in der Bukowina und Maramuresch: Traditionelle Holzhäuser werden abgerissen, dahinter wachsen Ungetüme aus Beton, Plastik und Stahl in die Höhe. Zusammen mit ihren Studenten hat sie eine Initiative ins Leben gerufen, um das Bewusstsein der Bürgermeistereien und der Bevölkerung zu schärfen: Was lockt Touristen an, was schreckt sie ab? Auf Plakaten werben sie mit Positiv- und Negativbeispielen: so! – so nicht! „Pfui“ sind aufgeklebte Steinsockelimitate, knallroter Verputz, weiße Plastikfenster, auf Baustellen zurückgelassene Schutthaufen, aber auch der – ansonsten lobenswerte – riesige Drahtverschlag für Müll, mitten im schmucken Dorfzentrum. Mit der Aktion „Adoptiere ein Haus“ soll außerdem Geld für die Erhaltung verwahrloster alter Dorfhäuser gesammelt werden.

Netzwerk – unverzichtbares Instrument

Für Rumänien als Ökotourismus-Puzzle ist vor allem Vernetzung wichtig. Große und kleine Projekte sollten sich gegenseitig befruchten, ergänzen – warum nicht auf EU-Ebene oder auf weltweitem Niveau? Wie die Vereinigung der Geoparks für Tourismus auf der Basis geologischer Attraktionen und Biodiversität, der weltweit stark im Kommen ist. Das Netzwerk „European Geoparcs“ verzeichnet derzeit 52 Mitglieder in 19 Ländern, während das von der UNESCO geführte „Global Network of National Geoparcs“ 82 Parks aus 27 Ländern umfasst. Neben gemeinsamen Events, gegenseitiger Werbung und Erfahrungsaustausch treffen sich die Mitglieder zweimal im Jahr auf einer internationalen Konferenz.

Die Destinet-Initiative (www.destinet.eu) ist ein Projekt des „Global Sustainable Tourism Council“ der UN, Gründer: Herbert Hamele. Sie stellt eine Internet-Plattform für Networking im Ökotourismus-Bereich dar. Hier kann man sein eigenes Projekt bekannt machen, sich von anderen Ratschläge holen, prämierte Best-Practice-Beispiele einsehen oder auf eine umfassende Datenbasis an aktuellen Themen zugreifen: Marketing, Klimawandel, Natur- und Kulturerbe, neueste Trends und Forschungen... Auch das Europäische Ökotourismus Netzwerk (EEN) bietet eine Internet-Plattform an. Unter www.ecotourism-network.eu kann man sich dort zu Zertifizierungssystemen, Lehrmitteln zur Aufklärung, Marketing, Naturparks, oder im Ökotourismusbereich tätigen Organisationen und Behörden informieren.

Klassifizierung als Qualitätsgarantie

Kernstück eines landesweiten Ökotourismus-Konzeptes ist jedoch die Zertifizierung auf der Basis anerkannter Standards. Anbieter stellen oft die Frage, ob mit der Verleihung des Öko-Gütesiegels zwangsläufig mehr Touristen kämen. Andrei Blumer klärt auf: Natürlich wird mit Aufnahme einer Pension in das Netzwerk auch Werbung für diese im Ausland gemacht – was sich ein Nicht-Mitglied in der Regel gar nicht leisten kann. Doch der eigentliche Vorteil der Zertifizierung besteht darin, dass Touristen darin eine Qualitätsgarantie sehen. Für das „eco certified“-Gütesiegel können sich Gästehäuser und Reiseveranstalter bewerben. Die Klassifizierung erfolgt in vier Kategorien: A - Management und Infrastruktur, B - Entwicklung der lokalen Gemeinde, C - Kulturelle Belange und D - Naturschutz und Biodiversität.

Im Falle einer Ökotourismus-Destination – also einer ganzen Region, koordiniert von einem Projektleiter – beinhaltet dieses ABCD-Schema folgende Schwerpunkte: Unter A fallen Partnerschaften zwischen lokaler Verwaltung, NGOs und Geschäftsleuten, passendes Marketing, Instruktion des involvierten Personals und der Bevölkerung in der Region, ein Feedback-Mechanismus für Meinungen und Beschwerden. Kategorie B umfasst die Einbeziehung lokaler Einwohner, Aufträge an lokale Firmen, Bezug lokaler Agrarprodukte. „Das Geld muss im Dorf bleiben“, so lautet hier die Ideologie. Zu diesem Punkt gehört aber auch die Aufbereitung von Wissen um die lokale Fauna, Flora und Bräuche in verschiedenen Sprachen, oder Infrastruktur für Behinderte. Punkt C bezieht sich auf die Aufbereitung des Kulturguts: Einbeziehung von Traditionen und Bräuchen, Schaffen von Festivals und Events.

Punkt D stellt das Kernstück jeder Ökotourismus-Destination dar: der Umweltschutz. Also Einwegprodukte meiden, korrekte Abwasser- und Müllentsorgung, Biodiversität und natürliche Landschaft, wilde Tiere in Freiheit und nicht im Zoo.
Eine Ökotourismus-Destination, so die Definition von AER, muss außerdem mit öffentlichen Verkehrsmitteln zugänglich sein und mindestens 100 Übernachtungsplätze (auch Camping) bieten. Das Öko-Gütesiegel schließt moderne Innovationen nicht aus, doch dürfen sie die Umwelt nicht schädigen. Bar und Jacuzzi im Vier-Sterne-Hotel – warum also nicht?

Ausblick auf Öko-Rumänien

Jede der geplanten Öko-Destinationen lockt mit spezifischen Besonderheiten. Für das Gebiet um die Törzburg stellt Hermann Kurmes, einer der Ökotourismus-Pioniere Rumäniens, die Beobachtung wilder Tiere in den Vordergrund. Aus einem ehemaligen ausländischen Forschungsprojekt zu Wölfen und Bären entwickelte sich ein mittlerweile erfolgreiches touristisches Konzept, den Spuren dieser Tiere zu folgen und sie aus Jägerständen friedlich zu beobachten. Zudem konzentriert man sich dort auf die „Carpathian Man“-Marathons (www.carpathianman.ro): die „Schuler-Nacht“ (Postăvaru), den Bikemarathon „3 Montains“ oder die Bergmarathons „Ultratrail Fogarasch“ (Făgăraş) und „Königstein“ (Piatra Craiului). Vier feste Ereignisse, die in der Nebensaison Touristen bringen.

Im Gebirge Pădurea Craiului locken die Höhlen Meziad, Mina Facru (mit außergewöhnlichen Kristallformationen), Vadu Crişului und Unguru Mare (mit riesigen Salzgalerien). Hobbyspäologen sollen auf geführten Touren auch die übrigen Höhlen erforschen können. Im Westgebirge konzentriert sich Destinationskoordinator Mugur Pop auf Aktivitäten rund ums Reiten: Ob Anfänger oder Profi, mit 6 km/h geht es in schwindelnde Höhe – Naturbeobachtung und Sennhüttenbesuch inbegriffen.

An der Großen Kokel locken gleich sieben Naturreservate auf 260.000 Hektar geschützter Fläche. Kulturelle Attraktionen sind die sächsischen Kirchenburgen. Doch bisher kamen die Touristen nur kurz und blieben ein bis zwei Nächte in Kronstadt/Braşov. Ziel ist, sie in die Dörfer zu locken und mit Aktivitäten wie Radfahren, Wandern, Brotbacken, Besuchen beim Hufschmied oder kulinarischen Events zu längerem Verweilen anzuregen. Im Dorna-Gebiet entstand bereits ein umfassendes Netz an Radwegen aller Schwierigkeitsgrade mit 11 Routen und zwei Radverleihen. Von lokalen Unternehmen angeboten werden außerdem Eisklettern, River Rafting, Reiten, Pferdeschlittentouren und mehr.

In Haţeg sorgen gleich drei Naturparks für maximale Attraktion: Retezat, Grădiştea-Cioclovina und der als Geoparc registrierte Dino Park – dem einzigen Ort der Welt, an dem einst Mini-Dinosaurier lebten! Entdecken lässt sich all dies auf Radwegen, Themen- und Abenteur-Pfaden. Hinzu kommen Dakerfestungen (Sarmizegetusa Regia), alte Steinkirchen (Densuş), mittelalterliche Türme, die Festung Mălăeşti und das Grab von Arsenie Boca neben dem Kloster Prislop im Landkreis Hunedoara als beliebtes Pilgerziel.

Băile Tuşnad wirbt mit seinem auf einem ehemaligen Vulkan gelegenen St. Annen-See, mit heilkräftigen Kohlendioxid-Mofetten und natürlichen Mineralwässern, mit dem Reservat Piatra Şoimilor – und dem einzigen Hundeschlittenrennen des Landes, der „Cupa Băile Tuşnad“. Im Donaudelta bauen Patzaichin und Frolu über die NGO „Ivan Patzaichin - Mila 23“ den sanften Rudersport im Holzboot aus. Neben dem Besucherzentrum in Crişan sollen neun weitere entstehen, wo man Boote, Fahrräder oder Pferde mieten und sich Touren zusammenstellen lassen kann.

Ist Öko-Rumänien also mehr als ein Traum? „Ökotourismus ist die einzige Nische im rumänischen Tourismus, die in den letzten Jahren Fortschritte gemacht hat“, verrät Bogdan Papuc von AER in seiner Rede. Die vielen jungen Umweltschützer auf der Konferenz, die Kleinunternehmer, die zaghafte erste Schritte wagen, die freiwilligen Destinationskoordinatoren, die mit AER an einem Strang ziehen, oder Zugpferde wie der Ruderchampion Ivan Patzaichin, nicht zuletzt auch die Financiers dieser Konferenz: Europäische Regierungen, NGOs und immer mehr Firmen – sie alle tragen dazu bei, dass sich das Puzzle Öko-Rumänien langsam, aber stetig füllt. Bis das gemeinsame Wolkenschloss Gewicht gewinnt und plötzlich in die Realität hinunterfällt...

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