Der Überlebenskünstler

Donnerstag, 27. September 2012

Foto: sxc.hu

Als wir ihm erstmals begegneten, fiel er uns zunächst gar nicht besonders auf. Auf den ersten Blick eher unscheinbar, eine Art Collie-Schäferhundverschnitt mit ein wenig zu kurzen Beinen, trippelte er stets den beiden prächtigen Labradors hinterher, einem semmelblonden Rüden und einer pechschwarzen Hündin, denen Hauspersonal und Gäste  gebührend Beachtung schenkten. Vor allem, weil Cora einen vielsagenden Hängebusen hatte und jeder die süßen kleinen Welpen sehen wollte. Wo sich Aki und Cora niederließen, da lag auch er, der Namenlose, der Unbeachtete. Oder aber er kroch unter die Holzplanken, die zum Pool der kleinen Touristenanlage mit dem Reetdach führten, gut geschützt vor der noch immer sengenden Septembersonne. Eigentlich dachten wir, er gehört zum Inventar.

„Schnell, ein Foto!“ rief mein Vater auf einmal von seiner Sonnenliege rüber – und wir konnten uns kaum halten vor Lachen. Der Hund war auf seine Liege geklettert und versuchte, sich unter seinen angewinkelten Knien zu verstecken! Bei einem Tier in dieser Größe ein brüllend komischer Anblick. Während sich noch alle über die plötzliche Liebesanwandlung des Hundes amüsierten, bog auf einmal ein Mann um die Ecke. In der Hand trug er ein Seil, band den Hund damit an und verschwand in Richtung Bootsanlegestelle. Ob das sein Hund war? Beim Abendessen erzählte uns Herbert, er hätte gesehen, wie der Hund in einen Sack gesteckt und abtransportiert worden war. Uns blieb der Bissen im Halse stecken. Der wird doch nicht in der Donau... nein, unvorstellbar!

Zwei Tage später dann die freudige Überraschung: Unser Hund war wieder da! Die Mädels von der Rezeption verdrehten die Augen. „Dreimal haben wir ihn schon nach Tulcea geschickt, aber er kommt jedesmal wieder zurück“ seufzte die Managerin von Mila 35. Irgendwann war er dort einfach aufgetaucht und wollte um keinen Preis mehr weg. Doch wie fand er den Weg zurück? Hatte er sich auf ein Ausflugsboot geschlichen? War er über die Donau geschwommen? Es gibt keine Straße, die nach Mila 35 führt.

Das Schicksal des Hundes begann, die Gemüter zu bewegen. „Nehmt ihn doch mit“, bettelte meine Mutter. Auch Marga und Martina blickten meinen Mann mit feuchten Augen an. Von ihm hing alles ab, das hing unausgesprochen in der Luft. Der Arme wurde sich schlagartig bewusst, dass er in eine verrückte Tierliebhabersippe eingeheiratet hatte und schüttelte vehement den Kopf: „Auf keinen Fall! Wir haben schon zwei Hunde!“

Der letzte Urlaubstag schleppte sich vorüber. Alle paar Stunden versicherten wir uns, dass der Hund noch da war. Auf einmal war er, der Unscheinbare, glücklicher Empfänger ganz vieler Streicheleinheiten und heimlicher Essensbröckchen. Die Labradore ... welche Labradore? Eigentlich war der Mischling mit den plüschigen Stehohren, den klugen Augen und dem „lachenden“ Gesichtsausdruck viel hübscher. Doch es war nur eine Frage der Zeit, bis der Mann mit dem Seil wieder auftauchen würde. Ob er ihn auch diesmal tatsächlich nur nach Tulcea bringen würde?

Schweren Herzens ging ich Koffer packen. Als ich zum Pool zurückkehrte, auf einmal wieder ein Schrei (diesmal auf Rumänisch): „Schnell, den Fotoapparat!“ Mein Mann lag ausgestreckt auf der Liege – und auf seinem nackten Bauch lag der Hund! Aus tiefbraunen Augen grinste er ihm treuherzig direkt ins Gesicht. Woher wusste er, dass George es war, der überzeugt werden musste? Auf einmal schlang dieser seine Arme um das Tier und meinte, seine Rührung verbergend: „Ich glaube, wir brauchen eine sehr große Schachtel.“ Dann stutzte er. Im Fell des Tieres klebte Blut. Blut aus zwei hässlichen, symmetrisch angeordneten, tiefen Wunden. Hundefängerkrallen.

Als wir Milo, den nun nicht mehr Namenlosen, am Seil zum Bootssteg führten, leistete er diesmal keinen Widerstand. Fünf Stunden lang lag er während der Heimfahrt eingerollt auf meinem Schoß, der einzige Platz im vollbesetzten Wagen. Da wussten wir: Diesmal wird Milo, der Überlebenskünstler aus Mila 35, ganz sicher nicht mehr zurückkehren.

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