Der „Uhrendoktor“

Über alte Turmuhren und spaßige Zwischenfälle mit Zoltán Boér

Freitag, 17. Oktober 2014

Zoltán Boér

Zoltán Boér bei dem Uhrwerk im Turm der Martinsberger Kirche

Die Turmuhr am Kronstädter Marktplatz
Fotos: der Verfasser

Seit mehreren Jahren werden kränkelnde und altersschwache Turmuhren in Kronstadt und Umgebung von Zoltán Boér betreut, repariert und restauriert. Sein letzter Eingriff an dem Uhrwerk der Martinsberger Kirche gab uns die Gelegenheit zu einem ausführlichen Gespräch über diese Tätigkeit, welche er mit viel Liebe ausübt.
Bevor wir auf einige der von Zoltán Boér erzählten Geschichten eingehen, eine kurze Beschreibung solcher Uhrwerke, um das vom „Uhrendoktor“ Berichtete verständlich zu machen.

Die Mechanik der Turmuhren ist am besten verständlich, wenn man sich eine Pendeluhr mit Zuggewichten in einem vergrößerten Maßstab vorstellt. Das Uhrwerk ist im Wesentlichen gleich: Auch im Turm befinden sich meistens zwei Gewichte, eines für das Uhrwerk und eines für das Läutwerk, ein Anker, ein Pendel und meistens auch ein Zifferblatt, allerdings nur um den Zeitstand, ohne nach außen gehen zu müssen, überprüfen zu können. Zusätzlich haben Turmuhren, wenn sie modernisiert wurden, manchmal ein Aufzugsystem mit Elektromotoren, die das Anheben der Zuggewichte automatisch machen. Die Gewichte erzeugen dann, indem sie ein Zugseil oder Kabel, welches an einer Winde befestigt ist, hinaufzieht, die notwendige Kraft, um das Uhrwerk in Betrieb zu halten und bei voller Stunde oder alle 15 Minuten einen Schlagmechanismus zu betätigen. Die Klänge können dann durch einen Hammerschlag – je nach Bauweise – auf eine kleine Glocke oder auf die Hauptglocke des Kirchturms erfolgen.

Sein Herz für Technik entdeckte Zoltán Boér, 1937 in Kronstadt geboren, schon sehr früh, während er die ungarische Grundschule besuchte, durch seinen Physiklehrer. Es folgten ein Fachgymnasium für Elektrotechnik, später die Hochschule und die Einstellung bei dem städtischen Elektrizitätswerk.
Heute gesteht Zoltán Boér schmunzelnd, dass auch eine finanzielle Aufbesserung der Grund war, sich als Fachlehrer für Elektrotechnik zu bewerben und Lehrstunden im Ausbildungssystem zu übernehmen. Dass gerade aus dieser Richtung der erste Kontakt zu Uhrwerken kommen sollte, träumte er damals mit Sicherheit nicht.

Heute erzählt er rückblickend: „Irgendwann haben einige meiner Schüler meine Bastelleidenschaft herausbekommen und damit begonnen, mir alte Uhren zu bringen. Altersschwach, nicht mehr funktionierend, aber schön im Aussehen, sogar mit kleinen Kunstwerken am Zifferblatt. Wanduhren eben, wie es sie in jeder guten Stube gab.“ Diese reparierte Herr Boér einzeln, brachte sie wieder zum Ticken und erfreute sich ihrer – wie er heute erzählt – als sie alle an einer Wand hingen. Wanduhren sind aber keine Turmuhren und seit der Zeit als Fachlehrer ist es etwas her. Wie kam es also zu den Turmuhren? Ausschlaggebend war dafür ein Zwischenfall, der seinerzeit, 1994, brenzlig war. Heute kann dagegen darüber nur noch gelacht werden.

Das Bürgermeisteramt hatte in jenem Jahr seine Zusage gegeben, dass am Marktplatz wieder einmal der Schlagerwettbewerb „Goldener Hirsch“ stattfindet. Während einer Besichtigung vor Ort hatte jemand vom Fernsehen bemerkt, dass die Turmuhr stand, was bei einer Direktübertragung ein schlechtes Image abgegeben hätte. Der eiligst herbeigerufene Museumsdirektor (die Turmuhr am historischen Rathaus, heute Geschichtsmuseum, gehört logischerweise dem Museum) konnte auf die Schnelle keine Lösung finden und so begann ein Reigen von Telefonaten, die beim Elektrizitätswerk mit der Anfrage endete: „Haben Sie nicht bei Ihnen jemanden, der sich mit so etwas auskennt?“ „Klar, haben wir!“ kam die Antwort, wobei der „Jemand“ niemand anders als Zoltán Boér, fachkundig in Wanduhren und nebenbei Bastler und Tüftler, war. „Das eigentliche Uhrwerk war beschädigt, auseinandergenommen und nicht in Gang zu bringen. Als Betätigung der Zeiger hatte man in den Vorjahren eine technische Improvisation gebaut, welche elektrisch, über ein Zeitrelais die Zeiger um jeweils eine Minute vorwärts springen ließ. So fand ich die Turmuhr des Rathauses vor. In der kurzen Zeit, die bis zum Beginn der Fernsehübertragungen übrig war, konnte nichts gemacht werden, also improvisierten wir. Zusammen mit meinem Sohn stellten wir uns neben das Uhrwerk mit je einer Stoppuhr in der Hand auf und schalteten von Hand die Zeiger  durch einen Elektromagneten, den wir andauernd mit Strom versorgten.

Jeden Abend, stundenlang, bis der ‘Goldenen Hirsch’ vorbei war“, erinnert sich Zoltán Boér.
Heute, nach Ersetzung des Uhrwerkes und einigen kleineren Umbauten funktioniert die Turmuhr wieder genau; ja sogar die Stundenschläge konnten wieder zum Erklingen gebracht werden, selbst wenn dies mehrere Wochen mühseliger Arbeit und auch einen nicht geringen finanziellen Aufwand bedeutet hat.
Doch die spaßigen Zwischenfälle hörten für Zoltán Boér nicht mit den mit Handumschalten verbrachten Nächten auf: „In einer Gemeinde neben Kronstadt, deren Namen lieber nicht genannt werden sollte, hatte ich die Turmuhr auch restauriert und das Läutwerk nach mehr als 30 Jahren Unterbrechung wieder erklingen lassen. Ich war mit den Übergabepapieren vor Ort, als mich der Gemeindepfarrer ins Gebet nahm. Einige Dorfbewohnerinnen, irgendwo am Rande der Gemeinde, hatten sich beklagt, dass zwar alles schön und gut sei, auch der Stundenschlag sei wunderbar, doch höre man ihn nicht mehr so gut und laut wie vor drei Jahrzehnten“, erzählt uns Zoltán Boér schmunzelnd. Sauer darüber, empfahl Herr Boér, die Damen mögen doch prüfen, ob die Hörgeräte nicht verstellt seien.

Auch mit dem Ablesen der Zeit hat mancher seine Schwierigkeiten und auch da hat Zoltán Boér eine lustige Geschichte auf Lager: „Der Lieblingsplatz eines älteren Gemeindepfarrers in der Nähe von Bistritz war draußen im Freien, auf einer Sitzbank mit Blick auf die schöne Kirche, genau auf die Turmecke. Er konnte demnach beide Zifferblätter sehen, auf zwei Seiten des Turmes, allerdings abgeschrägt. So sah die eine Seite um eine Minute wie verspätet aus, während die andere aussah, als ob die Uhr vorläuft und natürlich machte ihn das irre. In Anwesenheit seines Helfers, des Küsters, welcher auch die Uhr betreute, verlangte er eine Erklärung, die ich ihm zu geben versucht habe. Ich sagte, dass es sich um einen optischen Parallaxenversatz handelt und er antwortete mit ‘Aha!’. Der Küster versuchte es auch mit einer vereinfachten Erklärung und dem Vorschlag, er solle von vorne auf das Zifferblatt sehen, was ein zweites ‘Aha!’ als Folge hatte. Seit damals wurde ich zu diesem Thema nicht mehr angesprochen“, kichert Herr Boér. Spaßige Zwischenfälle scheinen ihn jedoch nur anzuspornen, denn für den kommenden Frühling hat er sich vorgenommen, eine genaue Übersicht der vorhandenen Uhrwerke mit Baujahr, Zustand, Erzeuger und anderen Einzelheiten aufzustellen.

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