Der Weggeworfene

Samstag, 11. Februar 2012

Eigentlich wollte er Schauspieler werden, und hätte ihn nicht eine plötzliche Erkältung daran  gehindert, den Vorsprechtermin einzuhalten, wäre aus Charles Dickens vielleicht ein längst vergessener Mime geworden. So aber schrieb er zum Broterwerb weiter für diverse Zeitungen, in denen er zahlreiche Fortsetzungsromane wie „Oliver Twist“ (1837-39), „Nicholas Nickleby“ (1838-39) und „David Copperfield“ (1849-50) veröffentlichte, die ihn zu einem der populärsten englischen Schriftsteller werden ließen.

Der am 7. Februar 1812 geborene Dickens stammte aus einfachen Verhältnissen. Als sein Vater, ein notorischer Spieler, 1824 im Schuldgefängnis landete, musste der 12-Jährige seine Schulausbildung abbrechen, um in einer Schuhcremefabrik Etiketten zu kleben. Dieses Erlebnis, aber auch die Zurückweisung des Heranwachsenden durch seine große Jugendliebe prägte den aufstrebenden Autor, der fortan für den finanziellen und gesellschaftlichen Aufstieg schrieb. Dabei entwickelte Dickens nicht nur den ihm eigenen grotesken Humor, sondern führte seinen Lesern nach dem eher heiteren Erstling „Die Pickwickier“ (1836-37) das soziale Elend der unteren Bevölkerungsschichten vor Augen, wobei er autobiografische Details häufig in seine Romanhandlungen einflocht. Dieser Griff in die Realität ist zugleich Dickens’ Stärke wie auch seine Schwäche, denn Alternativen zu dem aufstrebenden Protagonisten aus einfachen Verhältnissen zeigt der Autor nicht. Und auch sein Frauenbild schwankt etwas einseitig zwischen dem stillen Hausengel und der etwas unterkühlten, umsonst Umworbenen.

Obwohl Dickens ganz in seinen literarischen Figuren, deren fiktive Porträts in seinem Esszimmer hingen, aufging, behielt er immer auch den finanziellen Aspekt seines Schreibens im Blick. Als er etwa während des Abdrucks vom „Raritätenladen“ (1840-41) bemerkte, dass die Leserschaft Gefallen an der totkranken Nell fand, ließ er sie dahinsiechen, statt sie – wie ursprünglich beabsichtigt – als Nebenfigur einen schnellen Tod erleiden zu lassen. Derart dramatische Effekte (und auch einige kolportierte und kitschige Momente) entnahm der Autor dem zeitgenössischen Theater, für das er sich zeitlebens begeistern konnte. Bei einigen Wohltätigkeitsveranstaltungen stand er selbst auf der Bühne, einmal mimte er sogar vor der Königin Viktoria.

Während Dickens sich als Schriftsteller etablierte, wuchs die Zahl derer, die er mit seiner Arbeit versorgen musste. Neben den zehn Kindern, die er mit seiner 1836 geheirateten Frau Catherine bekam, lebten auch die Familien dreier Brüder und einer Schwester von ihm. „Ich erbte immer nur Verwandte“, klagte Dickens, der darunter litt, dass selbst seine Kinder ihm wenig Herzlichkeit, dafür aber genug Geldbitten entgegen brachten. Enttäuscht erteilte er seinem Sohn Sidney Hausverbot und tröstete sich in einer Affäre, über die jedoch seine Ehe zerbrach.
Dickens zog sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück, wirkte bei Lesungen angeschlagen und überarbeitet. Am 9. Juni 1870 erlitt er schließlich einen tödlichen Schlaganfall.

Geblieben ist ein umfangreiches Werk, das durch seine unverkennbaren Figuren wie dem Geizhals  Scrooge („Eine Weihnachtsgeschichte“) oder dem kriecherischen Uriah Heep („David Copperfield“), vor allem aber durch die bewegenden Geschichten der Waisenkinder wie Oliver Twist oder David Copperfield nach wie vor lebendig ist.
Geblieben sind aber auch Dickens’ letzte Geheimnisse. So mühen sich Biografen seit jeher, das Schicksal von seinem außerehelichen Sohn zu beleuchten; und zu seinem letzten, unvollendeten Kriminalroman „Das Geheimnis um Edwin Drood“ wurden mehr als hundert mögliche Enden verfasst. Ja, sogar Arthur Conan Doyle, der Vater von Sherlock Holmes, beteiligte sich an dem Rätselraten und behauptete 1927, der Geist Dickens’ sei ihm erschienen und habe ihm den Ausgang der Handlung verraten …

Das wohl größte Geheimnis Dickens’ aber war das seiner Kindheit. Nicht einmal seinen Kindern vertraute er die schmerzlichen Erfahrungen in der Schuhcremefabrik an – erst spätere Biografen enthüllten dieses traumatische und schamhaft verschwiegene Kindheitserlebnis, das als Schlüssel zu seinem literarischen Werk verstanden werden kann: „Ich werde es nie vergessen“, schrieb Dickens rückblickend, „ich kann es nicht vergessen, dass meine Mutter sich dafür erwärmte, mich in die Fabrik zurückzuschicken. “

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