Der Zoo, der verbindet

Ein Tag im Szegeder Tiergarten

Donnerstag, 27. November 2014

Ein kuscheliger Showmaster: der rote Panda

Bei den Giraffen kann man lange verweilen.

Der weiße Löwe – eine Seltenheit.
Fotos: die Verfasserin

Viele der Wochenendattraktionen für die Temeswarer und Arader liegen jenseits der Grenze, in Ungarn. Während sich die einen Badestunden in den Aquaparks gönnen, andere sich in den Shoppingzentren ergehen, gibt es auch nicht wenige Banater, vorwiegend Familien mit Kleinkindern, welche die Tierparks bevorzugen: in Debrecen oder in Szeged. Vor allem Szeged hat sich als beliebter Zielort etabliert. Der Besuch des „Szegedi Vadasparks“ ist auch für meine Familie zur Tradition geworden. Mindestens zwei Mal pro Jahr besuchen wir den Tiergarten, manchmal mit Freunden: einmal am Sommeranfang und einmal im Herbst.

Die zwei Fahrstunden nimmt man gern in Kauf, wenn man bedenkt, dass wir im Zoo locker fünf Stunden verbringen können, die im Flug vorbei sind. Der Szegeder Tiergarten ist der größte und jüngste in Ungarn zugleich: Gerade erst 25 Jahre alt erstreckt er sich auf einer Oberfläche von 45 Hektar. Der Budapester Tiergarten hat mit Sicherheit seinen Chic, der Szegeder Zoo ist aber für einen ausgedehnten Tagesausflug genau die richtige Adresse: informativ, modern und absolut kinderfreundlich.

Wenn man beim Zoo ankommt, erkennt man schon an den Autonummern, dass viele Mitbürger dieselben Gedanken hegen: RO-Autos mit TM- und AR-Nummern sind hier keine Seltenheit, ab und zu sieht man auch eine serbische Nummer auf dem Parkplatz.

Der Tierpark informiert seine Besucher mehrsprachig: Ungarisch, Rumänisch und vor allem Serbisch, denn aus diesem Dreieck kommen die meisten Besucher. Auch die Webseite gibt Erklärungen in diesen Sprachen, nicht nur auf Deutsch und Englisch.  Außerdem empfängt er uns unter alten Eichen und Buchen. Der Wald bietet den idealen Schutz vor der Sommerhitze und auch bei herbstlichem Nieselregen ist es unter den Zweigen immer noch am besten.

Pinguine, die es warm mögen

Gleich nach dem Eingang stoßen wir auf eine Seltenheit: Pinguine, die es warm lieben, Pinguine aus Südafrika. Zu jeder Regel gibt es Ausnahmen, die man als Erwachsener dann den Kleinen auch erklären muss - hatten wir doch unserem Nesthäkchen noch nicht vor langem erzählt, dass Pinguine in der Antarktis leben. Doch es gibt auch Pinguine, denen es an den warmen Tagen in dem Wald in der Mitte der Puszta gut geht. Überhaupt ist die Afrika-Region des in fünf Kontinente eingeteilten Zoos von der Artenvielfalt und dem Exotischem her die vielleicht anziehendste: Hier gibt es neben Zebras, Kamelen und Giraffen auch Erdmännchen und weiße Löwen, mit denen sich nur die wenigsten Zoos schmücken lassen können.

Ich muss mich an eine Aussage erinnern, die Lluis Bosch Pascual, der Vizepräsident des Netzwerkes „Réseau Art Nouveau“ und ständiger Sekretär der „Art Nouveau European Route” vor einem Jahr in Temeswar gemacht hat: Barcelona habe jahrelang mit dem Image eines Albino-Gorillas für sich geworben, erst im Zuge der Vorbereitungen auf die Olympischen Sommerspiele 1992 einigte man sich auf andere Wahrzeichen und Gaudis Bauten traten - endlich und gerechtfertigt - in den Vordergrund. Trotzdem erinnern sich die Stadtbewohner bis heute an die einstige Attraktion des Tierparks und Stadtmaskottchen, „Copito de Nieve“ (Schneeflöckchen), das 40 Jahre alt wurde.

Hier in Szeged macht man nicht viel Wirbel um die weißen Löwen, obwohl sie mit ihrer Farbe – es ist ein Ecru – noch majestätischer wirken als die „normalfarbigen“ Artgenossen. Die Löwen werden zwar viel fotografiert, aber im Sommer stehlen ihnen die quirligen Erdmännchen von nebenan die Show. Bei den Erdmännchen ist im Sommer immer etwas los und weil auch die Kinder leicht Zugang zu ihnen haben, ist der Trubel noch größer. Jetzt im Herbst sind die Erdmännchen unter einem warmen roten Licht gut behütet, erst nächstes Jahr werden sie sich wieder hinauswagen. Sie lugen neugierig durch die Fensterscheiben, hoffen, dort etwas zu sehen. Ihre Schnäuzchen scheinen uns zu wittern, wir mustern sie schmunzelnd.

Ein Showmaster: der rote Panda

Eine Gruppe Kinder hat mit uns den Zoo betreten, sie werden von einem Angestellten des Tiergartens empfangen und nach kurzen Erklärungen in das Gehege der Giraffen gebracht. Sie dürfen jetzt näher an die langbeinigen und langhalsigen Tiere heran als andere Besucher: in eine für Zoowärter vorgesehene Zone, von wo aus sie die Giraffen mutig füttern können. Diese lassen sich die Möhren schmecken. Um die Leckerbissen zu erhaschen, beugen sie ihre langen Hälse in Richtung der Kinder und strecken ihre langen, schwarzen Zungen heraus. Die Freude ist ansteckend. Wir fotografieren die Giraffen von oben. Praktisch! Man hat sich hier ausgedacht, eine Terrasse auf der ersten Etage einzurichten, da sieht man sich die Tiere aus der Vogelperspektive an und ihre Hörner und Ohren sind zum Greifen nahe.

In der Asienzone buhlt der rote Panda fast wie die Figuren aus der Disney-Produktion „Madagaskar“ um die Aufmerksamkeit des Publikums und … gewinnt! Er dreht Touren, leckt sich das Fell ab und… schmunzelt wie ein Star! Alle sind begeistert, lächeln, fotografieren! Beim Anblick des putzigen Pandas lächeln wir uns gegenseitig zu, Ungarn und Rumänen - und sind – die Sprachen sind nur zweitrangig, wenn aus den Blicken die Emotionen sprechen - uns einig: er ist ein lieber Entertainer. Der Zoo verbindet.

Der sibirische Tiger ist kamerascheuer, er dreht seine Touren im Gehege und nur ab und zu erscheinen seine Streifen zwischen den Zweigen hervor, seine Nähe ist trotz Schutzscheibe zumindest beeindruckend.

An der Bude mit „Kürtöskalács“ kommen wir nicht vorbei, ohne die Kleinigkeit Süßes zu genießen. „Kürtöskalács“ steht immer im Menü, wenn wir den Tiergarten besuchen. Er ist ein Muss - wie der Besuch beim weißen Löwen.
Heute laufen wir an den Zwergkängurus im Australien-Revier des Zoos vorbei, gibt es doch ihre Brüder auch im Temeswarer Zoo, der übrigens mit dem Tierpark in Szeged verschwistert ist und auch von diesem mit einigen Tierexemplaren beschenkt wurde. Die Waldallee führt zu einem kleinen Spielplatz direkt vor einem traditionellen Bauernhof, mit Hühnern und Schweinen wie zu Omas Zeiten, Geruch inklusive. Im Falle meiner Kinder müsste es heißen, zu Uromas Zeiten, also nur gut, dass sie, die Stadtbewohner, in Kontakt mit einem Bauernhof kommen.
Ohne den Axolotl läuft nichts

Direkt danach kommt die neueste Attraktion des Szegeder Tiergartens: ein Schwimmbecken mit Seerobben. Danny hat sich vor dem Schwimmbecken aufgestellt, eine Seerobbe gesellt sich zu ihm und – unglaublich – er hebt leicht einen Arm, sie scheint mit einer Flosse zu winken. Als das noch zwei-dreimal passiert, halten wir es nicht mehr für einen Zufall. Unserem Wildfang Filip, der sich die Robbe auch gerne anschauen will, ist sie doch „kuschelig“, wie er das gerne sagt, gelingt es jedoch, sie zu verjagen.

Die Schülergruppe ist uns nur einen Schritt voraus, die Kinder bekommen einen Imbiss in einem Tagungsraum neben der Südamerika-Zone, wo ihnen der Tierparkangestellte davor einen Film gezeigt hatte. Danach geht es nach draußen, sie hüpfen auf den Baumstämmen, die in einem Kreis aufgestellt sind und machen ein Erinnerungsgruppenfoto. Auch Filip und Danny klettern auf die Baumstämme und für einige Minuten heißt es nur spielen.

Dank der Schülergruppe kommen wir nun auch ins Terrarium – eine Kriechwelt, der es der heutigen Kindergeneration besonders angetan hat. Aber nicht nur Schlangen und ein Babykrokodil sind dabei. Vom letzten Besuch weiß Danny, dass hier im Terrarium auch ein Axolotl zu bestaunen ist. Den mexikanischen Schwanzlurch hatte Alexander von Humboldt vor über 200 Jahren als exotische Kuriosität mitgebracht. Auch wir bestaunen den Exoten, der „wie ein Fisch, aber mit Gliedmaßen aussieht“, so Danny. Der Besuch im Tierpark ist somit ein Triumph.
Die Europa-Zone betreten wir zuletzt: da sind zum Beispiel die Wölfe, immer mit einem saftigen Lunchpaket vor sich. Und ein angelegter Teich, wo Pelikane und Störche, Wildenten und –gänse baden. Es ist Herbst. Ich muss an Zugvögel denken. Auch im Temeswarer Zoo überwintert ein Storch nun seit drei Jahren.

Der Spätherbst ist unerbittlich, es ist 17:30 Uhr und es wird langsam dunkel im Wald, der sich in einen Märchenwald verwandelt: Die Tiere – mit Ausnahme der Pinguine, die im Dunkeln stehend schlafen - haben sich in ihre Käfige, die wie kleine Häuser aussehen, zurückgezogen. Ein rotes Licht, das Wärme spendet, brennt in jedem Käfig. Der Wald mit seinen beleuchteten Häuschen ist jetzt ein Wichtelwald. Es ist noch dunkler geworden. Krähen lassen ihr Gekreisch hören, sie sind gegen Abend plötzlich in großen Schwärmen da, auch in Temeswar ist das so. Wir überlassen ihnen den Park. Zugvögel hin, Krähen her, Wehmut überkommt mich nicht! Der Herbst bedeutet mir viel mehr das Rascheln bunter Blätter, Maroni- und Kakaogenuss und die Vorfreude auf die „wärmste“ Zeit des Jahres: Weihnachten!

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