Designerin des Nachtlebens

Kunst, Architektur, Musik, Theater und Film

Sonntag, 29. November 2015

Bei „La Căpiţe“ konnten sich die Gäste auch auf Heuballen setzen.

Alina Hambaraş und ihr Ehemann Gabriel Săftulescu

„Musiu“ – „eine Figur, die niemand gesehen hat“
Fotos: privat

„The Note“, „La Căpiţe“ und „Musiu“. Drei Kulturprojekte in Temeswar,  für die Alina Hambaraş bekannt ist. Ich besuche die Kulturmanagerin daheim. Ein kleines, aber feines Haus. Zwei Zimmer an der Straßenfront, darüber eine Mansarde. Wir passieren den engen Flur, der zur Küche führt, die wiederum in ein kleines Wohnzimmer mündet. Ein goldbrauner Yorkshire Terrier empfängt mich bellend. „Er ist ein recht anständiger und freundlicher Hund“, so Hambaraş über Pufi. Und tatsächlich sind Pufi und ich nach einigen Streicheleinheiten und liebevollen Worten die besten Freunde. Gedämpftes warmes Licht umhüllt das Wohnzimmer. Ein Tisch mit vier Stühlen in der Zimmermitte, ein alter Holzschrank mit einem rechteckigen großen Spiegel darüber. An den Wänden mehrere Gemälde, Grafiken, Skizzen, alte Schwarz-Weiß-Fotos, auch eine alte rumänisch-orthodoxe Ikone.

Der spärlichen Beleuchtung wegen schlägt die Designerin vor, nach oben zu gehen, wo es heller ist. Ich ziehe vor zu bleiben, um die Bilder zu erkunden, nachdem sich meine Augen an die Umgebung gewöhnt haben. Die zwei Skizzen von Paul Neagu (1938-2004), einer der bedeutendsten rumänischen Künstler des 20. Jahrhunderts, der auch im Ausland Anerkennung erzielte, haben es mir angetan. Sie stellen die „Naveta“/„Shuttle“, später „Hyphen“ genannt, dar. Ich frage, wie sie in den Besitz der Arbeiten kam und ob ich darüber berichten kann. Sie hat keine Einwände und beginnt über die Freundschaft ihres ehemaligen Schwiegervaters Paul Hambaraş, einem Schulfreund des Künstlers, zu erzählen. Neagu habe ihm die Skizzen aus Großbritannien, wo er größtenteils sein Leben verbracht hatte, zugesendet. Ihr Schwiegervater habe sie dann mit den Skizzen beschenkt.

Die gebürtige Temeswarerin Alina Hambaraş wuchs die ersten drei Jahren bei ihren Großeltern mütterlicherseits in Siebenbürgen auf. Der Großvater war ein griechisch-katholischer Geistlicher, der  in seiner kirchlichen Laufbahn bis zum Rang eines Bischofs aufstieg, die Großmutter war Französischlehrerin. Während des kommunistischen Regimes wurde die Familie verfolgt, u.a. konnten die vier Kinder – drei Mädchen, eines davon Alina Hambaraş´ Mutter, und ein Junge – der „ungesunden Herkunft“ wegen keinem Hochschulstudium nachgehen. „Der einzige, dem es dann trotzdem gelang zu studieren, war der Bruder meiner Mutter. Er studierte Philologie in Klausenburg/Cluj-Napoca, aber nur ein Fernstudium wurde ihm gewährt.“

Nicht nur die ersten Kindheitsjahre sondern auch jeden Sommer verbrachte sie bei ihren Großeltern in Siebenbürgen. Sie spielte täglich in der Kirche und Umgebung. Das Pfarrhaus stand gegenüber der Kirche, dazwischen eine Plattform. „An einem Feiertag bin ich einmal in den Wachskirschenbaum gestiegen und beobachtete von dort die Mädchen und Jungen in Volkstracht, die sich auf dem Platz zwischen Kirche und Pfarrhaus im Reigen schwangen und die Zigeunermusikanten spielten die Musik dazu“, erzählt Alina Hambaraş. Es gab viel Trubel anlässlich der Marienfeste im August und im September und bei der Kirchweihe: „Busse voller Menschen reisten aus dem ganzen Land an. Ich erinnere mich auch jetzt noch an die zwei Frauen, Tante Solomica und Tante Varvara, die den besten Kuchen in der ganzen Welt backten, mit süßem Käse, salzigem Käse und Dill oder mit Marmelade, den sie auf Nussblättern präsentierten“, schwelgt die Designerin in Erinnerungen.

„Die Welt meiner Kindheit war stets von allerlei Phatasmen belebt. Es gab eine Messe im Sommer und dann kam ein Wanderzirkus, auf den Tischen häuften sich Berge von buntem Lebkuchen mit natürlichem Süßstoff, nicht wie heute mit Kunstmitteln gefärbt und Spiegelsplittern geschmückt, an“, erinnert sich die Kulturmanagerin. „Auch ein Mann mit Hasenscharte war dort ausgestellt.“ Zwei-drei Jahre lang half sie der Briefträgerin bei der Postlieferung. „Ich war gern beim Briefeaustragen dabei.“ Trotz Verbot der Großeltern wanderte sie mit Vorliebe durch den Wald. „Ich ging oft im Wald Pilze sammeln. Ich kannte sie alle: die essbaren Pilze und ihre giftigen Doppelgänger.“


Aus Leidenschaft für die Kunst

In Temeswar besuchte Alina Hambaraş das Banater Kolleg (früher: Philologie- und Geschichtslyzeum) und stellte sich nach dem Abitur 1987 zur Aufnahmeprüfung bei der medizinischen Hochschule ebenda. „Ich fiel als Dritte durch“, erzählt die Managerin - in Zeiten, als es mehr Bewerber als Studienplätze an der medizinischen Uni gab: 1987 war das Verhältnis 27:1. Schließlich entschloss sie sich für ein Chemiestudium. Im dritten Jahr, 1991, unterbrach sie das Studium und fuhr nach Erlangen/Deutschland zu ihrem Bruder, der kurz vor der Wende in die damalige Bundesrepublik geflohen war. In Deutschland begann sie ihr Designstudium in Erlangen, wechselte dann nach Frankfurt über und entschloss sich letztendlich für die Fachhochschule für Design in München.

Um Unterhalt und Studien zu bezahlen, jobbte sie nebenbei als Haushaltshilfe oder Kindermädchen. „Als ich in Frankfurt war, habe ich einer alten Dame im Haushalt ausgeholfen: Ich putzte die Fenster, während sie mir von vergangenen Zeiten erzählte, wie ihr Mann in der deutschen Armee an der Front in Rumänien kämpfte“, entsinnt sich Alina Hambaraş. „Dann, in München, habe ich die Kinder einer türkischen Frau, die ein Restaurant besaß, betreut. Sie hatte einen kleinen Jungen, der an Asthma litt, und ich führte ihn spazieren. Ich, eine Rumänin, spazierte durch den Park mit dem kleinen zerbrechlichen Jungen, zur Hälfte Türke, zur Hälfte Deutscher, und sang ihn mit rumänischen Liedern – Eminescus „Somnoroase păsărele“ (Schläfrige Vögelein) und „Glosă“ (Glosse) – in den Schlaf“, schildert die 48-Jährige - inzwischen nun selbst Mutter - die Lage. Aus dem Nebenraum klingen junge Stimmen und ich vermute, es ist ihre 14-jährige Tochter.

Nach Rumänien zurückgekehrt, beendete sie ihr Studium, heiratete, arbeitete bei der Zeitung „Ziua de Vest“ und eröffnete dann zusammen mit ihrem damaligen Ehemann das Kulturcafé „The Note“: „Ein kleines Projekt sollte es sein, daraus wurde aber etwas viel Größeres.“

Eleganz und Raffinesse

Der elegante Club „The Note“, untergebracht in einem 16 Meter hohen dreigeschossigen Gebäude, war zehn Jahre lang, zwischen 1999-2009, in der Stadt an der Bega geöffnet. Auf dem Bau thronte eine beleuchtete und vom Temeswarer Künstler Vlad Corban bemalte Kuppel. Gemeinsam mit dem selben Maler fertigte die Designerin die Wandmalerei an. Lotusblumen verzierten die Wände, die Blumen fielen aus der Kuppel und aus dem Pfeil - eine Art Axis mundi - gehalten von einer schwebenden weiblichen Figur. Die Idee war, dem Betrachter das Gefühl zu vermitteln, er würde eine kostbare Bonbonschale betreten, er sollte, gleich Alice im Wunderland, das Gefühl haben, in eine andere Dimension zu gleiten.

„Es war komplett verschieden von all dem, was in Temeswar und auch landesweit damals im Angebot stand, zumindest was das Ambiente betrifft“, meint die Designerin dazu.  Es war  ein Raum, der „sehr viel Grammatik“ besaß, sagte  Paul Neagu  über den Club während seines Besuchs, als er sich „The Note“ und seine dort ausgestellten zwölf Arbeiten ansehen wollte. „Grammatik, nicht etwa Geometrie. Er meinte noch, ich solle darüber nachdenken und wir würden noch darüber reden“, vervollständigt Alina Hambaraş die Aussage des Künstlers. Neagu war aus Großbritannien angereist, wo er seit Ende der 1960er Jahre lebte, und sah wie der Kabarettkünstler Aristide Bruant auf Toulouse-Lautrecs Plakat aus: „Er trug eine braune Samthose, eine dunkle Bluse mit rundem Halsausschnitt, einen langen dunkelgrünen Trenchcoat, sehr schöne Schuhe, wie ich  sie noch nie zuvor gesehen hatte, und einen dazu passenden braunen Hut mit breiter Krempe. Er war sehr sorgfältig gekleidet“, schildert die auch heute noch von Neagus Erscheinung sichtbar beeindruckte Kulturmanagerin.

Plötzlich öffnet sich die Tür rechts und die 14-jährige Maia erscheint im Wohnzimmer. Ihre Mutter stellt uns vor. Das Mädchen schüttelt lächelnd meine Hand und geht gleich nebenan.

La Căpiţe und Musiu

„La Căpiţe“ ist ein Projekt, das die Kulturmanagerin 2013 mit ihrem jetzigen Ehemann, dem Temeswarer Architekten Gabriel Săftulescu, initiiert hatte: ein Raum für Kultur, Plauderei und feine Unterhaltung. „Die Poesie des Raumes wurde subtil an die Welt der Kindheit angepasst und dann durch die dort veranstalteten Events in die Gegenwart gerufen“, erklärt Alina Hambaraş. Zu den Events gehörten zahlreiche Jazzkonzerte mit bekannten Bands wie die Nu Jazz- und Lounge-Formation Club des Belugas aus Deutschland, dem französischen Saxophonisten Erik Truffaz mit seinem Quartett oder dem italienischen Nicola Conte Septet. Auch Buchmessen und Messen mit ökologischen Produkten wurden u.a. bei „La Căpiţe“ veranstaltet. Das Lokal wurde in diesem Sommer geschlossen.

Derzeit ist das Designer-Architekten-Paar mit den Vorbereitungen seines jüngsten Kulturprojekts beschäftigt: „Musiu“, ein nach einer Figur des rumänischen Satirikers und unnachsichtigen Kritikers der eigenen Nation, I.L. Caragiale, benanntes Lokal, das bereits zweimal seine Herberge wechseln musste. „Mit einer `Kirsche` haben wir angefangen“, so Alina Hambaraş zu den ersten Räumlichkeiten von 26 Quadratmetern auf der Eugen-von-Savoyen-Straße in der Temeswarer Innenstadt, wo „Musiu“ untergebracht war. Rund um einen Tisch herum saßen die Kunden und der Barmann bediente sie wie ein Croupier. Die zweite Unterkunft des Lokals war in der Fabrikstadt in einem alten Gebäude im Stil der Jahre 1900.

Schließlich haben die Unternehmer auf der Mareşal-Averescu-Straße in einem Randstadtviertel Temeswars Fuß gefasst. „Wir haben uns etwas Ausgefallenes ausgedacht und  haben  den ganzen Sommer in einem 800 Quadratmeter großen Garten Filmausstrahlungen geboten, sowie Speisen und Getränke - mit gutem Geschmack und geschmackvoll“, meint Alina Hambaraş lächelnd. Dies, da die Kulturmanagerin sich nicht nur für Kunst, Architektur und Musik interessiert, sondern auch eine Leidenschaft für die Gastronomie zeigt. Das 220 Quadratmeter große Haus mit Mansarde wird zurzeit intensiven Renovierungsarbeiten unterzogen.

„Es ist ein rein kulturelles Projekt mit einer Schauspielerschule, mit Lyrik, Diktion, Epigrammen, Kunstausstellungen mit Verkauf der Werke, wo wir keinen Aufpreis verlangen. Für die Schauspielklassen werden auch keine Gebühren gefordert. Wir werden die Künstler nach Möglichkeit unterstützen“, so die Kulturmanagerin. Dies soll als  `Fronde` verstanden werden „gegen alles, was sich heute ereignet, gegen den Konsumismus oder den Konsumerismus, der uns mehr als notwendig betrifft und leitet“, schließt Alina Hambaraş.

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