Deutsche angesiedelt gegen die Tataren

Krim, Ukraine, Vielvölkerstaat: Zarin Katharina holte die deutschen Landsleute

Samstag, 08. März 2014

Nach dem Festakt vor der 2010 wieder errichteten St. Paulskirche: in der ersten Reihe v.l.n.r. der kirgisische Bischof Alfred Eichholz, der neue ukrainische Bischof Sergej Maschewski und der deutsche Botschafter Christof Weil. V.r.n.l. Kirchenrat Ulrich Zenker und der scheidende Bischof Uland Spahlinger.
Foto: Alexandra Liebstock

Was eigentlich ist ein „Ukrainer“? Gibt es das ukrainische Volk? Eine Frage, die moderne Historiografen nicht klären können. Eine Frage, die die Krisensituation derzeit  erschwert, ja vielleicht mit verursacht hat. Zu viele Stämme und Völker haben sich in 3000 Jahren hier eingenistet, zu viele Okkupatoren auf das fruchtbare Gebiet zugegriffen, seine Häfen für den Handel und strategisch genutzt. Später haben sie das Land auch konfessionell geprägt, in die Mitte zwischen West- und Ost-Rom, zwischen Rom und Byzanz gestellt. Die Skythen waren in der Ukraine, die Griechen, Römer, Goten, Armenier, Juden, Genuesen, Venezianer, Mongolen, Osmanen, Litauer, Polen, Russen, Habsburger.
In der Tat: Dem heutigen Istanbul mit seinen zahllosen Religionsgemeinschaften ist die Konfessionalität gerade der nahen Halbinsel Krim nicht unähnlich. Das Gebiet der Ukraine lag geopolitisch schon immer zwischen „Abendland“ und dem Russischen Reich, an der Seidenstraße auf dem Weg nach Osten. Dabei bildete die „Kiewer Rus“ einst um das Jahr 1000 eine Keimzelle des späteren russischen Großreiches. Von der Kiewer Rus leiten viele Ukrainer ihre nationale Identität ab.

Katharina die Große (1729-96) war eine deutsche Prinzessin, die sich nach Russland aufmachte, um dort Zarin zu werden. Sie holte fleißige Landsleute in den Süden ihres neuen Reiches, auch in die Ukraine, was übersetzt: An der Grenze, U Kraina, heißt. Das Land unterstand im 18. Jahrhundert bereits russischem Einfluss. Zum Teil noch wie in der Steppe lebten dort aber auch die Nachfahren der mongolischen Goldenen Horde, die sogenannten Krimtataren. Diese Heiden aus der Schwarzmeerregion zu vertreiben war der Zarin Begehr: Um das Land mit deutschen Siedlern zu kultivieren, erließ sie 1763, vor 250 Jahren, ein Dekret.
Eine regelrechte Auswanderer-Agentur sandte von Sankt Petersburg aus Werber in die deutschen Lande und war vor Allem in der Pfalz, Hessen und Württemberg erfolgreich. Die hessische Grafschaft Büdingen beispielsweise bildete eines der regionalen Auswanderungszentren. Die deutschen Aussiedler der nächsten Jahrzehnte erhielten Privilegien: Steuerfreiheit, kein Militärdienst, das ökonomisch unbedingte Recht zu heiraten, Religionsfreiheit.

Protestanten erwiesen sich mobiler als Katholiken. Eine lutherische Kirche in der neuen Heimat wurde bald gegründet, Gottesdienste seit 1801 in Odessa abgehalten. Erst Katharinas Enkel Alexander II. aber sorgte dafür, dass hoch qualifizierte Deutsche sich auch auf der Krim ansiedelten: Die Bauern brauchten Lehrer, Pfarrer, Verwaltungsbeamte. Viele wurden aus dem mit Petersburg verbundenen deutsch-lutherischen Baltikum geschickt. Auf der Krim entstanden Örtchen namens: Heilbrunn, Rosental, Friedenthal, Neusatz …  Kaufleute gründeten Firmen.
1939 lebten 60.000 deutschstämmige Menschen auf der Krim. Dabei waren die Zahlen seit 1870 schon zurück gegangen, in jenem Jahr hob man die Privilegien der Einwanderer auf. Nach dem Krimkrieg, also 1856, hatte die Zeit des russischen „Panslawismus“ begonnen, Tataren wie auch Deutsche wurden zunehmend unerwünscht. Viele Krimdeutsche wanderten nach Nordamerika aus. Als dann die deutsche Wehrmacht 1942 auf die Krim vordrang, waren bereits Zehntausende Deutsche von den Sowjets nach Mittelasien deportiert worden.

Die Krimtataren erlitten 1944 das gleiche Schicksal. Viele kehrten seit 1988 zurück, wurden rehabilitiert, integriert. Sie sind ein Gegengewicht zu den 70 Prozent Russen, die auf der Halbinsel leben. Auf der Krim hört man fast nur Russisch, auch die Gottesdienste in den sieben Luthergemeinden mit den verbliebenen Deutschstämmigen werden auf Russisch und auf Deutsch gehalten.
42.000 Deutschstämmige sind seit 1990 aus der Ukraine nach Deutschland rückgesiedelt, werden bei uns mit den Russlanddeutschen meist in einen Topf geworfen. Russisch ist die (Zweit-)Sprache der Ukraine, das macht die derzeitige Lage besonders schwierig. Zu wenige Ukrainer leben auf der Krim, auf der Wärme suchende Russen ihren Lebensabend verbringen oder sich sommers nur erholen, angereist in endlosen Nachtzügen. Markus Göring, seit 2012 „fliegender“ Pastor der sieben Krimgemeinden, leidet ein wenig darunter, dass viele seiner russisch denkenden Schäflein sich gegen den Euromaidan in der Hauptstadt Kiew stellen.

Die Pastoren für die 31 Gemeinden der Ukraine mit ihren 3000 Gläubigen hat die Synode in Odessa seit 1992 meistens aus Deutschland angefordert. Die Bayerische Lutherische Kirche ist Partner für die Deutsche Lutherkirche in der Ukraine. Zum ersten Mal wurde in Odessa am 15. Februar ein nicht aus Bayern entsandter Bischof in sein Amt eingeführt. Sergej Maschewski (38), ein Deutsch-Russe aus Kasachstan, war im Herbst letzten Jahres von einer 50-köpfigen Synode erstmals in geheimer Abstimmung gewählt worden.

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