Deutsche Geschichte als Nummernrevue

Premiere von Brechts „Arturo Ui“ im Bukarester Odeon-Theater

Sonntag, 03. Februar 2013

„Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ ist ein Geschichtsdrama von Bertolt Brecht, das der berühmte Schriftsteller und Gegner des Nationalsozialismus 1941 im finnischen Exil schrieb, um den deutschen Diktator und Kriegsherrn Adolf Hitler der Lächerlichkeit preiszugeben. Zu diesem Zwecke versetzte Brecht, der 1923 den Hitler-Putsch in München als Augenzeuge miterlebte, die dramatische Handlung, also den damals noch aufhaltbar scheinenden Aufstieg des Gefreiten aus Braunau am Inn alias Arturo Ui, in das Gangstermilieu der Verbrechermafia Chicagos.

Reichspräsident Hindenburg wird dabei zum korrupten Politiker Dogsborough, der Osthilfeskandal, in den er verwickelt war, zum Dockhilfeskandal, Joseph Goebbels wird zum Blumenhändler Giuseppe Givola, Hermann Göring zum Gangster Emanuele Giri, der Reichstagsbrand zum Speicherbrand. Der Stabschef der SA Ernst Röhm verwandelt sich in Brechts Schauspiel in Uis Leutnant Ernesto Roma, der gleichfalls von Nationalsozialisten ermordete österreichische Bundeskanzler Dollfuß in Dullfeet, und der von der nationalsozialistischen Propaganda so genannte Anschluss Österreichs wird in Brechts Stück zur Vereinigung der Gangster von Chicago und der benachbarten Stadt Cicero.

In der Inszenierung des Bukarester Odeon-Theaters, die am 18. Januar ihre Premiere feierte, wird dieses Brechtsche Lehrstück aber nicht zu einer spröden Geschichtsstunde. Vielmehr verwandelt der Regisseur Drago{ Galgo]iu, der auch für das Lichtdesign und die Musikeinspielungen verantwortlich zeichnet, das dramatische Geschehen in eine kabarettistische Nummernrevue, in der auch satirische und groteske Elemente sowie Zutaten aus der Zirkus- und Varietéwelt nicht fehlen.

Vor allem dominiert der Tanz, der in der Choreografie Răzvan Mazilus das gesamte dramatische Geschehen durchdringt und damit fast zur Schauspielregie in Konkurrenz tritt: Die Akteure werden nahezu allesamt zu Tänzern, und die beiden exzellenten Kabaretttänzerinnen Ioana Marchidan und Judith State begleiten entweder die einzelnen Episoden mit ihren immer neuen Bewegungen und Posen oder sorgen mit ihren tänzerischen Einlagen für Abwechslung und Erheiterung.

Auch die Musik, deren Wiedergabequalität leider oft zu wünschen übrig lässt, selbst wenn der Regisseur durch die Wahl der Aufnahmen wohl historisches Flair der zwanziger und dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts erzeugen wollte, bringt Leben in das Schauspiel, das Ereignisse der deutschen Geschichte aus den Jahren 1929 bis 1938 behandelt. Schlager jener Zeit wie „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ von Casucci/Brammer, Filmmelodien wie „Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder“ von Heymann/Gilbert, Songs der Comedian Harmonists wie „Veronika, der Lenz ist da“ werden vom Regisseur in das dramatische Geschehen mit einbezogen, die Bühnenakteure tanzen dazu oder bewegen stumm ihren Mund.

Die Absenz originaler Gesangsstimmen schmerzt dabei ein wenig, ist aber vermutlich den deutschen Schlagertexten geschuldet, die dem rumänischen Publikum ohnehin größtenteils unverständlich bleiben müssen. Und selbstverständlich dürfen verführerische Tangos und zünftige Marschmusik nicht fehlen.

Auch Schlager mit humoristisch-grotesken Texten tönen aus den Lautsprecherboxen, so etwa folgender Song von Raymond/Amberg aus dem Jahre 1928: „Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot, dann nehm ich meinen Lippenstift und mach dich damit rot, und wenn du dann noch böse bist, weiß ich nur einen Rat: ich bestelle mir ein Spiegelei und bespritz dich mit Spinat.“ Freilich bleibt einem das Lachen über diese Verse, die versteckt den Kinderreim „Kleiner Schelm bist du“ zitieren, im Hals stecken, wenn man den Text zu den im Laufe des Stücks ermordeten Dramenfiguren bzw. Geschichtsgestalten in Beziehung setzt.

Brecht selbst hat einmal zu seinem „Arturo Ui“ die Bemerkung gemacht, „dass die Tragödie die Leiden der Menschen häufiger auf die leichte Schulter nimmt als die Komödie.“ Der Regisseur der Bukarester Aufführung kann sich also mit seiner Lesart des Stücks unmittelbar auf Brecht berufen, der die Respektlosigkeit der Komödie als Mittel der Entmythisierung aller Gewaltherrscher ideologisch und künstlerisch bewusst zum Einsatz bringen wollte.

Besonders gelungen ist die Szene, in der Arturo Ui (Ionel Mihăilescu) von einem abgehalfterten Bühnenkünstler (Marian Ghenea) Schauspielunterricht erhält. In dem Maße, in dem Arturo Ui in seine Rolle als demagogischer Diktator hineinwächst, wächst auch das Grauen über den eben doch nicht mehr aufhaltbaren Aufstieg des Führers. Warum der Regisseur Brechts Arturo Ui zudem noch stottern lässt, bleibt unverständlich, zumal sich weder im Dramentext noch in Hitlers Biografie Anhaltspunkte dazu finden lassen.

Die schauspielerischen Leistungen Ionel Mihăilescus als Arturo Ui, die beim langen Schlussapplaus zu Recht mit Bravorufen gewürdigt wurden, sind ein einziger Genuss. Unnachahmlich, wie er durch Tanz, Pantomime, Gestik und Sprache das ganze Spektrum der Brechtschen Bühnenpersönlichkeit ausschreitet, wie er seinen Ui in allen Farben schillern lässt: als gehemmten Aufsteigertyp, als mit Minderwertigkeitskomplexen behafteten Machtmenschen, als brutalen Gangster, als Verräter des Freundes und als kompromisslosen Gewalttäter!

Wie er sich allmählich aus dem imaginären Korsett einer tanzenden Varietépuppe befreit, wie er nach und nach die Position eines Gangsterchefs einnimmt, wie er schließlich Haltung und Gestik des Führers übernimmt, zunächst satirisch wie in Charlie Chaplins Film „The Great Dictator“, dann erschreckend real, das kann nicht genug bewundert werden.

Auch Dorina Lazăr besticht in der Rolle des greisen Dogsborough, Istvan Teglas überzeugt im Clownskostüm als Ernesto Roma, Gabriel Pintilei lässt sich für seinen Giuseppe Givola von der Ästhetik des Stummfilms inspirieren, Laurenţiu Lazăr gibt den Reedereibesitzer Sheet mit der Joker-Maske, und die Gangster Flake (Mircea Constantinescu) und Butcher (Mugur Arvunescu) stammen als von Doina Levintza kongenial eingekleidete Gestalten aus der Welt des absurden Theaters.

Das Bühnenbild (Andrei Both), eine leicht ansteigende, dreifach gestaffelte barocke Perspektivbühne mit Varietéverbrämung, könnte direkt nach Brechts „Hinweisen für die Aufführung“ seines „Arturo Ui“ konstruiert sein: „Dies Stück muss im großen Stil dargestellt werden; am besten mit deutlichen Reminiszenzen an das elisabethanische Historientheater, also mit Vorhängen und Podesten. Es kann zum Beispiel vor gekalkten Rupfenvorhängen, die ochsenblutfarben bespritzt sind, agiert werden.“

Schließlich lässt der Regisseur auch noch Brecht selbst auftreten, zunächst in der Rolle des Ansagers, dann als Erklärer der historischen Vorgänge, ferner als Rezitator eines eigenen Gedichts („O Deutschland, bleiche Mutter“) und schließlich auch als Sprecher des Epilogs, der mit den auf Hitler gemünzten Worten endet: „So was hätt einmal fast die Welt regiert! / Die Völker wurden seiner Herr, jedoch / Dass keiner uns zu früh da triumphiert – / Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“

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