Devisen-Aktionen und -Operationen rund um die Auswanderung der Deutschen aus Rumänien vor 1989

Einiges zu den Anfängen der Ausreisen gegen Devisen und Sonstiges (III)

Samstag, 10. Januar 2015

Das Beschaffen von Devisen sei für Rumänien notwendig gewesen, da infolge des Kalten Krieges die Wirtschaftsbeziehungen zu den westeuropäischen Staaten sich verschlechtert und dadurch zu einem Devisen-Defizit beigetragen haben. Besonders benötigt wurden die Devisen, nachdem im Rahmen der Politik der „friedlichen Koexistenz“ die Möglichkeit bestanden hat, die Wirtschaftsbeziehungen mit dem Westen zu intensivieren, heißt es in der Vorstellung des im Frühjahr 2014 zur Erforschung freigegebenen Fonds „Devisen-Sonderverfahren“ (Operaţiuni Valutare Speciale), d. h. in dem als „ICE Dunărea“ bekannt gewordenen Fonds beim Nationalen Rat für das Studium der Unterlagen der Securitate (CNSAS). In diesem Kontext hätte die Securitate den Auftrag erhalten, zum Devisen- und Goldfonds beizutragen. In ihren Strukturen wurden spezialisierte Gliederungen geschaffen, die in Zusammenarbeit mit der Direktion für Spionageabwehr „operative Aktionen“ eingeleitet haben. Die Securitate war letztlich im Devisenbeschaffen effizienter als die Wirtschaft, zumindest aber sicherer, sonst hätte Ceauşescu sie in den 1980er Jahren nicht zur Koordinatorin des Außenhandels gemacht – zumal parallel Devisengeschäfte aller Art unternommen wurden.

Zum Geschäft Ausreisegenehmigung gegen Devisenzahlungen entwickelte sich der 1959 von Henry Jakober, einem englischen Geschäftsmann ungarisch-siebenbürgisch-jüdischen Ursprungs, gestartete Barter: Zuchttiere und Maschinen gegen Freilassung von zum Teil im Gefängnis einsitzenden Menschen. Einem „streng geheimen“ Bericht vom 3. Dezember 1962 zufolge, den der damalige stellvertretende Ministerpräsident und Innenminister Alexandru Drăghici genehmigte, waren bis zu jenem Zeitpunkt 409 jüdischen, 21 deutschen, 35 rumänischen und 9 Familien anderer Nationalität (Armenier und Griechen) die Ausreise im Tauschhandel genehmigt worden. Um die Erlaubnis gebeten wurde nun, die Ausreise weiterer Familien zu gestatten, für 900 Familien könnten 1,5 Millionen Dollar sowie Zuchttiere und Maschinen erhalten werden (FOVS, Dossier 2871/13, S. 178 ff. Über das Zustandekommen des Freikaufs, die Entwicklung der Devisen-Geschäfte und ICE Dunărea vgl. die sehr guten Beiträge des CNSAS-Historikers Mădălin Hodos in „Revista 22“ vom 1.7., 30.9. und 9.12.2014).
In dem Bericht wird weiterhin mitgeteilt, dass sich auch die „nationalistischen Organisationen“ der Sachsen und Schwaben in Deutschland und Österreich – gemeint sind die Landsmannschaften – um das „Herausholen aus dem Land“ (scoaterea din ţară) von Landsleuten bemühen. Erhard Plesch und Heinrich Zillich, die Leiter der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen, sowie Ludwig Peter, jener der Landsmannschaft der Banater Schwaben, seien mit Jakober in Kontakt getreten und hätten ihm 2 Millionen DM angeboten, wenn er für 800 Personen die Ausreise ermögliche.

Peter und Zillich hätten eine Audienz bei Kanzler Adenauer erbeten, um diese Geldsumme zu verlangen, sprechen konnten sie jedoch nur mit Staatssekretär Carstens im Auswärtigen Amt (es ist der spätere Bundespräsident Karl Carstens – Anm. HB) und der habe ihnen mitgeteilt, sie könnten das Geld nicht bekommen, weshalb die Verhandlungen unterbrochen worden seien. Erhard Plesch habe Verhandlungen im Wirtschaftsministerium geführt und da sei ihm gesagt worden, wenn der „Plan Jakober“ ernsthaft und reell sei, könne dieses Ministerium bis zu 500 Millionen DM vorsehen für die Umsiedlung („transplantarea“ im rumänischen Text) der gesamten deutschen Bevölkerung aus Rumänien in die Bundesrepublik. Plesch habe desgleichen in Stuttgart die Verbindung zu Anwalt Garlepp aufgenommen in derselben Frage und ihm eine Liste mit über 100 Namen überreicht, für die 500.000 DM angeboten wurden. Diese Liste wurde von Garlepp nach Bukarest gebracht und befinde sich bei „unseren Organen“ teilt Hauptmann Mihai Zachiu in dem Bericht mit, der von Nicolae Doicaru, dem Chef des Außennachrichtendienstes, gegengezeichnet ist.

Ihnen sei bekannt, dass sich der „Dienst von Gehlen“ intensiv um das Problem des Herausholens aus der Rumänischen Volksrepublik von Personen deutscher Nationalität kümmert, heißt es in dem Bericht ferner. Die „Organisation Gehlen“ war der im Juni 1946 von der US-amerikanischen Besatzungsbehörde aus deutschem Personal, darunter Resten der 12. Abteilung des Generalstabs des Heeres und der Abteilung Fremde Heere Ost gebildete Nachrichtendienst, dessen Leiter Reinhard Gehlen später der erste Präsident des 1956 gegründeten Bundesnachrichtendienstes wurde (so Wikipedia). Der Informant aus Landsmannschaftskreisen, auf dessen Mitteilungen dieser Bericht fußt, dürfte Fritz Cloos gewesen sein (vgl. William Totok, „Vom SD zur Securitate“, Halbjahresschrift - hjs-online vom 30.5.2013). Im Oktober – der Bericht stammt vom 3. Dezember 1962 – habe ein Josef Knall aus Wien in der Bundesrepublik mit einem Mitarbeiter des Dienstes von Gehlen über das Herausholen einer Familie aus Rumänien gesprochen und wurde an Garlepp verwiesen, der in Verbindung mit Jakober zu stehen scheint und sich auch im Auftrag des „Dienstes von Gehlen“ um die Familienzusammenführung bemüht. (Ob es einen derartigen „Auftrag“ gegeben hat oder ob es sich um eine Kalte-Kriegs-Vermutung der Securitate handelt, ist zum derzeitigen Zeitpunkt der Forschung nicht klar.) Vorgeschlagen wurde damals, die Ausreise von Personen rumänischer Nationalität auch gegen Geldsummen zu unterbinden und jene von rumänischen Staatsbürgern deutscher Nationalität nur in „isolierten Fällen“ zu genehmigen.

Die „Quelle“, auf deren Informationen der obige Bericht der Securitate fußt, hatte bereits zuvor Informationen über die „Versuche einiger Organisationen der Sachsen in der BRD betreffend das Herausholen“ von „Elementen der deutschen Bevölkerung gegen Geldsummen“ berichtet. In einem am 26. November 1962 datierten Bericht an das Innenministerium heißt es, „unsere Quelle“ habe am 21. März 1962 ein Gespräch mit Plesch gehabt und erfahren, dass Ludwig Peter mit einem Dezideriu Fischer in Wien in Verbindung sei, der wiederum in Kontakt zu Jakober stehe. Unabhängig von diesem würde Dr. Garlepp in Stuttgart wirken, der billiger sei als Jakober (OVS 2871/5, S. 263).

Jakober – und auch Dr. Garlepp – hat in den folgenden Jahren weitere sächsische und schwäbische Familien freigekauft. Sie überreichten den Securitate-Mitarbeitern die Listen, über die darauf stehenden Familien, bat das Innenministerium 1964 und 1965 die Regionalinspektorate um Auskunft – und zwar sollte sie in 48 Stunden erfolgen. Fiel diese nicht negativ aus, wurde der „Direktion der Fremdenkontrolle und Pässe“ (Direcţia Control Străini şi Paşapoarte) angeordnet, aufgrund der Genehmigung von Alexandru Drăghici dringendst für die Personen auf der Liste Pässe auszustellen und ihnen zuzustellen. Einigen wurde die Ausreise zunächst verweigert. Im Falle jener, die im Gefängnis saßen, wurde ein Amnestiedekret erlassen. Die „Kombinationen“ Jakobers – so das Erteilen von Ausreisegenehmigungen gegen Devisen, Zuchtvieh und Maschinen – enden im Juni 1967, als infolge des israelisch-arabischen Konfliktes die Ausreisen nach Israel gestoppt werden. Nicht angegeben wird, wie viele deutsche Familien er freigekauft hat. Im Gegenzug zur Ausreise von 23.566 jüdischen Familien hat der rumänische Staat 9 Millionen Dollar in Devisen und 3,4 Millionen Dollar in Installationen und Zuchtvieh erhalten, wird angegeben (OVS 2871/13, S. 263 ff). Recht bescheiden im Vergleich zu späteren Zahlungen – aber es war ja auch erst der Anfang.

Im Jahr danach, d. h. 1968, übernimmt Dr. Hüsch die Verhandlungen für die deutsche Seite, die Ergebnisse sind bekannt. Parallel zu den Geldübernahmen in Deutschland finden in den 1970er Jahren durch dieselben Offiziere „Dorin Pavelescu“ (Gheorghe Marcu) und Begleiter (als Übersetzer) Treffen in Genf oder Wien mit „DAN“ (Shaike) statt, um Geld für den erneut stattfindenden Freikauf von Juden zu übernehmen.   
Weil Dr. Hüsch in den Interviews von Waffenbestellungen erzählt hatte, zum Abschluss ein Bericht von Generalmajor Dorin Pavelescu alias Gheorghe Marcu dazu (OVS 2871/5A, S. 59): Am 29. Januar 1974 teilt er mit, von „EDUARD“ (d. h. Dr. Hüsch) einen Scheck über 5.500.000 DM, die Summe von 1 Million DM in bar und den Scheck Nr. 305.400.29 der Commerzbank Neuss über 705.700 DM übernommen zu haben (das gesamte Geld sei in das Konto T.N. 73 der Außenhandelsbank einzuzahlen) sowie vier Waffen der Marke Mauser, mit Fernrohr, eine Goldplakette und 400 9-mm-Patronen. Auf der Rückseite des Berichtblattes – sie wurden alle handschriftlich verfasst, vermutlich um keine weiteren Mitwisser zu implizieren – vermerkt Pavelescu/Marcu, die vier Waffen samt Fernrohr wurden von einem Sonderkurier ins Land gebracht und gemäß Telegramm im Kabinett des Genossen ersten Stellvertreters (des Innenministers und Leiters des Außennachrichtendienstes) N. Doicaru abgegeben. Die Goldplakette habe er Doicaru überreicht. Wer den Auftrag für das Beschaffen dieser Waffen erteilt hat, kann anhand der Unterlagen nicht gesagt werden, es ist aber kaum anzunehmen, dass dies ohne das Wissen des Staats- und Parteiführers geschah.

Kommentare zu diesem Artikel

Sraffa, 13.01 2015, 03:23
@Ottmar : Das ist Rumänien , aber nicht mein Rumänien. Ottmar, versuchen Sie doch nicht andauernd meine Haltung mit den Zuständen in dem Land zu verbinden ; das ist doch Demagogie : Wenn Sie meine Meinung kennen lernen wollen lesen Sie meine Beiträge und kritisieren sie sie aber mit Sachargumenten und nicht mit leeren Rundumschlägen . Damit sollten wir keine Zeit verschwenden !
Ottmar, 12.01 2015, 23:25
Zu Ger und Sraffa wann ist die Autobahn Szeged - Timisoara durchgehend fertig.
Wird noch 5 Jahre dauern weil Ponta spekuliert hat, dass Romania Schengen Mitglied wird. ___> Falsch Rumänien wird nicht Schengen Mitglied bis ca 2018. Jetzt müssen die Leute über die Alte Grenze fahren, denn kein PSD Architekt hat einen Grenzübergang geplant. So viel zu gestohlenen Akademikertiteln und deren professionelle Arbeitsweise. Ich muss jeden falls trotz fertigen Autobahnabschnitt weiterhin über die alte grenze fahren und verliere dadurch 1 Stunde Fahrzeit.
Das ist Sraffas Rumänien. Sind alles Dilettanten in Potenz. Oder Verbrecher in Potenz.
Die EU hat sicher den Grenzübergang bereits bezahlt!!!
Ottmar, 12.01 2015, 23:17
Lieber Sraffa unter dem Österreichisch Ungarischen Kaiserreich wurden die grössten sozialen und wirtschaftlichen Fortschitte bzw. Errungenschaften in Südosteuropa realisiert. Sraffa nachzulesen in die Schlafwandler von Christopher Clark.Dein Vertrag von Trianon war ein von den Franzosen diktierter Unterwerfungsvertrag für die Ungarn und Österreicher. Das Resultat war der 2.te Weltkrieg. Jetzt hat Rumänien seit 25 Jahren unter 20 Jahren sozialistischer Regierung unglaubliches geleistet ????????
Sraffa, 12.01 2015, 18:03
@ger. Das ist aber keine Antwort auf meine Frage sondern die Zitierung eines Zeitungsartikels ohne Quellenangabe- ähnlich wie bei Ponta' s Dissertation.
ger, 12.01 2015, 12:52
Bukarest (ADZ) - Der Präsidentschaftskandidat der bürgerlichen Wahlallianz ACL, Klaus Johannis, kämpft nach eigenen Angaben nicht gegen seinen Hauptwidersacher Victor Ponta, sondern gegen „das System, das er vertritt“. Sein Kampf gelte vor allem „dem, was hinter Ponta steht“ – nämlich die „Lokalbarone, Parteicliquen und -clans“. Ponta selbst habe „enttäuscht“, doch zwinge ihn das System eben zum Weitermachen, so Johannis am Wochenende auf einer Wahlkampfveranstaltung in Konstanza. PDL-Chef Vasile Blaga leistete Schützenhilfe: Auch die Einwohner Südrumäniens hätten Lokalbarone wie „Duicu in Mehedinţi, Cosma in Prahova, Dragnea in Teleorman, Bunea Stancu in Brăila oder Mazăre und Constantinescu in Konstanza“ inzwischen „gründlich satt“.
Sraffa, 12.01 2015, 03:38
@ger : Gehen Sie von systematischer Wahlfälschung seit nahezu 100 Jahren aus oder wie definieren Sie den Begriff "Wahltouristen" ?
Klären Sie uns endgültig alle auf !!
ger, 11.01 2015, 14:31
@Sraffa

Wenn Sie von einer "erdrückenden Mehrheit" sprechen, meinen Sie vielleicht die "Wahltouristen" aus der Walachei ?
Sraffa, 11.01 2015, 04:35
@Norbert. Sollten Sie 1+1 fehlerfrei aufzählen können müßten Sie eigentlich wissen warum seit dem Vertrag von Trianon Siebenbürgen Teil von Rumänien ist. Seitdem ist nämlich Schluß mit Apartheitspolitik a' la Donaumonarchie und es gibt Wahlen, in denen ALLE Wahlberechtigten ihre Stimme abgeben konnten und bis heute ist die erdrückende Mehrheit für einen Verbleib bei Rumänien. Warum ärgert Sie das eigentlich so ? Haben Sie überhaupt keinen Respekt ? Wohl aus dem Erziehungsuntericht geflüchtet ?
norbert, 10.01 2015, 21:29
Für die noch lebenden deutschen. .ist es auf der einen Seite gut. .das sie sich von rumänischer Politik und ihre Verwaltung befreit haben. .und auf der anderen Seite traurig das sie ihre Heimat verlassen müßten. .denn sie hätten. .wenn man ihnen nicht die rumänische Politik und ihre Verwaltung Zwangs weise aufgestülpt hätte. .Siebenbürgen mit den Ungarn und Österreicher und den Juden. .zu einer blühende Landschaft gemacht. .deswegen sind sie weil sie dies wissen froh. .das sie sich von diesen rumanischen politischen nichtskönnern befreit haben. .

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