„Die aus verschiedenen Regionen Österreichs stammenden Angehörigen der deutschsprachigen Bevölkerungsgruppe in Rumänien stellen ein besonderes verbindendes Element dar“

ADZ-Gespräch mit dem neuen Botschafter der Republik Österreich in Bukarest, Mag. Gerhard Reiweger

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Foto: Österreichische Botschaft

Der neue Botschafter der Republik Österreich, SE Mag. Gerhard Reiweger, wurde gestern von Präsident Traian Băsescu im Schloss Cotroceni empfangen und hat ihm seine Beglaubigungsschreiben überreicht. Der Diplomat wurde am 10. Oktober 1952 geboren, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist ein Kenner der südosteuropäischen Region, denn er war zwischen den Jahren 2010 und 2014 Botschafter in Bulgarien. Davor war er als stellvertretender Direktor der Diplomatischen Akademie in Wien (1997-2009) tätig. Am 26. Oktober feiert Österreich seinen Nationalfeiertag und erinnert damit daran, dass bis zum 25. Oktober 1955 alle Besatzungsländer  Österreich verlassen haben. Somit gilt Österreich ab dem 26. Oktober 1955 als ein freies Land. Aus Anlass des Nationalfeiertags werden bereits am morgigen Donnerstag auf dem zur Tradition gewordenen großen Empfang im Radisson Blu Hotel in der Hauptstadt zahlreiche Gäste das neue Botschaftspaar Diana und Gerhard Reiweger begrüßen können. Das Interview führte für die ADZ Dr. Alex Todericiu.

Als österreichischer Botschafter erleben Sie gerade bewegte Zeiten in Rumänien. Die Präsidentschaftswahl erregt die Gemüter in einer, verglichen zu der sanften Wiener Politik, unüblichen Weise. Hat sich Ihr Bild über Rumänien in den letzten Tagen und Wochen verändert? Wenn ja, inwiefern?

Wenn man die Aufgabe eines Botschafters übernimmt, sieht man auch ein Land, das man bereits kennt, mit ganz neuen Augen. Das hat nichts mit aktuellen Ereignissen zu tun. Man trifft viele Menschen, beginnt Hintergründe zu verstehen, hört von neuen Entwicklungen, Herausforderungen, auch Problemen. Das Feld der Diplomatie ist weit. Es umfasst politische und wirtschaftliche Fragen, Themen der Kultur, der Bildung und Wissenschaft, soziale Fragen und Kontakte zur Zivilgesellschaft. Die Überreichung eines Preises des österreichischen Außenministers an eine rumänische Roma-Organisation für ein interkulturelles Bildungsprojekt, die vor wenigen Tagen in der österreichischen Residenz stattfand, ist ein Beispiel für die Breite der Kontakte, die die Arbeit eines Botschafters mit sich bringt. Dadurch wird sich auch mein Bild und mein Verständnis von Rumänien ständig ergänzen und erweitern.

Im Zeitalter der globalen Vernetzung greift der Bundeskanzler zum Telefon und ruft den Ministerpräsidenten Ponta an oder umgekehrt. Der rumänische Außenminister wurde von unseren Lesern oft am Flughafen in Wien Schwechat gesehen. Die Generäle der österreichischen Wirtschaft treffen die Regierungsmitglieder im Victoria-Palast fast ununterbrochen. Staatsbesuche werden rar. Kurze Arbeitsbesuche dominieren die Agenden. Vor zehn – zwanzig Jahren was das alles noch anders. Empfinden auch Sie einen Hauch von Nostalgie, Exzellenz? Was wird die Rolle der Botschaft, Ihre Rolle, in diesem paradigmatisch sich verändernden Geflecht sein, sehr geehrter Herr Botschafter?

Die Veränderungen unseres Kommunikationsumfelds, sowohl in technischer wie in struktureller Hinsicht, gehen immer rascher voran. Es ändern sich damit auch die Aufgaben der modernen  Diplomatie. Dieser Veränderungsprozess – der übrigens schon viel länger als 10-20 Jahre zurückreicht und mich mein ganzes Berufsleben als Diplomat begleitet hat – kann kein Anlass zu Nostalgie sein. Die Aufgaben einer Botschaft bleiben spannend: Wenn Information auf Knopfdruck in Überfülle verfügbar ist, braucht es Analyse und Informationsmanagement. Wenn sich die Wirtschaftskontakte verdichten, hat das auch Auswirkungen auf die politische Ebene. Kontaktpflege und Networking – seit jeher wichtige Aufgaben der Diplomatie – erhalten neue  Relevanz. Auch die Zusammenarbeit im Rahmen der Europäischen Union und neue Anforderungen im Bereich der Public Diplomacy haben interessante Arbeitsfelder entstehen lassen. Dass Diplomaten heute z. B. Fragen der Energieeffizienz diskutieren und damit einen Beitrag zum Umweltschutz leisten, oder sich mit Arbeitsmarktförderung und sozialer Entwicklung beschäftigen, ist kein Grund zur Sehnsucht nach alten Zeiten, sondern eine Herausforderung, die Freude macht.

Braucht unsere Europäische Union das kleine Nachbarland Moldau? Wird Ihrer Meinung nach die Republik Moldau bis 2018 in die Europäische Union aufgenommen?

Die Republik Moldau ist Teil der Östlichen Partnerschaft der Europäischen Union. Seit dem 28. April 2014 ist die Visapflicht für moldauische Staatsbürger, die über biometrische Pässe verfügen, aufgehoben. Im Juni 2014 wurde ein Assoziationsabkommen unterzeichnet. Dieses beinhaltet auch ein vertieftes und umfassendes Freihandelsabkommen. Wie von den Außenministern und Außenministerinnen der Europäischen Union auf ihrem informellen Treffen in Chişinău am 1. September betont, liegt der Schwerpunkt nun auf der Implementierung der gemeinsamen Abkommen. Es liegt daher vor allem an der Republik Moldau, wie rasch die weitere Annäherung an die Europäische Union von statten gehen wird.

Ein anderes Nachbarland Rumäniens ist die Republik Bulgarien. Beide Länder waren jahrzehntelang nur durch eine sehr schmale, alte Brücke bei Giurgiu – Russe verbunden. Heute gibt’s eine neue, mit EU-Geldern gebaute stolze Brücke, quer über die Donau, welche beide Länder näher bringt. Was versinnbildlicht dieses Konstrukt im gemeinsamen Europa der Regionen aus der Sicht eines österreichischen Diplomaten, der sowohl in Sofia als nun auch in Bukarest beherbergt war und ist?

Ich habe an der Eröffnungsfeier der Brücke zwischen Vidin und Calafat gemeinsam mit meinem Vorgänger und Freund, Botschafter Michael Schwarzinger, teilgenommen und mich sehr über die Fertigstellung dieser neuen Verkehrsverbindung zwischen Rumänien und Bulgarien gefreut. Über ihren praktischen Nutzen hinaus symbolisiert diese Brücke den verbindenden Charakter der europäischen Zusammenarbeit und den besonderen Fokus, den die EU auf die Förderung der regionalen Entwicklung legt. Sie ist auch ein Beispiel für die Entwicklungsmöglichkeiten in der Donauregion, die durch die Donauraumstrategie der Europäischen Union – in der Österreich und Rumänien eine besondere Rolle spielen – weiter vorangetrieben werden sollen.

Ihre Residenz in Bukarest hat während Ihrer Vorgänger die Türen für die Freunde Österreichs breit geöffnet – und davon gibt es in Rumänien nicht wenige. Alles, was Rang und Namen hatte, war sehr gerne zu Ihnen in die Dumbrava Roşie-Straße gekommen. Die Hausherrin und der Hausherr der österreichischen Botschaft haben immer herzliche Gastfreundschaft gezeigt. Welches wird Ihre Erfolgsformel sein, Herr Botschafter?
Es wird mir ein Anliegen und eine Freude sein, die Gastfreundschaft, die meine Vorgänger gezeigt haben, fortzusetzen. Eine Botschaft ist neben ihren Unterstützungs- und Informationsaufgaben vor allem auch eine Begegnungsstätte. Zur Erfüllung dieser Funktion steht dem Missionschef ein Haus zur Verfügung, das im Sinne einer zeitgemäßen Diplomatie nicht nur diplomatischen Treffen dient, sondern auch allen jenen offen steht, die in Kunst und Kultur, Wissenschaft und Bildung, Wirtschaft, Medien und anderen Bereichen der Zivilgesellschaft zum Austausch und zur Zusammenarbeit zwischen Österreich und Rumänien beitragen.

Wie lautet Ihre Botschaft an unsere Leserschaft? Und an die künftigen österreichischen Investoren, welche den rumänischen Weg betreten werden?

Für einen österreichischen Diplomaten ist die Pflege der bilateralen Beziehungen zu Rumänien eine besonders interessante und schöne Aufgabe. Die aus verschiedenen Regionen Österreichs stammenden Angehörigen der deutschsprachigen Bevölkerungsgruppe in Rumänien stellen ein besonderes verbindendes Element dar, das im Rahmen der Europäischen Union, unserer größeren gemeinsamen Heimat, neue Bedeutung erlangt hat. Der Erhalt und die Förderung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt in Europa ist eine der grundlegenden Zielsetzungen der Europäischen Union und es wird mir ein besonderes Anliegen sein, alle diesbezüglichen Maßnahmen und Projekte zu unterstützen. Rumänien ist ein großes und vielfältiges Land und ich werde mich sehr darum bemühen, die regionalen Kontakte besonders zu pflegen. Die Förderung des Kultur- und Bildungsaustausches wird dabei eine wichtige Zielsetzung sein.

Was die Wirtschaft betrifft, so ist die gemeinsame Teilhabe am EU-Binnenmarkt Hintergrund und Voraussetzung für die dichten wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Rumänien und Österreich. Diese haben sich in den letzten Jahrzehnten so kräftig entwickelt, dass Österreich heute zweitgrößter Investor und siebentwichtigster Handelspartner für Rumänien ist. Gemeinsam mit der Wirtschaftsabteilung der Botschaft – dem AußenwirtschaftsCenter der Österreichischen Wirtschaftskammer – und der Vertretung der österreichischen Tourismuswerbung wird die Botschaft unter meiner Leitung weiterhin österreichischen Wirtschaftstreibenden in Rumänien in allen Belangen unterstützend zur Seite stehen. Das große Ziel der Europäischen Union, durch die Förderung benachteiligter Regionen zur Verringerung der bestehenden Wohlstandsunterschiede innerhalb der EU beizutragen, kann nur durch eine Ausweitung der grenzüberschreitenden Wirtschaftsbeziehungen erreicht werden.

Herzlichen Dank für dieses Gespräch und die besten Wünsche für Ihre Tätigkeit in Bukarest.

Kommentare zu diesem Artikel

Johann, 23.10 2014, 13:21
Entschuldigung, aber das Jahr 2018 für einen EU Beitritt der Republik Moldau zu nennen scheint mir ein bisschen aus der Luft gegriffen. Wenn ich die Erweiterungsagenda richtig deute, kommt der Balkan zuerst – und das wird dauern. Für die Moldau und die anderen Staaten des postsowjetischen Raumes gibt es noch nicht mal die Beitrittsperspektive. Schlimm ist, das der Botschafter nicht vehement gegensteuert.
Helmut, 22.10 2014, 23:01
Der letzte sowjetische Soldat verließ Österreich am 19.09.1955 und der letzte britische am 25.10.1955.Am 26.10.1955 wurde der Beschluss zur immerwährenden Neutralität gefaßt und der "Tag der Fahne" zum Nationalfeiertag erklärt.
Walter, 22.10 2014, 13:21
Liebes ADZ Team
Am 26. Oktober 1955 wurde das Österreichische Neutralitätsgesetz beschlossen. Es ist eine Legende, dass am 25. Oktober der letzte ausländische Soldat Österreich verlassen hatte. An diesem Tag endete nur eine Frist, bis zu der das geschehen hätte sollen! Es gab eine Gruppe Englischer Soldaten und Offiziere, die noch einige Tage über die Frist hinaus in Österreich waren. Schöne Grüße aus Österreich!

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