Die Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte in Rumänien

Martin Jung untersucht den Umgang mit Antonescu, Holocaust und Kommunismus

Samstag, 01. Juli 2017

Martin Jungs umfangreiche Dissertation wurde 2015 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena angenommen. Sie ist ein wichtiger Forschungsbeitrag, weil der Autor sowohl die neuen Deutungen der Zeitgeschichte durch Historiker als auch durch diverse politische Akteure untersucht hat. Er analysierte viele Artikel, Bücher, Fernsehbeiträge, Museen und Schulbücher. Das Buch ist in zehn Kapitel gegliedert, wobei die ersten fünf die Zeit bis 1999 umfassen, in der die Auseinandersetzung durch die Polarisierung in zwei Lager nur wenige neue Erkenntnisse erbrachte. Ab dem 6. Kapitel zur Schulbuchdebatte von 1999 beginnt der staatliche Eingriff, der zu neuen Leitlinien führen sollte. Da es in Rumänien kaum Dissidenten gab, vollzog sich der Umbruch im Dezember 1989 im Zuge einer Volksrevolte. Die ersten zehn Jahre waren geprägt vom Machtkampf alter und neuer Akteure. Die Kommunistische Partei wurde für aufgelöst erklärt und die meisten Kader arbeiteten danach in der „Front der Nationalen Rettung“ (Frontul Renaşterii Naţionale) weiter. Sie wollte die Akten der kommunistischen Geheimpolizei nicht öffnen, da im neuen Sicherheitsdienst SRI sehr viele ehemalige Offiziere der Securitate wirkten. Jung analysiert die Kräfte, die sich sehr lange erfolglos für die Öffnung der Archive einsetzten.

Die Gruppe von Intellektuellen aus der „Bürgerallianz“ (Alianţa Civică) begann, mit der kommunistischen Herrschaft abzurechnen. Außer der Zeitschrift „Memoria“ analysiert Jung auch den rumänischen Anhang zum „Schwarzbuch des Kommunismus“ von Stéphane Courtois und anderen von 1998. Die Autoren dieser Gruppe deuteten den Kommunismus als Fremdherrschaft, die die Rote Armee nach 1944 gewaltsam erzwang. Die Monarchie der Zwischenkriegszeit stellte sie als funktionierende Demokratie dar, an die das neue Rumänien anknüpfen sollte. Die „Front“ verhinderte erfolgreich die Rückkehr des 1947 verjagten Königs. Seine Rolle wurde in vielen Publikationen und Filmen negativ dargestellt.
Als Lichtgestalt wurde ihm der rumänische Staatsführer Ion Antonescu gegenübergestellt, den der König im August 1944 verhaften ließ. Der als Kriegsverbrecher im Juni 1946 hingerichtete Antonescu wurde 1991 im Parlament geehrt. Straßen wurden nach ihm benannt, Denkmäler errichtet. Er galt als Patriot, der nur wegen der Gebietsverluste Rumäniens von 1940 in den Krieg an der Seite der Wehrmacht bis Stalingrad zog. Dass Antonescu auch für den Tod von Hunderttausenden Juden verantwortlich war, leugneten bis 2004 viele rumänische Politiker und Historiker. Jung untersucht die verschiedenen Träger des Kultes um Antonescu, wie etwa die Veteranen des Krieges gegen die Sowjetunion, die in den Jahren nach 1945 oft politische Häftlinge waren.

Dieser Gruppe ging es vor allem darum, dass ihr Kriegseinsatz und die Gefängnisjahre bei ihren Renten angerechnet werden. Dagegen verehrte eine Gruppe von ehemaligen kommunistischen Ideologen Antonescu, um sich Einfluss zu verschaffen. Sie gruppierte sich um die Partei Großrumänien, die auch den Anschluss der 1944 an die Sowjetunion verlorenen Gebiete Bessarabien und Nordbukowina propagierte. Durch den Zerfall der Sowjetunion strebte sie den Anschluss der Republik Moldau an. Die Historiker dieser Gruppe erhielten 1993 als Wirkungsstätte das staatlich geförderte Nationale Institut für Totalitarismusforschung. In dessen Publikationen wurde die gewaltsame Kollektivierung der Landwirtschaft sowjetischen Beratern angelastet. Ihre Gefolgsleute in Rumänien hätten angeblich zumeist der jüdischen und ungarischen Minderheit angehört.

Die „Bürgerallianz“ baute eine Gedenkstätte im ehemaligen Gefängnis Sighet auf, wo nach 1945 sehr viele Führer der bürgerlichen Parteien zu Tode gequält wurden. Sie wurde mit finanzieller Unterstützung des Europarates 1997 eröffnet. Jung unterstreicht, dass dort die Herausbildung autoritärer Strukturen in den dreißiger Jahren ausgeblendet wird.
Im 9. Kapitel untersucht der Autor den Streit um alternative Schulbücher, deren Entstehung der Europarat unterstützt hatte. Im Parlament kritisierten 1999 viele Abgeordnete das Schulbuch des jungen Historikers Sorin Mitu heftig, weil darin nationale Mythen in Frage gestellt wurden. Die Rumänische Akademie unterstützt das Schulbuch des Historikers Ioan Scurtu, der vier „Säulen der rumänischen Identität“ verteidigte: bodenständiges Alter der Rumänen, Kontinuität der Besiedlung, Kampf um Unabhängigkeit und Einheit der Nation. Solche Leitlinien aus der Ceauşescu-Ära waren auch in den Mammutwerken „Die Geschichte Rumäniens“ der Akademie zu finden. 2008 erschien der 8. Band, worin der Holocaust mit dem rumänischen Gulag gleichgesetzt wurde.

Seit 2004 gerieten die nationalistischen Historiker immer stärker in die Defensive, weil Staatspräsident Ion Iliescu eine „Internationale Kommission zum Holocaust in Rumänien“ berief. Sie entstand auf Druck von US-Senatoren, als Vertreter Rumäniens die Aufnahme in die NATO aushandelten. Der 400-seitige Endbericht beziffert die Anzahl der durch rumänische Behörden umgekommenen Juden und Roma auf bis zu 380.000 Personen. Als dieser Bericht im Parlament vorgestellt wurde, randalierten Abgeordnete der Partei Großrumänien. Doch diese Partei, die 2000 noch über 20 Prozent der Wählerstimmen erhielt, zerfiel in den nachfolgenden Jahren. Der Kult um Antonescu wurde beendet: Es entstand ein staatliches Institut zur Erforschung des Holocaust. Es organisierte Fortbildungskurse für Lehrer und veranlasste die Erstellung eines Schulbuches über die Geschichte der rumänischen Juden, das im Wahlunterricht eingesetzt werden soll. 2004 wurde ein Gedenktag zu den Opfern des Holocaust dekretiert, danach auch ein Mahnmal in Bukarest errichtet.

Jung meint aber, dass diese Wende noch keine Tiefenwirkung in der rumänischen Bevölkerung zeige.
Nach einer Direktive des Europarates zur Aufarbeitung der kommunistischen Verbrechen berief der Staatspräsident Traian Băsescu 2006 die „Kommission zur Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien“. Seit 2005 waren viele Akten des kommunistischen Geheimdienstes in eine staatliche Behörde (CNSAS) überführt worden. Schrittweise begann die Forschung über die Opfer des kommunistischen Systems, die sich in dem 870-Seiten-Abschlussbericht der Kommission niederschlug. Im Ausblick betont Jung, dass erst in den letzten Jahren auch das Alltagsleben im Kommunismus analysiert wird. In dem Buch sind die sich verändernden Handlungsspielräume der rumänischen Politiker bezüglich der Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte sehr gut nachzuvollziehen.

Martin Jung: „In Freiheit. Die Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte in Rumänien (1989 bis 2009)“, Berlin: Frank & Timme-Verlag 2016, 510 S., ISBN 978-3-7329-0258-3

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