„Die Auslandsgermanistik spielt eine große Rolle für die Germanistik allgemein“

ADZ-Gespräch mit Doz. Dr. Laura Cheie vom Temeswarer Fachbereich Germanistik

Mittwoch, 16. Mai 2018

Doz. Dr. Laura Cheie leitet den Fachbereich Germanistik an der West-Universität Temeswar.
Foto: Zoltán Pázmány

Der Fachbereich Germanistik an der West-Universität Temeswar gehört seit über 60 Jahren zu Temeswars bewährten Studiengängen. Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller und auch einige Mitglieder der Aktionsgruppe Banat wie etwa Richard Wagner, Johann Lippet oder William Totok haben in der Stadt an der Bega Germanistik studiert. Absolventinnen und Absolventen dieses Fachbereichs stehen heute vielfältige Berufsmöglichkeiten zur Wahl, sei es in der Wirtschaft, im Kulturbereich oder im Bildungswesen. Über die Entwicklung der Abteilung in den letzten Jahren wie auch über die Probleme, mit denen sich der Fachbereich aktuell auseinandersetzt, sprach ADZ-Redakteurin Raluca Nelepcu mit Doz. Dr. Laura Cheie, der Leiterin des Fachbereichs Germanistik an der West-Universität Temeswar. 

 

Wie viele Studierende zählt aktuell der Fachbereich Germanistik in Temeswar?

Im Bachelor bilden wir Philologen und Übersetzer aus. Die Abteilung für „Sprache und Literatur“ besuchen im ersten Jahr 23 Studierende im Haupt- und 15 im Nebenfach, im zweiten Jahrgang sieben bzw. 13 und im Abschlussjahr 19 im Haupt- und 14 im Nebenfach. Daneben gibt es die angewandten Sprachwissenschaften für jene Studierenden, die sich vor allem darauf vorbereiten, Übersetzer zu werden. Wir haben auch hier drei Jahrgänge: mit jeweils 15 Studierenden im Haupt- und Nebenfach des ersten Jahrgangs, mit sechs bzw. zwölf im zweiten und mit zehn bzw. 19 im dritten Jahrgang. Unseren Masterstudiengang besuchen weitere 31 Studierende.

Wie schätzen Sie das Interesse der Lyzeumsabsolventen ein, Germanistik zu studieren?

Wir haben nicht so viele Kandidaten wie andere Fachrichtungen, aber das ist auf philologischer Ebene generell so der Fall. Nicht viele fühlen sich zum Lehrer oder zum Übersetzer berufen. Es stimmt auch, dass diese Generationen etwas pragmatischer eingestellt sind und auch an die Zeit nach dem Studium denken. Man weiß, dass Lehrer- und Übersetzerberuf nicht so gut bezahlt werden, also entscheiden sich viele Abiturienten eher für Medizin oder IT. Ein Großteil unserer Studierenden geht auch tatsächlich in die Wirtschaft. Die deutschen Firmen in Temeswar haben viele unserer Absolventen beschäftigt und sie tun das sogar von der Universitätsbank weg. Sie warten nicht einmal, dass sie das Studium beenden.

Wie finden Sie das?

Sicherlich ist das für die Wirtschaft in Temeswar gut. Für die Temeswarer Bildungseinrichtungen könnte es ein Problem sein. Allerdings habe ich in letzter Zeit bemerkt, vor allem beim Abschlussjahrgang des Bachelors, dass sich auch Studierende der angewandten Sprachwissenschaften entschieden haben, das pädagogische Modul abzuschließen. Somit gewinnen sie eine Chance dazu, angestellt zu werden, sie rechnen also damit, den Lehrerberuf auszuüben.

Welche Vorstellungen von ihrer beruflichen Zukunft haben die Studierenden der Germanistik in Temeswar?

Das ist wiederum schwierig zu beantworten. Ich glaube, dass sie oft nicht genau wissen, was sie wollen, zumindest beim Beginn des Studiums. Sie lassen sich ein bisschen Zeit, darüber zu entscheiden, was sie am Ende wirklich machen werden. Sicherlich haben wir auch Studierende, die gezielt zu uns kommen und sagen: „Ich will Lehrer/in werden“; oder: „Ich will als Übersetzer/in arbeiten“. Aber ich vermute, dass der Großteil der Studierenden keine genauen Vorstellungen hat von dem, was sie nach dem Studium machen werden.

Inwiefern bekommen sie diesbezüglich Anregungen seitens der Unterrichtenden während ihres Studiums?

Wir bieten verschiedene Praktika an und das sind nicht nur pädagogische Praktika, sondern auch berufliche. Diese Praktikumsmöglichkeiten führen sie nicht nur in die Schulen, sondern sie führen sie auch zur deutschen Presse, in die Übersetzungsbüros, ins Deutsche Kulturzentrum usw. Über diese Praktika bieten wir ihnen die Chance, sich ein bisschen in verschiedene Bereiche einzufühlen, um zu sehen, wie es da wirklich läuft und ob sie für den einen oder anderen Beruf geeignet sind.

Da Sie die Praktikumsmöglichkeiten erwähnt haben: Unserer Redaktion fiel schon oft bei der Aufnahme von Praktikanten auf, dass Studierende der Germanistik, meistens sogar Absolventen deutscher Schulen, ein fehlerhaftes Deutsch sprechen/schreiben. Wie gehen Sie als Unterrichtende mit diesem Problem um?

Tatsächlich: Die deutschen Sprachkompetenzen derer, die zu uns kommen, sind sehr unterschiedlich. Und das ist für uns ein Problem, weil wir im Rahmen des Bologna-Systems arbeiten müssen, was in Rumänien ziemlich rigide interpretiert wurde. D. h. zum Beispiel, um es konkret auszudrücken, dass wir nur dann in Untergruppen, also differenziert arbeiten können, wenn wir mindestens 40 Studierende in einem Jahrgang haben. Eine Untergruppe darf nicht weniger als 20 Studierende umfassen. Das ist für uns ein Problem. Deswegen versuchen wir, in den ersten Semestern eine Art Simultanunterricht anzubieten. D. h. wir haben ein paar unserer Lehrveranstaltungen teilweise auf DaF umfunktioniert. Wir können aber nicht das ganze Curriculum zu einer Sprachschule mit Deutsch als Fremdsprache umfunktionieren, denn wir haben auch Studierende, die sehr gut Deutsch sprechen und diese wären dann benachteiligt. Wir versuchen unser Bestes diesbezüglich, haben bereits der Universitätsleitung verschiedene Lösungen vorgeschlagen, diese sind aber, leider, momentan aus finanziellen Gründen, nicht umsetzbar. Wir bräuchten eine massive Investition, vielleicht auch außerhalb des akademischen Systems. Darüber hinaus sollte man nicht vergessen: Akademisches Studium ist nicht gleich Schule. D. h. man setzt auch viel auf Selbststudium. Wir raten den Studierenden natürlich, die Deutschkurse des Kulturzentrums zu besuchen, denn sie sollten, auch außerhalb des Studiums an der Universität, ihr Deutsch über andere Kurse verbessern. Auch weil sie im Bachelor nur sechs Semester haben, um abzuschließen.

Mit welchen Institutionen arbeitet der Fachbereich Germanistik zusammen?

Mit sehr vielen! Über die Praktika mit den Schulen, die deutschsprachigen Unterricht anbieten, mit dem Deutschen Kulturzentrum, über das Erasmus-Programm mit vielen Partneruniversitäten aus dem Ausland, über das DAAD-Lektorat ebenfalls, mit dem Deutschen Konsulat, usw. Wir haben an unserem Lehrstuhl eine österreichische Lektorin, also gibt es hier auch eine Öffnung zu Österreich. Ein Teil meiner Kolleginnen sind Franz-Werfel-Stipendiatinnen und darüber bestehen Beziehungen im Bereich Forschung. Über das Projekt des Wörterbuchs der Banater Mundarten haben wir ebenfalls Beziehungen im Bereich Forschung, vor allem zu Deutschland. Ich könnte hier einen Nachmittag mit Ihnen verbringen, um Ihnen über all unsere Partner zu erzählen.

In welcher Phase befindet sich aktuell das Wörterbuch der Banater Mundarten?

Vom Wörterbuch gibt es bereits einen ersten Band. Man arbeitet an der Herausgabe des zweiten Bandes. Ich habe es immer gesagt: Es ist praktisch eine Lebensaufgabe für die Kolleginnen, die daran arbeiten, vor allem weil sie nicht nur forschen. Sie müssen sich ihre Zeit zur Forschungsarbeit sozusagen „stehlen“, denn sie haben auch noch andere Pflichten an der Universität. Unsere Kolleginnen, die an dem Wörterbuch arbeiten, sind Lekt. Dr. Alwine Ivănescu, Assist. Dr. Mihaela Sandor und Assist. Dr. Gabriela Sandor.

Vor zwei Jahren feierte der Temeswarer Germanistik-Lehrstuhl sein 60-jähriges Bestehen. Was würden Sie am Germanistik-Lehrgang besonders positiv hervorheben?

Wir versuchen, sehr flexibel zu sein und uns den Bedürfnissen der Studierenden anzupassen. Zugleich aber versuchen wir, ihnen auch eine ziemlich große Bandbreite an Themen zu bieten, die natürlich in erster Linie die deutsche Sprache und Literatur betreffen. Darüber hinaus haben wir z. B. im Master eine ziemliche breit gefächerte Palette an Themen, die in verschiedene Richtungen führen, wie etwa Übersetzungswissenschaften, interkulturelle und interdisziplinäre Studien, angewandte Sprachwissenschaften usw.

Welches wären verbesserungsbedürftige Schwachpunkte?

Wir arbeiten daran, Lösungen für die Verbesserung der Sprachkompetenzen zu finden. Das ist unser größtes Problem. Wir arbeiten auch daran, unsere Studierenden besser zu verstehen, also ihre Erwartungen, ihre Vorstellungen von diesem Studium nachzuvollziehen. Wir versuchen, ihnen entgegenzukommen, aber sie auch zum Selbststudium zu motivieren. Sie anzuregen, eigene Verantwortung für ihr Studium zu übernehmen. Das wären zwei eher problematische Punkte: Die Sprachdefizite und der Wille, die Verantwortung für das eigene Studium zu übernehmen.

Zieht es Ihre Studierenden nach dem Abschluss der Uni ins Ausland? Haben Sie diesen Trend vielleicht bemerkt oder hegen diesen Wunsch eher Mediziner oder IT-Fachleute aus Rumänien, was glauben Sie?

Es gibt natürlich solche Studierende, die am Ende oder auch während des Studiums entscheiden auszuwandern, aber ich würde die Situation bei uns nicht mit jener der Medizin oder des IT-Bereichs vergleichen. Ich glaube, das passiert bei uns in weit geringerem Maße. Wir haben weniger zu befürchten, dass unsere guten Absolventen auswandern. Es gibt solche Fälle, aber nicht so massiv wie bei den Medizinern oder den IT-Fachleuten. Wir hatten das Problem, dass die besseren Absolventen nicht so sehr in die Schulen gegangen sind, und das erklärt dann auch die Defizite im Beherrschen der deutschen Sprache.

Sie selbst haben einige Jahre im Ausland gelebt und gearbeitet und sind dann nach Rumänien zurückgekehrt. Wie ist es heutzutage, Germanist in Rumänien zu sein?

Erstmal spannend. Ich fühle mich gut als Germanistin in Rumänien. Im Ausland habe ich im Bereich der Germanistik geforscht aber nicht gelehrt – gelehrt habe ich dort nur im Bereich der Rumänistik. Ich weiß also nicht, wie es ist, in Deutschland oder Österreich als Germanist zu lehren. Aber ich würde sagen, wir sehen uns hier vor große Pflichten gestellt. Wir müssen vielleicht mehr bewältigen als unsere Kolleginnen in den deutschsprachigen Ländern, deshalb sehe ich mich in Rumänien als Germanistin eigentlich sehr nützlich und ich glaube, dass die Auslandsgermanistik eine große Rolle für die Germanistik allgemein spielt. Damit meine ich nicht nur ihren Nutzen für die Wirtschaft, sondern vor allem für die Bildung. Ich sehe, wie beliebt die Lenau-Schule ist, und das sind meistens keine deutschen, sondern Kinder aus rumänischen Familien, deren Eltern eine deutsche Erziehung für ihre Kinder haben wollen. Sie betrachten wohl die deutsche Erziehung als ein erfolgreiches, bzw. Erfolg versprechendes Bildungsmodell und dazu hat sicherlich die hiesige Germanistik über das germanistische Studium und die Deutschlehrer einen wesentlichen Beitrag geleistet.

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