Die beeindruckende Flora und Fauna steht vor einer ungewissen Zukunft

Süd-Transsilvanien als Gegenstand einer Studie der Universität Lüneburg

Dienstag, 09. August 2016

Eine aktuelle Studie der Universität Lüneburg beschäftigt sich mit den sozialen und ökologischen Zusammenhängen in Süd-Transsilvanien, den Auswirkungen der zunehmenden Globalisierung und der Transformation der Region vor allem nach dem EU-Beitritt Rumäniens im Jahr 2007. Gegenstand der Arbeit bildeten 30 Dörfer zwischen Mediasch/ Mediaş und Schäßburg/ Sighişoara samt der umgebenden Landschaft, die nach naturwissenschaftlichen sowie sozialwissenschaftlichen Methoden mittels Interviews mit zahlreichen Bewohnern der Gegend sowie Fragebögen untersucht wurden. Da Wirtschaft und Gesellschaft auch von einer intakten Umwelt abhängig sind, soll die groß angelegte Studie, welche über einen Zeitraum von fünf Jahren durchgeführt wurde, einen Beitrag leisten zu einem weiterhin funktionierenden System, welches aus Natur, Mensch und Landwirtschaft gebildet wird. Viele Tier- und Pflanzenarten sterben indirekt durch das veränderte menschliche Einwirken auf die Natur aus, wie die rapide sinkenden Messwerte anzeigen.

Die Landschaft Süd-Transsilvaniens wurde seit dem Mittelalter bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem von den Siebenbürger Sachsen geprägt. So wurde Weideland und Wald oft gemeinschaftlich genutzt und die Erträge innerhalb der Gemeinde aufgeteilt. Das traditionelle siebenbürgische Dorf befindet sich in einem Tal, wobei es von Agrarland umgeben ist. Zu jedem Haus gehört ein Grundstück, welches als Weide- und Agrarland genutzt wird. Die Anhöhen der Hügel und Berge sind meist bewaldet.
Die transsilvanische Landschaft zeichnet sich auch heute noch durch große Artenvielfalt aus. Dies bezieht sich sowohl auf die Flora als auch auf die Tierwelt. Die Wiesen der Region gehören zu den artenreichsten der Welt. Die Studie der Universität Lüneburg verdeutlicht die Bedrohung der lokalen Pflanzenwelt durch eingeschleppte Spezies, wie beispielsweise die kanadische Goldrute, welche die bestehende Flora zurückdrängt. Sie ist nur ein Beispiel für verschiedene neue Pflanzenarten, welche sich in Transsilvanien ausbreiten, vor allem in der Nähe von großen Straßen oder Städten. Eine wichtige lokale Spezies ist beispielsweise die Birne, welche in westlichen Teilen Europas schon weit zurückgedrängt wurde. Sie ist seit Jahrhunderten ein wichtiger Bestandteil des Obstbaus und wurde einst wegen ihrer Früchte, des Holzes und zur Vorbeugung von Erderosionen gepflanzt.

Auch die Tierwelt der Region wurde in der Studie ausführlich behandelt. Da viele Wälder hier seit Langem existieren und miteinander verbunden sind, bieten sie vielen im Westen Europas bereits seltenen Tierarten noch einen intakten Lebensraum. Dies gilt beispielsweise für den Specht, der für den Nestbau große Bäume benötigt und für die Nahrung totes Holz bevorzugt. Drei der international sechs geschützten Sprecharten sind in Transsilvanien zu Hause. Der Schwarzspecht ist hier sogar auf Weideland anzutreffen, obwohl er eher als Waldvogel bekannt ist. Es gibt nennenswerte Wolfs- und Braunbärpopulationen, sowie Luchse und Wildkatzen in Rumänien. Die meisten Bären leben zwar in den Karpaten, dennoch lassen sich einige Exemplare auch in den etwas tiefer gelegenen Regionen Transsilvaniens finden. Dies lässt sich damit erklären, dass die flacheren Regionen als Korridore zwischen den großen Wäldern dienen, in welchen die meisten Bären leben. Die meisten der dazu befragten Personen aus der lokalen Bevölkerung äußerten sich positiv über den gemeinsamen Lebensraum mit den Bären.

Sie bewerten die Tiere als Teil der Landschaft, an deren Existenz sich der Mensch während der vergangenen Jahrhunderte angepasst hat. Diese positive Haltung gegenüber den Raubtieren ist auch eine Erklärung für die bereits lange andauernde Ko-existenz von Mensch und Bär. Trotz der eher positiven Konnotation machen sich auch einige der interviewten Personen Sorgen um aufkommende Konflikte mit den Tieren, da deren Lebensraum durch systematische Abholzung der Wälder stark gefährdet ist. Auch seltene Schmetterlingsarten, wie beispielsweise der Schwarze Apollo, finden sich in Transsilvanien. So leben die meisten Schmetterlinge sowohl auf Wiesen als auch auf Agrarflächen. Eine weitere Transformation der Landschaft könnte den Lebensraum der Tiere negativ beeinflussen, da diese von der Vielfalt der Umgebung, in der sie derzeit leben, profitieren. Eben jene Diversität entsteht in Transsilvanien durch die gleich großen Bereiche an Wiesen, Wäldern und Agrarland. Nicht nur die Schmetterlinge, viele Tiere der Region profitieren davon, dass sie unter Umständen zwischen mehreren Bereichen wechseln können.

Durch die jahrelange Nutzung vieler kleinerer Agrarflächen (beispiels-weise angeschlossen an die einzelnen Höfe) durch die Siebenbürger Sachsen hat die Region ihre typische mosaikartige Gestaltung erhalten, viele dieser Flächen sind aus diesem Grund kleiner als ein Hektar. Die traditionelle Landwirtschaft ist zwar in einigen Dörfern noch sehr verbreitet, dennoch bilden EU-Verordnungen und moderne Methoden zur Bodenbearbeitung und zum Obstanbau eine Bedrohung für das Ökosystem Transsilvaniens. Durch soziale Umbrüche wird auch die Verbindung der Menschen zu ihrer Umwelt langsam aufgelöst. Neue Regelungen zur Landwirtschaft, Korruption, mangelnde Transparenz sowie wenig verständliche Informationen zu neuen Gesetzen verunsichern die Bevölkerung und tragen nicht zu einem gesunden Umgang mit der Umwelt bei, sondern fördern im Gegenteil die Überbeanspruchung der natürlichen Ressourcen. Bei Umfragen im Rahmen der Studie ließ sich folgender Trend erkennen: Viele lokale Bewohner bevorzugen landwirtschaftliche Praktiken, welche auf einen höheren Gewinn abzielen.

Die Erhaltung der Natur rückt somit weiter in den Hintergrund. Die Landschaft verändert sich genauso wie die primären Lebensräume der Menschen. Die Schere zwischen Arm und Reich, modern und traditionell ist auch in den Dörfern immer sichtbarer geworden. Viele alte Sachsenhäuser stehen leer oder sind in einem schlechten Zustand, während sich die heutigen Bewohner für nur wenig mehr Geld bereits neue Häuser bauen. Für die noch ungewisse Zukunft Süd-Transsilvaniens wurden im Zuge der Studie vier Szenarios entwickelt: Das erste Szenario geht von einer kompletten Aufgabe der kleinteiligen Landwirtschaft zu Gunsten der großflächigen Nutzung der Landschaft aus. Die Bevölkerung würde finanziell von diesen Veränderungen profitieren, jedoch würde die Biodiversität unter diesen Entwicklungen sehr leiden. Das zweite Szenario geht von der Prämisse aus, dass die Menschen die ihnen gebotenen Möglichkeiten zur Entwicklung des Landes nicht nutzen und eher in den Westen Europas abwandern. Die Balance des landschaftlichen Ökosystems wird durch diese Vernachlässigung gestört und somit geht auch der Tourismus komplett zurück.

Szenario Nummer 3 beschreibt eine Zukunft, in der die Landschaftspflege zur Priorität erhoben wird und durch diese Bemühungen der Tourismus zur immer wichtigeren Einkommensquelle werden könnte. Nachhaltiger Umgang mit der Umwelt steht an oberster Stelle und lässt alle davon profitieren. Im letzten Fallbeispiel wird davon ausgegangen, dass die Menschen die Ressourcen nicht zu nutzen wissen, die ihnen die Natur gibt und dies von ausländischen Unternehmen übernommen wird. Illegale Rodungen sind an der Tagesordnung und die meisten in der Bevölkerung sind arm. Wenn sie können, verlassen sie die Region. Bei Präsentationen in den Untersuchungsgebieten wurden die Bewohner gefragt, welches Szenario sie bevorzugen würden. Die meisten stimmten für jenes, das einen nachhaltigen Umgang mit der Natur und infolgedessen eine Steigerung des Tourismus beinhaltet.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 11.08 2016, 10:41
eine der größten Bedrohungen für die hiesige Fauna sind die vielen verwilderten Streunerhunde, die Rehkitze, Feldhasen, Wildschweinfrischlinge, bodenbrütende Vögel, seltene Nagetiere, etc. fressen. Warum sieht man in Rumänien so wenig Wild, wenn man abends auf Landstraßen unterwegs ist, während es in Ungarn nur so wimmelt. Was ist der Unterschied? Naja, in Ungarn gibt es keine Streunerhunde, das Problem existiert dort einfach nicht, bzw. wurde gründlich bekämpft. Aber die Tierschützer (einheimische wie ausländische) machen sich eben mehr Sorgen um die lieben Kutzis, als um die Wildtiere. Statt Emotionen sollte mehr Wissenschaftlichkeit in die Diskussion.

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