Die Begastadt und die grüne Aufrüstung

Stadt plant erneut Wiederaufforstung eines „zweiten“ Jagdwaldes

Dienstag, 06. Dezember 2016

Volkssport für alle Temeswarer: Radwege im Jagdwald
Foto: Zoltán Pázmány

Die Zeit rinnt den Temeswarer Stadtvätern wie Sand durch die Finger: Die Begastadt, kürzlich zur europäischen Kulturhauptstadt 2021 auserkoren, rüstet im Eiltempo, wie noch nie seit der Wende, auf. Nicht nur in Sachen Kultur, Infrastruktur und Kulturerbe hat nie Dagewesenes zu geschehen, sondern auch in Sachen Sanierung der Altstadt, des wertvollen Vorzeige-Bauerbes, der Modernisierung der Straßeninfrastruktur, des Nahverkehrs und der Verbesserung sämtlicher Dienstleistungen. Damit steht die Kulturhauptstadt jedoch noch lange nicht „auf gesunden Beinen“ oder „mit gesunden Lungen“ da: Als vitale Grundbedingung für das Image einer künftigen europäischen Kulturhauptstadt erscheint da zweifellos die Hebung des Umweltstandards. Und der ist wohl am schwierigsten zu erreichen.

Ein nennenswertes Umweltprojekt, das das Grundübel der Stadt, die unaufhaltsam steigende Umweltverschmutzung, an seinen Wurzeln packen könnte, wurde anlässlich der Debatte über den neuen städtebaulichen Plan der Begastadt auf das Tapet gebracht: das Anlegen eines neuen Waldes im Weichbild der Stadt oder am Stadtrand, sozusagen als eine Reproduktion des alten Jagdwaldes. Laut Sorin Ciurariu, Leiter des Temeswarer Städtebau-Departements, könnte der Standort dieses Neuwalds die Zone am westlichen Bega-Ufer, zwischen der Kläranlage und der Umgehungsstraße sowie zwischen der Bega und der Straße gegen Sackelhausen sein. Ein spürbarer Effekt auf die Umwelt wäre in der Stadt jedoch nicht in fünf oder zehn Jahren sondern höchst-wahrscheinlich erst in 25 Jahren zu verspüren. Valer Bercea, Leiter der Forstdirektion, bekräftigte vor Kurzem die Gerüchte um den neuen Wald mit seinem Bekenntnis, dass die Stadtverwaltung schon zirka 30.000 Baumpflänzchen für Aufforstungen bei der Forstdirektion bestellt hätte.

Derlei Projekte gab es in Temeswar schon in den Vorjahren, sie blieben leider meist im Projektstadium. So befasste sich der Stadtrat im Vorjahr mit der Wiederaufforstung auf einer Fläche von 50 Hektar im Norden der Stadt, in der Zone der Arader, Lippaer und Torontaler Straße, um der Umweltverschmutzung aus dem Norden und Nordwesten der Stadt entgegenzuwirken. Die Gesamtkosten wurden auf 610.000 Lei bzw. 12.200 Lei pro Hektar geschätzt. Das Projekt kam nicht zur Ausführung. Ein früheres Projekt, in der gleichen Stadtzone, 2001-2002 durchgeführt, endete kläglich. Mit hohen Kosten angelegt, ist diese Zone, was sie früher war, ein verwildertes Niemandsland. Der Stadtrat unterließ es damals, die jährliche Finanzierung (3000 Lei pro Hektar) für die Instandhaltung des Waldes bereitzustellen. Diesmal möchte die Stadtverwaltung vorbeugend eine langjährige Partnerschaft mit dem Temeswarer Forstlyzeum eingehen. Dessen Schüler sollen mit der Instandhaltung des Waldes etwas für die Gemeinschaft tun und auch etwas Nützliches lernen. Es gab jedoch im Stadtrat auch Stimmen, die für „clevere“ und billigere Lösungen in dieser Sache sind: Um den Durchschnitt von zirka nur 17 Quadratmetern Grünfläche pro Einwohner der Stadt Temeswar (der EU-Durchschnitt liegt bei 26) anzuheben, könnte man mit einem einfachen Verwaltungstrick künstlich auf 38 Quadratmeter pro Kopf kommen, indem der Jagdwald einfach zum Bestand der städtischen Grünflächen gezählt wird!

Viel Grünfläche, wenig echte Natur

Die Begastadt verfügt derzeit über 510 Hektar Grünzone (einschließlich Privatgärten), die Stadtparks machen 117 Hektar aus. Größter Stadtpark ist das „Wäldchen“, Giroker Stadtviertel, mit 9,03 Hektar, gefolgt vom Botanischen Park (8,41 Hektar). Der Jagdwald mit 736 Hektar ist neben dem Kewerescher Wald (1611 Hektar) der einzige Restwald in Stadtnähe geblieben. Der Wald wurde 1732 erstmals kartographisch erwähnt und ab 1860 als Jagdrevier genutzt. Das Jagdschloss des Grafen Mercy wurde nach Plänen des Temeswarer Stadtarchitekten Lajos Szekely erbaut. Die 1885 gegründete Forstschule funktioniert derzeit als Forst-Schulgruppe. Obwohl von den Temeswarern längst als städtischer Wald angesehen (Seit 2012 dürfen die Temeswarer hier ungestraft Picknicks veranstalten), gehören eigentlich nur 50,5 Hektar der Stadt. Die restlichen 680 Hektar Wald gehören dem Staat und werden nach wie vor von Romsilva verwaltet. Aus dem Vorschlag der Ciuhandu-Stadtverwaltung, den ganzen Jagdwald in ihren Besitz zu bringen im Tausch für 700 Hektar Wald bei Criciova, wurde leider nichts.

Das Temescher Amtsgericht entschied auch noch, dass die Stadt eine bewaldete Fläche von 43.480 Quadratmetern an eine lokale HG verkaufen muss. Allerdings ist der Jagdwald längst nicht mehr die grüne Lunge der Stadt, denn er beherbergt mehr Freizeiteinrichtungen als Natur, wie die Forstschule, Tiergarten, Banater Dorfmuseum, Motel, Gaststätten, Freilichtbühne, Schwimmbad, Sportstätten und seit zwei Jahren auch zahlreiche Radwege. Der Kampf gegen die überhandnehmende Umweltverschmutzung scheint nach 26 Jahren leider verloren. Darum hat die neue Stadtverwaltung trotz anderer prioritärer Infrastrukturprojekte schon 2012 angekündigt, mit verstärkten Maßnahmen für die „Gesundung“ der grünen Stadtlunge zu wirken. Die Sorge um die Parks und Grünflächen ist weiterhin für die ehemals berühmte Stadt der Rosen ein beliebtes Thema. Obwohl die Stadt Temeswar über 509,84 Hektar Grünzone verfügt, zählt die Kreishauptstadt nicht mal zu den grünsten Städten des Kreises Temesch, stattdessen das Heidestädtchen Hatzfeld mit 80,85 Quadratmeter Grün pro Kopf. Alle restlichen Städte des Kreises , darunter Busiasch, Gataja, Lugosch, Großsanktnikolaus, Tschakowa, Detta, Rekasch stehen derzeit in Sachen Grünflächen besser da.

Nach der Wende hat sich die Temeswarer Stadtverwaltung allzu leichtfertig auf die im Weichbild der Stadt existierenden und stets gelobten historischen Stadtparks (117 Hektar) verlassen. Zum Teil wurden sie von der Ciuhandu-Verwaltung schnell und kostenintensiv saniert. Einen Neustart versucht nun seit 2012 die neue Stadtverwaltung unter Bürgermeister Nicolae Robu. Als Bürger fragt man sich, will man weiterhin Grünzonen instandsetzen und pflegen oder eher Freizeit- und Vergnügungszonen mit grüner Ecke einrichten? Die Umwandlung des alten Uzinei-Parks in einen Abklatsch des Stonehenge-Ensembles, aber auch die kuriose Parzellierung des ehemals naturnahesten Temeswarer Parks, des „Wäldchens“, in sogenannte thematische Zonen, mit Spielplätzen, Skate-Park, einem Wust von Geräten und Installationen, haben letztlich diese Parks nur um ein Stück echter Natur beraubt. Die folgenden Vorhaben für die weiteren Stadtparks (Zentralpark, Justizpark, Bürgerpark, Alpinet usw., hoffentlich bleibt der traditionsreiche Rosenpark verschont) werden höchstwahrscheinlich ähnlich sündhaft teure Projekte in die Tat umsetzen.

Warum ist das Konzept der grünen Stadt solch ein vitales Thema für Temeswar? Sowohl subjektiv als auch objektiv hat die Luftverschmutzung und Lärmbelästigung in der Stadt und selbst an ihren Rändern Ausmaße erreicht, die die Gesundheit der Bevölkerung ernsthaft gefährden. Laut APM Temesch sind die Feinstaubwerte der Stadt die höchsten im Land, jährlich werden sogar 70 Fälle von Überschreitung der gesetzlichen Limits registriert, die meisten in den beiden Einfahrtsstraßen Schager Straße (45) und Arader Straße (25). In 33 Fällen wurden diese Limits gar um 80 Prozent überboten. Das ist mehr als besorgniserregend, da die EU-Normen nur sieben Überschreitungen pro Jahr zulassen. Die Hauptursachen sind der steigende Stadtverkehr, die Baustellen in allen Stadtzonen (besonders schädlich: die Straßen- und Gehsteigreparaturen), der unverantwortliche Abriss alter Industrie- und Wohnbauten, die mangelhafte Müllabfuhr und Straßenreinigung, die umweltschädliche Zentralheizung (das Heizwerk Colterm gehört nach wie vor zu den größten Umweltsündern der Stadt), hinzu kam in den letzten zehn Jahren die große Zahl der wohnungseigenen Heizzentralen mit Gaszufuhr.

Da genügt nicht allein die Konservierung und der Schutz der existierenden Grünzonen. Zur Steigerung der Wohnqualität müssen Grünflächen stetig erweitert und sämtliche Schadzonen (nicht nur Industriezonen, sondern auch viele Flächen zwischen den Wohnbauten) durch einen ökologischen Wiederaufbau der grünen Lunge der Stadt zugeführt werden. Vor allem geht es darum, diese Maßnahmen nicht nur im Stadtzentrum, sondern auch in den Wohnzonen und Randzonen mit den stark belasteten Einfahrtstraßen aus Richtung Arad, Schag, Giroda und Dumbrăviţa zu treffen.
Schlussfolgernd sei gesagt: Vieles spricht, wenn auch aus Mangel besserer Lösungen, für das Projekt eines Neuwaldes in Temeswar, gemäß der traurigen Erfahrungen nach der Wende, aber genauso viel auch dagegen. Bleibt dieses städtische Vorhaben auch nur eine Mär wie gleichartige Projekte der Vorjahre?

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