Die Büchse der Pandora

Obwohl in vielen EU-Ländern längst verpönt, will Landwirtschaftsminister Stelian Fuia den Anbau genmanipulierter Nutzpflanzen in Rumänien weiter unterstützen

Donnerstag, 16. Februar 2012

Die rumänische Tomatensorte „inimă de bou“ wird von Kennern sehr geschätzt: Die Früchte haben eine dünne Schale, sind süß und können auch 700 Gramm wiegen.
Foto: sxc.hu

Rumänien ist der einzige Staat der Welt, in dem die Anbaufläche für genmanipuliertes Soja größer ist als die für natürliches, und auch genmodifizierter Mais darf in diesem Land großflächig angebaut werden, alarmiert die Umweltorganisation „Coaliţia pentru Mediu“ und verweist gleichzeitig besorgt auf ein Interview des neuen Landwirtschaftsministers Stelian Fuia mit Radio România Actualităţi, in dem er uneingeschränkte Unterstützung für die landwirtschaftliche Gentechnologie ankündigt. Der ehemalige Verkaufsmanager des umstrittenen US-Konzerns Monsanto, gegen den bereits weltweit 270.000 Biobauern und Umweltschutzorganisationen klagen, öffnet damit das Schleusentor für einen mehr als fragwürdigen Fortschritt.

Gleichzeitig verbieten zahlreiche EU-Länder – darunter Deutschland, Frankreich, Österreich, Ungarn, Luxemburg und sogar Bulgarien – strikt den Anbau genmanipulierter Pflanzen. Der deutsche Konzern BASF mit der größten chemischen Produktion der Welt kündigte sogar diesen Januar an, sein gesamtes Genlabor aus Deutschland in die USA zu verlagern. Einer der Gründe ist der dramatische kommerzielle Misserfolg der transgenen Kartoffel in Europa, bedingt durch die Ablehnung europäischer Konsumenten. Die molekularbiologisch geschneiderte Frankenstein-Kartoffel ist Träger eines künstlich eingeschleusten Resistenzgens gegen Antibiotika und stellt damit ein unakzeptables Rikiso für Mensch und Umwelt dar, so Greenpeace. Eine Verbreitung von Resistenzgenen auf andere Organismen könnte zu der fatalen Konsequenz führen, dass Bakterien dieses Gen inkorporieren und damit immun gegen Behandlungen mit Antibiotika werden.

Von der Gefahr, die von genmanipulierten Agrarprodukten ausgeht, einmal abgesehen, stellt sich auch die Frage, wofür Rumänien landwirtschaftliche Gentechnologie braucht? Die Verkaufschancen nach Europa sind aus den oben genannten Gründen langfristig eher schlecht. Für eine interne Verwendung ist der in Rumänien angepflanzte Genmais – ein Typ , der Toxine gegen bestimmte Schädlinge produziert und in die Umwelt abgibt – jedoch überflüssig. Aus dem ganz einfachen Grund, weil diese Schädlinge in Rumänien kaum vorhanden sind! Hinzu kommt, dass laut einer im Mai 2010 von Greenpeace landesweit durchgeführten Umfrage 74 Prozent der Rumänen, die mit dem Begriff „genmanipulierte Lebensmittel“ überhaupt etwas anfangen konnten, den Konsum derselben strikt ablehnten. 81 Prozent sind zudem gegen den Anbau der Pflanzen in unserem Land.

Die Lüge vom Kampf gegen den Welthunger

Wer gewinnt an transgenen Lebensmitteln, wenn mündige Verbraucher sie ablehnen? Ein häufiges Argument für genmanipulierte Nutzpflanzen ist die Bekämpfung des Welthungers. Ein Scheinargument, denn Europa muss auch ohne Genkulturen durch Anbaurestriktionen danach trachten, Überproduktion zu vermeiden. Es sind also eher zu viele Lebensmittel vorhanden. Das Problem ist lediglich die Verteilung auf der Welt. Tatsächlich führen Genprodukte in Entwicklungsländern zu massiven Problemen, während wenige multinationale Großkonzerne fetten Gewinn einfahren. Studien zeigen, dass Länder, die massiv transgene Kulturen einführten, ihr landwirtschaftliches Gleichgewicht opferten.

In Argentinien führte der Anbau von Gensoja zu einer Krise mit schwerwiegenden Folgen für Umwelt und Gesellschaft: signifikante Erhöhung des Herbizidkonsums, Abwanderung von Bauern und Landarbeitern, Zerstörung sekulärer Wälder in alarmierender Geschwindigkeit. Einen Weg zurück gibt es nicht. Hinzu kommt, dass genmanipulierte Pflanzen die einheimischen Saaten verdrängen und damit letztlich ausrotten. Ein irreversibler Verlust der Biodiversität – und damit der Unabhängigkeit, denn nun wird das einst „geförderte“ Land abhängig vom patentierten Saatgut der Global Player. Nun können sie die Preise nach Lust und Laune bestimmen. In Rumänien ist der Verlust der Biodiversität selbst ohne Gengemüse schon ein Problem. Spazieren Sie doch einmal über einen x-beliebigen Markt und fragen dort nach Saatgut für einst beliebte einheimische Tomatensorten, „inimă de bou“ zum Beispiel. Verständnisloses Achselzucken – statt dessen an allen Ständen makellose, geschmacksarme Einheitsexemplare aus aller Herren Länder. Hauptsache es wächst schnell und die Samen sind billig. Allein aufgrund seiner Armut ist Rumänien prädestiniert als Opfer!

Springende Gene, Superunkraut und Antibiotikaresistenz

Transgene Pflanzen. Das sind solche, deren natürliches Erbgut durch Einführen eines oder mehrerer Gene aus anderen Organismen – Bakterien, Viren, Pflanzen, Tieren oder sogar dem Menschen – so verändert wird, dass die Pflanze resistent gegen bestimmte Schädlinge, Krankheiten oder „vorzeitigen“ Verderb wird. Eine Gentomate kann wochenlang ohne sichtbare Veränderung im Kühlschrank liegen – für den Kommerz ein wichtiges Kriterium. Genprodukte lassen sich billiger produzieren, halten länger und sehen besser aus. Kritiker monieren nicht nur die minderwertige Qualität der forciert unter Einsatz der chemischen Keule gezüchteten Pflanzen, sondern vor allem die in ihrem Ausmaß nicht absehbaren Gefahren für Mensch, Tier und Umwelt. Transgene Pflanzen sondern chemische Stoffe ab, mit unabsehbaren Wirkungen auf das biologische Gleichgewicht. Unter bestimmten Umständen können sie Teile ihres Designergenoms an andere Organismen weitergeben – etwa durch springende Gene, Bakterien oder Viren. Besonders gefährlich ist die Verbreitung von Resistenzgenen gegen Antibiotika, weil dies zur Entstehung resistenter Krankheitserreger führen kann, und damit zu Epidemien. Springende Gene infizieren auch nicht manipulierte Pflanzen derselben Sorte, sodass sich genmanipulierter Mais über kurz oder lang auch auf den Nachbarfeldern ausbreitet. Die angebliche Einsparung von Herbiziden und Pestiziden ist eine Milchmädchenrechnung,  wie Greenpeace auf seiner Website aufzeigt: Erkenntnisse aus den USA ergaben, dass in Genkulturen schwer zu bekämpfendes Super-Unkraut entsteht, oder dass bis zu 28 Prozent mehr Pestizide eingesetzt werden mussten, weil die Pflanzen gegen andere Erreger empfindlicher werden.

Das Genom als Büchse der Pandora

Auch wenn die Wissenschaft heute in der Lage ist, Genome ganzer Lebewesen vollständig zu entschlüsseln, so ist man weit davon entfernt, das Genom als komplexes, dynamisches Gebilde in seiner gesamten Funktionsweise zu verstehen. Theoretisch codiert jedes Gen für ein bestimmtes Protein, sodass eine entschlüsselte Genkarte Aufschluss über alle im Organismus herstellbaren Eiweißsubstanzen liefert, die wiederum komplexe, vielfach bekannte Stoffwechselkreisläufe regeln. Dies ist der stabile Aspekt des Genoms. Neue Proteine und DNA- oder RNA-Abschnitte (die Substanz, aus der Gene bestehen) können vielfältig Allergien auslösen, weil der Körper sie nicht als Nahrung erkennt und daher bekämpft. Eigene Gene und ihre Proteinprodukte wirken jedoch auch steuernd auf das Genom, sie können einzelne Gene ein- und ausschalten, bremsen oder beschleunigen. In der medizinischen Forschung hofft man, diesen Effekt eines Tages zur gezielten Abschaltung von Krebsgenen nutzen zu können.

Dasselbe tun jedoch auch fremde Genfragmente, die von anderen Organismen übernommen werden. An welcher Stelle sie auch eingebaut werden, können sie dort unbedeutende bis fatale Auswirkungen auf den Stoffwechsel haben. Dies ist der dynamische Teil des Genoms. Die schlechte Nachricht ist, dass man schon allein aufgrund der vielfachen Möglichkeiten für die Integration eines Fremdgens gar keine Chance hat, alle möglichen Auswirkungen jemals zu  untersuchen. Argumente für die Nutzung transgener Pflanzen stützen sich daher auf Studien, die zeigen, dass im Zusammenhang mit der zu genehmigenden Genpflanze noch nichts Dramatisches passiert ist. Der Aussagewert solcher Experimente kommt dem Versuch gleich, aus dem Flieger mit einer Pistole ein paarmal auf die Erde zu schießen. Wenn dann keiner tot umfällt, ist die Waffe offenbar harmlos...

In der freien Natur haben Designergene daher nichts zu suchen – nicht einmal auf einem Versuchsfeld im kleinen Stil. Das Genom ist eine Büchse der Pandora, die man nur vorsichtig unter kontrollierbaren Bedingungen öffnen sollte. Unverantwortlich ist es, unser Land in ein gigantisches, langfristig unkontrollierbares Experimentierfeld zu verwandeln und der von europäischen Verbrauchern zunehmend geforderten Biolandwirtschaft von vornherein den Todesstoß zu versetzen. Anstatt Hurra zu schreien, sollten wir rechtzeitig aus den Fehlern anderer lernen!


Mehr Info zum Thema genmanipulierte Organismen unter:
Centrul de Informare asupra organismelor modificate genetic: http://www.infomg.ro/
Greenpeace: http://www.greenpeace.org/romania/ro/campaigns/agricultura/

Kommentare zu diesem Artikel

Don Emilio, 20.02 2012, 17:38
Sehr geehrte Damen und Herren,
also Fuia war Verkaufsmanager von Monsanto.
Da hat man den Bock zum Gärtner gemacht. Bravo!
Mit freundlichen Grüßen
Sebastian, 19.02 2012, 11:46
Schlimm, wenn die "neue" Mannschaft solche Kandidaten beherbergt wie Fuia, dann gelangt Rumänien erst recht vom Regen in die Traufe.
Gerade der Umstand, dass in Rumänien vielerorts die Natur noch intakt ist, sollte als Zukunftschance genutzt werden, anstatt Produkte einer gemeingefährlichen Technik herzustellen, die man bereits Heute in die EU nicht mehr exportieren kann, zukünftig noch viel weniger.

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