Die Bukarester Deutschen

Ein Seminar zu ihrer Minderheitenkultur an der Akademie Mitteleuropa e.V. in Bad Kissingen

Donnerstag, 08. Oktober 2015

Die Teilnehmer an dem Seminar in Bad Kissingen
Foto: Gerhard Scharf

Die kleineren Gruppen innerhalb der deutschen Minderheit in Rumänien kommen in der Regel etwas zu kurz. Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben sind wohlbekannt und viele Veranstaltungen im In- und Ausland widmen sich ihnen. Geht es aber um kleinere, heterogene Gruppen wie etwa die Regatsdeutschen, ist es mit den Bekanntheitsgrad und der öffentlichen Aufmerksamkeit meist nicht so weit her. Dem hat ein Seminar an der Akademie Mitteleuropa des Heiligenhofs in Bad Kissingen ein wenig abgeholfen, das vom 25. bis 27. September stattfand und sich mit der „deutschen Minderheitenkultur in Bukarest“ beschäftigte. Zu dem vom Studienleiter des Heiligenhofs, Gustav Binder, in Zusammenarbeit mit der Heimatortsgemeinschaft Bukarest – Vorsitzender Bernddieter Schobel, stellvertretende Vorsitzende Jutta Tontsch – und dem Demokratischen Forum der Deutschen in Bukarest organisierten Treffen kamen fast 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, viele mit persönlichen Verbindungen in die rumänische Hauptstadt oder gar Absolventen des heutigen Goethe-Kollegs (der Schule mit den vielen Namen). Dies gab dem Seminar ein sehr familiäres Gepräge, in dem sich aber auch die „Zaungäste“, die von reinem Interesse angelockt worden waren, wohlfühlten.

Eröffnet wurde das Seminar am Vorabend von einem Kurzfilm von der aus Bukarest in die Bundesrepublik ausgewanderten Brigitte Drodtloff. Ihr lebhaft diskutierter Film „Omul“ fügte sich in das Seminarthema dahingehend ein, dass er von einer deutschen Bukaresterin hergestellt worden ist und in der rumänischen Metropole spielt. Am Folgetag bereiteten Victor Chiriţă, Nachrichtenredakteur beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen TVR, und Robert C. Schwartz, Leiter der Rumänien-Redaktion der Deutschen Welle, den Boden mit ihren Vorträgen zur aktuellen politischen Lage in Rumänien und der ersten Zeit der Präsidentschaft von Klaus Johannis im Besonderen, wobei unter anderem deutlich wurde, dass sich Johannis trotz sinkender Vertrauenswerte noch hoher Anerkennung erfreut, mit der Haltung in der Flüchtlingsproblematik jedoch Widerspruch hervorgerufen hat. Christiane Cosmatu, Vorsitzende des Forums Bukarest und Unterstaatssekretärin im Departement für interethnische Beziehungen bei der rumänischen Regierung, berichtete ausführlich von der Arbeit und Geschichte des Ortsverbands Bukarest des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien und machte deutlich, dass die Gesamtheit der in Bukarest lebenden Deutschen sich aus vielen verschiedenen Gruppen zusammensetzt, und nicht nur eine schwindende Gemeinschaft von Senioren und Pensionisten ist, wie manche Publikationen den Eindruck erwecken.

Wie komplex die Zusammensetzung der deutschen Gemeinschaft (und eine solche kann man sie wohl nicht mit gutem Recht nennen) in Bukarest ist, brachten auch die folgenden Beiträge deutlich zur Geltung: Rohtraut Wittstock, Chefredakteurin der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“ (ADZ), berichtete in einem konzisen und reich bebilderten Vortrag über Geschichte, Gegenwart und Zukunft des vielleicht wichtigsten Sprachrohrs der deutschen Minderheit Rumäniens, der letzten verbliebenen deutschsprachigen Tageszeitung im Südosten Europas, der ADZ. Die Tageszeitung, in kommunistischer Zeit unter dem Titel „Neuer Weg“ erschienen, markiert, dokumentiert und reflektiert den Weg der Geschichte der deutschen Minderheit Rumäniens in den letzten Jahrzehnten; dabei war und ist sie ein wichtiger Identifikationspunkt für die Deutschen Rumäniens. Deutlich wurde in dem spannenden Vortrag von Frau Wittstock auch, dass die ADZ sich den Herausforderungen einer ungewissen Zukunft bereits erfolgreich stellt. Carmen Colceriu, Lehrerin am Goethe-Kolleg, der traditionsreichen deutschen Schule in Bukarest, die bereits unter vielen Namen firmierte, darunter so profanen wie „Liceul Nr. 21“ und so kontroversen wie „Hermann-Oberth-Schule“, stellte die Arbeit an ihrer Schule vor. Das Goethe-Kolleg scheint keine Zukunftssorgen zu haben, denn Jahr für Jahr müssen zahlreiche Bewerber abgewiesen werden. Dass aber die Kompetenzen in Deutsch als Fremd- wie auch als Muttersprache von Lyzeumsabgängern landesweit besorgniserregend abnehmen und auch andere Strukturprobleme des Deutschunterrichts und der deutschsprachigen Klassenzüge in Angriff genommen sein wollen, ist auch ein Sorgenkomplex, dem sich das Goethe-Kolleg wird stellen müssen.

Der Hauptseminartag endete mit kurzen Filmen zum Schulalltag an eben jener Schule zwischen 1968 und heute, die Jutta Tontsch in jahrelanger Suche zusammengetragen hat. Es konnten sich viele anwesende Zuschauer in den Filmen selbst wiederentdecken; allen Zuschauern wurde aber auch der große dokumentarische Wert solcher Zeugnisse aus der privaten Erinnerungskultur klar, besonders beim Anschauen der älteren Filme, die auch seltene Zeitzeugnisse ganz eigener Art sind.
Der folgende Tag wurde eröffnet von einer Morgenandacht, die Bischofsvikar Dr. Daniel Zikeli, Stadtpfarrer der evangelischen Gemeinde Bukarests, hielt. Im Anschluss daran hielt er einen Vortrag zur Geschichte und Gegenwart der deutschen evangelischen Gemeinde in Bukarest, deren Spuren nicht nur bis ins 16. Jahrhundert, das Reformationsjahrhundert, zurückreichen, sondern die auch um 1900 neben Buenos Aires die größte evangelische Diasporagemeinde der Welt war. Kenntnisreich schilderte Dr. Zikeli das Werden und die Schicksale der Gemeinde, verschwieg dabei aber nicht die Sorge der schwindenden Mitgliederzahlen.

Deutlich wurde bei diesem abwechslungsreichen Seminar, dass von Gemeinschaft bei den Bukarester Deutschen kaum die Rede sein kann, was nicht nur auf die Gegenwart zutrifft. Die Heterogenität in Hinsicht auf Herkunft, Konfession, soziale und berufliche Position bedingt, dass man geschichtliche Rahmengemeinsamkeiten mit den anderen deutschen Gruppen in Rumänien teilt, etwa Verstrickung während des Dritten Reichs, Deportation, Leiden unter dem Kommunismus, Auswanderung. Hinzu kommen aber stärkere Tendenzen zur Assimilation sowie ein wenig ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl aufgrund der heterogenen Herkunft; das fangen auch Institutionen wie die Kirchen und das Demokratische Forum nur bedingt auf. Überraschend deutlich war während dieser Stunden auf dem Heiligenhof zu erkennen, dass zumindest in der jüngeren Vergangenheit die Deutsche Schule eine solche Klammer der Gemeinsamkeit darstellte; manche gingen ihren Weg gemeinsam vom Kindergarten bis zum Ende des Studiums. Hervorzuheben und ausdrücklich zu loben an diesem Seminar ist fernerhin nicht nur der bereits erwähnte Umstand, dass man sich am Heiligenhof einer Gruppe der Deutschen Rumäniens widmete, die ansonsten selten im Fokus der Aufmerksamkeit steht, sondern auch, dass der Blick quasi „von innen“ vorgenommen wurde, indem Repräsentanten der Gruppe der Bukarester Deutschen selbst das Seminar gestalteten und ausrichteten, wobei die „Exilierten“ und die „Gebliebenen“ Hand in Hand arbeiteten. Zu wünschen und zu erwarten sind weitere Veranstaltungen diesen und ähnlichen Formats, die es schaffen, in neuem Rahmen die Vielfalt des deutschen Lebens in Rumänien in Vergangenheit und Gegenwart zum Thema zu machen.

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