„Die Demonstrationen haben das Land zusammengeschweißt“

Gespräch mit dem Sanktannaer Stadtrat Claudius Höniges

Mittwoch, 08. Februar 2017

Proteste vor dem Arader Rathaus

Der Sanktannaer Claudius Höniges fährt jeden Abend nach Arad zu den Protestaktionen.
Fotos: Adrian Ardelean

Rumäniendeutsche zeigen Zivilengagement: Der einzige Gemeinderat seitens des Deutschen Forums aus dem Kreis Arad ist mit Herz und Seele bei den landesweit größten Straßenprotesten seit der Wende in der Marosch-Stadt dabei. Claudius Höniges ist knapp 28 Jahre alt. Geboren wurde er in Sanktanna im Jahr der Rumänischen Revolution 1989. Als damals das Ceauşescu-Regime durch Straßenproteste gestürzt wurde, war er nur acht Monate jung und kennt die Geschehnisse nur aus Bildern und Erzählungen. Die Chance ließ er sich diesmal aber nicht entgehen. An seinem sechsten Protesttag in Folge traf ihn Adrian Ardelean am Sonntagabend vor dem Arader Rathaus.

 

Du bist fast so alt wie die neue rumänische Demokratie.

Ja, das ist ein lustiger und guter Spruch, aber ich wünsche mir, dass diese Demokratie älter wird als ich es je sein werde.

 

Du bist von Sanktanna nach Arad gefahren mit dem eigenen Wagen in Deiner Freizeit nach der Arbeit. Warum machst Du das?

Für mich ist heute der sechste Protesttag hier, ich bin einer der Leute, die hier eigentlich ganz vorne mitstehen und mitkämpfen gegen die Korruption und für eine Zukunft in diesem Land. Es geht uns hier nicht um die Partei, die das Land regiert. Es geht uns lediglich darum, dieses Gesetz abzuwerfen. Es kann nicht sein, dass eine kleine Minderheit - und ich sage das so, da ich selber eine Minderheit vertrete - ein Gesetz gibt, das ihren Mitgliedern erlaubt, zu klauen und die Korruption zu ermutigen und sagen, „OK, das ist alles legal ab heute“. Das kann nicht in einer Demokratie vorgehen. Und da ich meine Minderheit genannt habe, muss ich ehrlich zugeben: Ich fand es jahrelang traurig, dass ich für dieses Land kämpfe, in dem ich geboren wurde und in dem ich aufgewachsen bin, aber in dem ich oft als ein Fremder angesehen werde. Ich kämpfe für das Land, das ich mir wünsche, ein Land, in dem ich meine Kinder erziehen will, ein Land, auf das wir stolz sein können. Etwas Gutes hat diese Demonstration in sich. Wir sehen, wie die Menge vorbeiläuft. Das sind Tausende Leute, die gegen ein Gesetz und gegen die Korruption kämpfen. Diese Tage haben gezeigt, dass die Demonstrationen das Land zusammengeschweißt haben. Der Satz „Ich bin stolz, dass ich Rumäne bin / Sunt mândru că sunt român“ hat wieder einen Wert.

 

Auch für Dich?

Für mich hat er schon immer einen besonderen Wert gehabt.

 

Wie fühlt man sich eigentlich hier, in dieser Menschenmenge?

Ich hatte das Glück, einer der Vordermänner zu sein, ich gehöre auch zur Arader Zivilgesellschaft und ich wurde sofort als Teil dieser wahrgenommen, aber ich habe mich auch in die Menge fallen lassen. Ich bin stolz. Ich sehe hier Arbeitskollegen, Nachbarn. Ich bin hier nicht der einzige aus Sanktanna. Am Freitagabend waren wir geschätzt 500 Sanktannaer hier, das ist immerhin eine 30 Kilometer lange Fahrtstrecke. Wir alle, die hier sind, wir fühlen uns stolz und vereint. So viele Leute, die gemeinsam für eine Sache kämpfen, waren seit 27 Jahren nicht mehr hier. Heute hat sich auch Bulgarien solidarisch mit den Protesten in Rumänien gezeigt und auch in vielen anderen Ländern sind Leute auf die Straßen gegangen. Es geht um die Korruption und wir möchten eine andere Zukunft. Alle Parteien haben ihre korrupten Leute - diese müssen weg!

 

Wie sind die Demonstrationen bisher in Arad verlaufen?

Friedlich und so wollen wir sie auch weiterhin haben. Ich selber hatte sogar einen sehr emotionalen Moment. Als ich irgendwann von der vordersten Gruppe zurückgefallen bin, weil ich eine SMS schreiben wollte, da war irgendwann ein Polizist neben mir, der geweint hat. Ich fragte ihn sofort, ob etwas schief gelaufen sei. Er antwortete darauf, ich soll zuhören. Und in dem Moment realisierte ich, dass die ganze Menschenmenge die Nationalhymne singt. Die Leute, die hier protestieren, sind besonders. Man konnte es auch abends nach den Protesten sehen: Der Platz vor dem Arader Rathaus war sauber. Hier ist die Mittelklasse, die wir uns wünschen, hier sind Leute, die einen Hochschulabschluss haben, Leute, denen die Zukunft gehört. Sie repräsentieren die Zukunft dieses Landes. Wir stehen hier vor dem Rathaus und sehen die Menge, die ebenda vor der Statue der Revolution von 1989 steht. Und wenn ich mir diese Leute anschaue, dann kann ich feststellen, dass diese Zukunft gar nicht so schlecht aussieht.

 

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