Die Deutsche Volksgruppe und die „Operation Regulus“ (II)

Ein Vortrag von Dr. Ottmar Traşcă über den Versuch, einen deutsch-freundlichen Widerstand in Rumänien zu gründen

Freitag, 22. Juli 2016

Verlauf der „Operation Regulus“

Die Vorbereitungen gingen voran und im November 1944 erreichten sie ihren ersten Höhepunkt, als in mehreren Ausbildungslagern die Gruppen geschult wurden: Fallschirmspringen, Funkkommunikation, Ausbildung an Waffen, Ausbildung für Sabotageakte u. a. Die zukünftigen Agenten hatten als Ausbilder ehemalige Mitglieder der Abwehr aus der „Division Brandenburg“.  Trotz fieberhafter Bemühungen waren die vermittelten Kenntnisse auf ein Minimum beschränkt und demnach auch die Einsatzfähigkeit der Agenten nicht die beste.

Für den Transport stand eine Einheit der Luftwaffe bereit, das Geschwader 200, eine Flugstaffel, die eigens für Nachtabsprünge von Agenten hinter den feindlichen Linien zusammengestellt worden war. Die Agenten bildeten Gruppen von sechs bis acht Personen, waren mit einer tragbaren Funkanlage ausgestattet, mit vier bis fünf Beretta- Maschinenpistolen bewaffnet und mit Handgranaten, 9mm-Pistolen, Munition, Bauplänen, Landkarten, Kompassen; rumänischem und russischem Geld, Goldmünzen, Zivilkleidung u. a. versehen. Solche Absprünge fanden hauptsächlich zwischen Kronstadt und Hermannstadt, aber auch im Banat und in der Mitte Siebenbürgens statt. Heute gibt es berechtigte Gründe anzunehmen, dass viele der damals in großer Eile von den Fallschirmspringergruppen zusammengestellten Depots mit solchen Ausrüstungen noch unangetastet bestehen und es sind Grabungen an manchen Orten vorstellbar, um diese zu suchen. Im Banat gibt es schon eine solche Fundstelle, wo auch ein Goldvorrat vermutet wird.

Der erste Absprung innerhalb der „Operation Regulus“ fand in der Nacht vom 6. zum 7. November 1944 statt. Zu der Gruppe gehörten Andreas Schmidt, Nicolae Petraşcu, Generalsekretär der Legion, Nistor Chioreanu, Kommandant der Legion für Siebenbürgen, Ilie Colhon, Leiter der Legion in Alba u. a. Das gesamte Vorhaben wurde von vielen der Beteiligten, einschließlich von deutscher Seite, aber auch von vielen der Agenten selbst, mit viel Misstrauen betrachtet und als „Himmelfahrtskommando“ bezeichnet. Ausbilder aus den Reihen der ehemaligen Abwehr oder SD bezeichneten ihrerseits das gesamte Vorhaben als „Schnapsidee“. Wegen der russischen Flugabwehr konnte das Flugzeug den vorgesehenen Absprungpunkt nicht erreichen, der bei Kronstadt lag, sondern musste vom Kurs abweichen. Der Absprung erfolgte mehr als 150 km vom Ziel entfernt. Trotzdem konnte die Gruppe, einmal gelandet, den Weg finden und ihr Ziel unversehrt erreichen und mit den Vorbereitungen beginnen, sowohl die Legionäre als auch die Deutsche Volksgruppe. Andreas Schmidt begab sich nach Bukarest, wo er sich mit Roland Gunne, stellvertretender Leiter des SD Agentennetzes von 1940 bis 1944 in Rumänien, und mit Fritz Kloos traf.

Der Verrat von Fritz Kloos

Fritz Kloos, ein Kronstädter und engster Mitarbeiter von Schmidt, leitete das rumänische SD Agentennetz von Kronstadt aus bis zum 23. August und blieb auch danach im Land. Er wurde erst viel später, im Sommer 1945, festgenommen, in der Sowjetunion bis 1955 gefangen gehalten und durfte anschließend nach Rumänien zurückkehren. Hier unterschrieb er eine Verpflichtungserklärung für die Securitate und stieg schnell zu ihrem wichtigsten Agenten in den Reihen der in die Bundesrepublik ausgewanderten Sachsen auf. Seine Akte ist, wie Dr. Ottmar Traşcă ausdrücklich betont, eine der schmutzigsten überhaupt und umfasst mehr als 33 Ordner. Er verkaufte praktisch alles, von seiner Auswanderung 1957 bis zu seinem Tod, an die Securitate. Seine Akte ist laut Gesetz nur bis 1989 einsehbar, alles was danach erfasst wurde, ist ausgenommen und da Fritz Kloos erst 2004 verstarb, ist anzunehmen, dass seine Akte weitergeführt wurde, aber nicht einsehbar ist.

Wie die Sowjets über das Vorhaben erfahren haben

Über die Absprünge der Agenten im November 1944 waren sowohl die rumänischen als auch die sowjetischen Behörden informiert, die auch über die verfolgten Ziele genauestens Bescheid wussten. Die zweite Gruppe sprang in Siebenbürgen in der Nacht vom 24. zum 25. Dezember in der Nähe von Kronstadt ab. Diese Gruppe bestand aus bedeutenden Anführern der Deutschen Volksgruppe wie Willi Deppner, Gerhard Albricht, der ehemalige Sportlehrer am Honterus-Gymnasium, Helmuth Roth und zwei Funker. Die Mitglieder dieser Gruppe wurden von den russischen Behörden erst etwas später festgenommen. Eine andere Gruppe sprang im Januar 1945 im Banat ab. All die Mitglieder konnten mit den SD-Agenten Verbindung aufnehmen und damit beginnen, insgeheim Waffenlager im Großraum Hermannstadt/Kronstadt anzulegen. Heute liegen Zahlen vor, welche von etwa 1500 Personen ausgehen, alles deutsche Offiziere und Soldaten, die sich noch in Siebenbürgen versteckten, mit denen Verbindung aufgenommen wurde und die sich auch für diesen Plan vorbereiteten.

Bis Ende Januar 1945 waren die rumänischen Behörden in Besitz so vieler Informationen über die laufenden Vorbereitungen, dass im internen Schriftverkehr sogar der Begriff „fünfte  Kolonne“ verwendet wurde. Diese Informationen gelangten auch zu den sowjetischen Behörden. Diese besaßen auch einen umgedrehten Agenten, und zwar einen Banater, den politisch tätigen Arzt Alexandru Ţăranu, Agent und Funker der Abwehr mit Residenz in Wien von 1940 bis 1944. Ţăranu war im September 1944 in die Hände des NKVD gelangt und vor die Wahl gestellt worden, für die Sowjets zu arbeiten oder erschossen zu werden. Natürlich entschied er sich, für die Sowjets zu arbeiten. In einem Moskauer Archiv befindet sich ein Verhörprotokoll von Andreas Schmidt, in dem Alexandru Ţăranu als „unser Agent“ bezeichnet wird. Das Verhör hat Lavrenti Beria selbst geführt und unterzeichnet und an Josef Stalin weitergeleitet. Über Ţăranu, der Funker der Widerstandsbewegung war, wurden die Sowjets laufend über den gesamten Funkverkehr zwischen Deutschland und Rumänien, in beide Richtungen, informiert. Trotz wiederholter technischer Ausfälle der Funkgeräte konnten die Mitglieder des Widerstandes nach Deutschland wichtige Informationen über die politische Lage, die Stimmung in Rumänien, Truppenbewegungen, militärisches Potenzial usw. übermitteln.

Die hergestellten Kontakte

Es liegen Beweise vor, dass die Agenten der Legionäre mit Persönlichkeiten auf höchster Ebene Verbindung aufgenommen haben, unter anderen mit Politikern wie Iuliu Maniu und ranghohen Offizieren und Generälen, die Spuren führen sogar bis zum damaligen Premierminister Nicolae Rădescu. In den Plan war selbst General Gheorghe Avramescu, Oberbefehlshaber der IV. rumänischen Frontarmee und zu der Zeit in Ungarn im Einsatz, eingeweiht. Dieser hatte sich bereit erklärt, mit der gesamten IV. Armee auf die Seite der Deutschen überzutreten.
Um über den Stand der Vorbereitungen zu berichten, sollten Andreas Schmidt und der Stellvertreter von Horia Sima, Constantin Stoicănescu, Rumänien im Februar 1945 insgeheim verlassen. Spätestens im März sollten der Plan des Aufstands und die deutsche Offensive umgesetzt werden: Das Ziel war diesmal, den militärischen Zusammenbruch im Rücken der Roten Armee herbeizuführen und die Rückeroberung Rumäniens, vor allem der Ölfelder bei Ploieşti. Dass die letzte Großoffensive der Wehrmacht an der ungarischen Front im März stattgefunden hat beweist, dass der Plan in diese Richtung zielte. Der Abflug erfolgte am 9. Februar von Kronstadt aus, doch zu der Zeit waren sowohl die rumänischen als auch die sowjetischen Behörden vom Funker Alexandru Ţăranu darüber informiert worden. Andreas Schmidt reiste unter einem falschen Namen als „caporal Bâtlan“.

Das Flugzeug wurde im ungarischen Luftraum, in der Nähe von Miskolc, von den Sowjets abgeschossen. Die verletzten Schmidt und Stoicănescu wurden gefasst und nach Moskau in das Gefängnis des NKVD, Lubjanka, überführt. Dort erfolgten Verhöre, von einem dieser gibt es ein zugängliches Protokoll und wahrscheinlich befinden sich die vollständigen Verhörunterlagen im heutigen FSB-Archiv. Der Abschuss und das zugängliche Verhörprotokoll waren die letzten Spuren von Andreas Schmidt und Constantin Stoicănescu, danach gibt es keine mehr, die verfolgt werden können. Über Andreas Schmidt ist nur so viel bekannt, dass er 1948 unter nicht genau geklärten Umständen im Straflager Workuta umgekommen ist. Über Constantin Stoicănescu kann nur die Vermutung aufgestellt werden, dass er seinen Verletzungen wahrscheinlich in der Lubjanka erlegen ist.

Übersetzt von Hans Butmaloiu

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