Die Deutsche Volksgruppe und die „Operation Regulus“ (III)

Ein Vortrag von Dr. Ottmar Traşcă über den Versuch, einen deutsch-freundlichen Widerstand in Rumänien zu gründen

Sonntag, 24. Juli 2016

1950, als diese Aufnahme von der Kronstädter Purzengasse gemacht wurde, erinnerten sich noch viele Kronstädter an die Ernennung des Volksführers Andreas Schmidt im Erdgeschoss des Hotels „Krone“ (links im Bild)
Foto: KR Archiv

Die Überlebenden und Nachwirkungen

Nach der Gefangennahme von Andreas Schmidt haben die sowjetischen Behörden, die nun die Hauptrolle spielten, die restlichen Beteiligten sich in Rumänien in Freiheit, jedoch unter Beobachtung bewegen lassen, was an sich sehr interessant ist. Festgenommen wurden diese alle erst nach dem 9. Mai 1945, als die Lage vollständig geklärt war: Roland Gunne und Fritz Kloos wurden z. B. in Kronstadt festgenommen. Die meisten Festnahmen erfolgten im Mai und Juni 1945 und alle Inhaftierten wurden auch sofort nach Moskau überführt, verhört und wegen Spionage, laut dem berühmten Artikel 58/6 des sowjetischen Strafgesetzes, verurteilt. Etwa 55 der Verurteilten wurden später nach Deutschland und Rumänien überführt. Zu denen, die nach Rumänien gebracht wurden, gehörte unter anderen auch Fritz Kloos. In Rumänien wurden diese von der Securitate für ein bis zwei Jahre erneut eingesperrt. Einige von ihnen, wie z. B. Fritz Kloos, verpflichteten sich in dieser Zeit, für die Securitate zu arbeiten.

Bedeutung der „Operation Regulus“

Obwohl die Operation von den Sowjets vereitelt wurde, war sie trotzdem von Bedeutung: Wegen des beabsichtigten Umsturzes – das Ziel von „Regulus“ – übten die Sowjets stärkeren Druck für die Einsetzung einer von ihnen kontrollierten Regierung in Rumänien aus. Einschließlich die Durchsetzung der Petru Groza-Regierung unter den bekannten Umständen ist eine Folge des Umsturzplanes. Aus Archivunterlagen geht hervor, dass sowohl Wyschinski (Andrei Januarjewitsch, Generalstaatsanwalt der Sowjetunion und von 1949 bis 1953 sowjetischer Außenminister) als auch Malinowski (Rodion Jakowlewitsch, Marschall der Sowjetunion und Oberbefehlshaber der sowjetischen Landstreitkräfte) sich in ihrem Gespräch mit König Mihai  direkt auf diesen „Sabotageplan gegen die Rote Armee“ bezogen haben. Diese Bezeichnung geht aus den Archivunterlagen hervor.

Operation „Regulus“ wirkt sich auf  Deportation der  Rumäniendeutschen 1945 aus

Laut den Unterlagen, welche von deutschen und russischen Historikern zum Thema der Deportation der Angehörigen deutscher Minderheiten in ganz Osteuropa veröffentlicht worden sind, war diese Aktion schon im Dezember 1944 auf zentraler Ebene beschlossen und von Stalin und Beria befohlen worden. Allerdings darf nicht ausgeschlossen werden, dass die „Operation Regulus“ eine gewisse Eile herbeiführte und die Deportation vorverlegt und beschleunigt wurde. Der jetzige Stand der Nachforschungen erlaubt zwar keine dahingehende Bestätigung, doch im Kontext jener Zeit und nach dem damaligen Stand der Informationen kann die Entscheidung der Deportation durchaus beeinflusst worden sein. Was die verspätete Reaktion der Deutschen Volksgruppe in den ersten Tagen nach dem 23. August betrifft, gibt es mehrere Fakten: Erstens befand sich Andreas Schmidt in Berlin, und zwar seit dem 10. August 1944, eben um über den besorgniserregenden Zustand in Rumänien zu berichten, da Schmidt zu den wenigen gehörte, die von den Vorbereitungen für den Umsturz am 23. August Informationen besaßen.

Am 10. August konnte er von Hitler selbst nicht empfangen werden, doch er wurde von Ribbentrop (Ullrich Friedrich Willy Joachim von, Reichsminister des Auswärtigen) in Hitlers Hauptquartier von Rastenburg/Ostpreußen empfangen. Schmidt berichtete ihm über die bedrohliche Lage in Rumänien. Am 15. August schickte Ribbentrop ein Telegramm an Manfred  von Killinger, der ab Januar 1941 deutscher Gesandter in Bukarest war. In dem Telegramm berichtete Ribbentrop über das mit Schmidt geführte Gespräch und bat um die Überprüfung der Angaben. Killingers Antwort kam sofort und war knapp: „Es handelt sich dabei um schmutzige Gerüchte“. Killinger weigerte sich bis in den letzten Augenblick zu glauben, dass Antonescu gestürzt werden könnte. In Kronstadt, beim Sitz der Deutschen Volksgruppe, befanden sich die Mitarbeiter von Andreas Schmidt, welche die Ereignisse mit nicht besonders großer Besorgnis verfolgten. Man glaubte nämlich fest daran, dass die rumänischen Behörden und vor allem die deutsche Armee die Lage unter Kontrolle bekommen wird und das Vordringen der russischen Truppen nach Siebenbürgen verhindern werden. Die Räumung begann erst am 25. August.

Für Otto Liess, Schmidts Stellvertreter, der sich in Kronstadt befand, war der Schock so groß, dass er während des Rückzugs, Anfang September, einem Schlaganfall erlag. Seine Akte befindet sich heute im CNSAS-Archiv. Interessant ist, was mit dem Archiv der Deutschen Volksgruppe geschehen ist, das sich im Kronstädter Hauptsitz (heute N. Iorga-Zeile Nr. 2) befand. Um den 27.-28. August wurde dieses Archiv von den Angehörigen des rumänischen Geheimdienstes SSI und der Siguran]a sortiert und ein Teil davon nach Bukarest geschafft. Der Verbleib dieses Teils war anfangs unklar, doch Dr. Ottmar Tra{c˛ fand ihn im Bestand von Andreas Schmidt wieder, also wurde er bewahrt. Die rumänischen Behörden übten nicht sofort, d. h. am 23. oder 24. August, die Kontrolle aus, weder in Kronstadt noch in Hermannstadt. Während in Bukarest die Kampfhandlungen sofort einsetzten, kam es hier zu Vereinbarungen und die rumänischen Einheiten schritten gegen die deutschen Einheiten nicht vor, sie erlaubten ihnen sich zurückzuziehen.

Noch ein Wort zu Fritz Kloos

Fritz Kloos unterzeichnete seine Verpflichtung bei der Securitate im April 1956 mit dem Decknamen „Gheorghe Lăzărescu“ und verließ Rumänien Richtung Bundesrepublik 1960 mit einem Auftragsplan, der von Alexandru Drăghici (Industriearbeiter, von 1952 bis 1957 Minister für Staatssicherheit) persönlich bewilligt worden war. Er ließ sich in München nieder, wo er bis zu seinem Tod gelebt hat. Von München aus reiste Kloos mindestens viermal im Jahr nach Wien, um sich mit seinem Führungsoffizier zu treffen.
Für die Niederträchtigkeit von Fritz Kloos nur ein Beispiel: Ein Hermannstädter namens Hans Müller war einer der Funker des SD-Netzes in Rumänien gewesen, doch wurde er nicht aufgespürt. Er wurde zwar 1945 deportiert und kam 1949 zurück, doch seine Tätigkeit blieb unbekannt. 1957 traf Hans Müller rein zufällig Fritz Kloos und nach mehr als zehn Jahren Trennung erzählte er, nichts Böses ahnend, dass er unaufgespürt geblieben sei. Am nächsten Tag schon berichtete Kloos dies bei der Securitate und einen Tag später wurde Hans Müller festgenommen.

Das Verhörprotokoll hält fest: „Wir wissen, dass Sie nicht ehrlich mit uns waren, also bitte erzählen Sie uns über ihre Tätigkeit als Funker der SD“. Aufschlussreich über Kloos’ Charakter ist auch eine andere Begebenheit: Kloos hatte es mit einer eigenen Firma in Deutschland versucht, doch diese stand vor der Pleite und Kloos hatte die Dreistigkeit besessen, von der Securitate 20.000 DM zu verlangen, obwohl er für seine Berichte von der Securitate gut bezahlt wurde. Auf dem Antrag von Kloos gibt es den Randvermerk von Drăghici persönlich: „Wir geben ihm keine 20.000, wir geben ihm nur 8000, denn er ist ein Betrüger“. Er hatte keine Skrupel, alles zu verraten, was verraten werden konnte, einschließlich vertrauliche Informationen des Bundesnachrichtendienstes.

Zu diesen gelangte er über einen anderen ehemaligen Funker des SD-Netzes, ebenfalls ein Kronstädter namens Misch Bergel. Für Bergel war der Verlauf sehr ähnlich wie für Kloos: Vom NKVD gefasst, wurde er in Moskau verurteilt, nach Rumänien zurückgebracht und erneut eingesperrt. Zum Unterschied von Kloos weigerte sich Bergel strikt, eine Verpflichtung bei der Securitate zu unterzeichnen, und wanderte nach 1960 aus. Da er ein sehr guter Nachrichtenoffizier war, arbeitete er beim BND als Leiter des Referats Rumänien. Ihm entlockte Kloos Informationen über die nach Deutschland ausgewanderten Rumäniendeutschen. Es ist offenkundig, dass Bergel von Kloos’ Tätigkeiten keine Ahnung hatte.

Andreas Schmidt regte in Kronstadt den Bau einer Festhalle an, die nach den Plänen eines Zeidner Architekten in den Jahren 1942-1943 aus Holz gebaut wurde. Das Gebäude war nötig, da die vorhandenen Räumlichkeiten für die Treffen der Deutschen Volksgruppe, so wie sie sich Andreas Schmidt vorstellte, zu klein waren. Diese Halle befand sich bis 1946, als sie von einem Brand zerstört wurde, dort, wo heute in Kronstadt das Stadttheater steht. Von dem Gebäude und den 3-4 Anbauten gibt es wenige Bilder, aber es ist gut erkennbar auf den Aufklärungsfotos der amerikanischen Luftwaffe. Das erste, was in der Halle veranstaltet wurde, war nicht ein Mitgliedertreffen, sondern die Totenwache für Andreas Schmidts verstorbene erste Gattin, Christa Schmidt, geborene Berger, Tochter von Gottlob Berger (Chef des SS-Hauptamtes, SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS).

Im Rahmen der von Andreas Schmidt eingeleiteten Gleichschaltung der Deutschen Volksgruppe war diese Beerdigung ein Zeichen für die antikirchliche Haltung. Diese Haltung zeigte sich auch in der Absetzung des evangelischen Bischofs und die Ernennung eines Anhängers von Schmidt an dessen Stelle, in der Übernahme der Kirchenschulen u. a. Viele Unterlagen beweisen die religionsfeindliche Einstellung, welche Schmidt durchsetzte, vor allem nach 1942. Das führte zu seiner Ablehnung in den Reihen der älteren Generation der Deutschen in Rumänien. Es wurden Parolen ausgegeben wie: „Es ist unangebracht, Jesus Christus zu huldigen, da er Jude war“. Das provokativ ohne Pfarrer abgehaltene Begräbnis blieb lange Zeit ein Gesprächthema für die Kronstädter. Schmidt war nicht nur bei den Kronstädtern unbeliebt, da er als Extremist und höriger Handlanger der Nazis betrachtet wurde. Seine persönlichen Eigenschaften rechtfertigten in keiner Weise die eingenommene Stellung. Seinen Aufstieg verdankte er ausschließlich seiner persönlichen Bekanntschaft mit Heinrich Himmler, der sein Trauzeuge war, und mit seinem Schwiegervater, SS-General Gottlob Berger. Er betrachtete sich selbst als „Vertreter des Führers“ und war nichts anderes als ein gefügiger Karrierist, bereit anstandslos Befehle auszuführen.

Übersetzt von Hans Butmaloiu

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 26.07 2016, 01:32
diese dreiteilige Artikelserie ist wirklich sehr interessant und informativ. Einige Aspekte der damaligen Situation waren mir vorher noch nicht bewußt, obwohl ich schon einiges über die Monate vom Sommer 44 bis zum Frühjahr 45 gelesen habe. Danke für die Recherchearbeit und den neutralen, wissenschaftlichen Standpunkt. Bitte mehr von solchen zeitgeschichtlichen Themen.

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