Die Doppelstadt an der Donau

In Ungarn Komarom, in der Slowakei Komarno

Freitag, 07. Februar 2014

Die Elisabeth-Brücke über die Donau, die das slowakische Komarno mit dem ungarischen Komarom verbindet.

Ein Teil des Europa-Platzes mit seiner eklektischen Architektur.

Einer der berühmtesten Söhne der Stadt: der ungarische Schriftsteller Jokai Mor.

Moderne Plastik von Peter Gaspar (geb. 1951) in einem Park von Komarno, der an die unbekannten Opfer von Verfolgung und Diktatur erinnert.
Fotos: Ralf Sudrigian

Die Donau trennt, wie auch seit dem Ende des ersten Weltkrieges die Staatsgrenze, die nicht allzu große Stadt in zwei: in einen ungarische Teil, Komarom, am Südufer, und in einen slowakischen Teil, Komarno, am linken, nördlichen Stromufer. Seit 1896 verbindet sie eine eiserne Straßenbrücke – die Elisabethbrücke. Seit dem gleichzeitigen Beitritt beider Länder in die Europäische Union ist die Verbindung einfacher geworden, denn die Visapflicht ist verschwunden. Das wird vor allem von den Ungarn begrüßt, weil Komarno als wichtigstes Zentrum der ungarischen Minderheit in der Slowakei gilt. Komarom/Komarno, auf deutsch Komorn, hat selbstverständlich auch eine gemeinsame Vergangenheit.

Das „Gibraltar“ an der Donau

An der Mündung in die Donau des von Norden kommenden Flusses Waag gelegen, hat diese Siedlung  bereits zur Zeit der Kelten existiert. Man kann also von Komorn als von einer der ältesten Siedlungen im größeren Karpatenbecken sprechen. Bereits unter den Römern sollte die strategisch-militärische Bedeutung seiner Lage das Schicksal dieser Stadt prägen: Da gab es ein Lager der römischen Legionen und - sehr nahe gelegen - eine Stadt für die Zivilbevölkerung, Brigetio genannt. Es folgte die unruhige Zeit der Völkerwanderungen, während der die ungarischen Stämme dort einen befestigten Ort bauten, der erstmals (1075) in den Urkunden erwähnt wurde, wo er den Namen Camarum trägt.

Das spätere Komarom erhielt unter Béla IV. 1265 das Stadtrecht und gehörte in seiner Gesamtheit bis zum Ersten Weltkrieg zum ungarischen Staat. Unter Mathias Corvinus erreichte die Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung. Nach der Niederlage von Mohács wuchs die Bedrohung durch die Türken und Komarom entwickelte sich zu einem der wichtigsten militärischen Stützpunkte gegen diese. Zu diesem Zweck wurde eine erste Festung am linken Ufer („die Alte Festung“) errichtet, der im Laufe der Jahrhunderte bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weitere Verteidigungsanlagen und Basteien folgten, so dass die Stadt als „Gibraltar an der Donau“ bekannt wurde und praktisch als uneinnehmbar galt. Maria Theresia erklärte sie 1745 zur freien königlichen Stadt.

Was Belagerungen nicht erreichen konnten, gelang den Naturkatastrophen, die diese prosperierende Barockstadt heimsuchten: Vor allem die Erdbeben von 1763 und 1783, aber auch Hochwasser, Feuersbrünste und nicht zuletzt Pest- und Choleraepidemien setzten der Stadt arg zu. Paradoxerweise waren es das Militär und die Verteidigungsfunktion, die die Bedeutung und wirtschaftliche Entwicklung dieser Stadt stärkten. In den napoleonischen Kriegen wurden die Festungsanlagen weiter ausgebaut, angepasst an die neue Art der Kriegsführung. Die Stadt galt im Revolutionsjahr 1848 als letzte Bastion der ungarischen Bürgerrevolution, als dort der heute als Held der Stadt gefeierte Georg Klapka sich erfolgreich gegen die Belagerung durch eine zahlenmäßig weit überlegene österreichische Armee widersetzen konnte. In den 1870er Jahren konnten in dem Befestigungssystem von Komorn an die 200.000 Soldaten stationiert werden, was deren militärische Bedeutung in der habsburgischen Doppelmonarchie unterstreicht. Als aber die Stadt getrennt wurde, als keine Armeekorps mehr zu verpflegen waren, begann auch dort eine schwierige Zeit.

Heute wird die Donaubrücke wieder voll in Anspruch genommen, und zwar in beide Richtungen: viele Ungarn und Touristen kommen in den größeren, slowakischen Teil wegen der günstigeren Preise zum Shopping. Viele slowakische Ungarn pendeln in den ungarischen Teil, weil sie dort und in der umgebenden Region ihre Arbeitsplätze haben. Es sei nun an der Zeit, heißt es, eine weitere Donaubrücke zu bauen.

Der Europa-Platz

Außer dem großen Befestigungssystem, das nun auch für Touristen attraktiv gestaltet wurde und leicht zugänglich ist, zählt der neue Europa-Platz zu den meistbesuchten Zielen im slowakischen Komarno. Es handelt sich um einen von ehrgeizigen Architekten neu gestalteten, rund 6500 Quadratmeter großen Platz, sehr nahe am Hauptplatz gelegen, der stilisierte Bauwerke in der repräsentativen historischen Architektur mehrerer europäischer Länder aufweist. Hinzu kommen mehrere historische Tore, die zum Platz führen, und in der Mitte ein großer Brunnen – eine funktionierende Kopie eines älteren Brunnens vom Hauptplatz. Alles sieht ungewöhnlich aus, vielleicht überraschend auf den ersten Blick, darum etwas verwirrend. Die einzelnen Gebäude und zum Teil auch ihre Keller- und Dachgeschosse haben verschiedene Funktionen: Geschäfte, Gaststätten, Hotels, Büros. Es gibt ein französisches, wie auch ein niederländisches Haus. Das deutsche Haus beherbergt eine Bäckerei. Das slowakische, das ungarische und das österreichische Haus stehen nebeneinander – als Zeichen des guten nachbarschaftlichen Verhältnisses und einer zum guten Teil gemeinsamen jüngeren Geschichte.

Auch das geistliche Europa ist vertreten – durch ein Vatikan-Haus. Nachträglich erfahren wir, dass es in dessen Innerem doch weltlich zugeht – eine Spielhalle soll dort eingerichtet sein. Der Europa-Platz oder Europa-Hof ist zur Touristenattraktion geworden – ein Beweis, dass auch neue, eigentlich ortsfremde Bauten als Nachstellungen fremder Vorbilder im Tourismus gut ankommen und eine Kleinstadt – Komarno hat rund 40.000 Einwohner – aufwerten können. Hinzu kommt allerdings auch die Vielfalt an guten und preisgünstigen Gaststätten, Cafes, Eisdielen, Läden, Museen. Beide Komorn bieten außerdem eine gute Infrastruktur an Radwegen in der Umgebung und verfügen über modern eingerichtete Heilbäder, die ihrerseits Touristen anziehen.

Drei berühmte Söhne

Komorn ist die Geburtsstadt von drei Persönlichkeiten. Zwei von ihnen haben sich bleibende Verdienste im Kulturbereich erworben. Die eine ist der ungarische romantische Schriftsteller Jokai Mor (1825 -1904), bekannt vor allem durch seine historischen Romane („Ein Goldmensch“, „Die schwarze Maske“). Im Revolutionsjahr 1848 war er einer der Mitstreiter von Sándor Petöfi. Die zweite ist der österreichische Operetten-Komponist ungarischer Herkunft, Franz Lehár (1870 – 1948). Er gilt zusammen mit Oscar Straus, Emmerich Kálmán und Leo Fall als Begründer der Silbernen Operettenära.

Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Die lustige Witwe“, „Zigeunerliebe“ und „Paganini“. Die dritte ist Prof. Hans Selye (1907 – 1982) der „Vater der Stressforschung“. Für jeden gibt es nicht nur Statuen in der Stadt und Institutionen (z. B. Theater und Hochschule), die ihren Namen tragen, sondern auch ihnen gewidmete Veranstaltungen, die jährlich im Programmkalender ihren Platz finden.

Darüber hinaus gibt es im August ein Festival der Blasmusik, im Juli die Tage der Kultur- und Wissenschaftsinstitution „Matica Slovenska“, sowie ein Festival der geistlichen Musik, „Harmonia Sacra Danubiana“, im Oktober. Im Juni findet der Große Preis von Komorn im Kajak-Kanu statt. Auch Pferdesportler, Jäger und Fischer haben in der Umgebung der Stadt die Möglichkeit, ihren Hobbys nachzugehen.

Einen direkten Bezug der ungarischen Donaustadt Komarom zu Rumänien gibt es ebenfalls: zu deren Partnerstädten zählt nämlich auch Mühlbach/Sebeş.

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