Die Energieversorgung Heldsdorfs

Versorgung mit elektrischem Strom: Der „neue Strom“ bereitete zunächst Probleme

Dienstag, 01. Januar 2013

Gebäude des neuen nichtfunktionierenden E-Werks.

Hohe Spannungs- abfälle durch Zwischentransformator 6/1 KV.

Die Geschichte der Stromversorgung Heldsdorfs aus dem eigenen Elektrizitäts-Werk wurde in der KR (Nr. 44-46/2009) ausführlich beschrieben. Im Folgenden wird nun gezeigt, wie die Stromversorgung in der Folgezeit gewährleistet wurde.

1948 im Zuge der Verstaatlichung der Industrieunternehmen wurde das E-Werk vom Regionalen Elektrizitätsunternehmen (IRE) Kronstadt übernommen. Die Belegschaft des E-Werkes wurde auch voll übernommen und so funktionierte auch alles weiter wie davor.

Ein anderes Phänomen begann sich aber immer mehr bemerkbar zu machen und zwar der Verschleiß des Rotors der Turbine (des Teiles der im Wasser lief). Das vielleicht fällige Auswechseln des Rotors wurde durch die Ereignisse des Krieges nicht ausgeführt.

Etwa 1949/1950 beauftragte das Kronstädter Elektrizitätsunternehmen Johann Götz (Schlossermeister) mit der Reparatur der Turbine. Der Verschleiß war schon soweit fortgeschritten, dass zwischen den Schaufeln des Rotors und dem Gehäuse (Zylinder) ein handbreiter Abstand entstanden war. Johann Götz wollte zuerst die Schaufeln des Rotors verlängern. Dieser war aber aus einem Sonderguss gefertigt, den man weder schweißen noch nieten konnte. Er fertigte einen kleineren Zylinder an und montierte diesen über den Rotor. Die Turbine konnte weiter laufen, natürlich mit verminderter Leistung.

Besondere Schwierigkeiten gab es im strengen Winter 1952/53. In diesem Winter fror der Neugraben das letzte Mal zu. Das Eis war sogar befahrbar. Der Oberkanal fror auch zu, sodass die Turbine nur von dem Wasser, das unter der Eisschicht floss, angetrieben wurde. Als auch der Unterkanal zufror, war es aus mit der Turbine, nur der Diesel blieb als Antrieb für Stromerzeugung. Das Eis wurde schließlich vom Militär gesprengt.

1953 erhielt das Verteilungsnetz „Zuwachs“. Unterhalb der bestehenden Leitungen, wurde ein Schwachstromnetz montiert, über welches man die Propaganda per Draht ins Haus geliefert bekam (difuzor). Das einzige was man regeln konnte, war die Lautstärke. Die Heldsdörfer akzeptierten es gelassen, wenn die bunten Kästen oft auch nur als Uhr oder Wecker dienten. Dieses Netz wurde später überflüssig. Als in den siebziger Jahren die Telefon-Mode Heldsdorf überrollte, wurden die Telefonleitungen an diesen Konsolen befestigt.

Die Werkstätten (Betriebe gab es damals nicht mehr) setzten auch verstärkt elektrischen Antrieb ein. Elektromotoren für Gleichstrom gab es damals noch. Sie stammten fast ausschließlich aus Gebieten, wo dieser durch Wechselstrom ersetzt wurde. Der Diesel, einst nur als Reserve eingesetzt, wurde immer mehr zum Hauptstromerzeuger. Schön langsam wurde jedem bewusst, dass der Anschluss an das Verbundnetz fällig war. Die ersten Hoffnungsschimmer tauchten 1954 auf. In diesem Jahr wurde Neudorf elektrifiziert. Von der Zuckerfabrik Brenndorf wurde eine 6kV-Leitung nach Neudorf (Satu Nou)/Schnakendorf (Dumbrăviţa), mit einer Abzweigung nach Krisbach (Crizbav), verlegt. Diese Leitung führte im Norden an Heldsdorf vorbei, ja sie überquerte sogar das Leitungsnetz Zentrale – Niedergasse.

Der Bau der Zuckerfabrik Brenndorf begann im Februar 1889. Im selben Jahr wurde schon Zucker erzeugt – eine erstaunliche Leistung für die technischen Möglichkeiten von damals. Hier erkannte man bald, dass es unwirtschaftlich war, Dampf nur zum Rübenkochen zu erzeugen.Es wurden zwei Dampfturbinen mit zwei Generatoren der Marke „Ganz“ installiert. Der Dampf nach den Turbinen reicht zum Rübenkochen noch völlig aus. Diese Turbinen samt Generatoren, von einer Gesamtleistung von ca. 1 MW (Megawatt) erzeugten Strom nur in der Zeit, wenn die Fabrik in Betrieb war. In der Zwischensaison wurde er aus dem Verbundnetz bezogen, an dem die Zuckerfabrik Brenndorf angeschlossen war.

Die Leitung Zuckerfabrik-Neudorf wurde so geführt, dass auch Heldsdorf einmal daraus versorgt werden konnte. Das Regime von damals musste Erfolge vorzeigen. Am liebsten wurde an Hand von Grafiken gezeigt, wie viele Ortschaften elektrifiziert wurden. Heldsdorf galt in der Statistik als elektrifiziert, demnach war auch das Interesse gering, dort etwas zu ändern.
Die Leistung der Turbine sank inzwischen immer mehr, wozu auch das jetzt immer stärker laugenhaltige Wasser des Neugrabens nicht unwesentlich beitrug. Die Hausfrauen hatten das Wäschebügeln schon längst in die Nacht verlegt.

Die Dreschmaschinen gehörten nun der Maschinen- und Traktorenstation (SMT) und diese hatte Traktoren, die seit Dezember 1946 im Land (Kronstadt) erzeugt wurden. Mit Strom wurde nur noch sehr beschränkt gedroschen. Gedroschen wurde längst nicht mehr in den Scheunen. Das Getreide musste auf einem speziellen Dreschplatz unter freiem Himmel, „Aria“ genannt, gedroschen werden. Diese Verordnung galt zunächst nur für die „Chiaburen“ (Großbauern), wie auch einige Sachsen betitelt wurden, die irgendwie noch Grund bearbeiten konnten. Später mussten auch alle Kolonisten zur „Arie“ fahren.

Dieses war eine sozialistische Einrichtung, um den Privatbauern kaputt zu machen! Noch etwas schmerzte die Heldsdörfer sehr. Der technische Fortschritt ging an ihnen buchstäblich vorbei. Inzwischen gab es auch schon elektrische Geräte, wie Radio, Waschmaschinen, Staubsauger, Kühlschränke usw., die leider nur für Wechselstrom gebaut wurden. Voller Neid blickte man nach Neudorf, Krisbach und Schnakendorf, die nun besser dran waren, obwohl sie in den Augen der Heldsdörfer immer als rückständig eingestuft wurden. Das einzige universale Radio (für Gleich- und Wechselstrom), das es damals im Handel gab, war ein Gerät mit braunem Kunststoffgehäuse der Marke „Tesla“. Gleich nach dem Einmarsch der Russen 1944 wurden die Rundfunkgeräte der Bevölkerung beschlagnahmt.

Im Glauben mehr Licht zu erzielen installierten die Heldsdörfer Glühlampen von immer größerer Leistung. Dadurch wurde die Anlage noch mehr überlastet, die Folge war, dass die Lampen nur noch schwach glimmten. Der Winter 1956/57 brachte den bis dahin größten Ärger, mit den ständigen Lichtschwankungen. Die Glimmfäden der Lampen röteten sich kaum, oft wurde es zeitweilig ganz dunkel. Die vormalige Freude über den Strom und technischen Fortschritt, war nun in Ärger und Verdruss umgeschlagen. Es sollte aber noch schlimmer werden.

Johann Franz (Werkstattleiter der Staatsfarm) bemühte sich viel um die Instandsetzung der Turbine. Er schrieb an das Herstellerwerk nach Sankt Pölten und bekam prompt die Antwort, dass ein Ersatzrotor geliefert werden könne, sogar das Rezept für die Gießerei wurde im Archiv des Unternehmens gefunden. Im Sozialismus war aber die Beschaffung aus dem kapitalistischen Ausland unmöglich und in der Zeit wurden die Kleinzentralen als unwirtschaftlich dutzendweise abgeschafft. Wenn die Turbine auch repariert worden wäre, hätte die Leistung mit Diesel zusammen den nun erhöhten Anforderungen nicht mehr entsprochen. Diesem ärgerlichen Zustand wurde ein jähes Ende bereitet.

Im Frühjahr 1959 wurden die privaten Stromverbraucher vom Versorgungsnetz getrennt (buchstäblich abgeschnitten). Strom hatten nur noch das Rathaus, die Schulen und die Läden der „Cooperativa“ (Genossenschaft). Selbst einige Werkstätten blieben ohne Strom. Knapp 50 Jahre, nachdem in Heldsdorf erstmals elektrisches Licht brannte, standen seine Bewohner vor dem Nichts. Es bestand nicht einmal die Aussicht, dass sich dieser Zustand bald ändern werde. Es blieb nichts anderes übrig als der Griff zur Petroleumlampe oder zur Sturmlampe, wie die windfeste Ausführung der ersteren hieß – eine Demütigung für die fortschrittlich gesinnten Heldsdörfer.

Die ohne Strom gebliebenen Werkstätten lösten das Problem auf ihre Art. Peter Hermel betrieb für die Werkstätte der Staatsfarm mit einem halbstabilen Dieselmotor einen Elektromotor, der nun als Generator den Strom für die Werkstatt lieferte. Andere Werkstätten verfuhren auf ähnliche Art.
Auf dem Gebiet der Stromversorgung tat sich zunächst nichts.

Erst im Sommer 1959 begann die Bauabteilung der Kollektivwirtschaft mit der Errichtung der Transformatorengebäude. Es wurden drei auf die Gemeinde verteilte Trafo-Gebäude errichtet. Monteure tauchten auf und begannen das Verteilungsnetz umzubauen. Etwas komisch blickten die Heldsdörfer drein, als Leitungsmasten mit einer Metallkonstruktion erhöht wurden und über das bestehende Netz eine Verbindungsleitung zwischen den einzelnen Transformatorengebäuden verlegt wurde.

Mit dem Fortschreiten der Arbeiten wurde auch das Interesse der Bewohner immer größer. Jedes Gespräch drehte sich nur noch um den „neuen Strom“ oder um den „starken Strom“ (bezogen auf das, was zuletzt war).
Es wurde das Gerücht in Umlauf gesetzt, dass die alten Hausinstallationen dem „neuen Strom“ nicht standhalten würden. Prompt erneuerten viele Heldsdörfer die Hausinstallationen und verlegten sie unter Putz.

Aber auch anders waren die Heldsdörfer gerüstet. In manch einem Kleiderschrank gelagert, warteten die großen Radio-Geräte aus DDR-Produktion der Marke „Staßfurt“ und „Gerufon“, mit den klavierähnlichen Tastaturen auf den Tag X, um in Betrieb genommen zu werden. Die erste elektrische Waschmaschine tauchte bereits 1956 in Heldsdorf auf, wurde aber in Neudorf in Betrieb gesetzt. Eine Hausfrau bevorzugte es, die Wäsche per Handkarren nach Neudorf zu fahren, um sie hier bei Bekannten elektrisch zu waschen, statt sie tagelang auf dem mit Wellblech beschlagenem Waschbrett zu reiben.

Die Arbeiten gingen nur schleppend voran, es dauerte noch bis Ende Oktober 1959. Fast auf den Tag genau, nach 50 Jahren weniger zwei Monaten, gingen in Heldsdorf das zweite Mal die Lichter an. Die große Freude auf das Ereignis erlebte ein jähes Ende. Allgemeine Enttäuschung, ja sogar Entrüstung über den „starken Strom“, der alles andere als stark war. Spannungen von 160-180 Volt in den Spitzenverbrauchszeiten am Abend waren die Regel, wodurch die Lage nicht besser war, als in der Zeit als die Turbine noch irgendwie funktionierte.

Was war geschehen? Achselzucken, Kopfschütteln – niemand konnte eine Erklärung geben und bis heute weiß kaum jemand aus Heldsdorf was damals geschehen war. Ich selbst habe es durch Zufall erfahren und um es zu erklären, muss ich in technische Details gehen, versuche aber verständlich zu bleiben.

Um die Verluste im Verteilungssystem in Grenzen zu halten, ist es in der Energieversorgung üblich, mit der höchst möglichen Spannung so nah wie möglich an die Verbraucher heranzugehen. Die 6kV-Leitung Zuckerfabrik – Neudorf sollte angezapft werden und die drei Transformatoren mit 6kV versorgt werden. So wurde es von der Projektabteilung des Regionalen Elektrizitätsunternehmens (IRE) Kronstadt vorgesehen und so war es auch richtig. Dieses Projekt musste von einem Stellvertretenden Minister für Bergbau und Elektro-Energie, der für Investitionen zuständig war, bewilligt werden. Dieser witterte sofort eine Chance zur persönlichen Bereicherung. Damals waren die Erfindungen und Rationalisierungen gut bezahlt, sie richteten sich nach dem erwirtschafteten Gewinn bzw. bei Investitionen nach den ersparten Mitteln.

Der Minister machte folgende „geniale“ Erfindung. Um die 6kV-Leitungen einzusparen wurde ein Zwischentransformator gesetzt und von hier mit 1000 Volt über dem bestehenden Leitungsnetz zu den beiden anderen Transformatoren gefahren. Durch diese Transformierungen von 6/1 kV und dann von 1000 Volt auf 380/220 Volt entstanden die großen Spannungsabfälle. Natürlich konnte niemand den Ideen eines Ministers widersprechen, der erhielt das Geld und Heldsdorf wurde mit einem äußerst anfälligen und technisch unzureichenden Versorgungssystem beschert.

Die Verkettung von technischen Dummheiten ging weiter. Beim Umbau des bestehenden Verteilungsnetzes wurden statt die dicken Kupferkabel, die ja vorhanden waren, die Leitungen mit dem kleinsten Querschnitt belassen und dadurch das Netz mehr verschlechtert als verbessert. Vermutlich ging es den Montagetrupps oder deren Vorgesetzten eher um Altkupfer als ein gutes Niederspannungsnetz zu schaffen.

(Fortsetzung folgt)

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