„Die Ergebnisse sind nicht überraschend“

Chancen und Probleme des deutschsprachigen Unterrichts in Rumänien

Samstag, 11. Juli 2015

Das Pädagogische Lyzeum Hermannstadt in seinem neuen Gebäude. Bis 2010 befand sich die Schule im traditionsreichen ehemaligen Ursulinenkloster.
Foto: Vlad Popa

Knapp 1000 Schülerinnen und Schüler werden am Colegiul Naţional Pedagogic „Andrei Şaguna“ in Hermannstadt/Sibiu, besser bekannt als Pädagogisches Lyzeum Hermannstadt, kurz: „Päda“, von etwa 85 Lehrkräften unterrichtet. Der Unterricht findet nicht nur auf Rumänisch statt, sondern in der deutschsprachigen Abteilung für mehr als 100 Jugendliche auch in deutscher Sprache. Das „Päda“ kann auf eine über 475-jährige Unterrichtstradition in deutscher Sprache und mehr als 60 Jahre deutschsprachige Lehrerausbildung zurückblicken. Doch diese Tradition ist eng mit der Existenz eines ausgedehnten, funktionierenden deutschsprachigen Unterrichtswesens in Siebenbürgen bzw. ganz Rumänien verbunden. Spätestens seit Beginn der 1990er Jahre aber befindet sich dieses Unterrichtswesen in der Krise, einer Krise, die auch am „Päda“ nicht spurlos vorüberzieht. Die Lehrerinnen Diana Zoppelt und Claudia Armenciu haben 100 Schüler und Schülerinnen aus den vier Jahrgängen des deutschsprachigen Profils des Lyzeums befragt, für wie attraktiv sie ihre Ausbildung am „Päda“ beurteilen. „Mir war es wichtig herauszufinden, was läuft da falsch – und ganz pragmatisch, was kann man besser machen“, begründet die Psychologie-Lehrerin Zoppelt die Umfrage, an der 96 Prozent der Schüler des Profils teilgenommen haben. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die beiden Pädagoginnen in der Zeitschrift des Zentrums für Lehrerfortbildung in deutscher Sprache in Mediasch/Mediaş.

Die Antworten der Schüler und Schülerinnen präsentieren ein ambivalentes Bild. Vor allem bei den Fragen zur Zufriedenheit und zu den Zukunftsperspektiven wurde ein deutlicher Unterschied in der Positionierung zwischen Jungen und Mädchen deutlich. Während sich 53 Prozent der Mädchen mit dem „Päda“-Profil „zufrieden“ oder „sehr zufrieden“ zeigen, sehen das nur 36 Prozent der männlichen Schüler so. Ähnliche Werte erreicht die Frage nach den Zukunftsperspektiven, die das „Päda“ den Schülern öffnet. Während 58 Prozent der Mädchen „ die Ausbildung zum Lehrer/Erzieher als eine gute Vorbereitung für die Zukunft“ bewerten, teilen nur 27 Prozent der Jungen diese Einschätzung. Die Autorinnen der Studie schlussfolgern, „dass die Ergebnisse der Studie sowohl auf die gute Qualität der Lehre in der deutschen Päda-Abteilung als auch auf die Lernorientierung unserer Schüler hinweisen“ – eine wohlwollende Interpretation. Jedoch – und das ist das Kernproblem: „Um die Schüler für das Lehramt zu gewinnen, braucht es eine strategische Überlegung, wie man sie dazu motivieren könnte. Dabei sollte man in Betracht ziehen, dass die Attraktivität des Profils ausschlaggebend von der Attraktivität des Berufs beeinflusst wird.“

Dies zeigt sich auch in den Antworten auf eine weitere Frage. Während, wie oben beschrieben, 58 Prozent der Mädchen der Meinung sind, eine pädagogische Ausbildung sei einigermaßen sinnvoll, wollen aber nur 27 Prozent tatsächlich einen pädagogischen Beruf ergreifen (bei den Jungen: 19 Prozent). De facto wird die Zahl noch geringer sein: Im diesjährigen Abschlussjahrgang wollen von 30 Schülern nur zwei den Beruf des Lehrers ergreifen, berichtet Diana Zoppelt der ADZ. „Grundlegend hängt das mit der Attraktivität des Berufs und den materiellen Rahmenbedingungen zusammen“, so Zoppelt weiter. Nicht nur das Gehalt, auch die materielle Ausstattung der Schulen ließe stark zu wünschen übrig. Die Schüler fänden mit ihren Deutschkenntnissen aussichtsreichere und lukrativere Arbeitsmöglichkeiten als im pädagogischen Sektor. Dies führe dazu, dass die Schüler „kaum Interesse am pädagogischen Profil“ hätten, vielmehr gehe es ihnen darum, die deutsche Sprache als „Konkurrenzvorteil“ auf dem Arbeitsmarkt zu lernen.

Diese Daten sind bedauerlich, bietet das Lyzeum mit seinem pädagogischen Profil doch mehr als „nur“ die deutsche Sprache. Mit einem Abschluss des „Päda“ in der Tasche können die Absolventinnen und Absolventen direkt in Kindergärten oder Grundschulen arbeiten. Und sie werden, auch wenn es dieselben Probleme wie an allen rumänischen Schulen gibt, auf diesen Beruf sehr gut vorbereitet. So finden aktuell zahlreiche Projekte statt, die nicht nur zur Verbesserung der Deutschkenntnisse sondern auch der pädagogischen Fähigkeiten beitragen sollen. Dazu zählen der alle zwei Jahre stattfindende deutsch-rumänische Schüleraustausch mit dem Ratsgymnasium Stadthagen bei Hannover zum Thema „Demokratische Mitbestimmungsstrukturen in Schulen und Betrieben“, der Austausch mit der Pädagogischen Fachschule Hamburg Altona, an dem in diesem Jahr 12 Päda-Schüler und 20 deutsche Erzieher-Schüler teilnahmen, oder die seit Mai 2015 laufende Teilnahme am Projekt „Romanian Affairs – Antirassismus und Antiziganismus“ der Europäischen Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte Weimar.

Die Umfrage im Pädagogischen Lyzeum bildet freilich nur einen kleinen Ausschnitt des deutschsprachigen Unterrichtswesens ab. Eingedenk der Tatsache aber, dass es sich beim „Päda“ um die einzige nicht-universitäre deutschsprachige Anstalt zur Ausbildung von Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen handelt, ist dies ein nicht unbedeutender Ausschnitt. Auf ein umfangreicheres Panorama muss indes nicht mehr lange gewartet werden: Eine Studie, die sich mit der aktuellen Situation des deutschsprachigen Unterrichtswesens in Rumänien befasst, wird bald unter dem Titel „Deutschsprachiger Unterricht in Rumänien – ein Überblick über die Wahrnehmung der Stärken, Probleme und Chancen“ im Schiller Verlag erscheinen. Die Autorinnen der Studie, Diana Zoppelt vom „Päda“, Liana Regina Junesch von der Lucian-Blaga-Universität Hermannstadt sowie Adriana Hermann und Tita Mihaiu vom Zentrum für Lehrerfortbildung in deutscher Sprache in Mediasch, befragten für ihre landesweite Untersuchung 136 Lehrer und Lehrerinnen sowie 366 Eltern der Schüler und Absolventen deutschsprachiger Schulen bzw. Abteilungen. Damit wird eine erste wissenschaftliche Untersuchung über die Beurteilung der Situation des deutschsprachigen Unterrichts aus Sicht verschiedener Akteure vorliegen. Die Autorinnen wollen die Ergebnisse ihrer Studie „als wissenschaftliche Grundlage bildungspolitischer Diskussionen“ verstanden wissen.

Die Studie baut dabei auf einer Pilot-Studie auf, deren Ergebnisse schon vor zwei Jahren veröffentlicht wurden. Damals wurden lediglich fünf Pädagogen befragt, sowie drei Presseartikel untersucht, um den Fragenkatalog für die nun fertige Hauptuntersuchung zu überprüfen. Schon die Pilot-Studie lieferte einige – freilich aufgrund der geringen Zahl an Befragten mit Vorsicht zu behandelnde – Ergebnisse. Zu den Stärken des deutschsprachigen Unterrichtswesens in Rumänien zählten die Befragten demnach vor allem ein „qualitativ hohes Unterrichtsniveau“ und die „Konkurrenzfähigkeit der Absolventen auf dem Arbeitsmarkt“. Als problematisch wurde der Mangel an Lehrkräften und deren hohe Fluktuation, sowie ihre „chronische Überforderung“ benannt. Natürlich wurden auch die Auswanderung und die „bildungspolitische Unsicherheit und ständigen Reformen“ als problematisch für das deutschsprachige Unterrichtswesen benannt. Diana Zoppelt gibt zu, sowohl die Ergebnisse der Umfrage am „Päda“ als auch die Ergebnisse der Voruntersuchung sind „nicht wirklich überraschend.“ Diejenigen, die im Schulwesen tätig sind, sind sich dieser Probleme seit langem bewusst. Doch eine wissenschaftliche Studie, die die Probleme schwarz auf weiß auflistet, mag politisch ein höheres Gewicht haben.

Rumänien hat mit dem deutschsprachigen Schulwesen eine europäische Besonderheit, die eine mehrsprachige Ausbildung, die Bildung in einem multikulturellen und mehrsprachigen europäisierten Raum ermöglicht. „Standortvorteil“ würde man das in der modernen Marketingsprache wohl nennen. Nicht erst die Untersuchungen von Diana Zoppelt und ihren Kolleginnen machen aber deutlich, wie fragil und bedroht dieses Schulwesen ist. Auch wenn die voraussichtlich im August erscheinende Studie zur Wahrnehmung des deutschsprachigen Unterrichtswesens wohl keine großen Überraschungen bereiten wird, wird mit ihr aber hoffentlich fundiertes und detailliertes Material vorgelegt, dass zur bildungspolitischen Diskussion über die Stabilisierung dieses Zweiges des rumänischen Schulsystems beitragen kann. Allerdings, solange die Löhne und Arbeitsbedingungen an Schulen derart unattraktiv bleiben, werden die höchstqualifizierten und motiviertesten Menschen ihr berufliches Glück nicht im Lehramt suchen. Das „Päda“ wird dann auch weiterhin nicht hauptsächlich wegen seines pädagogischen Profils, sondern wegen der deutschen Unterrichtssprache besucht werden.

Kommentare zu diesem Artikel

dan, 11.07 2015, 08:29
Die Schüler besuchen das Päda hauptsächlich nur deswegen, um materielle Vorteile im Beruf zu haben.
Keine Spur von Berufung, die doch für eine Päda-Beruf Voraussetzung sein sollte.
Vielleicht sollte mal bei der Eingangsprüfung danach gefragt werden?
Oder geht es darum, daß dann das Päda nicht mehr genügend Schüler haben wird?
Doch wenn die Existenz des Pädas fast nur davon abhängt, daß seine "Kunden" Deutsch lernen, dann ist das bedenklich. Denn nur materiell orientierte Pädagogen können ihren Schülern sicherlich nicht das für das Leben notwendige - auch ethisch-moralische- Rüstzeug mitgeben, damit in Rumänien weniger Materialismus= Korruption, Betrug, Vernichtung der eigenen Reserven stattfinden zu Lasten aller Bürger, der Gemeinschaft, der Natur.

Das zeigt, daß die Schüler, die so denken, im Elternhaus nicht die richtigen Werte vermittelt erhalten haben.
Das Päda sollte sich da in der Pflicht sehen, den Schülern ethischere Werte anzutragen als nur das Streben der Mehrheit der Schüler nur nach materiellen Werten.
Doch davon kein Wort in diesem Artikel.
So wird wohl weiterhin die "Schuld" für die einseitige materielle Orientierung der Schüler auf den Schülern sitzenbleiben.
Während die eigentlichen Schuldigen dafür zuallererst deren Eltern, aber auch die Lehrer, die Schule und zuletzt auch der Staat und seine Politiker als Vorbilder sind.

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