Die Erinnerungen eines großen Europäers

Vortrag über Stefan Zweig an der Österreich-Bibliothek

Mittwoch, 22. Mai 2019

Am Wochenende hat Dr. Karin Dittrich im Rahmen der Kulturveranstaltungen der Österreich-Bibliothek Temeswar an der West Universität einen Vortrag unter dem Titel: Stefan Zweigs Erinnerungen an die „Welt der Sicherheit” in seiner Autobiographie Die Welt von Gestern: Erinnerungen eines Europäers gehalten.

Einleitend wies Prof. Dr. Roxana Nubert darauf hin, dass Karin Dittrich vor zehn Jahren ihre Dissertation zum Werk von Stefan Zweig an der West Universität Temeswar vorgelegt hat und daher hierzulande als Zweig- Expertin gilt.

Ihren anschaulich bebilderten Vortrag leitete Dittrich mit den Worten ein, dass Stefan Zweigs Autobiographie eines der beeindruckendsten erzählerischen Werke Zweigs und die vielleicht bedeutendste seiner zahlreichen und berühmten Biographien sei. Nach einem Überblick über das Leben des Autors ging sie auf Entstehungszeit und -umstände der Biographie ein, die nach den Worten Zweigs ohne den mindestens Gedächtnisbehelf verfasst wurde. Im Mittelpunkt der Biographie stehe nicht die eigene Geschichte, sondern jene der Zeit infolge der bürgerlichen Scheu des Autors vor privater Selbstenthüllung. Auch in seinem Vorwort des Buches verweise Zweig darauf, dass er das Schicksal einer ganzen Generation erzähle: „die Zeit gibt die Bilder, ich spreche nur die Worte dazu”. Im Anschluss an diese allgemeinen Bemerkungen zur Zweigʼschen Biographie ging die Referentin auch auf die gattungsgeschichtliche Einordnung dieses Textes ein, der sich zwischen Autobiographie und Memoiren bewege.

Im Hauptteil ihres Vortrages widmete sich Dittrich den beiden Teilen der Biographie. Während der erste Teil sich mit der Welt der Habsburgermonarchie vor dem Ersten Weltkrieg beschäftigt, die der 1881 geborene Zweig als „Welt der Sicherheit” wahrnahm, befasst sich der zweite Teil mit der Zeit von 1914 bis 1939, dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Dabei – so Dittrich – liege das Hauptgewicht der Biographie eindeutig auf den Erinnerungen des sich im Exil befindenden Schriftstellers aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, nach der er sich zurücksehnt. Dittrich betont, dass trotz der eindeutigen Idealisierung der Habsburgermonarchie auch Zweigs Kritik an der Institution der Schule und an der Einstellung der Gesellschaft der Sexualität gegenüber deutlich werde. Aufs engste verbunden mit den Erinnerungen an seine Jugend sei die Schilderung des alten Wien, dessen literarische, künstlerische und geistige Bedeutung in den Vordergrund gerückt wird.

Schließlich kommt Dittrich zum Fazit, dass die Zweig´sche Biographie in vieler Hinsicht als Testament des Autors bezeichnet werden könne, durch welches Zweig die humanistische Geisteshaltung, den Pazifismus und den Europa-Gedanken an die Nachwelt vermitteln wollte.

Am Ende des Vortrages bringt Professor Roxana Nubert ihr Bedauern darüber zum Ausdruck, dass Stefan Zweigs Werk im aktuellen Lehrplan der Germanistik leider zu kurz komme.

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