Die erste Sprache, die wir erlernen

Interview mit dem Pantomimen Burkhart Seidemann

Donnerstag, 11. Juli 2013

Bei der Dorfschreiber-Preisverleihung war Burkhard Seidemann „federführend“. Foto: Elke Sabiel

Burkhart Seidemann war zu Gast in Katzendorf. Foto: Ralf Sudrigian

Bei den von Frieder Schuller in Katzendorf im Mai veranstalteten Kulturtagen wurde auch eine Pantomime-Performance von und mit Burkhart Seidemann und zwei seiner Schüler im Pfarrgarten aufgeführt. Eigentlich sollte es eine von Katzendorfer Schülern (die meisten von ihnen sind aus Romafamilien) mitgestaltete Aufführung sein. Es kam leider nicht dazu. Darüber und über Pantomime als Theaterkunst spricht Burkhart Seidemann, im folgenden Interview. Seidemann (geb. 1944) ist heute, nach einer erfolgreicher Karriere als Solist und Regisseur am Pantomimen-Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin und als Leiter des Hackeschen Hoftheaters bis zu dessen Auflösung 2006, als Gastprofessor an Schauspielschulen und als Berater für Theater- und Opernaufführungen wie auch bei Spielfilmdreharbeiten tätig.


Wie kam es zu Ihrer Aufführung in Katzendorf?

Seit gut fünfzig Jahren bin ich guter Bekannter des diesjährigen Dorfschreibers von Katzendorf, Jürgen Israel. Wir haben gemeinsam studiert in Jena: er Germanistik, ich Theologie. Ich bin also von Haus aus evangelischer Theologe. Als die Dorfschreiber-Vorstellung bevorstand, hatte seine Frau Agathe gesagt: „Ah, da könntest du was machen, weil du schon seit 22 Jahren eine Patenfamilie, eine Roma-Famile, in Bukarest hast.

Hier in Katzendorf gibt es Roma-Kinder und du weißt leicht mit denen umzugehen. Man könnte was Schönes machen.“ Das war die große Idee: Wir machen was gemeinsam. Alle mit allen und für alle. So ist die Gerechtigkeit auf Erden! Mit den Mitteln der Pantomime kann man Kinder erreichen und kann immer wieder über jede Sprachbarriere hinweg agieren. Das ist ein gutes Verständigungsmittel, das auch dem, der es tut, sein Selbstbewusstsein  zurückgibt. Das schwör ich ins Mikrofon!

Das hat sich wohl auch in Ihrer Arbeit mit den Katzendorfer Roma-Kindern bestätigt.

Ja, wir haben vier sehr schöne Probentage miteinander gehabt; eine Erstbegegnung wo ich ihnen etwas vorgespielt habe, wo ich mich selber zum Clown gemacht habe, dass nicht das Gefühl aufkommt: Ah, da kommt jetzt eine wichtige Person und die kommt wie ein Lehrer und wir müssen horchen und zu ihm hoch gucken. Ich hab mich klein gemacht.

Wie alt waren diese Kinder?

Die waren zwischen 13 und 15, Jungen und Mädchen gemischt – ein schwieriges Alter, wie man so schön sagt. Es waren aber auch Ungarn und Rumänen dabei. Die meisten, rund zwei Drittel, kamen aus der Zigeunersiedlung. Sie waren alle mit Freude dabei. Dann kam es leider zu einer für mich unerklärlichen Situation, dass uns mitgeteilt wurde (die Kinder haben das nicht gesagt): „Nein, da machen die Roma-Kinder nicht mit.“ Plötzlich war die Sache implodiert; ich war völlig fassungslos. Dann blieb nur mein Patenkind Aurel, der selber aus einer Roma-Familie stammt und sehr gut Deutsch spricht. Um die Situation zu retten, mussten wir was improvisieren. Es war aus der Not geboren aber manchmal ist die Not ein guter Inspirator.

Was setzt Pantomime voraus?

Eigentlich ist es eine sehr kommunikative Kunst. Sie lebt nicht nur davon, dass man vorführt, sie muss immer auch darauf warten, dass der Zuschauer es wahrgenommen hat. Das ist wie eine stumme Rede und Gegenrede. Ich mache etwas und jetzt muss ich warten – ah, haben die das verstanden? – und jetzt spiel ich wieder weiter. Es ist eine sehr starke Kommunikation mit dem Publikum.

Und wenn man merkt, dass man nicht verstanden wurde?

Dann sucht man einen anderen Weg. Wie bei einem Fremdsprachigen – Sie versuchen jeden Weg, sich verständlich zu machen. Das macht man ganzkörperlich. Der ganze Körper ist ein Instrument, das benutzt wird um etwas auszudrücken. Als Gattung Mensch, gerade lange bevor wir noch sprechen lernen, als Babys, lernen wir in Gesichtsausdrücken zu lesen, wir lernen Gesten zu verstehen, Bewegungen zu deuten, das heißt es ist eine ganz urnatürliche Sprache, die wir lange vor der Muttersprache oder einer Fremdsprache beherrschen.

Und das starke Schminken – verstärkt es die Gesichtszüge oder ist es eine Maske?

Das ist eine Maske – ein theatralischer Trick den man Verfremdung nennt. In der Theaterpraxis bedeutet das, dass man nicht den Alltag zu ernst nimmt, sondern eine Verfremdung liefert, sodass man neu hinsehen muss. Wir wussten, wir treten hier in einer Naturkulisse auf und nicht in einem künstlichen Raum eines Theaters. Die Natur ist sehr, sehr mächtig. Umso stärker muss man sich ins Künstliche als Gegenteil organisieren. Insofern war hier der Kontrast der weißen Gestalten zum Grün, den haben wir hier ganz intensiv gemacht. Sonst gibt es auch ganz andere Varianten. Die Pantomime ist nicht auf irgendein Kostüm angewiesen.

Welchen Stellenwert hat ein Drehbuch bei solchen Aufführungen, die ja ziemlich kurz sind?

Am Deutschen Theater in Ostberlin gab es über 17 Jahre ein Pantomimen-Ensemble. Das hatte genau das andere Konzept. Wir wollten bewusst als Ensemble arbeiten. Wir haben überhaupt keine Sologeschichten gemacht, keine Kurzstücke. Wir haben eigentlich Schauspiele ohne Worte aufgeführt. Das waren große Spektakel die Geschichten erzählten, also die Geschichte von Turandot oder Don Quijote. Meine erste große Rolle war Don Quijote. Die Figur hat jeder im Kopf. Genaues weiß er nicht, aber er weiß ein bisschen etwas über sie und guckt die mit einer gewissen Kenntnis an.

Vielleicht auch Klischee?

Ja, und da war das Stück dagegen. Das Klischee ist da – also ein Punkt im Raum. Dagegen können wir einen anderen Punkt setzen. Und da ist schon eine Beziehung entstanden. Pantomime ist nicht gebunden an den Solisten oder an kurze Etüden, sondern Pantomime ist eigentlich eine Theaterkunst, die bisweilen aus der Not geboren wurde. Es gab Sprechverbote. Ja, es war auch im Sozialismus so. Die glaubten an das Wort. Die Kommunisten waren sehr fromm. Die dachten, wenn sie eine Losung an die Wand schreiben ( in der DDR stand: „Vaterland, Frieden, Sozialismus – wir siegen!“), war das so wie ein Gebet, was die Wirklichkeit zu verhexen hat. Es ist kurios – sie waren Wortfetischisten. Wenn jemand ein falsches Wort sagte, das war strafbar. Wir waren aber Pantomimen. He! Uns konnte man nicht beim Wort erwischen. Wir haben nur etwas dazwischen gemacht. Und daneben.

Heute, wo solche Gefahren weggefallen sind, ist da nicht die Pantomime infrage gestellt worden?

Genau so war es. Kaum kam es zur politischen Wende in Deutschland, ist dieses Ensemble am Deutschen Theater auch aufgelöst worden. Weil es in den bürgerlichen etablierten Kulturbegriff nicht hineinpasst. Wir haben ein eigenes Theater gegründet und haben dann auf eigener Faust was gemacht. Wir haben weitere 13 Jahre lang ein Theater betrieben, was aber nicht nur Pantomime gemacht hat. Da kommt ein weiterer Aspekt dazu: Im alten Zentrum Berlins, im Judenviertel, waren wir Berlins Adresse für jiddische Kultur. Das jiddische Theater, nicht das jüdische Theater, war ein Improvisationstheater, ein Erzähltheater.

Ist musikalische Untermalung wichtig?

Es ist nicht zwingend. Wenn ich mit Studenten arbeite – ich unterrichte ja viel an Schauspielschulen – da leg ich aus pädagogischen Gründen Wert drauf, dass es die Musik, nicht als „Gefühlsprothese“ für den Zuschauer gibt. Die Studenten sollen die Geschichte nur mit dem Körper erzählen. Keine Musik die entlastend wirkt, wo man sich hinein schmeißen kann. Wenn ich eine Inszenierung fürs Publikum mache, dann benutze ich natürlich auch Licht, Stimmung, auch Musik, die aber nicht wie im Ballett verwendet wird.

Als Meister der Pantomime …

Ich würde nie, nie mich als Meister bezeichnen. Ein Mensch der sagt, er sei ein Meister, der ist am Ende. Und ich möchte nicht am Ende sein. Von meiner persönlichen Einstellung bin ich lieber ein Clown, lieber ein künstlerischer Prolet.

Gibt es ein besonderes Publikum für Pantomime?

Es ist eigentlich eine Subkultur. Es gibt immer eine Kultur, die sich am Rand und daneben behauptet. Man sieht ja, dass häufig, die Transfusionen, auch die Einflüsse in das etablierte Theater von der Seite kommen, von irgendwo, vielleicht sogar von ganz unten. Früher waren Komödianten arme Schweine.

Natürlich ist die Komödie, das Leichte, Unterhaltsame immer leichter zu verkaufen. Pantomime ist viel mehr. Es ist, wie gesagt, die erste Sprache, die wir gelernt haben. Wir leben ja in einer gefühlsverängstigten Welt. Wir geben keine Gefühle preis. Das Wertvollste was Theater überhaupt bieten kann, ist, dass es Gefühle wieder anschaubar macht, zulässt. Es gibt auch die Formulierung vom Labor für Gefühle. Das kommt mir zu technisch vor. Alle sind wir cool, wir sind Leistungsmenschen. Die Bühne ist eigentlich, sinnbildlich gesprochen, wie ein großes Schlüsselloch. Der Voyeur darf, ohne dass er ertappt oder bestraft wird, durchs Schlüsselloch schauen, und darf in die Seele eines anderen schauen in dem er sich selber wiedererkennt. Das ist die größte Leistung, die das Theater bieten kann und das kann auch die Pantomime. Noch mit dem Privileg, dass man das in den entferntesten Kulturen verstehen kann. Pantomime ist Musik für die Augen.

Das Gespräch führte
Ralf Sudrigian

Kommentare zu diesem Artikel

Mathias, 12.07 2013, 17:54
Endlich ein großartiges, lehrreiches und schönes Gespräch mit einem Künstler. Den Pantomimen Burkhard Seidemann hätten wir gern auch anderswo nicht nur in der Kulturenklave Katzendorf miterlebt.

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