Die Farben meiner Seele

ROXY&KIDS ART mit Roxana Ené – Kunst, Kommunikation und Therapie

Montag, 14. Mai 2012

Roxana Ené mit dem kleinen Alex aus Bukarest beim Malworkshop für „Hospices of Hope“.

VORHER: ein Kinderbild aus bunten Klecksen... NACHHER: bezauberndes Kunstwerk mit dem Titel „I love you so much“, durch Overpainting von Roxana Ené in Szene gesetzt.

Auch das Bild von Ionuţ, 13 Jahre alt, kann man bei der Ausstellung für „Hospices of Hope“ bewundern.
Fotos: ROXY&KIDS ART

Im Hintergrund ein Kinderlied, Donnergrollen, Glöckchenklang - oder sie steckt einem Kind einfach ein Gummibärli in den Mund und fragt: „Kannst du das mMalen?“ Was immer dabei herauskommt, für Roxana Ené ist es Herausforderung pur: erst dreht sie es linksrum, dann rechtsrum, hält es gegen den Himmel. Bis sie erkennt: ja, das muss es sein! Es ist ein bisschen wie Wolkenformen erraten. Dann kommt der Bleistift zum Einsatz. Vorsichtig skizziert sie ein paar Konturen, hält inne.

Verbindet sich mit dem kleinen Wesen, das sich da auf Papier verewigt hat. Was hat es gedacht, gesagt, geträumt, gespürt? Verstärkt Konturen. Schafft Kontraste. Hier noch ein witziges Detail. Vielleicht eine Botschaft mit ihrer typischen Zierschrift. Overpainting nennt man die Technik, die aus den Kunstwerken der Kleinen große schafft. Doch für Roxana Ené ist es mehr. Es ist Kommunikation auf der Ebene der Seele, ohne Worte und angelernte Mechanismen. Manchmal sogar Therapie.

Seit 2009 gibt es ihr Konzept „ROXY&KIDS ART“: Projekte, die Kindern erlauben, ihrer Kreativität mit Farben freien Lauf zu lassen. Die charmanten Kunstwerke, die Roxana Ené anschließend aus den Farbklecksen zaubert, sind nicht einfach nur ihre eigenen. Sie unterstreichen die Persönlichkeit des Kindes. Egal, wie banal das Ausgangswerk den Erwachsenen scheint, für sie ist jedes Kinderbild Ausdruck einer achtenswerten Persönlichkeit.

Die der kleinen Katharina etwa, die nur ein grünes Quadrat malt und dann stolz behauptet, das Bild sei fertig. Auch nach dreimaligem Zureden der Kindergärtnerin, doch noch etwas Blaues oder Rotes hinzuzufügen. Also schreibt die Künstlerin mit Zierschrift im Kreis: ES IST FERTIG. Als die Mutter das Werk in der Ausstellung entdeckt, lacht sie überrascht auf: „Ja, genau das ist meine Katharina!“

Kinder malen ihre Gefühle

In den Workshops animiert die aus Rumänien stammende Grafikerin die Kinder, ihre eigene Persönlichkeit zu zeigen. „Was hast du gedacht?“, will sie oft wissen. Auch ein „Nichts“ ist ihr gut genug. Der Hintergrund an Musik, der süße Geschmack im Mund, das sind nur Konzentrationshilfen auf das eigene Ich. Im interkulturellen Integrationsworkshop „United Colors of Schwalbach“ (2010) arbeitete sie mit Immigrantenkindern aus einem Kindergarten ihrer Wahlheimatstadt bei Frankfurt. D

ie Idee? Farbe verbindet, egal ob die Kleinen aus Sri Lanka, Irland oder Kroatien stammen. Der Workshop „Intermezzo“ an einer Sonderschule im Taunus (2011) trug das Motto „Wir sind alle gleich“. Die Sprache der Farben beherrscht jedes Kind, ob autistisch oder mit Down Syndrom. Für einen Windelhersteller veranstaltete sie sogar einen Workshop mit Babys. Ihre Kunst ist Kommunikation auf einer anderen Ebene als der sprachlichen. Steckt in ihrem Ansatz auch ein wenig Therapie?

Roxana Ené nickt und sucht nach Worten. Was sich jenseits von Sprache abspielt, ist schwer zu erklären. Statt dessen erzählt sie von einem Kind, dessen Malereien von Braun und Schwarz dominiert waren: „Unverkennbar, dass es eine Menge Schmerz mit sich herumtrug“. Sie suchte sich das düsterste aller Bilder aus... und transzendierte es liebevoll in eine Botschaft der Zuversicht. Wortlos legt sie das Ergebnis auf den Tisch. Aus dem größten der Kleckse ist eine gutmütige Figur entstanden, die eine kleinere beschützend in den Arm nimmt. Zwischen den schwarzen Flecken leuchtete ein warmer gelber Schein, wie von einer fernen Laterne. Darüber steht in Zierschrift: Hab keine Angst!

Zaghafte Berührung mit der alten Heimat

Seit kurzer Zeit verschlägt es die Künstlerin immer wieder nach Rumänien. Obwohl sie ihrem Heimatland mit 18 durch eine überstürzte Ehe mit einem Griechen den Rücken gekehrt hat und von der „Rumänin“ nach langjährigen Aufenthalten in Griechenland, den USA und Deutschland wenig übrig geblieben ist. „Das kommunistische Land erschien mir damals grau, trostlos, ohne jede Perspektive“, bekennt sie.

Im November 2010 führt sie in Jassy/Iaşi den Workshop „A Painting and a Precious Wish“ mit Allberry und Chromatone zugunsten von Straßenkindern für „Salvaţi Copiii“ durch, mit Aussicht auf weitere Projekte. Im Mai 2011 folgt „Your Child is a Little Picasso“ im Cocor Kaufhaus in Bukarest. Neben der Idee der Kommunikation mit Kindern auf der Ebene der Kunst kommt nun der Gedanke des Fundraisings für soziale Zwecke hinzu. Aus den charmanten Endprodukten entstehen Bilder zum Verkauf, deren Erlös verschiedenen Organsiationen zu Gute kommt.

Stille Auktion für ein Hospiz in Bukarest

Ende 2011 veranstaltete die Künstlerin in Bukarest ein Projekt mit kranken Kindern unter der Betreuung von „Hospices of Hope“ (ADZ vom 2.1.2012: „Hoffnung auf dem letzten Weg“). Ziel des Workshops war nicht nur, den kleinen Patienten ein paar unbeschwerte, kreative Malstunden zu bescheren. Die durch Overpainting finisierten Werke sollen vom 15. Mai bis 1. Juni in der Kunstgalerie Art Yourself (Str. Nicolae Ionescu Nr. 11), ausgestellt und am 1. Juni in einer stillen Auktion versteigert werden. Der Erlös kommt dem Hospizbau zugute. Bei der Vernissage am 15. Mai (19 Uhr) gibt es zudem Gelegenheit, den ein oder anderen „Helden“ aus dem genannten Artikel kennenzulernen – Anke Helten etwa, die sich in ihrem Volontariat für PR und Fundraising zugunsten von „Hospices of Hope“ eingesetzt hat und von der die Idee für diese Aktion stammt.

Für Alexander vergeht die Zeit langsamer

Wie kam sie eigentlich auf die Idee, therapeutische Malworkshops zu veranstalten, frage ich die Künstlerin neugierig. Wir sitzen uns in der Bukarester ADZ Redaktion gegenüber, plaudern munter über dies und jenes und tauschen unsere sehr unterschiedlichen Rumänienerfahrungen aus: sie, die vor langer Zeit ausgewanderte Rumänin, die sich in Deutschland heimisch fühlt, ich, deutsche Aussteigerin in meinem selbstgewählten Paradies.

Ums Eck ihr Sohn Alexander, der interessiert zuhört, aber schweigend im Kaffee rührt. Nur wenn man ihn direkt anspricht, wirft er einen kurzen Gedanken in das Gespräch ein. Und doch ist der 23-jährige junge Mann der heimliche Hauptheld dieser Geschichte. Denn ohne seinen Leidensweg gäbe es keine Künstlerin Roxana Ené, keine Overpainting-Workshops, keinen Weg zurück nach Rumänien. Vor allem aber nicht diese uneingeschränkte Offenheit, die Roxana Ené kranken und behinderten Kindern entgegebringt, und mit der sie mir die Geschichte ihres Sohnes erzählt.

Wieder wühlt sie in ihrer Mappe, legt dann eine Zeichnung mit einer Urwaldszene auf den Tisch. Das Blatt ist vollgekritzelt bis ins kleinste Eck: Tiere, Pflanzen, Fabelwesen, Details über Details. „Ein vollständiges Bild, dem es nichts hinzuzufügen gibt“, sagt Roxana Ené. So hat der zurückgezogene Junge gezeichnet, wie ein Besessener. Kein Wunder, denn in der künstlerisch vorbelasteten Familie lagen stets Stifte und Pinsel bereit.

Eines Tages jedoch hörte er auf einmal auf. Und da begannen die Probleme. Wegen Schwierigkeiten in Mathe musste er eine Klasse wiederholen. Erst einmal.
Dann zweimal. Dann war es aus mit der Schule. Ein Trauma für den anderweitig hoch begabten, doch sozial extrem zurückgezogenen Jungen. Was wird aus ihm, fragte sich die besorgte Mutter. Alexander versank in Depressionen. Verzweifelt versuchte Roxana, ihn wenigstens wieder zum Zeichnen zu bewegen. Sie kramte seine alten Werke hervor, nahm seinen Stil als Vorbild – und entdeckte ihr eigenes künstlerisches Potenzial. Heute hilft ihr Alexander bei der Arbeit, ist unentbehrlich bei den Workshops, sagt sie.

Die erklärende Diagnose für seine Probleme fiel erst nach Jahren - helfen kann sie nun nicht mehr: Dyskalkulie, vielleicht sogar Autismus. Alexander sagt, die Außenwelt rast wie verrückt an ihm vorbei. Träumend suchte er seine Dimension in der Vergangenheit. Und fand sie - in Rumänien! Wo die Menschen wie vor 50 Jahren leben, weniger kompliziert und viel näher an der Natur. In Snagov bauen sie sich ein Blockhaus, er hält einen Hund, eine Katze. Entdeckt, was es bedeutet, glücklich zu sein. Es gelingt ihm hier.
Der Kreis hat sich geschlossen. Nichts geschieht umsonst, erkennt auch  Roxana Ené.

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