Die Gebäude der Seewaldt–Mühlen

Samstag, 18. Oktober 2014

Diesen Sommer wurde ein neues Baugelände am Fuße des heute als „Universitäts-Hügel“ bekannten alten „Mühlenbergs“ erschlossen. Dabei wurde ein Gebäude abgetragen, das im1. Foto links noch sehr neu erscheint, und es öffnet sich der Blick auf ein viel älteres Gebäude, heute Wohnhaus, in dem sich die „alte“ Mühle befand (2. Foto). Ob dieses noch dieselbe Form hat, wie die von 1790, als es von Jakob Kocian gebaut wurde, ist fragwürdig, doch die Grundmauern und die Seitenwand dürften unverändert sein. Kocian war zwar entfernt, aber doch mit der erstmals 1688 in Kronstadt erwähnten Seewaldt-Familie verwandt. Christoph Gottfried Seewaldt brach 1865, aus welchen Gründen auch immer, die Familientradition als Fleischer ab, gab seinen Beruf auf, kaufte die Mühle von einem französischen Emigranten und sattelte zum Müllermeister um.

Die bis dahin vom Tömösch betriebene Mühle – sie hatte ein Wasserrad an der jetzt sichtbaren Wand –  kannte seit dem Tag an ein Aufleben und folgte technisch sehr schnell den Entwicklungen: an Stelle des Wasserrads kam eine Wasserturbine und danach eine Dampfmaschine. 1890 übernahm sein Sohn, Alfred Rudolf Carl Seewaldt das Geschäft, gründete eine Aktiengesellschaft und stand deren Aufsichtsrat bis zu seinem Tod 1939 vor.

Der Mühlenbetrieb war auf modernstem Stand, Elektromotoren waren an Stelle der Dampfmaschine gekommen, vielleicht auch unter dem Einfluss des nur wenige hundert Meter entfernten Elektrizitätswerks der Stadt. Dieses Foto, wo im Vordergrund das Bahngleis sichtbar ist welches bis Anfang der 60-er Jahre zum Hauptbahnhof führte, dürfte genau neben dem Elektrizitätswerk gemacht worden sein, mit Blick auf die Mühle und den Hügel dahinter.

Nach dem Krieg wurde auch die Seewaldt-Mühle enteignet und zum Volkseigentum. Ihr Niedergang begann nach 1960, als die neue Brotfabrik mit Mühlenbetrieb am Ende der Fabrikstraße erweitert wurde. In die Gebäude der Seewaldt-Mühle zogen nacheinander Abteilungen verschiedener Unternehmen ein die bis 1970 zu einer Art von „Städtischen Werken“ gehörten, die kurzzeitig milch-, brot- und fleischverarbeitende/erzeugende Unternehmen vereinte. Damals wurde dem Mühlenbetrieb auch der heute längst in Vergessenheit geratene Namen „Horia, Clo{ca si Cri{an“ verpasst.

Im Hof des Mühlenbetriebs wurde ein Lager für Stahlprofile eingerichtet und das jetzt abgetragene Gebäude, wo die eigentlichen Mühlen waren, wurde für Büros umgebaut. Diese blieben teilweise bis nach 1990 bestehen. Seit etwa 1995 wurde das ganze Gelände stillgelegt. Der 2010 unternommene Versuch, einen Früchte- und Gemüsemarkt hier einzurichten, scheiterte kläglich, sodass sich irgendwann ein Immobilienentwickler meldete der bis 2016 hier einen Wohnkomplex fertigstellen will. Die Grundmauern der ersten drei Wohneinheiten stehen schon, genau neben der ersten, 1790 gebauten, Mühle.

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