Die Gemütlichkeit des Anarchismus, die Nachgiebigkeit der Ordnung

Eine Wochenendreise nach Amsterdam ist auch im Winter eine gute Idee

Sonntag, 14. Januar 2018

Typisches Amsterdamer Stadtbild: die Singelgracht. Entlang der Grachten stehen die Bürgerhäuser des 17. und 18. Jahrhunderts.

Das Rijksmuseum mit seinen umfassenden Kollektionen holländischer Kunst sowie das benachbarte Van-Gogh-Museum gehören zu den Must Dos in der niederländischen Hauptstadt.

Rembrandt van Rijn wird als wichtigster Maler des Goldenen Zeitalters der Niederlande angesehen. Die „Nachtwache“ zählt zu seinen Hauptwerken.

Der „Paleis op der Dam“ oder „Koninklijk Paleis“ wurde während des Goldenen Zeitalters der Niederlande als Amsterdamer Rathaus gebaut. Seit 1939 wird er dauerhaft von der holländischen Königsfamilie zu Repräsentationszwecken und als Gästehaus für Staatsgäste benutzt. Sitz des Hauses Oranien-Nassau ist jedoch Schloss Huis ten Bosch bei Den Haag.
Fotos: der Verfasser

Den ersten Eindruck wird man nicht los; das, was man kurz bei der Ankunft dachte, wird einem auch bei der Abreise durch den Kopf gehen, als der Flughafen-Bus bereits durch stille, an diesem kalten, feuchten Sonntagmorgen noch verschlafene Vorortstraßen fährt: Bescheiden ist diese Stadt, diskret, anständig und nüchtern, aber gleichzeitig weltoffen und tolerant, locker und angenehm, in keiner Weise prahlend, den in Jahrhunderten gemehrten Wohlstand bestens verschleiernd. So wie es sich eben für die Hauptstadt der ehemaligen Republik der Sieben Vereinigten Provinzen, dem heutigen Königreich der Niederlande, gehört.

Die Kulturmetropole Amsterdam mit ihren Grachten, mit den barocken Klinkerfassaden, mit den Kirchen, den Plätzen, den Museen und den gut gelaunten Fahrradfahrern, ist ein - zugegeben etwas teureres - aber durchaus empfehlenswertes Wochenendziel, auch für jene, die nicht gekommen sind, um auf Junggesellen-Partys im Rotlichtviertel bis in den Morgen zu feiern. Zwar lebt die niederländische Hauptstadt weiterhin (auch) vom Ruf einer Vergnügungsstadt und im einschlägigen Viertel De Wallen in der Amsterdamer Innenstadt gibt es sicherlich einige Kuriosa. Hier soll es aber vordergründig um das touristische Angebot eines Reiseziels gehen, dessen Museen zweifelsohne zu den wichtigsten der Welt gehören und dessen Stadtbild seinen besonderen Reiz das ganze Jahr über behält.

Aus der frühmittelalterlichen Fischersiedlung an der Amstel und am IJ wurde ein paar Jahrhunderte später das Zentrum eines tüchtigen Volkes, das nach der Befreiung von den ausbeutenden Spaniern die Welt umsegelte und zur ersten großen Seemacht der Welt aufstieg. Im 17. und 18. Jahrhundert bauten protestantische Kaufleute die Stadt aus, es entstand das heute prägende Stadtbild mit dem Grachtengürtel und den großen Bürgerhäusern. Das goldene Zeitalter, von Malern wie Rembrandt van Rijn und Jan Vermeer verewigt, brach an. Im 19. Jahrhundert, als in Paris zum Beispiel breite Boulevards angelegt wurden, hielten die Amsterdamer an ihrer Stadt fest, an der Großstadtsucht anderer europäischer Hauptstädte litten sie nicht. Und so bieten Amsterdamer Innenstadtstraßen dem Touristen von heute eine wundervolle Atmosphäre, enge Grachten, noch engere Gassen, barocke Wohnhäuser betuchter Familien, ein fast perfekt erhaltenes Stück nordeuropäischer Architekturgeschichte. Und was im Sommer seinen Reiz hat, bleibt auch im dunklen, feuchtkalten Amsterdamer Winter kaum weniger reizvoll: Ein Spaziergang vom Leidener Platz bis zum Königlichen Palais am Dam führt vorbei an historischen Plätzen, über Altstadtstraßen und Grachtenbrücken von besonderem Charme, so zum Beispiel dem Koningsplein mit dem nahe liegenden Blumenmarkt, dem Spui mit dem Büchermarkt und den englischsprachigen Buchhandlungen (Water-stones, zum Beispiel, an der Ecke zur Kalverstraat, einer engen Einkaufsstraße) oder den Straßen um den alten, etwa um 1345 gebauten Begijnhof, einer Wohnanlage für Mitglieder christlicher Gemeinschaften, die ein religiöses Leben führten, ohne jedoch Ordensgelübde abzulegen.

Sehenswert sind natürlich auch die Plätze im Rotlichtviertel, das zu den ältesten Stadtteilen Amsterdams gehört, hier vor allem der Nieuwmarkt und der Markt bei der Alten Kirche, der Oude Kerk, die von Lusthäusern umzingelt ist. Wer aber mehr über das goldene Zeitalter Amsterdams erfahren möchte, der suche den Rembrandt-Platz auf und gehe in das sich in der Nähe befindende Museum Willet-Holthuysen, einem 1687 gebauten Großbürgerhaus, welches das Leben wohlhabender Amsterdamer Familien veranschaulicht. Aufschlussreich ist auch das Museum Het Grachtenhuis in der Herengracht, das die Entstehung und Entwicklung des Amsterdamer Grachtengürtels zeigt. Wer aber nur über wenige Tage in Amsterdam verfügt und Kunst liebt, kommt nicht umhin, jene Häuser aufzusuchen, die zu den weltberühmten Sehenswürdigkeiten der niederländischen Hauptstadt gehören: das 1800 in Den Haag gegründete und später nach Amsterdam umgesiedelte Rijksmuseum sowie das Van-Gogh-Museum, die sich beide am Rande der Innenstadt, auf dem groß angelegten Museumplein, befinden.

Die Sammlungen des Rijksmuseums umfassen neben der Malerei und Kunst der Niederlande die niederländische Geschichte, die Kolonialgeschichte des Landes und die Kunst in den Kolonien, vor allem in Indonesien. Etwa eine Million Objekte befinden sich im Besitz des Museums, davon sind zirka 8000 ausgestellt. In den Prunkräumen der oberen Etage werden die Werke Rembrandts und Vermeers präsentiert, Hauptattraktion ist die 1642 entstandene „Nachtwache“ von Rembrandt, ein Riesengemälde, das eine Amsterdamer Bürgerwehr zeigt. Aber auch Vermeer mit seiner „Dienstmagd mit Milchkrug“ (1658 bis 1660) zieht scharenweise Touristen an. Beeindruckend im Rijksmuseum sind des weiteren die Bibliothek, die Sammlung Delfter Porzellans und die Ausstellung zur Kunst in den holländischen Kolonien, aber auch die Marinemodelle-Kammer. Mindestens vier bis fünf Stunden sollte man für das Niederländische Nationalmuseum einplanen, sich die Zeit dafür einfach gönnen.

Etwas weniger Zeit nimmt das Van-Gogh-Museum in Anspruch, ein Besuch dieses Museums ist eindeutig ein Muss für jeden Amsterdam-Besucher. Es beherbergt die weltweit größte Sammlung mit Werken von Vincent van Gogh. Das Museum besitzt über 200 Gemälde Van Goghs aus allen Schaffensperioden des Künstlers und 400 seiner Zeichnungen. Zu den ausgestellten Hauptwerken gehören „Die Kartoffelesser“, „Das Schlafzimmer in Arles“ und eine Version der Sonnenblumen. Außerdem bewahrt das Haus den Großteil der Briefe Vincent van Goghs auf. Auch findet sich in der Sammlung die Suizidwaffe Van Goghs. Die von dessen Bruder Theo begonnene Sammlung mit Werken anderer Künstler des 19. Jahrhunderts wurde kontinuierlich ausgebaut, so dass das Museum heute auch Werke anderer Maler ausstellt, so zum Beispiel Monet, Courbet, Toulouse-Lautrec, Gaugain oder Pissarro.

Wer nach dem Rijks- und dem Van-Gogh-Museum noch nicht müde ist und auch noch genug Zeit hat, dem empfehlen sich das Rembrandt-Haus, eine Außenstelle der Sankt-Petersburger Eremitage, das Schifffahrtsmuseum im ehemaligen Gebäude der Admiralität, das NEMO Science Museum, eine Außenstelle von Madame Tussauds oder, für die bessere Hälfte, das kleine, schicke Tassenmuseum Hendrikje, ein Museum für Frauen- (und Männer-)taschen, wo unter anderem auch eine der berühmt-berüchtigten Handtaschen der britischen Premierministerin Margaret Thatcher gezeigt wird.

Zu den am meisten besuchten Amsterdamer Museen gehört jedoch das Anne-Frank-Haus in der Prinsengracht 263–267. Das aus Frankfurt stammende jüdische Mädchen versteckte sich bekannterweise mit ihrer Familie in Amsterdam, wurde jedoch von den Nazis aufgespürt und in Bergen-Belsen ermordet. Ihr Vater überlebte den Holocaust, veröffentlichte nach dem Zweiten Weltkrieg die Tagebücher seiner knapp 16 Jahre alt gewordenen Tochter und setzte sich für den Erhalt des Hauses und die Eröffnung eines Museums ein. Dieses reiht sich zweifelsohne in die Liste der wichtigsten Holocaust-Gedenkstätten weltweit ein. Die jüdische Geschichte Amsterdams wird des weiteren in dem „Joods Historisch Museum“ thematisiert, besuchenswert ist auch die portugiesische Synagoge. Die weltoffene, liberale Stadt nahm im Laufe ihrer Geschichte immer wieder verfolgte Juden auf, so zum Beispiel die aus Portugal stammenden Eltern des Rationalisten Baruch de Spinoza.

Man kann diese Atmosphäre spüren, diesen liberalen, aufklärerischen, pragmatischen Geist Amsterdams, entlang der Grachten und auf den Plätzen, in den Kaffeehäusern und den Restaurants, man kann ihn beobachten in der Straßenbahn oder wenn man den unzähligen Fahrradfahrern zusieht und sich manchmal vor ihnen auch in Acht nehmen muss. Amsterdam ist gemütlicher Anarchismus, nüchternes Chaos, nachgiebige Ordnung, wie der niederländische Essayist Geert Mak in seiner „Biographie einer Stadt“ über die holländische Hauptstadt geschrieben hat. Nachgiebige Ordnung also. Aber aufgepasst: Sein Fahrrad darf man nicht einfach so abstellen; es wird schnell und kostenpflichtig abgeschleppt!

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Direktflüge nach Amsterdam gibt es nur aus Bukarest. Wizzair fliegt von Bukarest, Klausenburg/Cluj-Napoca, Temeswar/Timişoara und Jassy/Iaşi nach Eindhoven. Gute Verbindungen bietet Lufthansa über Frankfurt am Main und München. Das Hotelangebot ist breit, die Preise im Durchschnitt jedoch etwas höher als in Mitteleuropa, Deutschland eingeschlossen. Für die großen Museen empfehlen sich Ticketreservierungen über das Internet, um lange Warteschlangen zu vermeiden. Vielfältiges Gastronomieangebot im Zentrum, doch die Qualität lässt durchaus zu wünschen übrig. Holländische Gerichte sollte man eher vermeiden, aber dafür den Käse und eine „Stroopwafel“ unbedingt probieren.

 

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