„Die Geschichte der Deutschen in Rumänien wurde noch nicht zu Ende geschrieben“

Gespräch mit Antonia-Maria Gheorghiu, Leiterin des Deutschen Forums in Suceava

Mittwoch, 08. Januar 2014

Antonia-Maria Gheorghiu blickt der Zukunft mit Optimismus entgegen.
Foto: Robert Tari

An der Grenze zur Ukraine im Nordosten Rumäniens liegt das Buchenland. Hier lebt eine kleine deutsche Minderheit, die vor der Wende 1989 von den restlichen Rumäniendeutschen abgeschottet war und heute die gleichen Herausforderungen bewältigen muss, wie die Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen. Die Buchenlanddeutschen blicken auf eine bewegte Geschichte zurück, die sich in einigen Punkten von der Geschichte der restlichen deutschen Minderheit unterscheidet. Hier wanderte der Großteil schon während des Zweiten Weltkriegs aus. In Ortschaften an der Grenze zur ehemaligen Sowjetunion lebend, mussten sie um ihre Identität kämpfen. ADZ-Redakteur Robert Tari sprach mit der Leiterin des Demokratischen Forums der Deutschen im Buchenland, Antonia-Maria Gheorghiu, über die Geschichte und die Zukunft der Buchenlanddeutschen.

Frau Gheorghiu, Sie sind inzwischen Rentnerin, kommen aber immer noch jeden Tag ins Forum.

Ich komme täglich ins Forum, weil es anders nicht geht. Ich arbeite hier ehrenamtlich und weil wir die kleinste Minderheit sind, erhalten wir auch weniger Fördermittel. Aber unsere jungen Menschen brauchen eine Vertrauensperson. Jemanden, an den sie sich wenden können, wenn sie Projekte haben. Und es mag sein, dass manche Historiker der festen Ansicht sind, man wisse schon alles über die Deutschen aus dem Buchenland, aber da muss ich ihnen entschieden widersprechen. Und nur wir besitzen hier besondere Zeitdokumente und Bücher über die Deutschen aus der Gegend. Zum Beispiel habe ich hier das Buch von Friedrich Reindl, der gebürtig aus Suceava ist. Nachdem seine Familie auswanderte, kehrte er 1977 zurück, um Forschungen darüber anzustellen, was in Suceava von den Deutschen geblieben ist. Viele Gebäude aus der k. u. k.-Zeit haben die Kommunisten abgerissen. Sie wollten aus Suceava eine sozialistische Vorzeigestadt machen und haben darum gnadenlos mit der Abrissbirne alles niedergewalzt, was in ihrer Vorstellung nicht zum neuen Stadtbild passte. Suceava wurde auch zu einer Industriestadt mit zahlreichen Fabriken. Das hat Menschen, die eine Arbeit suchten, angelockt. So wurde aus Suceava eine 110.000-Einwohner-Stadt. In den 1950er Jahren lebten hier nur 35.000 Menschen.

Was sind denn die Hauptaufgaben des Forums hier in Suceava?

Unser Hauptziel ist es, den jungen Menschen unsere Traditionen weiterzureichen. Wir hoffen, dass sie unsere Bräuche und Sitten weitertragen werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie nun durch beide Eltern Deutsche sind oder aus einer gemischten Ehe stammen oder überhaupt keine deutschen Wurzeln haben. Bei uns sind auch viele Rumänen Mitglieder, die Interesse am Deutschtum zeigen. Außerdem kommen viele Kinder und Jugendliche aus den Schulen zu uns, um sich bei uns Bücher auszuleihen. Wir verfügen über eine große deutschsprachige Bibliothek. Es besteht dann eine Partnerschaft zwischen dem Bezirk Schwaben und dem Kreis Suceava. Und über das Schwaben-Vertreterbüro laufen etliche Projekte zur Jugendförderung. Im Haus der Freundschaft finden regelmäßig Veranstaltungen und Filmvorführungen statt.

Ganz wichtig ist der Erhalt der deutschen Sprache. Alles steht und fällt mit der Sprache, die wir unseren jungen Mitgliedern beibringen wollen. Deutsch ist eine schöne Sprache und das wollen wir auch zeigen. Darum waren wir auch Gastgeber einer Ausstellung, die von der Deutschen Botschaft in Bukarest veranstaltet wurde. Wir haben dafür gesorgt, dass die Bilder im Naturwissenschaftlichen Museum ausgestellt wurden. Und die Ausstellung, die von berühmten rumänischen Persönlichkeiten handelte sowie ihrer Beziehung zur deutschen Sprache, kam bei den Jugendlichen besonders gut an. Sie meinten damals, Deutsch sei tatsächlich eine Sprache für die Zukunft.
Das Forum besitzt einen eigenen Chor und eine eigene Tanzgruppe. Vielen Jugendlichen macht es einfach Spaß, da mitzumachen. Außerdem möchten viele Deutsch lernen, weil es ihnen Türen öffnet, und zwar nicht nur in Rumänien, sondern weltweit. Wir haben hier auch inzwischen viele deutsche und österreichische Unternehmen, die Angestellte suchen, die der deutschen Sprache mächtig sind. Darum wollen die jungen Menschen die Sprache gut lernen und das können sie mit unserer Hilfe. Viele von ihnen finden später auch leichter eine Arbeitsstelle und verdienen auch deutlich mehr Geld, eben weil sie eine Fremdsprache beherrschen, die gefragt ist.

Sie haben einmal erwähnt, dass die Deutschen aus dem Buchenland vor der Wende von den anderen Rumäniendeutschen abgeschottet waren. Fühlt man sich auch heute noch isoliert?

Inzwischen läuft die Zusammenarbeit zwischen den Foren in Rumänien sehr gut. Wir müssen heute zusammenhalten, denn nur das sichert unseren Fortbestand. Vor der Wende hat die Verbindung zu den anderen Deutschen aus Rumänien tatsächlich gefehlt. Wir wussten zwar, dass es auch andere Gemeinschaften gibt, jedoch fand kein Austausch statt. Von den anderen hatten wir besonders durch junge Menschen erfahren, die nach dem Hochschulabschluss in unsere Gebiete versetzt wurden. Sie suchten dann das Vertraute und kamen zu den Gottesdiensten und schlossen sich so unseren Gemeinden an. Von ihnen erfuhren wir dann auch vom Handel, den Ceauşescu mit Westdeutschland geführt hatte. Aber es ging uns gut. Sowohl damals als auch heute.

Beschreiben Sie doch kurz das Leben vor der Wende hier in Suceava. Wie war es denn für einen Deutschen?

Wir hatten es im Buchenland nicht schwer unter Nicolae Ceauşescu. Wir hatten zwar keine deutschen Schulen, aber in der Kirche durften wir Deutsch reden und auf der Straße auch. Es hat uns niemand nichts gesagt, weil wir nicht die einzige Minderheit hier im Buchenland waren. Es leben hier mehrere Minderheiten und jeder hat in seiner eigenen Sprache gesprochen. Aber wir konnten in der Schule nicht Deutsch lernen. Wir mussten elf Jahre lang Russisch lernen. Es wurde noch Französisch unterrichtet, jedoch nicht so intensiv. Wir durften unsere Verwandten im Ausland nur alle zwei Jahre besuchen und dann mussten wir entscheiden wer mitfahren soll. Also wir konnten entweder mit unserer Mutter fahren oder mit unserem Vater, aber wird konnten nicht alle gleichzeitig reisen. Es bestand die Möglichkeit zur Flucht. Wenn uns die Eltern zurückließen, dann konnten wir über das Rote Kreuz nach einem Jahr ausreisen.

Sind viele Deutsche schon vor der Wende ausgewandert?

Bei uns sind die meisten schon 1940 nach Deutschland ausgewandert, also während des Zweiten Weltkriegs. Sie hatten damals die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten und konnten somit mühelos zurück. Heute arbeiten viele unserer jungen Menschen im Ausland. Wer sich in Deutschland ein neues Leben aufgebaut hat, den treibt es dann nicht zurück. Sie kommen zwar zu den Feiertagen auf Besuch. Sei es, weil die Eltern oder Verwandte noch da sind, aber ihr Leben ist in Deutschland.

Wenn man sich die letzte Volkszählung anschaut, ging die Zahl der Rumäniendeutschen drastisch zurück. Glauben Sie, dass die Minderheit eine Zukunft hat?

Ich bin optimistisch, und zwar nicht nur weil wir noch da sind, sondern auch weil so viele Rumänen Interesse an der deutschen Sprache und Kultur zeigen. Ich habe es schon mehrmals gesagt: Die Geschichte der Deutschen aus ganz Rumänien wurde noch nicht zu Ende geschrieben und wahrscheinlich unsere auch noch nicht.

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