Die Geschichte der Gegenstände

Der Repser Otto Wagner und seine beeindruckende Privatkollektion

Donnerstag, 19. Februar 2015

Familie Wagner sammelt schon seit 20 Jahren alte Gegenstände

An den Wänden des Museums hängen alte Portraits.

Mit diesen Maschinen wurde früher Kaffee gemahlen.

Gaslampen und Bügeleisen mit Kohlebetrieb in verschiedenen Formen und Größen

Auch außen findet man alte Gegenstände: hier Werbung für eine Tischlerei, den Schuster und ...einen Sarghersteller
Foto: Juliane Rettschlag

Eine handbemalte Kanne, eine Zeitschrift aus dem 19. Jahrhundert, ein gelber Panzerschrank, ein schwarzes Telefon mit Wählscheibe, viele Puppen mit Porzellangesichtern, ein Andenken-Buch aus dem Jahr 1904, eine antike Schreibmaschine, eine rote Pionierkravatte - wenn man alle Gegenstände aufzählen würde, die der Repser Otto Wagner seit 20 Jahren sammelt, würde man einige Tage brauchen. Es sind mit Sicherheit einige Tausend. Die meisten von ihnen stammen von sächsischen Familien aus Reps, die nach der Wende ausgewandert sind.

Es ist ein grauer Wintervormittag Ende Januar. Normalerweise kein Tag, an dem man Gäste erwartet. Die meisten von ihnen kommen im Sommer, um die Kollektion zu bestaunen. Trotzdem freut sich die Familie Wagner immer auf Gäste. „Machen wir es uns erst gemütlich“, sagt der 75 jährige Otto Wagner und lädt uns ins Wohnzimmer ein. Seine Frau hat Erdbeerkuchen gebacken und Kaffee gekocht. „Mein Großvater war ein Tischler aus Deutsch Weißkirch, meine Großmutter kam aus Homorod. Der andere Großvater war ein Pole, der 1848 in diese Gegend zog. Zu meiner Kinderzeit hat man in vielen Häusern deutsch gesprochen.

In diesem Hof haben fünf Familien gewohnt. Alle sind nach Deutschland ausgewandert, wir sind hier alleine geblieben“, erzählt Wagner. Alle seine sechs Geschwister und alle Verwandten sind zur Zeit in Deutschland. Er hat sie ein einziges Mal dort besucht. „Es war gleich nach der Wende, 1991. Wir fuhren über die Autobahn und ich habe gesagt: wenn ich noch einmal komme, dann komme ich für immer“. Er ist nicht mehr gekommen. Nach der Rente wurde er in Reps Kirchenkurator. „Sonntags nach der Kirche saßen wir noch auf ein Bier zusammen und diskutierten über Politik und Sport...was hätte man sonst diskutieren sollen. Aber am 1. Januar war die Kneipe leer. Alle schauten sich im TV das Neujahrskonzert an, und danach wurde es kommentiert“, erinnert er sich. Der Fernseher war und ist ein fester Bestandteil des Lebens aller älteren Leute. Früher besaß die Familie Wagner einen Röhren-Fernseher. „Wenn er kaputt ging, war es eine Tragödie“. Jetzt steht ein  moderner Flachbildschirm-TV im Wohnzimmer. „Diese neuen Sachen taugen aber viel weniger“, meint Wagner.

Aus dem Dachboden gerettet

Er hat Recht, manche alten Sachen scheinen viel besser gemacht zu sein. Wie zum Beispiel die alte Lampe im Wohnzimmer der Familie, die vor 40 Jahren in Agnetheln für den Export hergestellt wurde. Eine Vorliebe für alte Gegenstände hatte Otto Wagner schon immer. Als nach der Wende alle seine Freunde und Nachbarn nach Deutschland auswanderten, hinterließen sie viele alte Gegenstände in Dachböden und Kellern.

So kam er auf die Idee, die wertvollen Objekte zu sammeln und zu restaurieren. Inzwischen ist die Kollektion zu einem wahren Privatmuseum geworden und nimmt drei Zimmer ein. „Wir haben es so eingerichtet: es gibt ein sächsisches Zimmer, ein ungarisches und ein rumänisches“, sagt Wagners Frau. Dem Ehepaar macht die „Führung“ durchs Museum immer Spaß. Die beiden kennen die Geschichte von fast jedem Gegenstand, wissen woher sie ihn bekommen haben oder wem er gehört hat.  Auf der „Führung“ durch die Zimmer werden sie von ihrem 15jährigen Schäferhund treu begleitet. „Viele unserer Freunde haben erfahren, dass wir diese Sachen sammeln und haben uns alte Gegenstände per Post aus Deutschland geschickt. Es gab eine Zeit, wo fast jede Woche ein Paket kam“, erinnert sich Otto Wagner.

„Alles wird einmal alt“

Das Museum in den drei Räumen wirkt wie eine Zeitmaschine. Man wird automatisch in die Vergangenheit versetzt. Manchmal entdeckt man Sachen, die man gerne haben würde, manchmal stellt man fest, wie einfallsreich unsere Vorfahren waren. Jeder Gegenstand erzählt eine Geschichte.

Die meisten Objekte haben ihre ersten Besitzer schon längst überlebt und werden womöglich auch andere Generationen überleben. „Alles wird einmal alt“, meint Wagner und zeigt auf eine Bierkanne aus dem Jahr 1890. Damals hatte jeder Stammgast seine eigene Kanne im Gasthaus. Nur in diese Kanne wurde ihm Bier eingeschenkt. Bei jedem Bier zeichnete er einen Strich auf die hintere Seite der Kanne, so dass er am Ende wusste, wieviel Bier er zu bezahlen hat. Auf einer Truhe neben dem Fenster liegt ein Exemplar der „Gartenlaube“, ein illustriertes Familienblatt, das sehr populär war. Ende des 19. Jahrhunderts erschien es in einer Auflagenhöhe von 100.000 Exemplaren. Besonders interessant sind die Werbeplakate für die Reifenfabrik Continental, die heute noch existiert, Hotel Ritz in Budapest oder für die Sunlight Seife, die „die Hände von Schmutz, Fett, Farbe und Tinte befreit“. Auf der Truhe findet man auch farbenfrohe  Ledermuster einer Schuhfabrik aus Rumänien -  sicherlich hätten viele Frauen von heute das halbe Gehalt für ein Paar solcher Schuhe ausgegeben.

Auf den Wänden der Zimmer hängen alte Fotografien, bemalte Teller und Kuckucksuhren, neben den Fenstern stehen Gaslampen, ein alter Plattenspieler, silberne Aschenbecher, Kaffeemaschinen, Bügeleisen mit Kohle. Neben dem Bett mit gestickten Kissen stehen alte sächsische Trachten, auf dem Tisch davor sind Stapel von Briefen und Tagebüchern. Für fast alle Gegenstände bekommen wir Details zu hören: „In diesem Mantel gingen verheiratete Frauen in die Kirche, diese Vasen wurden von Soldaten aus Patronen angefertigt, diese Teller wurden in Seiburg hergestellt, sehen sie, was für ein dünnes Material? Das alles war auf einem Dachboden, versunken im Staub“. Als er uns zum Tor begleitet, zeigt uns Otto Wagner noch seinen 40-jährigen Skoda, der noch perfekt aussieht. „Wir sind immer froh, wenn Leute kommen“, meint er.

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