Die Geschichte der totalen Überwachung

40 Jahre Securitate, 40 Jahre Kontrolle durch Terror

Mittwoch, 10. September 2014

Sie laufen noch frei herum: Viele ehemalige Securitate-Mitläufer sind ihrer gerechten Strafe davongekommen. Die Aufarbeitung der Akten verlief und verläuft noch immer schleppend. Foto:Der Verfasser

Die politische Theoretikerin Hannah Arendt verglich Menschen, die nicht denken, mit Schlafwandlern. Sie veröffentlichte 1951 das wohl bedeutendste Buch über den Totalitarismus des 21. Jahrhunderts. Ihr fast 1.000 Seiten umfassendes Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ untersucht die historische Entstehung und die gemeinsamen politischen Merkmale des Nationalsozialismus und des Stalinismus. Um die totale Herrschaft aufrechtzuerhalten haben alle Diktaturen auf Terror gesetzt. Auch der Roman von George Orwell „1984“ beschreibt, wie in einem totalitären Staat die Freiheiten des Individuums unterdrückt werden. Neben der Propagandamaschinerie, die ständig einen fiktiven Feind schafft, den es zu hassen gilt, wird jede Handlung und jede Tat des Bürgers von einer geheimen Polizei überwacht.

Diese agiert allerdings nicht selbstständig, sondern wird von anderen Bürgern unterstützt. Das 1948 erschienene Buch, das eigentlich eine Dystopie darstellt, eine überspitzte Darstellung einer möglichen Zukunft, wurde geradezu prophetisch. Schon in den 1950er Jahren wurden in Rumänien Tausende Menschen verfolgt und hingerichtet. Es waren Intellektuelle, Studenten, Großbauern, Unternehmer, politische Oppositionelle, die sich der Stalinisierung widersetzten. Bis zum Tod Gheorghe Gheorghiu-Dejs 1965 und die Machtübernahme Nicolae Ceausescus war Rumänien ein sozialistischer Staat ohne eine ernst zu nehmende Dissidenzbewegung. In den darauffolgenden Jahren bis zur Wende sollten nur zwei größere Aufstände gegen das Regime folgen und hier und da Einzelerscheinungen von Dissidenten, die eine Veränderung anstrebten.

In Temeswar/Timisoara wurde aus der Aktionsgruppe Banat – eine deutschsprachige Literaturgruppe, die von jungen Studenten gegründet wurde – eine Dissidentengruppe, die innerhalb von drei Jahren von der Geheimpolizei Securitate zerschlagen wurde. Ein Teil der Gründungsmitglieder emigrierten nach Deutschland, andere, die in Rumänien blieben, wurden ständig Opfer von Schikanen seitens der Securitate. In Bukarest geriet die Schriftstellerin Ana Blandiana sowie ihr Mann Romulus Rusan, ebenfalls Schriftsteller, ins Fadenkreuz der Securitate. Ihre subversiven Kindererzählungen in denen sie den Diktator karikierte, führten irgendwann zum Hausarrest und Schreibverbot. Der junge Student Radu Filipescu verteilte Anfang der 1980er Jahre Flugblätter in Bukarest und rief so zum Umsturz auf. Er erhielt dafür eine zehnjährige Haftstrafe.

Immer wieder war es die Securitate, die gegen potenzielle Feinde des Staates vorging.

Für die rumänische Geheimpolizei galten die gleichen Grundregeln, wie für die der Schwesterndienste aus den anderen sozialistischen Ländern: Jeder war verdächtig, jede Information war wichtig und Sicherheit ging vor Recht.

Prävention war das oberste Gebot. Darum wurden bestimmte Verdächtige rund um die Uhr bespitzelt. Es wurden Akten angelegt, in denen Informanten den gesamten Tagesablauf einer Person festhielten. Von einigen Bürgern gibt es Stapel, die dicker sind, als Hannah Arendts Hauptwerk: Hunderte Seiten auf denen der gesamte Tagesablauf bis ins kleinste Detail dokumentiert wird. Dabei kann alles wichtig sein. Jedes Wort, jede Handlung.

Als nach der Wende die Arbeit der Geheimdienste öffentlich gemacht wurde, fing auch die Jagd nach den Mitläufern an. Prominente Schriftsteller wie die Nobelpreisträgerin Herta Müller, rief zu einer raschen Aufarbeitung auf. Schon im Frühjahr 1990 verfasste George Şerban die Proklamation von Temeswar – ein Dokument bestehend aus 13 Punkten. Darin forderte er eine rasche Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit und sagte dem Kommunismus sowie der ehemaligen Nomenklatura den Kampf an. Es war eine Reaktion auf die Vorfälle, die sich in Bukarest abspielten. Im Winter 1990 marschierten die Bergleute aus dem Schil-Tal erstmals in Bukarest ein und stürmten die  Parteizentralen der Opposition. Doch die 13 Punkte wurden gewollt ignoriert, weil sie den damaligen Spitzen schadete, die sich nach dem Sturz Ceauşescus in hohe Ämter einschleusten. Allen voran der Staatspräsident selbst, Ion Iliescu, der bei Ceauşescu in Ungnade gefallen war und sein Parteiamt verlor. Erst zehn Jahre später wurden die Akten aus dem Securitate-Archiv offiziell freigegeben. Viele Dokumente verschwanden in der Zwischenzeit.

Der Nationale Rat für das Studium der Archive der Securitate (CNSAS) wurde erste am 7. Dezember 1999 per Gesetz gegründet - in der Amtszeit des Nationalliberalen Präsidenten Emil Constantinescu.

Im Kontrast dazu gibt es in Bukarest den Veteranenverband ACMRR-SRI. Der eingetragene Verein besteht aus ehemaligen Securitate-Offizieren und kann sich sogar mit dem eigenen Vereinsblatt rühmen.

Mehr als 40 Jahre bestand die rumänische Geheimpolizeit Securitate. 1948 wurde sie gegründet und zählte bis im Jahr 1990 40.000 offizielle und 400.000 inoffizielle Mitarbeiter.

Besonders gegen die Inoffiziellen möchte viele Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, die sich mit der Aufklärung der Verbrechen der ehemaligen Nomenklatura auseinandersetzen, vorgehen. Denn oft waren es die eigenen Freunde, Verwandten oder sogar Lebensgefährten, die einen an den Staat verkauften. Die Gründe waren unterschiedlich. Manche wurden erpresst, anderen wurden Vorteile versprochen.

Viele lebten ein besseres Leben in einer Gesellschaft, in der eigentlich alle gleich sein sollten. Der Preis dafür war der Verrate eines Nahestenden, der einem sein Vertrauen schenkte.

Die ausführliche Geschichte der Securitate, sowie ihrer Vorgehensweise und den Auswirkungen auf die damalige rumänsiche Gesellschaft, dokumentiert die Ausstellung „Securitate – Instrument des Totalitarismus“, die bis Ende September im Kunstmuseum steht. Veranstalter ist die CNSAS. Die Behörde hat es in den letzten Jahren geschafft, mit einigen der ehemaligen Spitzen der Ceau{escu-Ära abzurechnen. Allerdings bleibt die größte Herausforderung weiterhin bestehen: Die Aufklärung der Bevölkerung. Damit der Rumäne von heute kein Schlafwandler ist. 

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