Die Geschichte der Tschangos hat noch manche Rätsel bereit

Emese Gyöngyvér Veres und ihre Feldforschungen im Burzenland

Sonntag, 16. März 2014

Emese Gyöngyvér Veres

Volkstrachten wurden im Gemeindesaal ausgestellt.
Fotos: Ralf Sudrigian

Hochzeitsgesellschaft in Krebsbach in den frühen 1930er Jahren Foto: privat

In Krebsbach/Crizbav, dem Heimatdorf ihres Vaters, ist Emese Veres gut bekannt. Sie sucht nach alten Fotos, schaut sich Haushaltsgegenstände der Großelterngeneration an, dokumentiert Bräuche und Sitten, gibt Ratschläge über das Anfertigen der Volkstracht. Dafür nimmt die studierte Kulturanthropologin weite Reisen mit dem damit verbundenen Zeit- und Geldaufwand in Kauf – denn heute lebt sie in einem Budapester Vorort.

In der Minderheit – gestern und heute

Sie selbst gehört väterlicherseits der Tschango-Volksgruppe im Burzenland an. Die genaue Lokalisierung ist wichtig, denn die Tschangos aus zehn Burzenländer Gemeinden (Siebendörfer/S²cele samt Tatrang/Tărlungeni, Zizin und Purcăreni sowie Geist/Apaţa, Neudorf/Satu Nou und Krebsbach/Crizbav) haben nur die Bezeichnung gemeinsam mit den bekannteren und zahlreicheren Tschangos jenseits der Ostkarpaten, in der Moldau. Emese weiß selbst sehr gut, wie leicht Missverständnisse auftreten, wenn Minderheiten von der Mehrheitsbevölkerung wahrgenommen werden.

In Deutschland, wohin die 1966 Geborene Anfang 1989 durch Heirat auswanderte, musste sie ihre ethnische Herkunft des öfteren erklären: Nein, sie wolle nicht in das nun vom kommunistischen Regime befreite Ungarn umsiedeln, denn sie sei eine Ungarin aus Rumänien, selbst wenn auch etwas „deutsches Blut“ in ihr fließe – ihr Großvater mütterlicherseits war Banater Schwabe. Die Zeit in Deutschland war nicht einfach: eine gescheiterte Ehe, Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Arbeitsplatz.

1992 begann sie ihr Hochschulstudium in Ungarn. Emese gibt zu, dass die Wahl, Rumänisch als Hauptfach zu studieren, ihr als einfachste Lösung leicht fiel. Als zweites Fach kam Kulturanthropologie hinzu. Somit konnte sie etwas fortsetzen, was sie bereits als Schülerin der ungarischen Abteilung am Kronstädter Unirea-Lyzeum unter Anregung des Lehrers István Reiff begonnen hatte: heimatkundliche Forschungen vor allem in Siebendörfer.

Dort, genauer in Batschendorf/Baciu, war ihr Vater evangelischer Pfarrer und dorthin war die Familie umgesiedelt. Pfarrer Veres hatte es als Ungar im kommunistischen Rumänien nicht leicht gehabt – in Folge der ungarischen Revolution von 1956 wurde er inhaftiert und konnte erst 1973 sein Theologiestudium beenden. Tochter Emese sollte Ungarisch studieren. Das Leben und die Geschichte wollten es anders: Emese studierte Rumänisch in Ungarn; obwohl sie die deutsche und die rumänische Staatsbürgerschaft besitzt, lebt sie zur Zeit  in Ungarn, wo sie Mitarbeiterin der Kulturabteilung beim ungarischen staatlichen Rundfunk ist. Sie beendet nun ihre Doktorarbeit in Kulturanthropologie zu einem Thema, das sie wieder mit ihrer engeren Heimat verbindet: „Die Beerdigung in den Tschango-Gemeinden des Burzenlandes“.

Die Abgetrennten?

Wer aber sind die Burzenländer Tschangos? Woher kamen die Vorfahren der heute rund 10.000 Leute starken Tschango-Minderheit – einer „Minderheit in der Minderheit“, wie sie gelegentlich bezeichnet wird? Eindeutige Antworten kann Emese Veres darauf nicht geben. Tschango ließe sich von einem altungarischen Wort ableiten, das als Sammelbegriff jene bezeichnet, die sich abgetrennt haben, die unter Fremden leben. Abgetrennt von der Masse der Ungarn oder der Szekler, wobei die Fremden die Nicht-Ungarn sind, also die Rumänen und die Siebenbürger Sachsen. Oder waren sie bereits vor den Siebenbürger Sachsen da? Vielleicht als magyarisierte Petschenegen (ein Stamm der Turkvölker)? Die Tschangos im Burzenland unterscheiden sich auch durch ihre Konfession von den anderen Ungarn: sie sind nicht römisch-katholisch, reformiert oder Unitarier – sie sind evangelisch-lutherisch.

Von den Sachsen und von den Rumänen wurde in dem eher Nebeneinander- als Miteinanderleben dennoch manches in den Wortschatz übernommen. Als Beispiele nennt Emese: kaszten (Kasten), srimfli (Strümpfe), surc (Schürze), törép (Treppe) oder siska, abgeleitet vom rumänischen şişcă, was soviel wie Hexe bedeutet. Diese kulturelle Mischung mit den Nachbarn geht weiter, wobei Veres Wert darauf legen will, dass in diesem Kontext dem Begriff keine negative Bedeutung beigemessen werden sollte. Einer der wenigen Tänze, der klar den Tschangos zugeschrieben werden kann, ist Boricza. Er wurde in Tatrang, Zizin und Purcăreni getanzt, erinnert jedoch auch an den rumänischen „Căluşari“-Tanz, wobei aber Boricza ein Wort slawischer Herkunft zu sein scheint. Sicher haben auch Rumänen und Sachsen das eine oder andere von ihren Tschango-Nachbarn übernommen – die Sachsen wohl weniger, hebt Emese hervor, da ihre Gemeinde geschlossener war. Gemeinsame oder sehr ähnliche Aberglauben, Sprüche, kirchliche Bräuche seien z.B. bei den Begräbnissen der Sachsen und der Tschangos zu verzeichnen. Inzwischen könne man in manchen Bereichen von einer gegenseitigen Hilfe sprechen. Ein gut bekanntes Beispiel: Bei frohen, festlichen oder traurigen Anlässen der Burzenländer Sachsen fehlt nicht Blasmusikbegleitung, die nun in höherem Maße von Bläsern aus Neudorf und Krebsbach gesichert wird. Über Jahre hinweg ist es auf das verdienstvolle Wirken eines Heldsdorfer Sachsen (Albert Slapnicar) zurückzuführen, der in den beiden Ortschaften noch vor der Wende den Bläsernachwuchs jahrelang betreut hat.

Im Laufe der Zeit erfuhr auch die Tschango-Volkstracht Änderungen, die auf den Einfluss des städtischen Lebens zurückzuführen sind. So sind  z.B. die Männertrachten der Juni aus dem Kronstädter Schei-Vorort, der Mocani aus Săcele sowie der Tschangos aus demselben Gebiet nur an wenigen Details zu unterscheiden. Durch gewisse dialektale Eigenheiten können auch heute Personen nach dem von ihnen gesprochenen Ungarisch der einen oder anderen Gemeinde zugeordnet werden: in Săcele ist es ein i-e und in Krebsbach ein ö, das verstärkt auftritt.

Was aber der Volkskundlerin Emese gewisse Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass heute der ungarische Sprachgebrauch als Identitätsmerkmal der Tschangos doch etwas zu leiden hat – immer öfter sind rumänische Wörter in der Alltagssprache aufgetaucht. Wenn das bei Kindern vorkommt und die Eltern es zulassen und nicht verbessern, obwohl sie den entsprechenden ungarischen Begriff gut kennen, sei das nicht in Ordnung. Auch habe die Zahl der Mischehen zugenommen, was die Identitätsbewahrung in solchen Familien vor Schwierigkeiten stelle.

Nicht wegnehmen, sondern retten

Als Emese als 14-jährige Schülerin erste Befragungen und Interviews über die Tschangos unternahm, tat sie das als Hobby-Ethnologin. Vor allem ältere Leute waren ihre Gewährspersonen. Oft wurde sie dann „weitergereicht“ an die Tante … oder den Onkel... der auch etwas über vergangene Zeiten erzählen oder etwas Sehenswertes vorzeigen könne. Rückblickend tut es ihr heute leid, dabei nicht von Haus zu Haus  gegangen zu sein. Viele sind inzwischen verstorben, andere ausgewandert und mit jedem könnte etwas verloren gegangen sein. Pfarrer und Lehrer waren und bleiben wichtige Kontaktpersonen bei Feldforschungen. „Ich möchte nie etwas wegnehmen“, sagt Emese, wenn sie über ihre Hausbesuche spricht. Sie fotografiert viel, macht Tonbandaufnahmen und Aufzeichnungen.

Nur wenn es offensichtlich sei, dass die Besitzer keinen Wert auf „alte Sachen“ legen, dann sei es angebracht, solches Gut in Museen oder Archive zu überführen. Ansonsten gehören alte Trachten, Truhen, Möbelstücke, Keramik dorthin wo sie hergestellt, verwendet und geschätzt werden. Emese Veres hatte die Überraschung, auch in alten Bibeln oder Gesangbüchern auf handschriftliche Eintragungen zu stoßen, zum Beispiel mit Bezug zu der Revolution von 1848 oder zu einem Kinderspiel anlässlich einer Geld-Sammelaktion für ein Gregori-Schulfest. Von historischem Interesse sind Tagebuchaufzeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg. Hinzu kommen lyrische Produktionen von Gelegentheitsdichtern, die trotzdem aufschlussreich sind, für den Kontext, in dem sie zustande kamen.
 
Noch besser ist es, wenn die Gemeinde Interesse für ihre Geschichte und Traditionen zeigt, wenn nach alten, authentischen Vorlagen neue Trachten angefertigt werden, wenn Schüler und Jugendgruppen Volkstänze einstudieren und aufführen. Eine solche Veranstaltung fand im Februar in Krebsbach statt. Im Gemeindesaal wurden Volkstrachten, alte Bibeln, Dokumente und Fotos ausgestellt. Ein junges Paar stellte sich auf der Bühne in Tschango-Tracht vor, deren Anfertigung eine Spende ermöglicht hatte. Mit Interesse wurden die Erklärungen zu den verschiedenen Trachtenelementen verfolgt. Unter Begleitung einer Volksmusikgruppe führten die Schüler vom Kronstädter ungarischer Lyzeum „Áprily Lájos“ ungarische und Tschango-Tänze auf. Anschließend konnte man von den traditionellen Süßigkeiten kosten (darunter auch „lepény“, die ungarische Variante des sächsischen Hanklich) und Kümmel-Schnaps. Veranstalter war die ungarische evangelische Kirchengemeinde unter Mithilfe von Emese Veres. Ihr ist es auch zu verdanken, dass nachträglich die Tanzgruppe an einem Tschango-Abend in Budapest auftreten konnte.

Die Fachliteratur über Tschango-Volkskunst und -Geschichte ist noch ausbaufähig. Die Grundlagen legte Nicolae Dun²re mit einem Werk in drei Bänden über das Burzenland, in dem auch die Minderheiten vorgestellt werden sollten. Leider konnte der geplante dritte Band im Kommunismus nicht mehr erscheinen. Wichtig ist auch die Dokumentation von András Seres, die erst 1984 erscheinen konnte, die aber Ergebnisse seiner Forschungen in den 1960er Jahren wiedergibt.

Dank ihrer guten Deutschkenntnisse und ihres Interesses an der Geschichte Siebenbürgens beteiligt sich Emese Veres regelmäßig auch an der Internationalen Siebenbürgischen Akademiewoche von Studium Transylvanicum. Sie ist dabei mit Mitteilungen vertreten, die immer wieder die Geschichte der ungarischen evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden, also hauptsächlich der Tschangos, in den größeren Kontext der Geschichte Siebenbürgens stellen.

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