Die Geschichte – ein unerschöpfliches Forschungsgebiet

Neueste Forschungsergebnisse zur Geschichte der deutschen Minderheit

Sonntag, 21. Januar 2018

Der Büchermarkt zu der Geschichte der deutschen Minderheit Rumäniens ist seit Mitte Dezember 2017 um eine Publikation reicher: „In honorem Vasile Ciobanu: Studii privind minoritatea germană din România în secolul XX / In Honorem Vasile Ciobanu: Studien über die Rumäniendeutschen im 20. Jahrhundert“, herausgegeben von Dr. Corneliu Pintilescu, wurde am 12. Januar 2018 im Spiegelsaal des Hermannstädter Forums einem geschichtsinteressierten Publikum vorgestellt.

Der Herausgeber Dr. Corneliu Pintilescu, Forscher des Instituts für Geschichte „George Bariţiu” in Klausenburg, moderierte die Buchvorstellung und sprach dem Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien, dem Honterus-Verlag und dem Forschungsinstitut für Geisteswissenschaften in Hermannstadt seinen Dank für die Unterstützung zum Erscheinen des Buches aus. Die Publikation ist Prof. Dr. Vasile Ciobanu zu dessen 70. Geburtstag gewidmet und enthält zu gleichen Teilen in rumänischer bzw. deutscher Sprache von Historikern, Germanisten und Kunsthistorikern aus Deutschland und Rumänien verfasste Beiträge zu der jüngeren Geschichte der deutschen Minderheit in Rumänien.

Dr. Hans Klein referierte einleitend zu dem neuen Sammelwerk und dankte Prof. Dr. Vasile Ciobanu für seine umfangreiche, 40 Jahre währende Forschungsarbeit auf dem Gebiet der Geschichte der deutschen Minderheit, trotz dessen Nichtzugehörigkeit zur ethnischen Gruppe der deutschsprachigen Bevölkerung. Thomas Şindilariu, Archivar der Evangelischen Kirche A.B. Kronstadt, lobte in seiner Laudatio die wissenschaftliche Bescheidenheit des Jubilars Prof. Dr. Ciobanu, der darauf bestehe, dass niemand ein gewisses geschichtliches Forschungsgebiet für sich alleine beanspruchen dürfe, sondern letzteres die gleichzeitige Betrachtung aus mehreren verschiedenen Blickwinkeln erfordere. Prof. Dr. Paul Niedermaier, korrespondierendes Mitglied der Rumänischen Akademie, erwähnte, dass Prof. Dr. Ciobanu einer der ganz wenigen Historiker ist, die sich über Jahrzehnte mit ein und demselben Forschungsgegenstand auseinandergesetzt haben. Prof. Dr. Vasile Ciobanu antwortete als vierter Redner nüchtern auf alle vorangegangenen Lobeshymnen und wies darauf hin, dass die Geschichte der deutschen Minderheit in Rumänien noch immer ein unerschöpfliches Forschungsgebiet ist und er selber das Zepter bedenkenlos an die jüngere Generation weitergebe.

Die Beiträge sind chronologisch geordnet und durch den Zweiten Weltkrieg als historischer Wendepunkt in Aufsätze zur Geschichte der deutschen Minderheit im ausgehenden 19. Jahrhundert und in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg bzw. in Berichte über die Zeit der Repressalien und Securitate-Verfolgung sowie deren Auswirkungen auf die deutsche und ungarische Minderheit Rumäniens während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegliedert.

Insbesondere die Artikel über die Epoche der staatlichen Geheimpolizei und der Diskriminierung aller Minderheitsangehörigen lassen den gebannt nach ideologischer Verurteilung Suchenden das Buch wie einen Schmöker lesen. In der Tat enthält der 413 Seiten starke Sammelband unzählige Details zu der moralischen Standhaftigkeit oder perfide erzwungenen Unterwürfigkeit vieler Opfer der ominösen Securitate, deren dreistes Vorgehen aller Menschlichkeit bar war. William Totok, Berliner Schriftsteller und Journalist, stellt an den Anfang seines Referats „Nationale Minderheiten und Securitate“ ein Zitat des 1953 in Târgu Mureş geborenen Literaten Géza Szöcs, der 2010 von Premierminister Viktor Orbán als Staatsminister für Kultur beim Ministerium für Nationale Ressourcen in die ungarische Regierung berufen wurde: „Ich bin der Ansicht, man sollte die Vergangenheit aller jener, die andere denunziert haben, mit einer Glühbirne von tausend Watt durchleuchten. Mehr noch, ich würde sie kraft eines Gesetzes dazu verpflichten, bei ihren Opfern anzuklopfen und sie um Entschuldigung zu bitten.“ (2009, Budapest). Eine Aussage, die Öl ins Feuer gießt und Hass schürt.

Jedoch entgeht das Buch souverän jeder parteiischen Anschuldigung, da es nicht eine Zusammenstellung pathetischer Erinnerungen von Zeitzeugen, sondern wissenschaftlich fundierter Bestandsaufnahmen erfahrener Forscher ist, die in nüchternster Art und Weise all ihre Ergebnisse zusammengetragen haben. Die Aufarbeitung der während des kommunistischen Regimes begangenen Sünden kann nicht durch Wiedergutmachung von Person zu Person geschehen, das steht außer Debatte. Vielmehr besteht die einzige Lösung darin, sich bestmöglich über die betreffende Episode der Geschichte Rumäniens zu informieren und sich in das Thema hineinzulesen. Dadurch entsteht ein Bild all jener Fehler, die man aus der Gegenwart verbannen möchte. Die Zukunft hilft Vergeben, die Geschichte hilft gegen das Vergessen und die Gegenwart lehrt nüchternes Urteilen. Das Buch „In Honorem Vasile Ciobanu“ erleichtert all diese Aufgaben.

„In honorem Vasile Ciobanu: Studii privind minoritatea germană din România în secolul XX / In Honorem Vasile Ciobanu: Studien über die Rumäniendeutschen im 20. Jahrhundert“ ist im Honterus-Verlag erschienen und wurde mit der finanziellen Unterstützung des Departements für Interethnische Beziehungen im Generalsekretariat der rumänischen Regierung und des Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt gedruckt.

Kommentare zu diesem Artikel

Anne, 25.01 2018, 11:28
Sehr kluger, einsichtsvoller Beitrag zu einem wichtigen Ereignis. Wortgewandt und annähernd neutral, weil Werturteile relativiert werden.

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