„Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber es gibt gewisse Reime in der Historie“

Über den Donauraum und Europa mit Prof. Dr. Adrian Cioroianu, dem Dekan der Geschichtsfakultät an der Universität Bukarest

Mittwoch, 01. Juli 2015

Foto: Zoltan Pázmány

In Temeswar/Timişoara fand die 3. Internationale Donau-Kulturkonferenz statt, eine Veranstaltung, die vierzehn Staaten betrifft und die zum ersten Mal in Temeswar stattgefunden hat. Adrian Cioroianu, Universitätsprofessor und Dekan der Geschichtsfakultät an der Universität Bukarest, der ab September auch die Funktion des Botschafters Rumäniens bei der UNESCO übernimmt, war der Keynote-Speaker im ersten Plenum der Veranstaltung. Mit ihm führte die ADZ-Redakteurin Ştefana Ciortea-Neamţiu folgendes Gespräch.

Sie haben an dieser Donau-Kulturkonferenz als Keynote-Speaker teilgenommen. Welches sind Ihre Erwartungen an diese Konferenz?

Die konkreten Erwartungen hängen von den Ideen ab, mit denen die Teilnehmer kommen. Andererseits weiß ich, dass es sehr viele Projekte gibt, die an diese Donauregion gebunden sind. In meiner Rede habe ich ein Projekt aus dem Jahr 2005 erwähnt, über die Einrichtung von kulturellen Routen, drei von ihnen würden Rumänien durchqueren: die sogenannte Via Danubiana, eigentlich der Lauf der Donau von Deutschland bis nach Sulina, an der Grenze Rumäniens mit der Ukraine, zweitens eine Route, die die Karpaten mit dem Balkan verbinden würde, aus der rumänischen Bukowina bis in den bulgarischen Balkan, und drittens eine Via Pontica, um das Schwarze Meer – selbstverständlich unter den heutigen Umständen mit der Lage in der Ukraine oder in Georgien ist es unmöglich, diese durchzuführen. Aber diese so schönen und vielversprechenden Projekte – man kann nur hoffen, dass man ihre Durchführung erleben wird. Die drei Projekte gehen Rumänien direkt an, weitere sieben Projekte, die 2005 in Warna bei einer Konferenz vorgestellt wurden, gehen den südöstlichen Donauraum allgemein an.

- „Der Balkan bleibt an uns hängen“

Der Donauraum wird als ein Klein-Europa und als ein Modell für Europa dargestellt. Sind Sie damit einverstanden?

Auf jeden Fall! Es ist ein Raum der kulturellen, religiösen Konfluenzen, hier haben wir auch Kriege zwischen der Bibel und dem Koran, aber auch positive Beeinflussungen, glückliche Verschmelzungen gehabt. Und diese bewirken, dass Rumänien so ist, wie es ist. Man muss überlegen, wo die Donau ins Land kommt, bei Basiasch, und wo sie hinausströmt, in der ehemaligen muslimischen Dobrudscha. Selbst in Rumänien durchquert die Donau sehr schön das Christentum und die ehemalige Welt des Osmanischen Reiches. Andererseits müssen wir zugeben, dass die Nähe des Balkans unsere Region zurückhält, weil in den letzten 150 Jahren der Balkan als eine turbulente Region empfunden wurde, in der mehrere kleine und streitsüchtige Staaten den Frieden nicht finden. Deshalb wollen wir alle aus dem Balkan flüchten, aber wir schaffen es nicht richtig. Die Flucht aus dem Balkan bleibt eine gegenwärtige Realität in unserer Region. Wir versuchen, vor dem Balkan zu flüchten, aber der Balkan bleibt an uns hängen.

Sie sind unser neuer UNESCO-Botschafter und haben der Presse erklärt, dass die UNESCO zurzeit andere Prioritäten hat als Europa, zum Beispiel das Weltkulturerbe in Syrien, das zerstört wird. Trotzdem sind die Rumänen an Projekten in Rumänien interessiert. Welches wären Ihrer Meinung nach die prioritären Projekte?

Ich kann nicht im Vorhinein darüber Aussagen machen, welche von den Projekten prioritär sind. Ich glaube, dass uns einige Projekte überraschen werden. Viele Menschen erwarten, dass das Brâncuşi-Ensemble in Târgu-Jiu zum Weltkulturerbe ernannt wird, oder die Stadtmitte von Hermannstadt/Sibiu – es ist offensichtlich, warum. Aber es können überraschende Projekte auch aus anderen Regionen kommen. Und Partnerschaften können uns helfen. Zum Beispiel was Hermannstadt angeht, glaube ich, kann man versuchen, das Projekt zusammen mit Deutschland einzureichen. Wir müssen zugeben, dass Hermannstadt ein authentisches deutsches Erbe hat.

Gibt es auch Projekte aus Temeswar?

Allerdings. Zurzeit gibt es nur einen Vorschlag aus Temeswar, es handelt sich um die Revolution von 1989. Ich weiß nicht, inwieweit die Stätten und Denkmäler der Revolution in diese Kategorie der von der UNESCO geschützten kulturellen Stätten eingetragen werden können, aber natürlich ist Temeswar viel reicher, die Geschichte Temeswars hat nicht 1989 begonnen. Temeswar ist damals zwar wiedergeboren worden, hat aber eine alte Geschichte. Insgesamt gibt es viele Projekte und ich könnte keine Hierarchie machen. Wichtig ist, dass Rumänien sich mit gut ausgearbeiteten Projekten vorstellt.

- Das größte Problem – die innere Kohäsion

Um auf Europa zurückzukommen: Die EU ist zurzeit auf mehreren Ebenen mit verschiedenen Problemen konfrontiert. Welches ist Ihrer Meinung nach die größte Gefahr für die EU: die verschiedenen Arten des Nationalismus, die Wirtschaftskrise, der befürchtete Grexit, Russland?

Das wichtigste Problem ist meiner Meinung nach die interne Kohäsion. Andererseits hat Europa immer Probleme gehabt. Europa ist ein sozial-politischer und wirtschaftlicher Organismus, der im Laufe seiner Geschichte schon immer Probleme hatte. Meiner Ansicht nach sind die heutigen Probleme Europas am leichtesten lösbar. Wenn wir an die Geschichte der letzten Jahrhunderte denken, dann müssen uns die heutigen Probleme leichter überbrückbar erscheinen. Ich glaube, dass die innere Kohäsion, die sich noch entwickelt, ein reales Problem darstellt, es ist das Problem derer, die aus anderen Kulturräumen kommen, manchmal auch aus anderen Religionen, das führt zur Entwicklung der politischen Extremzweige, von Nordeuropa bis Frankreich aber auch in Ungarn, mit den neueren Erscheinungen. In meiner Sicht ist nicht Russland das größte Problem, sondern was ich eben genannt habe. Russland bereitet sich – leider – selbst Probleme. Das Problem Europas ist diese Tatsache: In Krisensituationen ist es schwierig, Solidarität aufzubauen!

Ist Griechenland in diesem Kontext eine Art trojanisches Pferd?

Ich würde es nicht so formulieren. Neulich habe ich mit Vertretern der griechischen Botschaft gesprochen und die meisten wünschen sich, dass Griechenland in der Euro-Zone bleibt, aber gleichzeitig hat die politische Entwicklung, die bei den letzten Wahlen auf dem Hintergrund einer Müdigkeit oder Überalterung oder einer selbstzerstörerischen Tendenz der traditionellen politischen Parteien dominiert hat, dazu geführt, dass Griechenland zurzeit von einem politischen Team geleitet wird, das aus meiner Sicht nicht so richtig weiß, was es will. Ich glaube nicht an die Verschwörungstheorie, ich glaube nicht, dass sie einem anderen Staat dienen, ich glaube nicht, dass sie das Spiel Russlands machen. Sie versuchen, eine Art nationalen Hochmuts dubiöser Art – meiner Meinung nach – wiederzuentdecken, denn aus meiner Sicht ist Griechenlands Problem die fehlende Effizienz, nicht das, was sie als das Diktat Deutschlands, Angela Merkels oder Brüssels bezeichnen. Ich glaube, dass das Problem im gesamten Südeuropa der große Unterschied zu dem Norden ist. Wo wir es gewohnt waren, dass Europa zwischen Westen und Osten aufgeteilt war, merken wir, dass die eigentliche Aufteilung – sowohl wirtschaftlich wie auch aus der Sicht der Politikkultur – zwischen Norden und Süden ist.

- Eurooptimisten und Euroskeptiker

Sie haben früher von der Kohäsion gesprochen. Kann man von Zyklen in der Geschichte reden? Mal wünschen wir uns, dass Europa sich vereint, mal wünschen wir uns, dass es zersplittert. Ich gehöre zu einer Generation, die die EU und den Beitritt Rumäniens zur EU stark befürwortet und unterstützt hat. Wenn ich meine Studenten befrage, dann merke ich, dass manche gegen die EU sind.

Ich erlebe dasselbe mit meinen Studenten. Es gibt viel mehr Euroskeptiker als in meiner Generation, wir waren alle Eurooptimisten, aber es kann sein, dass wir auch naiv waren. Der jetzigen Studentengeneration kann vielleicht Unwissenheit oder übertrieben eilfertige Kritik nachgesagt werden, aber uns kann man nachsagen, dass wir naiv waren. Ich beispielsweise habe mir vorgestellt, dass mit dem Einzug von Coca Cola oder Colgate Palmolive alle Wirtschaftsprobleme in Rumänien gelöst sein werden, oder mit dem Beitritt zur NATO oder EU alles gelöst wird. Das war naiv unsererseits. Die jetzige Studentengeneration schreitet auf einem viel heikleren Terrain, als ich zum Beispiel auf den Arbeitsmarkt gekommen bin – ich habe mein Studium 1993 abgeschlossen. Es ist viel schwieriger für einen Absolventen heute, einen Arbeitsplatz und seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Das macht sie skeptischer und ich glaube, das trifft auf einen Großteil Europas zu. Nehmen wir zum Beispiel Spanien, wo einer von vier jungen Menschen arbeitslos ist, in manchen Gebieten kommt die Arbeitslosenrate sogar auf 40 Prozent. Und es handelt sich um Spanien, ein Land, das viele Rumänen beneiden.

Vielleicht müssen die Pro-Europäer ihren Diskurs ändern, neue Argumente finden?

Nein. Ich greife auf Ihre Idee zurück: Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber es gibt gewisse Reime, das hat Mark Twain so gesagt. Oft begehen verschiedene Generationen dieselben Fehler, keiner Generation fehlt die Naivität oder eine Fata Morgana. Andererseits, die EU ist ein Konstrukt, das von oben nach unten aufgebaut wurde. Als Geschichtsprofessor kann ich sagen, dass es immer Zeit braucht, bis die Beschlussetage in ihren Intentionen mit der Etage der Bürger übereinstimmt. Das europäische Projekt hat nicht von unten nach oben begonnen, das müssen wir zugeben, aus diesem Grunde kann man die Ablehnung der Briten gegenüber den Rumänen oder Bulgaren verstehen.

Was könnten die Rumänen jedoch machen, um ihr Image zu verbessern?

Ihre Arbeit machen, ihre Arbeit gut machen. Wenn wir dieselbe Arbeitsproduktivität hätten wie die Briten, dann gäbe es keine Probleme mehr, meiner Meinung nach. Ebenso zwischen Deutschland und Griechenland. Es gibt Unterschiede, man muss das zugeben. Was die Staaten machen könnten, die sich benachteiligt fühlen, wie das bei Rumänien der Fall ist: die Arbeitsproduktivität und die Arbeitskultur stärken, die zwar existiert, die aber nicht von allen gleich verstanden wird.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 04.07 2015, 12:06
die Krise in Griechenland hat eigentlich sehr wenig mit der EU und dem Euro zu tun. Griechenland ist einfach ein Opfer der Globalisierung geworden. Früher hat es Textil- und Lederindustrie gegeben, das ist alles weg nach Asien. Autozulieferer siedeln sich lieber in der Slowakei oder Rumänien an. Der Tourismus hat unter der Konkurrenz von der benachbarten Türkei gelitten, ebenso die Landwirtschaft. Das Meer und das Klima ist dort genau das selbe, nur die Löhne in der Türkei sind viel niedrigen. Und dort wächst die Bevölkerung, wogegen sie in Griechenland schon schrumpft. Und dann noch die riesigen Flüchtlingsströme nachdem Spanien mit seiner Küstenwache den Weg über Gibraltar dicht gemacht hat. Vor 1989 war Griechenland eine Insel des Westens am südlichen Balkan. Ein Zulieferbetrieb der in den 80er Jahren einen billigeren Standort innerhalb der EWG gesucht hat, dem stand nur Griechenland, Spanien und Portugal zur Verfügung. Heute ist der Eiserne Vorhang weg, China hat sich der Weltwirtschaft geöffnet, ebenso Vietnam, Bangladesch, Indien. Auch die Türkei war damals noch ein eher verschlossenes Land. Heute ist alles anders. Es weht ein rauherer Wind und Griechenland ist in dem Strudel verweht worden, bzw. hat zu lange nicht auf die Veränderungen reagiert. Westlicher Lebensstandard ist eben ohne westliche Industrie und Produktivität nicht möglich. So lang man unbeschränkt Kredit bekommen hat, konnte man das kaschieren. Heute geht das nicht mehr. Die Griechen sollten eigentlich auf China böse sein, nicht auf Deutschland. Wieso demonstriert die neokommunistische Syriza nicht gegen billige Importe aus Asien, damit in Europa wieder Arbeitsplätze in der produzierenden Industrie entstehen?

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