Die Gewesenen

Mittwoch, 19. Februar 2014

Symbolfoto: sxc.hu

Die drei alten Männer stehen in einem kleinen Grüppchen zusammen, sobald sich der erste wärmende Sonnenstrahl zeigt. Die Zeit hat an ihnen ihre Spuren hinterlassen, weiße Haare, Falten und ein tastender Gang sind die Attribute ihres Alters. Sie sind wer gewesen in der Stadt, davon werden sie nicht müde zu erzählen, das „wir waren jemand“ wiederholt sich in ihren Erzählungen wie ein Mantra.
Der erste war stellvertretender Direktor einer Fabrik gewesen. Angestellte haben vor ihm gezittert, er konnte Biografien befördern oder vernichten. Aus der Zeit stammt nur seine Astrachanmütze, tadellos erhalten, und sein bestimmter Tonfall, der keine Widerrede duldet. Seine beige Jacke ist ein billiges chinesisches Fabrikat, die schwarzen Schuhe haben bessere Tage gesehen. Die fleckige Krawatte hingegen sitzt tadellos. Der zweite ist ihm in der ehemaligen sozialistischen Hierarchie ebenbürtig, er war Leiter eines großen Lebensmittelladens, also Herr über Fleisch, Öl, Zucker und Bananen, die Mangelwaren der „goldenen Epoche“.

Seine Erinnerung sieht auf eine Reihe gebückter Rücken herab, die „wichtigsten Leute“ haben vor ihm gekatzbuckelt um ein Stück Butter oder ein Kilo Fleisch. Die herablassende Art ist zu seinem zweiten Wesen geworden. Der dritte schließlich war ein hochrangiger Offizier, der es, aus für ihn unerfindlichen Gründen, nicht zum General gebracht hat, obwohl er „hundertzwanzigprozentig loyal“ war, wie er immer wieder unterstreicht. Außerdem erzählt er gerne und lange über die Verantwortung des Militärs und die Schlachten, die er nie geschlagen hat. Trotz Rückenschmerzen sieht man ihm die einst tadellose Haltung des Militärs immer noch an.
Ihre Diskussionen drehen sich zumeist um drei Themen: Politik, Krankheiten und Enkelkinder. In der Politik sind sie sich meist einig, obwohl sie dabei auch manchmal laut werden. „Der Crin“ ist schwach, und wird es zu nichts bringen, „der Ponta“ unreif, „der Băsescu“ schlau und verschlagen, dem niemand was vormachen kann. Ihre Informationen holen sie sich meistens von Antena 3 oder b1 TV, zwei Sender, die Meinungsmache auf niedrigstem Niveau betreiben. Man ist sich auch darin einig, dass früher die Politiker „anders“ gewesen sind.

Medizinische Fragen nehmen ebenfalls einen wichtigen Platz ein, in ihren täglichen Diskussionen, notgedrungen. Alle sind sie über achtzig, alle haben eine Reihe von Eingriffen hinter sich. Bei einem war es die Prostata, beim anderen die Bauchspeicheldrüse, beim dritten die Galle. Cholesterinwerte spulen sie genau so routiniert runter, wie Blutzuckerwerte. Sie wissen, welcher Arzt gut ist und wie viel „man gibt“. Sie haben überall Bekannte und wissen Bescheid.
Immer wieder gleiten ihre Gespräche ins Gestern ab, wo sie strahlende Sieger waren. Wo ein „richtiger Universitätsprofessor“ fast geweint hat um ein Kilo Orangen für sein Kind. Wo man den Popescu vor die Tür gesetzt hat, wegen eines dummen politischen Witzes, man wollte ja nichts riskieren. Wo man mit dem Jagdflugzeug über die rumänische Tiefebene gedonnert ist und nachher gefeiert hat, mit Kameraden, die nicht mehr da sind.

Beim Anblick von Kinderwagen werden sie sentimental. Sie holen die ausgedruckten Bilder ihrer Enkelkinder hervor, die meistens im Ausland leben. Was soll man auch machen, es ist besser dort. „Mein Sohn ist Professor an einer französischen Schule“ erzählt der eine. „Meine Tochter Zahnärztin in Deutschland“, der zweite. Die zwei Töchter des dritten haben es sogar bis in die Vereinigten Staaten geschafft. Gerne würde man seine Enkelkinder öfter sehen, aber die Entfernungen! Und das verfluchte Alter! Und diese unübersichtliche Welt!
Die drei alten Männer stehen zusammen, sobald sich der erste wärmende Sonnenstrahl zeigt. Sie reden stolz vom Gestern. Und laut vom Heute. Irgendwann wird der eine nicht mehr erscheinen. Die anderen beiden werden wissend nicken und weitererzählen. Bis sie selber nur noch eine Erinnerung sein werden, an ein Gestern, in dem sie jemand waren in der Stadt.

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