Die gewöhnungsbedürftige Facebook-Demokratie

Wie ein Nachfahre rumänischer Landwirte den deutschen Wahlkampf aufwühlt

Sonntag, 17. September 2017

Eine Zeitung kann einen manchmal wirklich ärgern, zum Beispiel jenen, der seiner Leserschaft einen Film zeigen möchte, den er auf Facebook gesehen hat. Und der den Autor dieser Zeilen zweifelsohne überzeugt hat, dass die Nachfahren rumänischer Bauern im Wahlkampf für den Deutschen Bundestag ein Wort mitzureden haben. Leider ist eine Zeitung bloß ein gedrucktes Blatt Papier, also muss man sich eben der heiklen Aufgabe stellen, der werten Leserschaft das Gesehene zu erzählen. Man wundere sich also gemeinsam.

1:43 Minuten dauert das Gespräch mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz, das der in Deutschland lebende Rumäne Christian Irimia Balazs geführt, wohl selbst gefilmt und über Facebook am 10. September geteilt hat. Entdeckt habe ich es, weil ehemalige Schulkameraden, die heute in der Bundesrepublik leben, es „gelikt“ und „geshart“ haben. Sodass auch die zu Hause Gebliebenen sehen können, wie das Treffen des SPD-Vorsitzenden Martin Schulz mit dem Sohn eines, Zitat, „emanzipierten rumänischen Landwirtes“ verlaufen ist. Stattgefunden hat es in Wiesbaden, auf einer Wahlveranstaltung der SPD.

Der junge Mann, der seinem eigenen Facebook-Konto zufolge aus Erlangen kommt und unter anderem an der Fachhochschule Wiesbaden studiert hat, stammt zweifelsohne aus Rumänien, dürfte aber schon vor etlichen Jahren nach Deutschland ausgewandert sein. Sein schlechtes Rumänisch beweist dies zur Genüge. Aber auch die Art und Weise, in der sich der junge Herr Irimia Balazs gegenüber Schulz vorstellt, bezeugt, dass er sehr stolz auf seine rumänischen Wurzeln ist. Auf Anhieb versteht Schulz aber nicht, was ein emanzipierter rumänischer Landwirt ist, was ja auf den ersten Blick verständlich erscheint. Herr Irimia Balazs liefert ihm die Erklärung: das sei, ich zitiere, „ein sehr selbstständiger Mensch“, der sich durch drei Systeme durchgekämpft habe. „Hier oder in Rumänien?“, fragt der Kanzlerkandidat und erfährt, dass Rumänien Schauplatz des Geschehens ist. Man erlaube die erste kleine Zwischenfrage: durch welche drei Systeme genau? Herr Irimia Balazs ist jung, sein Vater, der obenerwähnte und emanzipierte rumänische Bauer, dürfte den Kommunismus und die Übergangszeit erlebt haben, also sind das nur zwei Systeme. Aber sei es drum, die Fortsetzung des Dialogs ist noch interessanter.

Der Bauernsohn zieht Martin Schulz sofort zur Rechenschaft: Gar eine Million Rumänen würden heutzutage in Deutschland (laut dem Statistischen Bundesamt waren es 2016 nur 553.660, korrekte Zahlen sind selbstverständlich trivial für emanzipierte Bauernsöhne) leben und Martin Schulz habe sich erlaubt, als Sozialdemokrat und als damaliger Vorsitzender des Europäischen Parlaments Liviu Dragnea im rumänischen Wahlkampf Ende 2016 zu unterstützen. Ob er denn in der Zwischenzeit nicht erfahren habe, dass das rumänische Volk auf die Straße gegangen ist, es gab die größten Demos seit „dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Rumänien“ (?!?), um Liviu Dragnea daran zu hindern, Gesetze zu erlassen, „um zur Minderung der Korruption in Rumänien beizutragen“ (so Herr Irimia Balazs wörtlich). In Wirklichkeit ging es präzise um das Gegenteil, was aber Herr Balazs nicht artikulieren kann, hat Martin Schulz bereits registriert. Man erlaube sich die zweite kleine Zwischenfrage: Wie ist das mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Rumänien? Ist die Sowjetunion nicht in der Sowjetunion zusammengebrochen? Unwichtig, denn nun geht es um Rumänien, Dragnea, Korruption: Ein leichter Rückhandschlag für den SPD-Kanzlerkandidaten. Schulz teilt mit, was er „Draknea“ auch persönlich gesagt hatte, nämlich, dass dessen Gesetze falsch seien, dass Korruption zu bekämpfen sei und dass er, als Vorsitzender der Europäischen Sozialisten auch den korrupten Adrian Severin aus der Fraktion hinausgeworfen habe. Seinerzeit. Weshalb er Rumäniens PSD im Wahlkampf 2016 unterstützt hat, beantwortet Schulz nicht.

Und macht somit den Nachfahren des emanzipierten Landwirts ein bisschen traurig, vor allem wenn man seine Kampfansage liest, die der junge Mann vor dem Treffen mit Schulz über Facebook verbreitet hat: „Meritam un raspuns de la Martin Schulz. Buna dragi, Sambata asta vine Domnul Martin Schulz in Wiesbaden. Eu stau in Wiesbaden. Am incercat pe mai multe drumuri sa il intreb dece sau daca mai sustine Domnul Dragnea. Pana acuma inca nu a raspuns, dar sambata asta nu mai poate sa mai fuge de intrebarea mea. Un milion de Romani traiesc in Deutschland. Meritam un raspuns! Am nevoie de cineva care poate sa vine cu mine! Hadeti!“

Wie putzig dieses Rumänisch klingt, mit all den Fehlern eines Menschen, der seit mehreren Jahren bestimmt kein Rumänisch mehr gesprochen hat. Aber das fehlerhafte Rumänisch wird Herrn Christian Irimia Balazs zum Verhängnis, Patrioten schicken ihn in die Wüste, er habe das Land verleumdet, er habe nichts verstanden, er verrate sein Land, nun hätte der Westen wieder einmal Gründe, über unser braves Land zu lästern. Außerdem würde Johannis Rumäniens Arbeitskräfte billig verkaufen (?!), wie ein braver Wähler auf Facebook unter Balazs´ Post verkündet. Aber seine Tat bringt dem Herausforderer von Schulz auch viel Lob ein, ein gewisser Herr Mo] weiß es genau, Rechtschreibung und Grammatik zählen eindeutig zu seinen Stärken: „SPD ODER PSD IST die gleiche müllwagen egal wo arbei-test.....Brava !!!!!”

Fazit: Ob Schulz, als europäischer Sozialdemokrat die rumänische PSD unterstützt hat oder nicht, das spielte und spielt kaum eine Rolle. Zumindest für den rumänischen Wähler, der von Schulz noch nie gehört hat und so bald auch nicht hören wird. Im deutschen Wahlkampf ist das nie und nimmer ein Thema. Aber ein Wiesbadener Bürger glaubt, er müsse Schulz zur Rechenschaft ziehen, weil sein rumänischer Parteifreund Dragnea die Korruption mindern oder nicht mindern will und er ihn angeblich dabei unterstützt, so genau versteht es auch der Herr Balazs nicht.

Wer aber seinen Verstand bewahren will, muss das Lesen zusätzlicher Kommentare (und es gibt unzählige) schnellstens unterlassen. Ohnehin kommt man nicht um die Frage herum, was das Ganze soll. Und ob man einer solchen sinnentleerten Geschichte überhaupt Achtung schenken soll, es gibt ja Wichtigeres. Denkste. Der Kurzfilm von Irimia Balazs ist bis zum Morgen des 12. September 5259 Mal über Facebook geteilt worden, es gab 2036 Likes und 84 Kommentare, Tendenz steigend. So wird heute Wahlkampf betrieben, das Volk schaltet sich selbst ein, stellt Fragen, filmt und postet unaufhörlich. Unwillkürlich erinnert sich so mancher an ein Motto Willy Brandts, der 1969 seine Kanzlerschaft mit den Worten „Mehr Demokratie wagen“ angetreten hat. Aber diese Art von Facebook-Demokratie, in der jeder verwirrte Bürger sich dazu berufen fühlt, Fragen zu stellen, zu kommentieren, den Oberlehrer zu spielen, so gering seine Bildung auch nun ist, das ist keinesfalls mehr Demokratie, vielleicht nicht einmal Demokratie. Mir scheint, das Volk, egal ob hüben oder drüben, spielt selbst Orwells Ministerium der Wahrheit und die Politiker spielen dieses Spiel allzu gerne mit. Die Deutschen vielleicht auf subtilere Art und Weise, die hiesigen in ihrer balkanisch-orientalischen Manier. Jeder, wie er es eben gelernt hat. Man muss es auch diesmal mit Umberto Eco halten, vielleicht auch mit Brandts nüchternem Widersacher von einst, seinem Nachfolger Helmut Schmidt. Dieser hatte Ende der 1970er Jahre, so glaube ich, einen fernsehfreien Tag für das deutsche Volk gefordert, die Flimmerkiste hielt er für ein Verdummungswerkzeug. Einer (oder mehrere) Facebook-freie Tage wären zwingend notwendig, aber einen Schmidt gibt es nicht mehr, sondern nur noch Söhne emanzipierter rumänischer Bauern…

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